Erfurt und einige Gedanken zur Strategie antifaschistischer Militanz
Es sind nur noch zweieinhalb Wochen, bis es in Erfurt zum Showdown kommt. Dem letzten bundesweiten Treffen der faschistischen AfD vor ihrer mittelfristigen Machtübernahme. Für uns alle steht in diesen Wochen und Monaten mehr auf dem Spiel als jemals zuvor in der jahrzehntelangen Geschichte antifaschistischer Bewegungen in Deutschland. Es ist ganz klar unsere größte Herausforderung aller Zeiten. Deshalb sind wir hoch erfreut über die ungeheuer breite Mobi in allen Spektren und Gesellschaftsschichten. Viele zehntausende werden am übernächsten Samstag nach Erfurt kommen, um sich den Faschisten und ihren uniformierten Handlangern in den Weg zu stellen. Um es nochmal zu verdeutlichen, was in Erfurt am 4. Juli auf dem Spiel steht, möchten wir einen Blick in unsere Geschichte wagen: Frühere breite Mobilisierungen weit über unsere Antifa-Kreise hinaus hatten in den letzten Jahrzehnten meist das Ziel, große Naziaufmärsche zu verhindern. Dies ist mal gut, mal weniger gut gelungen. Diesmal steht jedoch weitaus mehr auf dem Spiel: Nicht die Verhinderung eines Naziaufmarschs, sondern die Verhinderung einer langfristigen faschistischen Machtübernahme. Deshalb möchten wir als eine Berliner Antifa-Bezugsgruppe, die bereits umfangreiche Erfahrung in der Konfrontation auf der Straße in Jahrzehnten gesammelt hat, dringend und eindringlich an alle appellieren, übernächstes Wochenende nach Erfurt zu reisen. Wir als autonome Antifa bekennen und ausdrücklich zur Militanz. Sie ist Teil unserer Geschichte. Wir distanzieren uns von keiner Aktionsform am 4. Juli. Mit Sitzblockaden der Bündnisse sind wir solidarisch. Trotzdem raten wir davon ab, an diesen teilzunehmen. Warum, ist mit der Erfahrung früherer Massenproteste - vom Wendland 1997 über Heiligendamm 2007 bis zu Gießen 2025 - zu erklären: Blockaden zahlreicher Menschen, und seien sie noch so viel, werden irgendwann von den Bullen abgeräumt. Das ist physisch schmerzhaft und hat den Nachteil, dass mensch u. U. für den Rest dieses so wichtigen Tages in Polizeigewahrsam sitzt. Die Schergen des Systems werden auch in Erfurt Sitzblockaden notfalls mit Brachialgewalt auflösen, soviel ist sicher. Egal wie viel sie im Vorfeld von Deeskalation und ähnlichem faseln. Gießen im November hat gezeigt, dass Menschen in Blockaden auf den Straßen einen hohen körperlichen Preis zahlen für ihr Engagement. Bullenknüppel, Pfefferspray, Schwerverletzte durch Wasserwerfer. Aus unserer Sicht haben massenhafte Aktionen nur dann Erfolg gegen eine gigangitsche Bullen Armee, wenn wir uns auf die Strategie von Partisanen früherer weltweiter Bürgerkriegskonflikte konzentrieren. Das heißt: Hoch mobil agieren, beweglich sein, und vor allem: angreifen. Uns ist bewusst, dass das leichter gesagt ist als getan angesichts voraussichtlich aus ganz Deutschland zusammengezogener BFE-Schlägertruppen, die jetzt schon geil sein werden, Jagd auf uns zu machen. Wir haben es bereits seit Jahren satt, von eben diesen staatlich finanzierten Knüppelgarden bei jeder Gelegenheit weggehaftet und verprügelt zu werden. Erfurt wird die seit vielen Jahren erste Möglichkeit bieten, dass wir in einer größeren Masse vor Ort und in dieser auch geschlossen agieren werden. Wir haben für Euch alle die erfreuliche Nachricht, dass wir aus anderen Ländern dabei unterstützt werden. Vorletzten Sonntag haben wir als Berliner am ersten europäischen Riot seit vielen Jahren gegen G7 in Genf teilgenommen. Dabei konnten wir Kontakte zu italienischen, französischen und Schweizer Antifas knüpfen und diese für den 4. Juli nach Erfurt einladen. Die Unterstützung durch diese Bezugsgruppen, die über große Erfahrung in europäischen Straßenkämpfen verfügen, ist ein wichtiger Indikator für unsere Aktionen in Erfurt. Generell ist der 4. Juli aus unserer Sicht die größte antifaschistische Mobi, die es je in Deutschland gab. Wir möchten allen aktionsorientierten Aktivist*innen hier einige Handlungskonzepte aufführen und unsere Schwerpunkte für den 4. Juli in Erfurt benennen: Aktionen nur geballt in großen Gruppen Aus unserer Erfahrung von unzähligen Antifa-Aktionen der Vergangenheit macht es keinen Sinn, wenn einzelne Bezugsgruppen eigenständig agieren bzw. sich in kleinere Scharmützel mit den Bullen verzetteln. Daher