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Zu den jüngsten Ereignissen in Athen
Die Vorbereitungen zum Insurrection Festival begannen bereits im April. Der Aufruf war offen für alle, die sich an dem Festival beteiligen wollten. Erklärungen von Bewegungen, politische Theorie, Geschichte, Kultur, Verbreitung praktischen Wissens, Aktionen und Schaffung von Bewusstsein sollten zum Programm gehören. Der Zeitraum kurz vor dem offiziellen Gedenken am 17. November war nicht zufällig und ließ Konflikte erkennen. Bereits der Charakter eines Festivals wurde nicht von allen vorbereitenden Gruppen als geeignet zum Thema Aufstand angesehen. Weitere strittige Punkte wurden dann die Art und Weise mit der das offizielle Gedenken der institutionellen Linken verhindert werden sollte, um sich das Datum 17. November wieder anzueignen.
Einige wollten nicht hinter die Ereignisse des letzten Jahres zurück fallen, als beginnend mit den Straßenschlachten gegen den Obama Besuch am 15. November, ein Gebäude des Polytechnio bis zum Morgen des 18. besetzt wurde und Parteien wie der KKE kein Zugang auf das Gelände möglich war. Linke Gruppen und Parteien imitieren jedes Jahr den Ablauf von 1973, in dem sie am 15. November das Gelände betreten, ihre Infostände und Veranstaltungen aufbauen und am 17. November dann wieder zu einer rituellen Demo verlassen, während die Polizei danach die Uni abriegelt, um sich Straßenschlachten mit den Bewohner*innen Exarchias zu liefern.
2016 wollten sich die Parteien jedoch nicht mit dem Protest gegen den Obama Besuch solidarisieren und schreckten auch vor den Auseinandersetzungen zurück, so dass die Besetzung des Polytechnio nicht auf Widerstand stieß. Lediglich eine Gruppe linker Studenten wurde irrtümlich für Mitglieder der KKE Untergruppierung MAS gehalten und zusammengeschlagen.
In diesem Jahr wollten dann einige Gruppen das ganze Polytechnio besetzen, um den Parteien keinen Zugang zu ermöglichen und auch das Ritual der Geschichtsfälschung durch die KKE und des Kranzabwurfs der Regierung zu verhindern. Die Art und Weise der Besetzung wurde nicht von allen Vorbereitenden mitgetragen, weil man selbst nicht autoritär und abschreckend auftreten wollte und weil einige glauben, dass die anarchistische Bewegung den Schutz und die Masse der Parteien und Linken braucht, um agieren zu können.
Das Festival begann am 12. November mit geringer Beteiligung der Bewegung insgesamt, einzelne Veranstaltungen waren aber gut besucht. Mehr zum Programm hier https://insurrectionfestival.noblogs.org/ . Sicher passte einigen traditionellen Anarchist*innen nicht die internationalistische Ausrichtung mit Übersetzung aller Texte und Veranstaltungen ins Englische. In der Nacht des ersten Tages spielten Menschen im Hof Fußball, als MAT Bullen sie über den Zaun mit Steinen und Blendschock bewarfen, auch Zivis waren auf das Gelände eingedrungen, weil die Tore nicht bewacht waren. Eine Nacht später wurde in der Umgebung ein Franzose verhaftet, weil er Überwachungskameras abgerissen haben soll. Die Presse erging sich darauf in Verschwörungstheorien, dass Busladungen ausländischer Krawalltouristen angereist seien.
Nach dem Ende eines Konzerts am 14. November begann gegen 4 Uhr morgens die Verbarrikadierung aller drei Tore auf das Polytechnio Gelände. Um 5 Uhr wurden die auf der Patision vor der Uni dauerhaft stationierten MAT Einheiten mit Molotovs und Steinen angegriffen, um den Beginn der Besetzung deutlich zu machen und damit der Gaseinsatz der Bullen die Schläger der KKE vom Betreten des Geländes abhält. So geschah es auch einige Stunden, bis im Morgengrauen sich schnell einige Hundert stalinistischer Mitglieder der KKE und anderer Gruppen, mit Knüppeln und behelmt zu stundenlangen Provokationen und Demonstrationen vor dem Haupteingang des Polytechnio versammelten.
