(B) Kriegslogiken und Polarisierungen durchbrechen! Stresstest mit Antideutschen.

Stresstest mit Antideutschen. Spoiler: Nicht bestanden. Fazit: Als „guter Deutscher“ wieder mal versagt. Zurück auf Anfang und bei „Nie wieder Krieg! Nie wieder Auschwitz“ nochmal losgehen.

Wir haben die Tage mit Menschen gesprochen, die eine, vereinfacht gesprochen, propalästinensische und eine proisraelische Demo einem Stresstest unterzogen haben. Das Ergebnis lässt sich sehen und ist für eine Auswertung brauchbar genug, um sie öffentlich zu teilen.

Am Tag des Gedenkens an die Befreiung von Auschwitz versammelten sich am Neptunbrunnen in Berlin am 27. Januar um die 1800 (laut Polizeiangaben) Menschen, die das Gedenken an den Holocaust und den Stopp der Massaker im Gazastreifen zum Thema machten und miteinander verbanden. Die Demo wuchs später auf um die 3000 an. Angemeldet war die Demo unter anderem von „Jüdische Stimme“ und „Palästina spricht.“ Jüdische Menschen, oder solche mit einem jüdischen oder israelischen Hintergrund machten sich auf der Demo sichtbar mit Plakaten. Auch wehten viele Palästinafahnen und viele palästinensische, arabische und deutsche Menschen waren dort.

Als Gegenkundgebung auf der anderen Straßenseite versammelten sich vorwiegend Menschen, die sich unter anderem in Israelfahnen eingewickelt hatten, und dem Antideutschen Spektrum zu zurechnen waren. Unter ihnen ebenfalls Menschen mit jüdischem und/oder israelischem Hintergrund. Außerdem trugen sie die Fotos von den Geiseln der Hamas. Laut Polizeiangaben um die 150 Menschen.

Auf beiden Demos wurde ein Flyer verteilt, in dem die Hamas und mit ihr verbündete Organisationen und Staaten kritisiert und angriffen wurden. In dem gleichen Flugblatt wurde ebenso Netanjahu, die rechte Siedlerbewegung und mit Israel verbündete Staaten kritisiert und angegriffen. Das Flugblatt verweigerte sich der Parteinahmen für eine Seite und fordert auf, sich zusammen zu schließen im Kampf gegen alle fundamentalistischen und herrschenden Interessen und als Palästinenser*innen; Jüd_innen und andere Menschen gegen jeden Krieg und jede Herrschaft aufzustehen.

Der Flyer endete mit Forderungen wie dem Stopp der Bombardierungen im Gaza und der Freilassung der Geiseln im Gaza, sowie der Entwaffnung von Vergewaltigern.

Scheinbar eignete sich das Flugblatt hervorragend für einen Stresstest. Während die eher diverse Ansammlung der „Propalästinademo“ distanziert-freundlich das Flugblatt annahm, explodierten bei den Ansammlung „Proisraeldemo“ die Emotionen. Wir geben im weiteren Verlauf unsere Beobachtung wieder und ziehen im Anschluss ein Fazit.

 

Auf der Seite der „propalästinensischen“ Demo waren nicht nur angenehme Leute zu sehen. Gruppen, wie die „Freie Linke“, bekanntermaßen rechtsoffen waren anwesend. Ebenso versprengte „Antiimps“ – bekannt für undifferenzierte Solidarität mit autoritären Staaten und Organisationen. Und nicht fehlen durften natürlich die diversen leninistischen und trotzkistischen Sekten und Splittergruppen. Aber wann ist man auf einer Demo schon mit allen Teilnehmer*innen in einer politischen Übereinstimmung?

Vom Lautsprecherwagen wurden eindeutig Distanzierung von Antisemitismus und Hamas formuliert. Ob Polizeiauflage oder als eigene Haltung war nicht ganz klar. Wir hätten uns da einen expliziten Beitrag auch zur Befreiung von Auschwitz gewünscht, ohne den Holocaust eins zu eins mit dem Massakern im Gazastreifen gleichzusetzen. Vielleicht haben wir ihn aber auch nicht gehört, wir waren nicht die ganze Zeit in Hörweite des Lautsprecherwagens.

