„Aktion T4“ - Erinnerung und Protest

A. Skulski 03.05.2010 15:35 Themen: Antifa Repression
Berlin, 2. Mai, 16 Uhr. An der Gedenktafel der „Aktion T4“ in der Tiergartenstraße kommt eine kleine Gruppe von Menschen zusammen, um der Opfer des unmenschlichen medizinisch-psychiatrischen Massenmordes zu gedenken (siehe Info). In die bronzene Tafel, die an diesen barbarischen Akt erinnern soll, wurde folgender Text eingraviert:...
„Ehre den vergessenen Opfern
"An dieser Stelle, in der Tiergartenstraße 4, wurde ab 1940 der erste nationalsozialistische Massenmord organisiert, genannt nach dieser Adresse Aktion T4.
Von 1939 bis 1945 wurden fast 200.000 wehrlose Menschen umgebracht. Ihr Leben wurde als "lebensunwert" bezeichnet, ihre Ermordung hieß "Euthanasie".
Sie starben in den Gaskammern von Grafeneck, Brandenburg, Hartheim, Pirna, Bernburg und Hadamar.
Sie starben durch Exekutionskommandos, durch geplanten Hunger und Gift.
Die Täter waren Wissenschaftler, Ärzte, Pfleger, Angehörige der Justiz, der Polizei, der Gesundheits- und Arbeitsverwaltungen.
Die Opfer waren arm, verzweifelt, aufsässig oder hilfsbedürftig.
Sie kamen aus psychiatrischen Kliniken und Krankenhäusern, aus Altenheimen und Fürsorgeanstalten, aus Lazaretten und Lagern.
Die Zahl der Opfer ist groß, gering die Zahl der verurteilten Täter."

Rene Talbot von der Irren-Offensive  http://www.antipsychiatrie.de/, eine der Mitorganisatoren des „T4-Umzuges“, sagte in seiner Ansprache unter anderem: „Obwohl das Arbeiten in den geschlossen Stationen der BRD seit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention in der BRD am 01.01.2009 ein Verbrechen und damit die MitarbeiterInnen dort zu VerbrecherInnen geworden sind und obwohl sowohl das Einsperren von Menschen in geschlossene Stationen seit diesem Datum insgesamt als auch die diskriminierenden psychiatrischen Sonder-Gesetze, die dieses Einsperren legalisieren, illegal sind, existieren diese Folter-Gefängnis-Stationen bis heute weiter! Psychiatrische Zwangsbehandlung ist Folter! Die, die in den „Geschlossenen“ arbeiten, sind Verbrecher! Weg mit den illegalen „Psychisch-Kranken“-Sonder-Gesetzen! Sofort!“

Nach einer Schweigeminute zog der „T4-Umzug“ zum Denkmal des Polnischen Soldaten. „Wir wollen damit einerseits auch an die von Deutschen Ermordeten in den polnischen Psychiatrien erinnern und anderseits die Gründung einer polnischen Sektion der IAAPA  http://anty-psychiatria.info, „Internationalen Vereinigung gegen psychiatrische Angriffe“ (International Association Against Psychiatric Assault  http://iaapa.ch/) feiern“ – sagte Talbot. „Der internationale Kampf gegen die psychiatrischen Folter-Behandlungen geht weiter und muss weiter gehen.“

Der Umzug, der von einer Flugblatt-Aktion, die über „Aktion T4“ informierte begleitet wurde, ging über Brandenburger Tor und Alexanderplatz zum Volkspark Friedrichshain. Dort, am „Denkmal des Polnischen Soldaten“, ging die Demonstration mit folgender Ansprache zu Ende:

„Wir gedenken heute der Opfer eines unmenschlichen Aktes. An seiner Ausführung waren vor allem auch Mediziner beteiligt. Es war ein grausamer Massenmord, der gegen Menschen ausgeführt wurde. Man hat ihnen zuerst ihre Freiheit, ihre Würde und ihr Rechtes auf Selbstbestimmung beraubt und sie dann als„Entartete“ bezeichnet und umgebracht. Auf der Gedenktafel lesen wir u.a., dass es sich hierbei um arme, verzweifelte, aufsässige und hilfebedürftige Menschen handelte. Es war ein Krieg nach innen…