Für die Besetzenden eine unangenehme Situation, weil sie bei einer Stürmung durch KNAT unterlegen wären. Zum Glück kam es dazu nicht. Und an einem Tor entwickelten sich Verhandlungen mit Presse und Abgesandten der Linken. Das martialische Auftreten der Besetzer*innen verhinderte eines der vorher verabredeten Ziele, nämlich das alle anderen außer den Parteien das Polytechnio für ihre Art des Gedenkens betreten können. Durch das abschreckende Sichern der Tore gegen eine Erstürmung durch Parteischläger entstanden Mißverständnisse, wie sie auch in diesem Text https://de.indymedia.org/node/15238 zum Ausdruck kamen.
1998 wurde dem anarchistischen Block die Teilnahme an der Demonstration zum 17. November verboten. Als sich dieser Block trotzdem formierte, wurde er von der Polizei mit Hilfe der KNAT aufgelöst, wo diese berühmten Aufnahmen entstanden: https://www.youtube.com/watch?v=9Zy3s4EpbtQ . KNAT ist ein Wortspiel aus KKE bzw. KNE + MAT.
Am Abend des 15. November fand dann im Polytechnio eine offene Versammlung zur Besetzung statt, die im Vergleich zum Festival und den Vorbereitungen von starkem Interesse der Bewegung geprägt war. Es wurde sehr laut gestritten und Menschen, die in den letzten Jahrzehnten des öfteren gemeinsam dieses Gebäude besetzt hatten, standen sich gegenüber. Eine Kritik war, man dürfe das Datum nicht vereinnahmen, weil der 17. November 1973 kein anarchistisches Ereignis gewesen wäre, eine Position die tatsächlich umstritten ist, siehe auch https://urbanresistance.noblogs.org/abriss-2/griechenland/ . Weiterhin wurde kritisiert, dass auch allen anderen der Zutritt nicht möglich wäre, weil sie Angst hätten. Der Bruch mit der institutionalisierten Linken wurde nicht in der Form als nötig angesehen. Es gab aber auch Zeitzeugen des Aufstands von 1973, die eine flammende Rede für den dauerhaften, ständigen Angriff auf den Staat und seine Polizei hielten und solidarisch mit der Besetzung waren.
Trotz aller Wut verlief der Abend friedlich, die Besetzung wurde aufrecht erhalten. Für den 16. November riefen Nachmittags vor allem Class Counter Attack zu einer Demonstration gegen die Besetzung auf. Diesem Aufruf folgten ungefähr 300 Menschen, die mit Knüppeln und Helmen durch das Tor in der Stournari Straße auf das Polytechnio drangen, wobei die Besetzenden keine Konfrontation suchten. Die Gegner*innen der Besetzung öffneten dann das Tor auch wieder für Parteien, KKE und Syriza erschienen jedoch nicht. Es folgte eine weitere Versammlung. Die Besetzung des Polytechnio wird weiterhin als wichtiger Schritt zum Bruch mit der offiziellen Linken angesehen, als Vorbereitung zu weitergehenden Entwicklungen. Beteiligt haben sich daran vielleicht 50 bis 100 Menschen, sie waren klar in der Minderheit gegenüber dem Flügel der „anarchistischen“ Bewegung, der sich – so die Einschätzung einiger Leute – weiterhin an Syriza anlehnen will. Ob die eigene Position mehrheitsfähig ist, kann allerdings kein Kriterium anarchistischer Intervention sein.
Am Nachmittag des 17. November formierte sich dann die übliche Demonstration um vom Polytechnio zur US Botschaft zu ziehen. Wie immer wurde diese Demo auf der Alexandras von der Polizei angegriffen, die Reste flüchteten nach Exarchia, wo sich bereits Hunderte ausgerüstet hatten und sich eine stundenlange Straßenschlacht mit MAT lieferten. Leider wurde hierbei auch eine Rechtsanwältin von einem Raketengeschoß schwer verletzt, als sie hinter einer Polizeikette mit Reportern sprach.
Eindrücke aus Exarchia: https://www.youtube.com/watch?v=uNmI-jyJZS0
In Thessaloniki entwickelten sich die Zusammenstöße am 17. November vom Unigelände aus : https://www.youtube.com/watch?v=ntpUaUuY42E
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