Eine kleine Auswertung zu Leipzig Besetzen

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Leipzig Besetzen war eine Kampagne, an der sich von 2020 bis 2022 verschiedenste Gruppen beteiligt haben oder mit eigenen Aktionen nachgezogen sind. Inspiriert wurden wir dabei von den Besetzungen 2019 in Berlin, Dresden und Freiburg. Es wurden durch verschiedene, sich gegenseitig unbekannte, Zusammenhänge mit jeweils eigenen Motivationen 2020 die Ludwigstraße 71 (Luwi71) und die Bornaische 34, 2021 der Stötteritzer S-Bahnhof und die Tiefe (Straße) 3 sowie 2022 die Mierendorferstr. 53 (Antischocke) besetzt. Außerdem wurden mehrere Scheinbesetzungen durchgeführt. Dieses kleine Auswertung ist von Einzelpersonen geschrieben und bezieht sich eher auf die Erfahrungen und Diskussionen zur Luwi-Besetzung.

Wir müssen eingestehen, dass wir unser selbsterklärtes Hauptziel der Kampagne, die Besetzung neuer Häuser als Freiräume in Leipzig, nicht durchsetzen konnten. Uns ist wichtig dies zu betonen, da viele Linksradikale im Laufe ihrer Kampagnen ihre eigentlichen Ziele vergessen und nur noch diffuse „Momente des Zusammenkommens“ als gewollte Ergebnisse ihrer Kampagnen präsentieren. Versteht uns nicht falsch, auch wir finden solche Momente toll und haben sie genossen. Sicherlich gab es auch bei uns Leute, für die der Weg das Ziel war oder die Aufmerksamkeit auf das Thema. Aber es ist auch wichtig, die anfangs selbsterklärten Ziele nicht aus dem Blick zu verlieren. Wir wollen daher Fehler und Probleme benennen, als auch Tipps für neuere Besetzungen geben. Denn wir haben viel erreicht. Wir haben es geschafft mehrere Gruppen in Leipzig und darüber hinaus zu vernetzen. Wir haben viele neue Verbindungen geschaffen, die Basis für weitere Zusammenarbeit sind und waren. Wir haben es geschafft Redebeiträge auf Demonstrationen, Straßenfesten und Kundgebungen zu halten. Wir haben dadurch auch viele noch-nicht-linksradikale Menschen erreicht. Wir konnten so das Thema Leerstand und Gentrifizierung in die Öffentlichkeit rücken, wie an den vielen Presseartikeln, Dokus und sogar der Erwähnung in der Tagesschau 2020 sichtbar wurde. Wir haben also aktiv in den sozialen Diskurs eingegriffen. Wir haben außerdem auch mehrere Ausnahmezustände kreiert, in denen Menschen ihre Wut Ausdruck verleihen und militante Erfahrungen sammeln konnten.

 

Die Gretchenfrage der Gewalt

 

In unserer Gruppe gab es sehr viele verschiedene Menschen mit teilweise entgegengesetzten Zielen. Manche wollten durch eine direkte Aktion die Nachbarschaft gegen Eigentum und Polizei aufbringen. Manche wollten auf Gentrifizierung aufmerksam machen. Andere hatten eher den Schwerpunkt Freiräume zu schaffen und wollten dafür eine Bewegung aufbauen. Wir müssen leider gestehen, dass diese Taktik, die Verbindung von militanten Kämpfen und friedlichen Widerstand nicht funktioniert hat. Wir haben nicht genug Druck aufgebaut, damit die Cops uns nicht räumen. Nachdem wir als Gruppe zu Tag X + 1 Demos aufgerufen haben, glaubte uns natürlich keine*r (Medienvertreter*in) mehr, dass wir Gewalt ablehnen. Es gab auch keinerlei friedliche Demonstrationen oder Sitzblockaden, an denen gewalt-ablehnenden Menschen sich hätten beteiligen können.

 

Es bleibt die Frage: Hätten wir uns selbstaufopferungsvoller festnehmen und verprügeln lassen sollen um anderen klar zu, dass der Staat und die Kapitalverhältnisse die eigentliche Gewalt sind, wie es die Interventionistische Linke tut? Die andere Möglichkeit wäre gewesen, militanter zu agieren, um eine ernstzunehmende Drohkulisse aufzubauen, wie das im Fall des Black Triangle von 2016 bis 2019 in Leipzig jahrelang funktioniert hat. 

