Ich frage mich, warum mensch auf der Suche nach einer "feministischen"-Perspektive auf Knast & Co. immer wieder in die Falle der Identitätspolitik und Victimisierung tappen muss. Ihr schreibt: "Klar ist, dass die kapitalistischen, rassistischen und patriarchalen Strukturen, von denen unsere Gesellschaft durchzogen ist, zahlreiche Gründe produzieren, weshalb Frauen* Verhaltensweisen zeigen und Taten begehen, die zur Verhängung von Haftstrafen und Kriminalisierung führen." Das geht leider über eine Betrachtung von Verbrechen im Kontext eines kapitalistischen, rassistischen und patriarchalen System weit hinaus und manifestiert stattdessen m.E. leider zentrale patriarchale Vorstellungen: Warum die Identitätssetzung "Frauen"? Bedingen kapitalistische Strukturen etwa nicht auch, dass auch diejenigen Menschen, die mit dieser Geschlechterkategorie nicht erfasst werden, stehlen, rauben, töten? Bedingen rassistische Strukturen nicht auch, dass auch diejenigen Menschen, die nicht mit der Kategorisierung Frauen erfasst werden, kontrolliert, gegängelt und schließlich in den Knast gesteckt werden, weil sie sich das nicht gefallen ließen und den Bullen eins in die Fresse gehauen haben? Oder – weil ich hier zwar niemensch victimisieren will, aber durchaus anerkennen will, dass es teils genügt, nicht der rassistischen Norm zu entsprechen, um im Knast zu landen – auch ohne eigenes Zutun im Knast landen? Bedingen patriarchale Strukturen nicht auch, dass auch diejegenigen Menschen, die keine gemeinsamen Erfahrungen teilen, die mensch für gewöhnlich mit der Kategorisierung Frauen verbindet, im Knast landen, weil sie gewaltsam in eine Rolle gezwängt wurden, die ihnen nicht zu entsprechen scheint? Weil sie dafür verprügelt werden, "feminin" oder "schwul" zu sein und sie irgendwann einem*r ihrer Peiniger*innen die Nase brechen? Indem ihr hier die Identitätssetzung "Frauen" verwendet, perpetuiert ihr – vermutlich unabsichtlich – auch ein anderes Klischee: Wenn es ausschließlich die kapitalistischen, rassistischen und patriarchalen Strukturen sein sollen, aus denen Frauen "Verhaltensweisen zeigen und Taten begehen", sprecht ihr diesen im Umkehrschluss jegliches eigenverantwortliches Handeln ab. Dabei werden die Frauen in eurem Narrativ ebenso wie im patriarchalen Narrativ zu bloßen Objekten, höchstens Subjekten, die ausschließlich aufgrund ihrer Sozialisation handeln. Statt Frauen – wer auch immer das dann sein soll – also als selbst handelnde, gefährliche Individuen zu betrachten, macht ihr sie zu Opfern des Systems. Da werden sich diejenigen bei euch bedanken, die "absichtlich" einen Banküberfall begangen, eine*n Vergewaltiger*in oder eine*n Bullen aus Rache ermordet oder auch einfach Drogen vertickt haben, weil das spaßiger ist, als an einer Supermarktkasse zu stehen, Zeitungen auszutragen oder am Fließband zu arbeiten. Glaubt ihr, die freuen sich, wenn ihr nun sagt, dass die das gar nicht so gemeint haben können, das eigentlich auch gar nicht gemacht hätten, wenn sie nicht das System dazu zwingen würde? Ich glaube nicht. Und was bedeutet das für die Wahrnehmung anderer Individuen, die unter der Kategorie "Frauen" subsumiert werden (können)? Sollen sie sich selbst als Opfer der Umstände wahrnehmen? Sollen sie nun, bevor sie einen Supermarkt plündern oder einen Banküberfall begehen oder ein sexistisches Arschloch zusammenschlagen oder Drogen verticken, oder sonst irgendeinen Gesetzesverstoß planen/einfach begehen, lieber sagen: Das mache ich doch nur, weil ich Opfer eines kapitalistischen, rassistischen, patriarchalen Systems bin, nicht weil ich das tun möchte? Und dann? Sollen sie es dennoch tun, weil es ihnen ja so bestimmt ist? Oder sollen sie sich mäßigen und die Regeln befolgen, weil ihre Rebellion ja auch nur durch das System bedingt wäre?