planen wir, militante Aktionen nur in Großgruppen ab 200-300 Leuten oder mehr zu starten. Aufgrund der bereits jetzt enormen Mobi gehen wir sogar davon aus, eine Gruppe von weit über tausend zentral zusammen zu bekommen. Mit Hunderten oder Tausenden werden wir einen Angriff auf die Erfurter Messe durchführen. Hierbei der strategische Hinweis: Bitte nicht an bereits von den Bullen abgesperrten Kreuzungen etc. verharren. Schwachstellen suchen, Lücken suchen. Die gegenwärtigen Verhältnisse, die bevorstehende faschistische Machtübernahme, zwingen uns dazu, auf die Mittel früherer Jahrzehnte zurückzugreifen: Mollies als Mittel im Straßenkampf haben heutzutage leider ausgedient, sind aber enorm effektiv, um selbst BFE-Prügler wirkungsvoll auf Distanz zu halten. An dieser Stelle die Bitte: Werft keine Flaschen! Diese tun den Bullen nicht weh, sie prallen wirkungslos an deren Panzerung ab - und sorgen durch das Scherbenmeer eher dafür, dass Aktivist*innen in den Bereichen anschließend an der Bewegung gehindert werden. Pflastersteine sind weitaus effektiver, sie korrekt zu werfen, will ein wenig geübt sein. Ein entschlossen durchgeführter Steinhagel lässt selbst BFE-Truppen mal schnell zurückweichen und aus dem Konzept bringen. Nehmt geeignetes Werkzeug mit, mit dem mensch Steine an günstigen Stellen ausgraben kann. Schaut auch rechtzeitig vorher an, wo Bereiche sind, wo evtl. Depots angelegt werden können. Auch die klassische „Zwille“, die seit den Hamburger Kämpfen um G20 nicht mehr verwendet wurde, darf ruhig aus der Schublade geholt werden. Aktionen von Dächern Im Resümee all unserer durchaus großen Mobilisierungen quer durch die Spektren anlässlich von AfD-Parteitagen bleibt die bittere Bilanz: Nie konnte ein Treffen oder ein Parteitag wirklich verhindert werden. Auch in Gießen wurden trotz aller Blockaden die Delegierten weitestgehend ohne blaue Flecken zur Halle gekarrt. Daher möchten wir als aktionsorientierte Antifa in Erfurt diesmal neue Wege der Strategie bestreiten: Wir wollen Hausdächer im Zentrum der Stadt besetzen, an denen AfD-Kolonnen vorbeifahren werden. Besetzung von Dächern bedeutet nicht, beim ersten Erscheinen der Bullen diese brav zu verlassen. Besetzung von Dächern wird beinhalten, diese auch militant zu verteidigen und von diesen aus anzugreifen. Wir erinnern an G20 in der Schanze, aber auch an den Bulleneinsatz an der Rigaer 94 im Juni 2021: Entschlossene Aktivisti auf Hausdächern, mit Steinen und Wurfmaterial - und die Bullen halten Abstand. Kein Cop möchte einen schweren Stein von oben gegen den Helm kriegen. Durch Straßen, in denen Aktivisti auf Dächern agieren, wird auch keine AfD-Kolonne durchfahren. Deshalb wird das einer unserer möglichen Schwerpunkte am 4. Juli sein: die Besetzung von Hausdächern mit dem Ziel, Bullen und AfD militant und entschlossen auf Abstand zu halten. Klar, die Cops werden irgendwann das Dach versuchen zu entern. Bis das soweit ist, können aber wertvolle Stunden vergehen, da kein BFE- und Kletter-Cop Steine abkriegen oder gar vom Dach gestoßen werden möchte. Durch ein aktives koordiniertes Zusammenspiel zwischen Riots auf den Straßen und Aktionen von vorher ausgewählten Dächern wird es der AfD nicht möglich sein, ihren Reichsparteitag zu erreichen. Ein paar kleine Feuer auf den Straßen werden dazu beitragen. Autos im Zentrum der AfD-Wählerschaft brennen gewiss gut. Außerdem behalten wir uns vor, der AfD für ihr Zusammentreffen den Strom abzudrehen. Daher der Appell an alle: Es ist nicht 5 vor 12. Es ist 12. Die letzte Chance, die faschistische Machtübernahme zu verhindern. Die allerletzte. Entschlossen. Offensiv. Mit allen Mitteln. Militanz ist Bestandteil autonomer antifaschistischer Geschichte. Es führt kein Weg daran vorbei. Und wir möchten bereits jetzt erinnern: Nach Erfurt ist vor Magdeburg. Unmittelbar nach dem Juli-Wochenende starten wir die bundesweite Mobilisierung für den Tag der faschistischen Machtübernahme im September in Magdeburg. Sollte die AfD an diesem Tag an die Macht kommen, werden wir mit vielen Menschen aus ganz Deutschland den Magdeburger Landtag massenhaft angreifen. Deshalb: Save the Date 4. Juli - ERFURT INS CHAOS STÜRZEN 6. September - MAGDEBURG - Faschistische Machtübernahme verhindern
Creative Commons by-sa: Weitergabe unter gleichen Bedingungen