 

Gruppenübergreifende Zusammenarbeit

Das positive Vorweg: Wir haben es geschafft uns mit anderen Besetzungsgruppen aus Dresden, Leipzig und Berlin zu vernetzen. Es kamen dadurch Vorträge und gegenseitiger praktischer Support zustande. Die Zusammenarbeit, insbesondere mit anderen Besetzungsgruppen, hätte aber deutlich besser ausfallen können. Besonders da fast zeitgleich Besetzungen in Dresden, Leipzig, Berlin, Aachen, Hannover, Bremen und Chemnitz stattfanden, hätten gemeinsame koordinierte Kampagnen gefahren werden können. Der personelle Kontakt war dafür teilweise sogar vorhanden. Kampagnen zum Thema (Queer-)Feminismus, Anti-Repression, Wohnungslosigkeit, Mietstreiks oder Häuserkollektivierung wären denkbar gewesen. Zusammen hätten wir wahrscheinlich konkretere und durchdachtere Forderungen und Analysen erarbeiten können. Wir hätten dadurch eine größere Aufmerksamkeit generiert und unsere Forderungen bundesweit Nachdruck gegeben. Polizeikräfte hätten außerdem bei gleichzeitigen Besetzungen gebunden werden können. Es hat sich hier wieder der Nachteil einer lokalen autonomen Organisierung ohne bundesweite verbindliche Vernetzung gezeigt.

 

Wir hätten also stärker regionale und überregionale Vernetzungstreffen besuchen können. Wir hoffen, dass andere Gruppen dies tun. Ein bundesweiter Besetzen-Kongress, zum Beispiel für Queerfeminismus, könnte gemeinsame Strategien und Inhalte erarbeiten und einen Termin für eine bundesweite Besetzungswelle aufstellen.

 

Interne Zusammenarbeit

Wir waren ein ziemlich großer Haufen von Menschen mit ziemlich unterschiedlichen politischen Ansichten. Es hätte hilfreich sein können, uns früher zu spalten anhand inhaltlicher und taktischer/praktischer Fragen. Anstatt endlose Diskussionen abzuhalten und (dadurch) ständige Mitgliederfluktuationen zu haben. Private Differenzen hätten dadurch mit dem Wechsel eines Gruppenmitglieds in eine andere Gruppe gelöst werden können, anstatt des Wegbrechens einer Person. Besetzungen können durch sehr kleine Gruppen (3-5 Menschen) viel schneller vorbereitet werden. Konsense, Analysen, Forderungen und Texte lassen sich dadurch schneller hervorbringen. Eine Spaltung bedeutet nicht das Ende von Zusammenarbeit, sondern es kann dadurch getrennt effektiv und solidarisches gearbeitet werden. Beispielsweise könnten dann bei den Besetzungen auch Schichten von Personen aus den anderen Gruppen übernommen werden. Ein gutes Beispiel für inhaltlich und strategisch autonom agierende Besetzungsgruppen ist die #besetzen Initiative aus Berlin.

 

Die Einbindung des Kiezes

Wir wollten von Anfang an soziales Zentrum, also saubere Häuser, die von der gesamten Nachbarschaft und nicht nur der Szene genutzt werden. Nutzungskonzepte zu erarbeiten, halten wir daher auch immer für einen ersten guten Schritt. Aus Räumungsgefahr hatten wir das Haus immer geschlossen gehalten, was wahrscheinlich auch dazu beigetragen hat, dass wir nicht gleich geräumt wurden. Das hat aber dadurch geführt, dass für die Nachbarschaft kaum Möglichkeit zur direkten Mitgestaltung da war.  Wir haben aber immer zu Nachbarschaftstreffen aufgerufen, um uns im Kiez zu verankern. Dabei ist unsere fehlende Erfahrung mit Basisarbeit auffällig geworden. Wir haben uns zu spät und zu unvorbereitet auf solche Versammlung eingelassen. Wir hatten auch gar keine Ahnung wie viele Flyer es überhaupt braucht, um wenigstens ein paar Blocks abzudecken (mindestens 1000 Stück).

 

Eine Idee wie es anders hätte ablaufen können, wäre die Häuser zu öffnen. Die direkte Einbindung der Nachbarschaft durch das Öffnen des Hauses besitzt mehrere positive Effekte. Erstens werden bedarfsorientierte selbstverwaltete Strukturen durch Betroffene/Anwohner*innen geschaffen, die wirklich benötigt werden. Zweitens werden die Vorteile autonomer Politik den Menschen schlagartig bewusst. Wir vermitteln damit unsere Werte durch eine direkte Aktion. Drittens hat es die Polizei bedeutend schwerer Räumungen von nicht-gewaltbereiten Menschen aus der Nachbarschaft zu rechtfertigen. Es gibt eine bedeutend stärkere Hemmung einen Seniorentreff zu räumen als drei vollvermummte Aktivisti. Viertens können Medien sowohl den Sinn von Besetzungen, den Unsinn von Leerstand und die Gewalt des Staates besser zeigen. Wer den Leerstand mit eigenen Augen sieht und die Gewalt des Staates erfährt, erlebt hautnah die Widersprüche des Systems. Fünftens, werden dadurch Kapazitäten in den Gruppen eingespart, da sich somit nicht ständig Menschen im Haus aufhalten müssen und die Verantwortung für die Nutzung abgegeben wird. 

