Outcall zu einer gewaltausübenden Person in Berlin / Potsdam
Begriffserklärungen:
-
FLINTA*: Frauen, Lesben, Inter*, Nicht-binäre, Trans* und Agender Personen
-
TA-Gruppe: Gruppe zur Auseinandersetzung mit Täter*innenverhalten in transformativen Prozessen
-
U-Gruppe: Unterstützungsgruppe der betroffenen Person
TW: Dieser Text thematisiert das gewaltvolle und patriarchale Verhalten von Locke, der in Berlin und Potsdam in der linken Szene aktiv ist.
Zunächst ist es uns wichtig, direkt zu Beginn darauf hinzuweisen, dass das folgende (öffentliche) Outing -wie jedes andere uns bekannte auch- auf vorangegangene Bemühungen eines transformativen Prozesses folgt.
Zwischen Ende 2021 und Mitte 2024 gab es wiederholte Versuche von der betroffenen Person, von Einzelpersonen, von mehreren Gruppen sowie einer TA-Gruppe, Verantwortung einzufordern und eine Veränderung zu ermöglichen. Diese Versuche sind gescheitert. Vor diesem Hintergrund sehen wir es mittlerweile als notwendig an, diesen Text zu formulieren und zu veröffentlichen.
Uns geht es hierbei darum, insbesondere FLINTA* vor Locke (in der Szene unter diesem Namen bekannt / unterwegs, im Folgenden L. genannt) zu warnen, da er in romantischen Beziehungen mehrfach psychisch und körperlich gewalttätig war. Er zeigt gezielt manipulatives Verhalten, um sich in unterschiedlichen Kontexten als Opfer zu inszenieren, während er zugleich Machtpositionen ausübt. Dieses Muster von gewaltausübenden Personen ist bereits in anderen, vor nicht allzu langer Zeit veröffentlichten Outcalls beschrieben worden. Da wir sowie weitere Personen seines Umfeldes in der Vergangenheit keine Entwicklung feststellen konnten, die eine ehrliche Auseinandersetzung mit seinem misogynen und patriarchalen Verhalten erkennen lässt, müssen wir leider davon ausgehen, dass L. weiterhin potenziell gefährlich ist.
Auf diesem Weg möchten wir unsere Erfahrungen teilen, die wir als Unterstützungsgruppe einer durch L. gewalterfahrenen Person, gemacht haben. Über einen Zeitraum von drei Jahren wurden intensive Versuche unternommen, mit ihm einen transformativen Prozess zu führen. Trotz zahlreicher Gespräche, bereitgestellter Materialien und Unterstützungsangebote entzog sich L. zunehmend einer ernsthaften Verantwortungsübernahme für sein Handeln. Nachhaltige Einsicht oder Veränderung ist nicht erkennbar. Da L. weiterhin eine Verantwortungsübernahme verweigert, sehen wir uns gezwungen, sein Verhalten öffentlich zu benennen.
Erfahrungen aus einer Beziehung mit L.
Die betroffene Person befand sich ab August 2019 mit L. in einer romantischen Beziehung. Innerhalb dieser Beziehung zeigte L. manipulative, dominante und übergriffige Verhaltensweisen, was im Herbst 2020 dazu führte, dass er sexualisierte Gewalt an der betroffenen Person ausübte. Die Betroffene konfrontierte ihn am übernächsten Tag mit der Tat, die er nicht bestritt und in dem Gespräch verbal einräumte. Gleichzeitig äußerte er, dass er am Tag nach dem Übergriff mit einer anderen Person intim gewesen war. Das zeigt sein fehlendes Bewusstsein für die Schwere seines Verhaltens deutlich.
In der Hoffnung einer möglichen gemeinsamen Aufarbeitung des sexualisierten Übergriffes blieb die Beziehung noch ca. ein Jahr bestehen. In der Beziehung zeigte L. sich wiederholt körperlich wie auch psychisch übergriffig. Unter anderem verschleierte L. physische Übergriffigkeiten als „Kampfsporttraining“ mit Kommentaren wie: „Da hast du das falsche Bein benutzt. Aber ich bin ja auch mindestens 20 kg schwerer“. Bei diesem genannten Beispiel, was einige Wochen nach dem sexualisierten Übergriff geschah, ging er nicht auf die deutlich sichtbare Panikattacke der betroffenen Person ein und vermittelte ihr stattdessen, wie so oft, das Gefühl, selbst schuld an der Situation zu sein.
Darüber hinaus kam es zu Gaslighting, zur Bagatellisierung von Grenzverletzungen sowie zum systematischen Vorenthalten relevanter Informationen in Bezug auf die Beziehung und Sexualverhalten.
