Brief aus dem russischen Knast

avtonom.org 02.04.2014 05:38 Themen: Antifa Repression Soziale Kämpfe Weltweit
Der im nordrussischen Murmansk verhaftete und zu einem Jahr Lagerhaft verurteilte Punk und Anarchist Ras'chod (Alexej Ras'chodtschikow) hat sich mit einem offenen Brief zu Wort gemeldet.
Ich grüße alle, die sich noch für meinen Fall interessieren! Ein gerechtes Urteil hat es [auch in der Berufung, Üs.] nicht gegeben, und ich bin auf eine verpflichtende Exkursion zu Orten des Freiheitsentzugs geschickt worden. Ja, ich nehme das jetzt als Exkursion wahr, als Möglichkeit, neue Erfahrungen zu machen.

An erster Stelle möchte ich meinen Dank der großen Anzahl von Leuten aussprechen, die mich unterstützt haben. Ich wurde keine Minute alleingelassen, selbst in der totalen Isolation spürte ich das Vertrauen auf Eure Solidarität -- und dieses Vertrauen hat mir geholfen, nicht unter der Ladung Lügen und Unrecht zu zerbrechen, mit der mich das repressive Polizeisystem überschüttet hat.

Trotz der offensichtlichen Ungerechtigkeit traf mich das Urteil nicht unerwartet. Vielleicht hätte ich die Möglichkeit gehabt, der Haft zu entgehen -- ich hätte mich schuldig bekennen und dafür einen harmloseren Straftatbestand bekommen können, z. B. eine falsche Erklärung zu dem Messer [das ihm untergeschoben worden wurde und als Beweismittel diente, Üs.] abgeben. Die Ermittlungsbehörde hatte ja überhaupt keine Beweise, dass das Messer mir gehört, außer wenn ich eine entsprechende Aussage gemacht hätte. Aber ich bin nicht bereit, mit einer Lüge für meine Freiheit zu zahlen. Ich war von A bis Z ehrlich -- das war die einzige Möglichkeit, der Allgemeinheit die Niedertracht des Repressionsapparats aufzuzeigen. Ich hoffe, dass mein Fall vielen die Augen geöffnet hat und jegliche Illusionen über die Unvoreingenommenheit des Gerichts und die Rechtmäßigkeit der Polizeimethoden platzen ließ. Es ist für den Staat einfacher, einen Unschuldigen abzuurteilen als Unrecht und Korruptheit bei sich selbst anzuerkennen. Die Funktion der Polizei ist die soziale Kontrolle und der Schutz der Interessen der Mächtigen und des Privateigentums, aber nicht die Verhinderung von Verbrechen, der Kampf gegen die Kriminalität oder der Schutz der bürgerlichen Freiheiten, wie die offizielle Propaganda immer behauptet.

Mein Fall ist bei weitem nicht das einzige Beispiel polizeilicher Willkür. Auch andere werden mit konstruierten Anklagen verurteilt oder erhalten langjährige Haftstrafen, die in keinem Verhältnis zu ihren Taten stehen. Ich habe eine Stimme und bin entschlossen, sie einzusetzen, ich bemühe mich, nach meinen Möglichkeiten die Aufmerksamkeit auf diese Fälle von Unrecht und Maßlosigkeit zu lenken.

Zum Schluss möchte ich meine GenossInnen ermahnen, für mich nicht die Begriffe "politischer Gefangener" und "Gewissensgefangener" zu verwenden. Ich halte mich weder für das eine noch für das andere. An meiner Stelle könnte absolut jedeR stehen. Jedes Jahr werden Hunderte Opfer grenzenloser Polizeigewalt, obgleich das aus verschiedenen Gründen nur die wenigsten publik machen. Ich bin auch überzeugt, dass das Strafverfahren gegen mich nicht einmal eingeleitet worden wäre, hätte ich mich entschieden, zum duldsamen Opfer des Polizeisystems zu werden und meine Zunge im Zaum zu halten. Fürchtet Euch nicht davor, mit der Polizei zu streiten. Letztendlich sind wir alle Gefangene -- nur ist meine Zelle ein bisschen kleiner als Eure.

NO PASARAN!

28. 02. 2014 Ras'chod

Freunde von Ras'chod haben übrigens einen Blog eingerichtet, der ist aber auf Russisch:
 http://7x7-journal.ru/blog/%D0%A0%D0%B0%D1%81%D1%85%D0%BE%D0%B4

Vorgeschichte: Ras'chods Verhaftung bei der Razzia gegen das Wostok-Forum:  http://de.indymedia.org/2013/08/347352.shtml
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Ergänzungen

artikel dazu

ergänzung 02.04.2014 - 07:44