 

Die Nachteile können dann aber den Besetzungsversuchen der Antischocke und der B34 gesehen werden. Die Cops haben dort sofort die Chance genutzt, um reinzugehen. So kann es noch schneller vorbei sein als bei stabilen Barrikaden, die der Luwi71 oder der Putzi in Dresden länger Schutz geboten haben.

 

Inhaltliche Arbeit

Wenn wir eine Sache vernachlässigt haben, dann war dies sicherlich theoretische Analysen zu liefern oder radikale Forderungen aufzustellen. Von einer praktisch arbeitenden Gruppe muss dies aber auch nicht unbedingt verlangt werden. Da unsere Besetzungen aber absehbar keinen Erfolg hatten, müssen wir uns eingestehen, dass wir Symbolpolitik betrieben haben. Der oft gemachte Vorwurf von theorielosen Hausbesetzis (1), phrasendreschenden Anarchos und falschen Forderungen, müssen wir uns leider gefallen lassen. (2) Wir haben es beispielsweise versäumt neue Analysen von Ums Ganze oder Crimethinc zur Corona Politik einfließen zu lassen. Wir hätten auch zu spezifischen Themen stärkere inhaltliche Arbeit machen können, wie beispielsweise zu behindertenfeindlichen Wohnungsneubauten. Das Problem keine gut Theorie-Arbeit zu machen, lag stark an der Größe und Vielfältigkeit der Gruppe. Wie bereits erwähnt, kleine Gruppen können viel spezifischer diskutieren und besser ausgearbeitete Texte hervorbringen.

 

Wir haben aber auch gemerkt, dass ein riesiger unstrukturierter Forderungskatalog, wie bei der Luwi-Besetzung, nichts bringt. Forderungen gehen dadurch unter. Am Ende eines Interviews, wussten wir manchmal selbst nicht einmal mehr, wofür wir eigentlich stehen. Zukünftige Gruppen sollten sich daher entweder auf konsequente Forderungslosigkeit oder thematische Schwerpunkte festlegen.

 

Wir empfehlen auch, dass in Gruppen Theorie hürdenloser weitergegeben wird, bspw. durch Feminismus-, Rassismus-, Kapitalismus-, und Staatskritik-Workshops. Insbesondere zur verkürzter Kapitalismuskritik muss bei Besetzungsgruppen Wissen vorhanden sein, um keine Stereotypen zu reproduzieren. Wir können neue Besetzungsgruppen nur dazu ermutigen ihr Wissen untereinander zu teilen. Baut dadurch Hierarchien ab und stärkt eure Praxis mit dem Wissen über vergangene Kämpfe. Kritisiert gemeinsam Theorien und entwickelt sie dadurch weiter.

 

Die Kritik richtet sich auch daran, dass Theorie oftmals arrogant und unverständlich geschrieben wird und oftmals kaum noch Bezug zu einer (materiellen) Praxis aufweist. Schreibt einfache Texte zu aktuellen diskriminierenden, autoritären und kapitalistischen Problemen, je praktischer und weniger abgehoben die Texte klingen, desto besser. Schreibt eure Sichtweisen und Erfahrungen nieder. Lasst die Erfahrungen aus aktuellen Kämpfen zu neuer Theorie werden! Um aber verkürzte Kritiken und Fehler aus der Vergangenheit nicht zu wiederholen, ist es wichtig sich vorher über die Themen zu informieren. Geteilte Erkenntnisse und Erfahrungen helfen uns Fehler nicht erneut zu begehen und keine diskriminierende oder verkürzte Kritik zu üben. Gleichzeitig kritisieren wir uns aber auch oftmals viel zu hart und gehen von Diskriminierung aus wo oftmals nur kein Wissen vorhanden ist. Wir müssen hier lernen einen versöhnlicheren, nicht-verurteilenden Umgang miteinander zu finden.

 

 

Wir sehen uns bei der nächsten Besetzung!

 

1 Autonome Antifa Wien: Über das Elend im Besetzer*innenmilieu – Anmerkungen zur vergangenen Hausbesetzung in Wien“, 21.04.2017. unter: https://linksunten.tachanka.org/node/210038/unfold/all/index.html

2 Gruppen gegen Kapital und Nation: „Kritik am Anarchismus“, 08.06.2001. unter: https://gegen-kapital-und-nation.org/kritik-am-anarchismus/

 

 

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