Indymedia und Vernetzung wiederbeleben

Escrigui 27.11.2012 10:32 Themen: Indymedia
Ein konstruktiver Vorschlag bezüglich "Deadline für de.indymedia.org"
Auch ich finde es sehr schade, dass ich bei de.indymedia.org seit 3-4 Jahren immer seltener Artikel, Erklärungen, Aufrufe, Informationen, Postings... zu aktuellen politischen Themen, Veranstaltungen, Demos etc. finde. Ich habe mich selbst lange Zeit engagiert, um regelmäßig Beiträge oder inhaltlich-ergänzende Kommentare in Indymedia zu verfassen.
Zum Glück sehe ich aber auch, dass es mittlerweile zahlreiche weitere Plattformen für den offenen linkspolitischen InfoAustausch gibt. Das Internet ist im Umfang massiv gewachsen und die Anzahl der politischen User_innen ebenso. Heutzutage kennen wir uns alle deutlich besser aus mit dem Benutzen des Internet und wir wissen, wie mensch dort eigene Inhalte publizieren und verbreiten kann. Vor 10 Jahren gab es noch wenige online-Plattformen, auf denen mensch offen linkspolitische Informationen verbreiten oder Ideen austauschen konnte. Heute muss ich unter hunderten linker Seiten auswählen, wo ich meine Artikel veröffentliche. (Diese Vielfalt ist eigentlich auch schön so!)


Mir liegt Indymedia sehr am Herzen, weil es stets eine sehr große Bedeutung für die linke Strömung hatte. Was mir heute sehr fehlt, ist die Nutzung von Indymedia als zeitnahe Austausch-Website.

Ich würde daher gerne ein altes Kommunikationskonzept wiederbeleben:

Von ca. 2000-2006 habe ich Indymedia und die Demo-Kommunikations-Kultur so erlebt:
- Wenn irgendwo 'ne Demo oder DirectAction stattfand, dann saßen 2-3 Leute (oft mehr) irgendwo am PC mit Internetzugang & Telefon.
- Es gab eine zentrale Infotelefon-Rufnummer dorthin, wo jede_r anrufen konnte (oder SMS), um von der Demo eigene Informationen, Beobachtungen etc. zu melden. (Wo steht die Demo momentan? / Wo lauern Bullen in Seitenstraßen? / Gibt’s irgendwo Zugriffe, Stress, Aktionen? / Wo brauchen kleine Aktionsgruppen gerade Unterstützung, um ein Barrikade zu bauen, eine Kreuzung/Gleise zu besetzen, Festnahmen zu verhindern…?)
- Diese zentrale Tel.Nummer stand auf Flyern, Demoplakaten oder wurde auf der Demo verbreitet.
- Sämtliche Infos (manchmal sogar Photos), die reingekommen sind, wurden von den Leuten an Telefon & PC dann auf einer demo-spezifischen Indymedia-Seite veröffentlicht.
>Selbst wenn mensch krank im Bett lag, konnte der Demoverlauf und Ereignisse per „Liveticker“ detailliert mitverfolgt werden.
- jene Menschen, die selbst auf der Demo unterwegs waren (damals noch ohne InternetHandy) konnten die aktuellen Infos abrufen, indem sie die zentrale InfoNummer anriefen. Dann gab's ein telefonisches Update darüber, wo momentan was passiert... Diese neuen Infos wurden dann innerhalb der Demo verbreitet.

Klar konnten die Bullen die Indy-News ja auch mitlesen, aber WIR waren oftmals schneller und daher erfolgreich mit unseren Aktionen. Zahlreiche Male konnten somit hunderte von demonstrierenden Menschen per InfoTelefon mobilisiert werden zu dezentralen Aktionen abseits der DemoRoute und zu Blockaden oder Störungen.
Vor allem bei Nazidemo-Blockaden kommt es ja darauf an, im Umfeld der Demo einige Blockaden einzurichten oder durch Störungen (hier und da brennt was / Verkehr lahmgelegt...) die Nazi-Demo zu stoppen und zum Abbruch zu zwingen.
Bei solchen Aktionen habe ich Indymedia & das Infotelefon vielfach als Vermittler von Infos und Kommunikationspunkt für gemeinsame Absprachen erlebt.