In der Folge stellte die betroffene Person ihm verschiedene Texte, Podcasts und Bücher zur kritischen Auseinandersetzung mit patriarchalen Strukturen und Verhaltensmustern zur Verfügung. Auf Nachfragen behauptete er, diese teilweise gelesen oder angehört zu haben, zeigte jedoch keine Anzeichen einer tiefergehenden Auseinandersetzung. Stattdessen reagierte er häufig defensiv und/oder aggressiv, brachte selbst keine Fragen oder Unsicherheiten ein und verweigerte jede Form der eigenständigen Reflexion.
Er entzog sich damit jeder Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln und seine patriarchalen Muster abzulegen. Die gesamte emotionale und reflektierende Arbeit lag bei der Betroffenen, während er jegliche Verantwortung abblockte.
Weder im Dialog mit der Betroffenen noch im Austausch mit seinem sozialen und politischen Umfeld thematisierte er sein Verhalten eigenständig. Nach der Trennung blieb sein Umfeld lange Zeit im Unklaren über die ausgeübte sexualisierte Gewalt und weiterer patriarchalen Dynamiken in der Beziehung.
Öffentliche Selbstoffenbarung und Verantwortungsverschiebung
Im März 2021 konnte die Betroffene L. dazu bewegen, sich innerhalb einer politischen Gruppe als Täter zu outen. Dies geschah in einem Gruppenchat, in dem er in einem kurzen Dreizeiler mitteilte, dass er unter Alkoholeinfluss „einmalig sexuell übergriffig“ gewesen sei und nun seinen Alkoholkonsum „nahezu gegen null“ setzen wolle. Im gleichen Atemzug verließ er die Gruppe und entzog sich somit einer weiterführenden Auseinandersetzung innerhalb dieses organisierten Rahmens.
Der Bezug auf den Alkohol wurde von L. relativierend genutzt, obwohl sexualisierte Gewalt selbstverständlich auch unter Alkoholeinfluss nicht entschuldigt werden kann.
Dieser Vorfall unterstreicht, wie FLINTA*-Personen oft dazu gedrängt werden, Verantwortung für das Verhalten von Täter*innen zu übernehmen, wenn diese es selbst nicht tun. In einer Gesellschaft, die patriarchale Strukturen stützt, lastet die emotionale und organisatorische Arbeit zur Aufarbeitung sexualisierter Gewalt oft auf den Betroffenen. Um dieser Dynamik entgegenzuwirken, wurde eine Unterstützungsgruppe für die betroffene Person, sowie eine Täter-Umgangsgruppe gegründet, die sich mit diesen Problematiken auseinandersetzt.
Kampfsport und Politik
L. praktiziert seit vielen Jahren Kampfsport und hat sich über Jahre hinweg ein Netzwerk in der linken Kampfsportszene aufgebaut.
Kampfsport bedeutet, sich regelmäßig Gewaltsituationen auszusetzen und eine Bereitschaft zur Ausübung von Gewalt zu entwickeln. Kampfsport zu praktizieren ist grundsätzlich sinnvoll und wird hier nicht infrage gestellt. In einer patriarchalen Gesellschaft erfordert dies jedoch eine kontinuierliche Reflexion des eigenen Verhältnisses zu Gewalt – insbesondere für Cis-Männer. Diese Reflexion darf kein einmaliger Prozess sein. Sich stattdessen auf ein emanzipatorisches Selbstbild zu verlassen, das patriarchales Verhalten vermeintlich ausschließt, erhöht die Gefahr, dass gewaltnahe Kontexte immer wieder als Schutzräume für Täter fungieren.
Er bezeichnet sich selbst als feministisch und hat sich über Jahre hinweg durch feministische Praxis – etwa das Gestalten von Stickern und Bannern oder das Setzen eines FLINTA*-Fokus bei Partys – als Verbündeter positioniert. Dadurch genießt er einen besonderen Vertrauensvorschuss, der in solchen Kontexten jedoch häufig dazu beiträgt, dass auch diese Räume zu Schutzräumen für Täter werden. Es wird leider oft angenommen, dass ein emanzipatorisches Selbstverständnis patriarchales Verhalten ausschließt.
Innerhalb des Polit- und Kampfsportkontexts verschaffte er sich somit gezielt strukturelle Macht: Mit "eigenem" Boxring und weiterem Equipment machte er Gruppen abhängig von seiner materiellen Infrastruktur. So entstand eine faktische Machtposition, die Kritik erschwerte und Abhängigkeitsverhältnisse schuf. Dadurch beeinflusste er Gruppendynamiken: Kritik oder Ausschlüsse schienen oft schwer umsetzbar, da er den Raum als zentrale Ressource kontrollierte.