Inzwischen vergingen 70 Jahre. Durch die s.g. Globalisierung werden Banken, Industrie, Interessengruppen zusammen gebunden, an den Einzelnen denkt man immer weniger. Politik, Macht, Militärische Stärke scheinen wichtiger zu sein, als das wichtigste Glied in der Kette – der Mensch. Heute heißt, es es sei „Frieden“…

Ist es aber Frieden, wenn uns das System durch seinen ständig ausgeübten Leistungsdruck einerseits Arme, Verzweifelte, Aufsässige und Hilfebedürftige produziert und anderseits Anstalten hat, in denen man sie mit Giften, wie bewustseinverändernden Psychopharmaka, ruhigstellt und vor der Gesellschaft wegsperrt? Der Gesellschaft wird dabei vorgegaukelt, dass sie dadurch geschützt wäre. Ist es aber wirklich so? Folgen wir wirklich unseren Zielen, die wir 1948 in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte verkündeten?  http://www.ohchr.org/EN/UDHR/Pages/Language.aspx?LangID=ger]Allgemeinen

Die Psychiatrie-Erfahrenen berichten da etwas ganz anderes. Sie berichten über Gewalt, über Verletzung von elementaren Menschenrechten, dass ihre Würde und das Recht auf Selbstbestimmung für die heutigen Psychiater, genauso wie damals, keine Rolle spielen.
Es werden heute in Deutschland jährlich über 200.000 Menschen zwangseingewiesen! Einem Psychiater reicht es inzwischen zu sagen: „Sie wissen nicht, wovon sie da reden, Herr Doktor“ – schon wird einem eine Diagnose ausgestellt. Man sei dann manisch… dazu noch paranoid, weil man etwas sieht, was der Herr Doktor nicht sehen mag. Aufgrund solcher Diagnosen passiert es schnell, dass man zwangseingewiesen und zwangsbehandelt, mit psychotropen Drogen vollgepumpt, oft fixiert oder gar mit Elektroschocks behandelt wird, von Psychoterror und ständiger Erniedrigung ganz zu schweigen.

Aber wir wissen es. Zumindest viele von uns. Genauso wie damals, so auch heute gibt es nicht nur Täter und Opfer, es gibt auch uns, die Zeugen. Wir müssen uns im Klaren sein, dass wir auch zu den heutigen Umständen in der Psychiatrie nicht schweigen dürfen. Politische Auseinandersetzung ist wichtig. Aber ich appelliere auch um einfachen menschlichen Einsatz. Gerade die journalistisch tätigen, in welcher Form auch immer, sollen über die Bedürfnisse dieser inhaftierten Menschen recherchieren und berichten. Fragen wir sie und geben ihre Antworten weiter, warum sie zu Armen wurden, warum sie zu Verzweifelten, aufsässig geworden sind und was wäre für sie eine wirkliche Hilfe?
Ohne unser Engagement bleiben sie dort weiterhin entmündigt und ohne jegliche Rechte. Sie werden weiterhin isoliert, von der Gesellschaft abgegrenzt, ihnen wird dadurch das wichtigste, was sie am meisten brauchen entzogen - die Liebe! Eine Diagnose führt nämlich in den meisten Fällen auch dazu, dass diese Menschen von ihren Familien gedankenlos abgestoßen werden, wodurch sie dann der psychiatrischen Maschinerie ohne jeglichen Schutz ausgeliefert sind.

Wir dürfen nicht zulassen, dass sie weiter radikal ausgegrenzt werden und ihr Leben wieder zu „genetisch Defektem“ erklärt wird.

FOTOS HIER:  http://www.freedom-of-thought.de/may2
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Ergänzungen