Dieses Aktionskonzept scheint heute nicht mehr zu funktionieren. Aber warum???

1.) Irgendwie ist unsere linkspolitische Szene mittlerweile etwas paranoid geworden:
Noch vor 5-6 Jahren haben die Menschen innerhalb der Demo viel stärker miteinander kommuniziert, sind aufeinander zu gegangen, haben sich ausgetauscht, Aktionsgruppen miteinander gebildet und dann gemeinsame Störungen und direkte Aktionen veranstaltet. (Das Risiko, dabei möglicherweise mit 'nem Zivi-Bullen zu reden, schien uns damals noch recht unwahrscheinlich)

Heute erlebe ich innerhalb der Demos sehr wenig Austausch untereinander. Einzelne Grüppchen laufen nebeneinander her. Kommen aber nicht in Kontakt. Wenn mensch auf eine andere Demogruppe zugeht, um mit ihnen ins Gespräch zu kommen, dann wird über banale Sachen gesprochen, aber keine_r traut sich mal zu fragen, ob wir jetzt nicht gleich mal an Punkt XY diese oder jene gemeinsame Aktion machen wollen - Weil: Zusammen sind wir stärker.
Es schleicht im Demoblock offenbar ständig die Angst mit, dass mensch dabei von Zivi-Bullen oder Verfassungsschützerin rausgelockt und zu Straftaten provoziert werden soll...
Solche Sorgen sind -angesichts der heutigen staatlichen Überwachungskrankheit- nicht unberechtigt.
Aber wir kennen diese systematische Überwachungs-Verängstigung von Andersdenkenden doch aus der Geschichte hinreichend - ob aus dem 3.Reich, DDR-Stasi-Regime, Iran, China, USA, Kambodscha, Russland, etc.pp...
Das Repressionsprinzip scheint immer wieder zu funktionieren - weil WIR uns nicht trauen, uns gemeinsamen zu organisieren und dabei evtl. Risiken der staatlichen Repression in Kauf zu nehmen.
Wenn wir uns auf die gemeinsame Solidarität innerhalb der linkspolitischen Szene verlassen könnten, dann würden wir sicherlich auch mehr wagen und mehr persönliche Risiken eingehen können.


2.) Ich sehe auf jeder Demo Dutzende oder hunderte Menschen, die Smartphones dabei haben.
Es wäre sooooo einfach, damit umfangreiche Info-Mails, Berichte, Photos und sogar Videos vom aktuellen Geschehen an eine zentrale Infogruppe zu senden oder direkt in Indymedia reinzustellen, damit andere dies abrufen und nutzen können. 'Twitter' könnten wir auch prima nutzen!
Stattdessen werden diese technisch-tollen Smartphones dazu eingesetzt, sich selbst vor Bullenhorden und brennenden Barrikaden zu knipsen (oder zu filmen), bzw. die gesamte Demo als 'cooles PartyEvent' aufzunehmen.
Mich kotzt diese konsumierende Spaßnutzung der neuen Medien total an! Es soll jede_r für sich selbst entscheiden, Facebook und Smartphones zu nutzen... Aber: denkt mal nach, was ihr da macht und wofür!
Dank einiger Handy- u. DigiCam-Videos konnte in den letzten Jahren auch mal den Bullen ans Bein gepisst werden - Manches landete sogar in der Tagesschau und einige Cops wurden wegen dieser Videos halbwegs zur Rechenschaft gezogen.

Wenn wir nun aber schonmal diese mobile Technik mit SMS, Mail, Kamera und Video haben, dann sollten wir das nicht nur dazu einsetzen, um schöne private Ich-War-Dabei-Erinnerungs-Videos zu machen. Wir müssen dies nutzen, um bei Demos & politischen Aktionen untereinander schnell zu kommunizieren, uns gegenseitig zu informieren und zu mobilisieren!
>Eine dezentrale Protest- oder Blockade-Aktion kann heutzutage mit den zahlreichen internetfähigen Smartphones innerhalb der Demo relativ schnell & einfach geplant, angekündigt und verbreitet werden. Vor einigen Jahren haben wir das sogar per SMS geschafft!