Forderungen
Im November 2022 nahm die Unterstützungsgruppe der betroffenen Person Kontakt zu den Gruppen auf, in denen L. aktiv war, und stellte konkrete Forderungen an ihn. Dazu gehörten unter anderem: Ein transparenter Umgang mit den Vorwürfen in den Gruppen, Terminabsprachen, Kontaktverbot zur betroffenen Person, Rückzug aus aktiven Tätigkeiten, die Zusammenarbeit mit einer TA-Gruppe und der Besuch einer Therapie.
Zwar erfüllte er diese Forderungen zunächst, doch seine Ernsthaftigkeit nahm im Verlauf deutlich ab. Es kam zu wiederholten Brüchen der Absprachen, Versuche Termine ohne Rücksprache zu besetzen und zu wiederholtem Kontakt mit der betroffenen Person trotz Kontaktverbots, um eine schnellere Antwort zu erhalten. Ein solches Verhalten, insbesondere 2-3 Jahren nach Beginn der inhaltlichen Auseinandersetzung, zeigt nachdrücklich, dass weder Empathie gegenüber der betroffenen Person noch ein nachhaltiges Verständnis seines Fehlverhaltens entstanden sind.
Zudem beteiligte L. sich weiterhin aktiv an der Arbeit in Gruppen und verblieb in Positionen, in denen er Einfluss auf Informationsflüsse, etwa wie diverse Mailzugänge, erhielt. Darüber hinaus zeigte sich, dass die verschiedenen Gruppen unterschiedliche Kenntnisstände über die Vorwürfe und Forderungen hatten. L. verbreitete in unterschiedlichen Gruppen abweichende Darstellungen des bisherigen Prozesses, um die Verantwortung weiter von sich zu schieben.
Oftmals sahen wir uns als Unterstützungsgruppe gezwungen, aktiv Informationen einzuholen, da L. Absprachen wiederholt nicht einhielt.
Manipulation und Widersprüche
L. präsentiert sich nach außen als reflektierte, feministische Person, doch sein Verhalten widerspricht diesem Bild. Zu Beginn des Prozesses zeigte er sich noch kooperativ, doch im Verlauf des Aufarbeitungsprozesses wurde er zunehmend uneinsichtig, verharmloste seine Taten und äußerte Sätze wie „Wann ist der Prozess vorbei?“ oder „So schlimm war es doch gar nicht“. Damit wurde deutlich, dass es ihm nicht um Verantwortung oder Veränderung ging, sondern darum, sein öffentliches Profil als reflektierte und feministische Person aufrechtzuerhalten. Gesten der Aufarbeitung, wie der Besuch einer Therapie, wurden von ihm für sich selbst inszeniert, ohne dass eine spürbare Veränderung seines Verhaltens erfolgte.
Obwohl eine konkrete Forderung an ihn war, sein Verhalten in den Gruppen offen zu thematisieren, hielt L. Informationen über den Prozess aktiv zurück. Bei einem Treffen mit verschiedenen Strukturen wurde deutlich, dass die Beteiligten sehr unterschiedliche Kenntnisstände hatten. Daraus lässt sich schließen, dass L. den TA-Prozess bewusst manipulierte, um seine Position innerhalb der Szene zu sichern. Gezieltes Lügen und die Manipulation von Fakten bilden dabei ein wiederkehrendes Muster seines Verhaltens.
Machtstrukturen und Verantwortungsvermeidung
L. nutzte wiederholt seine Position in Trainings und Gruppen, um Abhängigkeiten zu schaffen. Mit eigener Infrastruktur (Boxring, Material) und Schlüsselpositionen in organisierten Strukturen, konnte er Informationen filtern, verzerren oder vorenthalten. Indem L. bestimmte Kontakte voneinander trennte und in Gruppen widersprüchliche Darstellungen verbreitete, entzog er sich somit effektiv einer kollektiven Verantwortungsübernahme.
Dieses Verhalten entspricht bekannten patriarchalen Täterstrategien: Verantwortung wird fragmentiert, während die eigene Position gesichert bleibt.
Viele Männer, die zentrale Rollen besetzen und sich unverzichtbar machen, nutzen solche Machtpositionen häufig, um Kontrolle auszuüben, Kritik zu vermeiden und sich der Verantwortung zu entziehen.
Dazu ermöglich(t)en es ihm die strukturellen Mechanismen seines Netzwerks, sich weiterhin in der Szene zu bewegen, ohne dass seine Verantwortungslosigkeit konsequent hinterfragt wurde bzw. wird.
Gescheiterte Verantwortungsübernahme
Aufgrund der zunehmend nachlassenden Mitarbeit von L., seiner fehlenden Bereitschaft zur Selbstreflexion sowie der wiederholten Nichteinhaltung diverser Absprachen beendete die TA-Gruppe im Juni 2024 den TA-Prozess und erklärte ihn für gescheitert.
