Schlagt die Influencer, wo ihr sie trefft - Kapital schlagen aus linkem Aktivismus am Beispiel Rezo
Wir haben die Schnauze voll davon, dass linke Politik zunehmend als Lifestyle verkauft wird, während Faschisten an die Macht kommen.
Wir haben die Schnauze voll davon, dass linke Politik zunehmend als Lifestyle verkauft wird, während Faschisten an die Macht kommen.
Als deutlichstes Beispiel nehmen wir dafür den bauchlinken Influencer Rezo, bürgerlich Yannick Frickenschmidt aus Aachen.
Rezo inszeniert sich als progressiver, antifaschistischer, umweltbewusster und gesellschaftlich linker Influencer. Millionen Menschen folgen ihm, weil sie ihm genau dieses politische Selbstbild abnehmen. Gleichzeitig verdient er mit dem Verkauf von Produkten und Konsumwelten, die mit einer konsequenten linken Kapitalismus- und Konsumkritik nur schwer zusammenpassen, Millionen: Fast Fashion, Modeschmuck, Instant-Ramen und allerlei andere Lifestyle-Produkte werden an ein Publikum vermarktet, das sich selbst gerne als politisch bewusst versteht.
Das Problem ist nicht, dass ein Influencer Geld verdient.
Das Problem ist, womit das Geld verdient wird. Während Antifas Repressionen und Staatsgewalt ausgesetzt sind und linke Mailorder ums überleben kämpfen, verkaufen Influencer ihren "Antifaschismus" aus ihren Villen heraus.
Wenn linke Symbolik, Antifaschismus, Nachhaltigkeit und progressive Sprache dazu benutzt werden, Menschen zum Konsum zu bewegen, wird politische Haltung zur Ware. Dann wird aus „links“ eine Zielgruppe und aus politischer Überzeugung eine Marketingstrategie.
Besonders grotesk wird diese Inszenierung, wenn Rezo beispielsweise vor dem Pool seiner Villa sitzt und ein teures Polyester-Shirt mit der Aufschrift „161“ bewirbt. Antifaschistische Symbolik wird dabei zur konsumierbaren Ästhetik, präsentiert aus einer Lebenswelt, die selbst für massiven materiellen Wohlstand steht.
Das ist kein Widerspruch, den man mit einem lockeren „jeder darf doch reich sein“ wegwischen kann.
Natürlich darf ein Mensch reich sein. Aber wer gleichzeitig die Parole „Eat the Rich“ benutzt und Kapitalismus als gesellschaftliches Problem thematisiert, während er selbst Millionen durch die Vermarktung eines linken und progressiven Images verdient, muss sich die Frage gefallen lassen, wie viel von dieser Kapitalismuskritik tatsächlich politische Überzeugung ist – und wie viel davon schlicht Teil der eigenen Marke geworden ist.
In einem Video über den Rapper Macklemore nutzte Rezo Al Jazeera als Quelle. Al Jazeera ist ein katarischer Propagandakanal, dessen politische Berichterstattung seit Jahren wegen antisemitischer, queerfeindlicher und nationalistischer Darstellungsweisen kritisiert wird. Gerade aus einer dezidiert linken Perspektive ist das nicht irgendein nebensächliches Detail.
Wenn ein Influencer mit Millionenpublikum einen solchen Sender als Quelle verwendet, ohne seine politische Einordnung und die damit verbundenen Probleme deutlich zu machen, bekommt dieser Sender etwas äußerst Wertvolles: Reichweite.
Das ist für uns besonders widersprüchlich, wenn dieselbe Person ansonsten mit Antifaschismus, Menschenrechten und gesellschaftlicher Solidarität argumentiert. Antisemitismus und Queerfeindlichkeit verschwinden nicht dadurch, dass eine Quelle gelegentlich die eigene politische Position bestätigt. Und Nationalismus wird nicht dadurch progressiv, dass die entsprechende Information in ein linkes Narrativ eingebaut wird.
Wir erwarten von Menschen mit Millionenpublikum deshalb mehr als die Auswahl von Quellen, die gerade zur eigenen Argumentation passen.
Und Rezo ist dabei nicht der einzige:
Auch bei Influencer*innen wie Shurjoka, Aljoscha und anderen beobachten wir eine Entwicklung, in der politische Identität und Konsum immer stärker miteinander verschmelzen. Die einzelnen Personen und ihre Inhalte sind dabei nicht identisch und sollen auch nicht pauschal gleichgesetzt werden. Aber das Geschäftsmodell dahinter ist Teil derselben Entwicklung:
Man trägt die richtige Symbolik, kauft die richtigen Produkte, folgt den richtigen Accounts, benutzt die richtigen Begriffe und fühlt sich dadurch politisch engagiert.
Genau das meinen wir mit Bauchlinken.
Eine Linke, die sich hauptsächlich über ihr Konsumverhalten definiert, bleibt an der Oberfläche. Sie glaubt, gesellschaftliche Verhältnisse ließen sich verändern, indem man die „richtige“ Zahnbürste, das „richtige“ T-Shirt, den „richtigen“ Schmuck oder das „richtige“ Lebensmittel kauft.
Aber Kapitalismus verschwindet nicht, weil auf einem Polyester-Shirt ein antifaschistischer Spruch steht.
Ausbeutung wird nicht beendet, weil ein Produkt als „conscious“ oder „progressiv“ vermarktet wird.
Konsum ist kein Aktivismus!
Und Aktivismus besteht nicht darin, möglichst viel Geld für Produkte auszugeben, die einem das Gefühl geben, ein guter Mensch zu sein.
Im Gegenteil: Die Vorstellung, man könne gesellschaftliche Probleme hauptsächlich dadurch lösen, dass man sein Geld an die „richtigen“ Unternehmen überweist, ist selbst eine zutiefst konsumistische Vorstellung von Politik.
Politik bedeutet nicht, den Warenkorb zu optimieren.
Politik bedeutet, über Eigentum, Macht, Arbeitsverhältnisse, soziale Ungleichheit, Ausbeutung und gesellschaftliche Strukturen zu sprechen. Sie bedeutet Organisierung, Solidarität und kollektives Handeln – nicht bloß individuelle Kaufentscheidungen.
Deshalb stört uns auch die Vorstellung, dass jemand gleichzeitig ein luxuriöses Leben führen, Millionen mit Lifestyle-Produkten verdienen und „Eat the Rich“ als Teil seiner öffentlichen Marke verwenden kann, ohne dass diese Spannung thematisiert werden darf.
Wir wollen keine Linke, die den Kapitalismus lediglich mit progressiver Ästhetik dekoriert.
Wir wollen keine Linke, die Solidarität als Konsumprodukt verkauft.
Und wir wollen auch keine Linke, die ihre politische Glaubwürdigkeit daraus ableitet, dass sie möglichst viele der richtigen Produkte besitzt.
Linke Politik darf kein Lifestyle-Label sein.
Denn sobald „links“ vor allem bedeutet, die richtigen Produkte zu kaufen, die richtigen Influencer zu verfolgen und die richtigen politischen Schlagworte zu benutzen, hat der Kapitalismus längst gewonnen – er hat aus der Kritik an sich selbst ein Geschäftsmodell gemacht.
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