Und dann gibt es da noch eine Passage in eurem Text, die mich ein wenig ratlos zurücklässt: "Wir fragen uns auch, was jetzt mit den Personen passiert, die bspw. zu Ersatzfreiheitsstrafen verurteilt wurden und nun sehr kurzfristig und unerwartet aus der Haft entlassen wurden und werden, um Platz in den Knästen zu schaffen. Da Frauen* aufgrund patriarchaler Zwänge immer noch vorwiegend die Sorgearbeiten innerhalb der Kern-Familie übernehmen müssen, ist es für sie umso schwerer nach der Haft wieder ein soziales Netz aufzubauen. So müssen sie häufig in gewalttätige häusliche Verhältnisse zurückkehren, wenn sie überhaupt noch einen Ort haben, zu dem sie gehen können." Soll das heißen, ihr findet die mangelnde staatliche Organisation bei den Haftentlassungen doof? Oder etwa die Haftentlassungen selbst? Ich hoffe, dass ich nicht zu Unrecht annehme, dass das absurd wäre. Aber vielleicht seht ihr ein, dass die Gegenüberstellung von Knast und "gewalttätigen häuslichen Verhältnissen" ein bisschen den Eindruck erweckt, ihr würdet den Knast als eine Art "Safe Space" betrachten, was er m.E. gewissermaßen sogar ist, aber das ist nun eine Kritik an dem Safe Space-Gedanken, die ich hier nicht auch noch ausbreiten will [1]. Dieser Eindruck verstärkt sich noch, wenn mensch eine vorangehende Passage genauer betrachtet: "Darüber hinaus wird auch deutlich, dass Armut oft zu Inhaftierung führt, wenn man sich anschaut, dass die häufigsten Gründe für Kriminalisierung und darauffolgende Inhaftierung Eigentums- und Drogendelikte sind. Hinzu kommt, dass 53% der inhaftierten Frauen in ihrem Leben physischer und/oder sexualisierter Gewalt ausgesetzt waren." Wirklich? Nur 53% der inhaftierten Frauen sollen physischer und/oder sexualisierter Gewalt ausgesetzt gewesen sein? Und mit welchem Begriff würdet ihr dann die Einsperrung und Ausübung der totalen Kontrolle über einen Menschen bezeichnen? Nun, mir ist schon klar, dass ihr hier – vermutlich – darauf hinauswollt, dass Verbrechen so gut wie immer von denjenigen verübt wird, die unter der herrschenden Ordnung am Meisten zu leiden haben und deren Rebellion gegen diese eben zur Aufrechterhaltung der Ordnung unterdrückt werden muss. Aber abermals bleibt ihr bei einer Victimisierung stehen. Für mich ist das leider eine Perspektive, die Herrschaft im allgemeinen und auch patriarchale Herrschaft im Speziellen nicht wirklich gefährdet. Es ist eine Perspektive, die das Narrativ patriarchaler Herrschaft unter neuen Aspekten fortschreibt.
Ich frage mich, warum mensch
Ich frage mich, warum mensch auf der Suche nach einer "feministischen"-Perspektive auf Knast & Co. immer wieder in die Falle der Identitätspolitik und Victimisierung tappen muss. Ihr schreibt: "Klar ist, dass die kapitalistischen, rassistischen und patriarchalen Strukturen, von denen unsere Gesellschaft durchzogen ist, zahlreiche Gründe produzieren, weshalb Frauen* Verhaltensweisen zeigen und Taten begehen, die zur Verhängung von Haftstrafen und Kriminalisierung führen." Das geht leider über eine Betrachtung von Verbrechen im Kontext eines kapitalistischen, rassistischen und patriarchalen System weit hinaus und manifestiert stattdessen m.E. leider zentrale patriarchale Vorstellungen:
Warum die Identitätssetzung "Frauen"? Bedingen kapitalistische Strukturen etwa nicht auch, dass auch diejenigen Menschen, die mit dieser Geschlechterkategorie nicht erfasst werden, stehlen, rauben, töten? Bedingen rassistische Strukturen nicht auch, dass auch diejenigen Menschen, die nicht mit der Kategorisierung Frauen erfasst werden, kontrolliert, gegängelt und schließlich in den Knast gesteckt werden, weil sie sich das nicht gefallen ließen und den Bullen eins in die Fresse gehauen haben? Oder – weil ich hier zwar niemensch victimisieren will, aber durchaus anerkennen will, dass es teils genügt, nicht der rassistischen Norm zu entsprechen, um im Knast zu landen – auch ohne eigenes Zutun im Knast landen? Bedingen patriarchale Strukturen nicht auch, dass auch diejegenigen Menschen, die keine gemeinsamen Erfahrungen teilen, die mensch für gewöhnlich mit der Kategorisierung Frauen verbindet, im Knast landen, weil sie gewaltsam in eine Rolle gezwängt wurden, die ihnen nicht zu entsprechen scheint? Weil sie dafür verprügelt werden, "feminin" oder "schwul" zu sein und sie irgendwann einem*r ihrer Peiniger*innen die Nase brechen? Indem ihr hier die Identitätssetzung "Frauen" verwendet, perpetuiert ihr – vermutlich unabsichtlich – auch ein anderes Klischee: Wenn es ausschließlich die kapitalistischen, rassistischen und patriarchalen Strukturen