Seit der Beendigung des Prozesses bestand der Kontakt zwischen L. und der U-Gruppe lediglich darin, dass er angab, an welchen Demonstrationen und Veranstaltungen er teilnehmen werde. Damit kam er einer zuvor gestellten Forderung nach – die Einzige, die er zu diesem Zeitpunkt nur noch teilweise und schleppend erfüllte.
Bis März 2025 kam es zu einer längeren Kommunikationspause. Erst kurz nach seinem Ausschluss aus einem weiteren Kollektiv suchte er per Mail, in einem kurzen Zweizeiler, erneut Kontakt zur U-Gruppe. Dabei fragte er nach aktuellen Wünschen und Forderungen, um zu einer „Entspannung“ oder „Ziellösung“ zu kommen. Dieses Verhalten und diese Formulierungen zeigen erneut, dass ihm ein Verständnis für sein Fehlverhalten, Ernsthaftigkeit und Verantwortungsübernahme fehlen.
Im Anschluss an den Prozess erfuhren wir von zwei weiteren betroffenen Personen. Diese möchten keine Details im Outcall teilen, dennoch war es uns wichtig sichtbar zu machen, dass L.'s Verhalten keine Ausrutscher sind, sondern wiederkehrende Verhaltensmuster, die auch in Zukunft weitere Personen betreffen können.
Kritische Reflexion und kollektive Lehren
Rückblickend wäre es wichtig gewesen, zu Beginn des TA-Prozesses alle beteiligten Gruppen und Einzelpersonen gemeinsam einzubeziehen. So hätten Forderungen, Erwartungen und Interventionsmöglichkeiten solidarisch diskutiert und abgestimmt werden können. Gleichzeitig hätte dies verhindert, dass L. die verschiedenen Strukturen gegeneinander ausspielt oder gezielt manipuliert.
Die Zusammenarbeit zwischen der U-Gruppe und der TA- Gruppe wurde von den Beteiligten als offen und zielführend wahrgenommen. Dies lag insbesondere daran, dass wir uns als Verbündete in diesem politischen Prozess verstanden haben.
Fazit
L. hat über Jahre hinweg patriarchale Gewalt ausgeübt – emotional, körperlich und sexualisiert. Trotz intensiver Aufarbeitungsversuche zeigt er bis heute keine Einsicht. Stattdessen reproduziert er Kontroll- und Verschleierungsmuster, die es ihm ermöglichen, in linken Räumen weiterhin als engagiert oder reflektiert zu erscheinen.
Trotz des großen Unterstützungskreises, durch diverse Einzelpersonen und verschiedene Gruppenstrukturen, hat er die einfachsten Forderungen nicht eingehalten. Mit seinem Verhalten und seinem vermeintlichen Aufarbeitungsprozess hat er über Jahre hinweg Zeit und Ressourcen von Freund*innen und Genoss*innen konsumiert.
Wir können ihm nicht mehr vertrauen - und ihr solltet es ebenfalls nicht. Menschen wie er, die ihre Position nicht reflektieren, gefährden uns als Einzelpersonen, als FLINTA*s und als Bewegung. Sein Verhalten zeigt die Widersprüchlichkeit seiner vermeintlich feministischen Positionierung, verbunden mit Respektlosigkeit und Undankbarkeit gegenüber allen Betroffenen und an seinem Aufarbeitungsprozess Beteiligten.
Sein Verhalten ist kein Einzelfall, sondern Ausdruck struktureller Gewalt, die auch in linken Räumen existiert und oft gedeckt wird.
Wir kritisieren, dass im gesamten Prozess der letzten drei Jahre nur zwei Gruppen an die U-Gruppe herangetreten sind, um eine andere Perspektive als die des Täters anzuhören und nicht nur auf seine Worte zu vertrauen.
Wir rufen dazu auf, Verantwortung zu übernehmen – individuell wie kollektiv.
Wir sehen uns dazu gezwungen einen Ausschluss von Lockeaus Strukturen zu fordern.
Wir fordern Konsequenzen im Umgang mit Tätern wie L. und die Auseinandersetzung mit den strukturellen Bedingungen, die solche Verhaltensweisen ermöglichen und schützen. Lasst uns gemeinsam Räume schaffen, in denen Gewalt nicht verharmlost, sondern ernst genommen und konsequent bearbeitet wird.
Wir fordern solidarisches Handeln, einen konsequenten Umgang mit gewaltausübenden Personen und die gemeinsame Reflexion darüber, wie strukturelle Abhängigkeiten – etwa durch Räume, Ressourcen oder Kommunikationskontrolle – patriarchale Muster fortschreiben.
Wenn es Rückmeldungen gibt, meldet euch unter:
Wir können keine weitere Supportarbeit für Betroffene leisten, wenn ihr Unterstützung sucht, wendet euch z. B. an folgende Fachberatungsstellen:
Wildwasser Berlin:
Lara Berlin:
Creative Commons by-sa: Weitergabe unter gleichen Bedingungen