Die Demonstrant_innen und Regimegegner_innen des „arabischen Frühlings“ haben das längs verstanden und teilweise erfolgreich genutzt!!!
Warum ist diese Idee hierzulande noch nicht angekommen?
Warum nutzt ihr eure elektronische Kommunikation in der Jackentasche nicht endlich als Medium für Absprache, Mobilisierung und Revolte???

Ich hoffe, dass die moderne Technik nun bald mal politisch sinnvoll genutzt wird und dass sich dadurch endlich mal was in unserer politischen Kommunikation und Vernetzung verändert.

Venceremos!
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Ergänzungen

Naja

auch nicht so dolle 27.11.2012 - 11:07
Um sich zu verabreden ist Facebook und Twitter schneller und direkter und analog via Zettel oder Flüsterpropaganda sicherer.

Generation Y

Ex-Antifa-Manager 27.11.2012 - 11:47
Vielleicht hilft es euch über den Schmerz hinwegzukommen, nicht mehr die selbe Sprache wie die Jugendlichen zu sprechen: nicht nur die linke Szene beißt sich an der heutigen Generation die Zähne aus. Auch die Arbeitswelt hat so ihre lieben Probleme mit den Kids.

danke für den text

eva 27.11.2012 - 12:24
ein grund ist sicher technikfaulheit
wer hält wehn davon ab auf indymedia spontan
zu posten ? die mods sicher nicht ... kleiner scherz...

allerdings weiß auch keiner wer z.b.auf twitter gerade welche info rausgehauen hat vieleicht der vs. vielleicht bullen vieleicht spinner oder leute die die situation völlig falsch einschätzen u.s.w.
das ist denke ich das hauptproblem.

(muss ausgefüllt werden)

muss ausgefüllt werden 27.11.2012 - 17:34
Ich finde deine Kritik an der Nutzung der modernen Kommunikationstechnologie bei Demonstrationen etc. trifft durchaus zu. Auch ich habe den Eindruck, dass hier mittlerweile viel mehr möglich wäre.

Allerdings bezieht sich diese Kritik meiner Ansicht nach weniger auf Indymedia, denn dass die Menschen, die sich bei Demonstrationen um "Infrastruktur" oder den "Informationsfluss" kümmern, gleichzeitig auch Indymedia-Mods sind ist ja höchst unrealistisch, und die Kommentarspalte ist für soetwas höchst ungeeignet.

Indymedia ist da doch eher für Hintergrundartikel, Nachbereitungen etc. ein Raum.

Solche Live-Ticker, die sich um unmittelbaren und schnellen Austausch von Information bemühen, haben eher einen Platz bei Twitter bzw. ihrem eigenen Blog. Und davon brauchen wir - ich stimme Dir zu - viel mehr.

worum gehts wirklich?

linksunten 28.11.2012 - 04:43
geht es hier eigentlich um ein Aus von indymedia? es sieht nicht so aus das linksunten.indymedia betroffen ist, geht es dann nicht eher darum das eine doppelte Seite, zu einer wird? wenn linksunten weitergeht ist es nicht das aus für indymedia, oder seh ich was falsch? wozu ist die Anmeldefunktion bei linksunten? ich finde das eher abschreckend.

Zu der Kitik an der Nutzung von Technik habe ich noch Kritik hinzuzusetzen, wieso wird auf einer Demo kein offenes Mikrofon zugelassen? muß ja nicht alle 10 minuten sein, aber es wäre durchaus sinnvoll das sich alle äußern dürfen, nur so kann auch das was verschiedene Leute warnehmen wichtig werden, sonst geht es bei Polizeieinsätzen manchmal darum einfach nur eine ruhige Rede zu halten.
Ein weiterer Kritikpunkt ist, das es keine Plenas oder orgas unmittelbar, vor während und nach der Demo gibt, es kann doch ncht sein das Einzelpersonen alles entscheiden und nach einer Demo alle nach hause gehen, wenn z.b. noch ein Teil das nicht möchte. Ohne das sie wissen das manche Grund haben nicht zu gehen.

Was die mediale Aufarbeitung anbelangt, finde ich deine Kritikpunkte wichtig und eben auch hier das es wichtig ist sich gegenseitig einzubeziehen, engagment zu fordern und zu fördern, allerdings trotzem unter dem Motto, Zivis bleiben draußen.

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