Auf der „proisraelischen“ Seite wurde den Teilnehmer*innen der „propalästinensischen Demo“ mit Parolen unterstellt, für den Iran zu marschieren. Komisch nur, dass auch ein Iraner unbehelligt auf der „Propalästinademo“ den Stopp der Hinrichtungen im Iran auf einem Plakat forderte. Absurd wurde es auch, wenn die Antideutschen schrieen „Free Gaza from Hamas“. Diese Parole teilte vermutlich die Hälfte, wenn nicht mehr auf der „Propalästinademo“. Und als die Antideutschen „Shame on you“ riefen, eine Parole, mit der ursprünglich die rechte Regierung in Israel bei den Massenprotesten bedacht wurde, schallte es von der Propalästinademo zurück: „Same on you“(aber vielleicht haben wir uns verhört).

Doch bleiben wir beim Flyer-Stresstest.

Die Versammlung der Antideutschen war eine sehr geschlossene Gruppe. Die meisten, die das Flugblatt nur kurz überflogen, zerknüllten es sofort. Zum Teil konnten übergriffige Handlungen beobachtet werden, wenn zum Beispiel der Verteiler*in das Flugblatt zerknüllt in den Rucksack gestopft wurde. Die Verteiler*in ließ sich nicht davon beeindrucken und verteilte weiter. Aggressive 25 -35 jährige Männer bauten sich vor der Verteiler*in auf und wollten der Person das Verteilen verbieten. Diese bezog sich aber darauf, dass dies eine öffentliche Kundgebung sei und sie auch dafür sei, den „Gaza von der Hamas“ zu befreien. Die Differenz lag natürlich in dem nicht ganz unbedeutenden Unterschied, dass diese Forderung auch für die israelische Armee gelte. Zu dieser inhaltlichen Kontroverse kam es aber nie, da sich jeder Diskussion entzogen wurde.

Die Hilflosigkeit einer identitären Politik des Antideutschen offenbarte sich dann recht schnell. Mehrfach wurde betont, dass die Verteiler*in unerwünscht sei und vor allem immer wieder: man diskutiere nicht. Wie schwach müssen die antideutschen Positionen sein, wenn man sich noch nicht mal die Mühe macht, das Flugblatt zu lesen, noch darüber zu diskutieren. Ohne das Flugblatt gelesen zu haben, agierte stattdessen das Umfeld der Anmeldung (siehe Foto) verächtlich machend, bezeichneten das Flugblatt als antisemitisch, als relativierend. Die Person sei auf der falschen Seite, sie sei reaktionär, deshalb gäbe es jetzt eine Reaktion. Die Verteiler*in wurde als Antisemit*in bezeichnet.

Das sah die Person anders, mit dem Argument, um Kriegspolarisierungen zu durchbrechen, die Diskussion mit jenen, die dafür offen sind zu suchen. Innerhalb kürzester Zeit zeigte sich aber eine Aggression, die in dem Umrunden der Verteiler*in von um die sechs und mehr Männer mündete. Der Anmelder (siehe Foto) hatte von dem Flyer Kenntnis und ermunterte seine Freunde zum körperlichen Übergriff. Der Verteiler*in wurden Flugblätter aus der Hand genommen und zerknüllt. Als die Person die Flugblätter schützend hinter den Rücken brachte, wurden ihr von hinten alle Flugblätter entrissen.

Doch nicht genug – Die Anmeldung rief die Polizei und ließ die Person wegen Belästigung entfernen. Vergessen wir nicht – wir befanden uns auf einer angemeldeten, öffentlichen Kundgebung – die frei zugänglich war.

Wir konnten beobachten, wie die Polizei mit um die sechs bis acht Beamten der 23. Einheit die Person aus der Kundgebung rausholte und deren Personalien aufnahm. Als die Person den Sachverhalt beschrieb, dass sie Flyer verteilt habe und den Ort zur Austragung kontroverser Positionen als selbstverständlich erachte, und dass sie als Antisemit*in beschimpft wurde und ihr die Flyer entrissen wurden, veränderte sich der Umgang der Polizei mit der Situation, so die Verteiler*in später. Nach Analyse der Situation ergab sich für die Polizei nun der Tatverdacht von Beleidigung und Raub.