sein sollen, aus denen Frauen "Verhaltensweisen zeigen und Taten begehen", sprecht ihr diesen im Umkehrschluss jegliches eigenverantwortliches Handeln ab. Dabei werden die Frauen in eurem Narrativ ebenso wie im patriarchalen Narrativ zu bloßen Objekten, höchstens Subjekten, die ausschließlich aufgrund ihrer Sozialisation handeln. Statt Frauen – wer auch immer das dann sein soll – also als selbst handelnde, gefährliche Individuen zu betrachten, macht ihr sie zu Opfern des Systems. Da werden sich diejenigen bei euch bedanken, die "absichtlich" einen Banküberfall begangen, eine*n Vergewaltiger*in oder eine*n Bullen aus Rache ermordet oder auch einfach Drogen vertickt haben, weil das spaßiger ist, als an einer Supermarktkasse zu stehen, Zeitungen auszutragen oder am Fließband zu arbeiten. Glaubt ihr, die freuen sich, wenn ihr nun sagt, dass die das gar nicht so gemeint haben können, das eigentlich auch gar nicht gemacht hätten, wenn sie nicht das System dazu zwingen würde? Ich glaube nicht. Und was bedeutet das für die Wahrnehmung anderer Individuen, die unter der Kategorie "Frauen" subsumiert werden (können)? Sollen sie sich selbst als Opfer der Umstände wahrnehmen? Sollen sie nun, bevor sie einen Supermarkt plündern oder einen Banküberfall begehen oder ein sexistisches Arschloch zusammenschlagen oder Drogen verticken, oder sonst irgendeinen Gesetzesverstoß planen/einfach begehen, lieber sagen: Das mache ich doch nur, weil ich Opfer eines kapitalistischen, rassistischen, patriarchalen Systems bin, nicht weil ich das tun möchte? Und dann? Sollen sie es dennoch tun, weil es ihnen ja so bestimmt ist? Oder sollen sie sich mäßigen und die Regeln befolgen, weil ihre Rebellion ja auch nur durch das System bedingt wäre?
Und dann gibt es da noch eine Passage in eurem Text, die mich ein wenig ratlos zurücklässt: "Wir fragen uns auch, was jetzt mit den Personen passiert, die bspw. zu Ersatzfreiheitsstrafen verurteilt wurden und nun sehr kurzfristig und unerwartet aus der Haft entlassen wurden und werden, um Platz in den Knästen zu schaffen. Da Frauen* aufgrund patriarchaler Zwänge immer noch vorwiegend die Sorgearbeiten innerhalb der Kern-Familie übernehmen müssen, ist es für sie umso schwerer nach der Haft wieder ein soziales Netz aufzubauen. So müssen sie häufig in gewalttätige häusliche Verhältnisse zurückkehren, wenn sie überhaupt noch einen Ort haben, zu dem sie gehen können." Soll das heißen, ihr findet die mangelnde staatliche Organisation bei den Haftentlassungen doof? Oder etwa die Haftentlassungen selbst? Ich hoffe, dass ich nicht zu Unrecht annehme, dass das absurd wäre. Aber vielleicht seht ihr ein, dass die Gegenüberstellung von Knast und "gewalttätigen häuslichen Verhältnissen" ein bisschen den Eindruck erweckt, ihr würdet den Knast als eine Art "Safe Space" betrachten, was er m.E. gewissermaßen sogar ist, aber das ist nun eine Kritik an dem Safe Space-Gedanken, die ich hier nicht auch noch ausbreiten will [1]. Dieser Eindruck verstärkt sich noch, wenn mensch eine vorangehende Passage genauer betrachtet: "Darüber hinaus wird auch deutlich, dass Armut oft zu Inhaftierung führt, wenn man sich anschaut, dass die häufigsten Gründe für Kriminalisierung und darauffolgende Inhaftierung Eigentums- und Drogendelikte sind. Hinzu kommt, dass 53% der inhaftierten Frauen in ihrem Leben physischer und/oder sexualisierter Gewalt ausgesetzt waren." Wirklich? Nur 53% der inhaftierten Frauen sollen physischer und/oder sexualisierter Gewalt ausgesetzt gewesen sein? Und mit welchem Begriff würdet ihr dann die Einsperrung und Ausübung der totalen Kontrolle über einen Menschen bezeichnen? Nun, mir ist schon klar, dass ihr hier – vermutlich – darauf hinauswollt, dass Verbrechen so gut wie immer von denjenigen verübt wird, die unter der herrschenden Ordnung am Meisten zu leiden haben und deren Rebellion gegen diese eben zur Aufrechterhaltung der Ordnung unterdrückt werden muss. Aber abermals bleibt ihr bei einer Victimisierung stehen. Für mich ist das leider eine Perspektive, die Herrschaft im allgemeinen und auch patriarchale Herrschaft im Speziellen nicht wirklich gefährdet. Es ist eine Perspektive, die das Narrativ patriarchaler Herrschaft unter neuen Aspekten fortschreibt.
[1] Wer sich dafür interessiert, findet einen hervorragenden Text dazu beim Down & Out Distro: https://downandoutdistro.noblogs.org/files/2019/10/letmedie.pdf (Teile des Textes wurden kürzlich ins Deutsche übersetzt: https://zuendlumpen.noblogs.org/post/2020/04/07/lasst-mich-sterben-pandas-technologie-und-das-ende-der-welt-auszuege/)