Fazit:

Das Positive vorweg: Es gab auch eine kleine Gruppe von Teilnehmer*innen auf der „Proisraeldemo“, die das Flugblatt doch noch lasen und diskutierten. Sie fragten sich, ob hier die Wut nicht die Falsche getroffen habe. Sie nahmen das Flugblatt mit, anstatt es zu zerknüllen. Es bleibt zu hoffen, dass es auf allen Seiten der kriegspolarisierten Fronten Menschen gibt, die keiner ideologischen, und/oder religiösen Agenda folgen, sondern bei aller Schwierigkeit darum ringen eine von Herrschaft befreiten Welt aufzubauen. Eine Welt in der Jüd*innen frei und unbeschwert leben können – ebenso wie Palästinenser*innen. In jedem Land.

Wie groß aber muss die Angst sein, das ein Weltbild nicht mehr funktioniert, wenn auf ein Flugblatt so massiv reagiert wird und inhaltliche Differenz zensiert und vernichtet werden muss, damit es möglichst andere nicht mehr zu lesen bekommen? Ein bisschen erinnert die Abwehr von Kritik und Widerspruch an eine identitäre, sektenhafte Bekenntnisgemeinde, die ihre Blase für die einzig richtige hält.

Von diesen Kräften ist keine Befreiung zu erwarten.

Es bleiben bei all dem noch ganz andere Fragen: Wie kommt ein deutscher, weißer, privilegierter Mann dazu, sich in eine Israelfahne einzuwickeln? Woher nehmen sich diese deutschen Männer das Recht, sich als Israelis und Juden auszugeben und Israelfahnen zu schwenken. Mit welchem Recht erlaubt sich ein Deutscher für Krieg und Waffengewalt Stellung zu beziehen – egal auf welcher Seite. Und was ist das für eine Arroganz zu glauben, man sei als Deutscher ein Sprecher und Vertreter gegen den Antisemitismus und nicht das Gegenteil davon? Mit welcher moralischen Legitimation erheben sich Deutsche als Gralshüter des Jüdischen? Ist „der Deutsche“ soweit, dass er in gute und schlechte Juden unterscheiden kann? Auf der Kundgebung erlaubten sich Deutsche mit Israelfahnen wedelnd, eine beachtliche Anzahl von Jüd*innen der „jüdischen Stimme“ als Antisemiten zu beschimpfen. In einem Flugblatt der Antideutschen Deutschen wird "zum Protest gegen die antisemitischen Demonstration der sogenannten jüdischen Stimme" aufgerufen. Und weiter: "Was diesen Personenkreis (der aufrufenden Gruppen) antreibt, ist Antisemitismus." Gehts noch?

Ist das Einwickeln in der Israelfahne eine Anmaßung und „positiver Antisemitismus“, so ist das Beschimpfen von Jüd*innen als „Antisemiten“ ein Akt des Antisemitismus.

Nach wie vor: Kriegspolarisierungen durchbrechen und aufweichen. Wir sind mehr als die Anhänger*innen für Krieg.

Als Anarchist*innen und Queers stehen wir gegen jede Art von Nationalstaat und sehen den Kampf gegen Antisemitismus gleichwertig zum Kampf gegen Rassismus und Kolonialismus. Es gibt keinen gerechten Krieg. Weder von der Hamas – noch vom israelischen Militär. Weder mit iranischen Waffen noch mit deutschen Waffen.

Gegen jeden Krieg!

Links:

Ein Beitrag von Queere Menschen, Menschen die sich keinen Kategorien zuordnen sowie Anarchist*innen zum Thema: „Gute Vorsätze fürs "Neue Jahr": Kriegslogiken und Polarisierungen durchbrechen!“ mit einem geeigneten Flyer für aktuelle Palästina- und Israel-Demos:

http://gsxbcjvcrdl66ycimkwra2nxzwvy2idef4twi7elojuzm5ztt5abqyid.onion/node/329711

Webseite der „Jüdischen Stimme“, möglicherweise Angriffen im Netz ausgesetzt, bei Veröffentlichung schwer erreichbar gewesen:

https://www.juedische-stimme.de/

Die Antideutschen von der Kundgebung am 27.1. weigerten sich uns einen Kontakt zu geben, wir können nichts anbieten.

Eine Broschüre, die sich „Gegen jeden Krieg!“ positioniert sei auch erwähnt: „Antipatriarchal und Antimilitaristisch – Das patriarchale Kommando entwaffnen“ :

https://de.indymedia.org/node/332107

 

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