Kurdistan/Türkei Isolation aufgebrochen

ISKU 24.02.2013 08:44 Themen: Weltweit
10.000 politische Gefangene befanden sich im November in einem 60 Tage andauernden Hungerstreik um die Isolation des Vertreters der kurdischen Bewegung zu durchbrechen. Erst durch einen Aufruf Abdullah Öcalans wurde dieser beendet. Nun fanden schon einige Treffen mit VertreterInnen der kommunalistischen BDP und des Bruders von Öcalan, Mehmet Öcalan statt. Am 19.2. konnt ein längeres Gespräch stattfinden, in dem Öcalan sich zur aktuellen Lage, u.a. den Morden an drei kurdischen Politikerinnen in Paris äußerte.

Abdullah Öcalan: Wir haben dem Staat unser Lösungsprojekt vorgelegt

Am gestrigen Tag wurde dem auf der Gefängnisinsel Imrali inhaftierten PKK-Vorsitzenden Abdullah Öcalan der Besuch seines Bruders, Mehmet Öcalan, gestattet. Am Folgetag berichtet Mehmet gegenüber der Nachrichtenagentur Dicle (DIHA), was sein Bruder ihm während ihrer 45-minütigen Gesprächszeit mitgeteilt hat.
Mehmet Öcalan erklärte, dass sein Bruder sich in einer guten Verfassung befand. Zunächst hätte Abdullah Öcalan ihn gefragt, wie die öffentliche Meinung gegenüber der aktuellen Phase sei. „Ich habe ihm mitgeteilt, dass etwa 70% der Öffentlichkeit die Phase als wichtig bewerten. Aber sie wollen auch, dass die Phase richtig und ernsthaft geführt und nicht für irgendwelche Täuschungsversuche instrumentalisiert werden sollte“, so Mehmet Öcalan.

Besuch der BDP-Delegation auf Imrali
Abdullah Öcalan hat im Gespräch durch seinen Bruder mitteilen lassen, dass sie dem Staat ein Lösungsprojekt vorgelegt haben. Für die Lösung der Frage seien allerdings auch Kandil und die Strukturen in Europa wichtige Standbeine. „Diese Menschen sind dort und sie leiten auch die Bewegung. Ich kann ihnen meine Standpunkte nicht durch irgendwelche Vögel vermitteln. Deswegen ist es wichtig, dass die Co-Vorsitzenden des DTK und der BDP hierher kommen. Aber es wird wegen der Namen der Personen Probleme gemacht. Wenn die einen nicht kommen können, kann man andere Leute aus der BDP hierher kommen lassen. Es ist wichtig, dass diese Delegation kommt, damit wir hier darüber diskutieren können, wie diese Phase weiterlaufen soll. Bis jetzt ist niemand mehr gekommen. Ahmet und Ayla waren vor 40 Tagen hier. Wir haben gesagt, dass ein Standbein der Lösung Kandil und ein Standbein die kurdischen Strukturen in Europa sind. Das wichtigste Standbein ist allerdings das Volk hier selbst. Es ist das kurdische und das türkische Volk. Das Ganze ist kein Problem der letzten 30–40 Jahre, sondern ein Problem, das sich seit 100–200 Jahren hinzieht. Wenn wir dieses Problem lösen wollen, sollte die Delegation hierher kommen. Wir werden hier gemeinsam diskutieren und sie werden diese Diskussionen in die Bevölkerung tragen. Auch Kandil und Europa sollen ihre Lösungsansichten mitteilen. Ich wiederhole mich nochmal. Ich kann meine Meinung der Bevölkerung und Kandil nicht durch irgendwelche Vögel mitteilen lassen. Deswegen soll die Delegation kommen. Wie gesagt, wir haben unser Lösungsprojekt teilweise dem Staat und der Regierung mitgeteilt. Von unserer Seite aus wird es zu keinem Stocken des Projekts kommen. Wenn die Phase dennoch ins Stocken gerät, werden darunter das kurdische und das türkische Volk leiden. Jeder, der in der Region lebt, wird darunter leiden. Deswegen sollte jeder sich auf die vor uns liegende Phase richtig vorbereiten“, so Abdullah Öcalan.

„Nicht alles ist abhängig von mir“
Hinsichtlich seiner eigenen Rolle in einem Lösungsprojekt teilte Abdullah Öcalan durch seinen Bruder folgendes mit: „Ich bin hier inhaftiert. Wenn ich von dieser Situation aus bei jedem Schritt sagen würde ‚das muss so und jenes muss so gemacht werden‘, wäre das nicht richtig und moralisch vertretbar. Ich kann in dieser Phase meiner Verantwortung gerecht werden. Aber es ist wichtig, dass ihr nach draußen die Wahrheiten vermittelt. Ich habe hier Gespräche mit dem Geheimdienst geführt. Es mag sein, dass die Leute, die hierher zu mir gekommen sind, die Sache ernst nehmen. Aber sie sind nicht die einzige Kraft. Es scheint auch andere Kräfte zu geben. Ich weiß auch nicht, wie weit die Kraft derjenigen geht, die hierher zu mir gekommen sind. Ich werde zumindest alles tun, was in meiner Hand liegt. Aber auch meine Möglichkeiten sind beschränkt. Und alles lässt sich auch nicht mit mir klären. Sie wollen die ganze Verantwortung mir übertragen. Das ist nicht die richtige Herangehensweise. Wie gesagt, ich tue alles im Rahmen meiner Möglichkeiten. Ich habe auch über die Delegation unsere Ansichten für eine Lösung der Regierung zukommen lassen. Was wollen wir? Was können wir machen? Wie können wir es lösen? Unsere Antworten auf diese Fragen haben wir der Regierung zukommen lassen. Sie werden unsere Forderungen und unsere Ansichten für eine Lösung der kurdischen Frage bewerten. Ich möchte es aber noch einmal betonen. Ich bin hier ein Gefangener und ich habe nicht das Recht, für alles zu sprechen. Macht nicht alles abhängig von mir. Auch wenn ihr es tut, kann ich dem nicht gerecht werden.“

Die Verantwortlichen der Pariser Morde
Öcalan bewertete im Gespräch mit seinem Bruder die Morde an den drei kurdischen Aktivistinnen in Paris wie folgt: „In Paris wurden drei Frauen ermordet. Das war ein Massaker. Sie versuchen eine Person für dieses Massaker verantwortlich zu machen. Sie sagen, dass er aus Sivas ist, benennen ihn beim Namen und sagen, er sei für die Tat verantwortlich. Aber jeder sollte wissen, dass hinter dem Mord diejenigen Kräfte stecken, die mich auch hierher gebracht haben. Es ist die Rede von der Gladio, der NATO. Der Tatvollstrecker war zuvor zehn Mal im Jahr in der Türkei, in Ankara. Mit wem hat er in Ankara gesprochen? Was waren die Rollen der Leute, mit denen er gesprochen hat. Wer hat den Plan, das Projekt ausgeheckt? Das muss so schnell wie möglich aufgeklärt werden. Es darf nicht verheimlicht werden. Wenn sie das nicht öffentlich machen, kann es am nächsten Morgen vielleicht zu einem noch größeren Massaker kommen. Wer hat diese Tat geplant? Frankreich, Europa, die USA und die NATO wissen das. Aber sie schweigen. Sie wollen nicht, dass die Phase voranschreitet.“

„Unser Volk in Syrien sollte achtsam sein“
Auch die Entwicklungen in Syrien und Westkurdistan wurden von Öcalan bewertet. Dabei rief Öcalan die kurdische Bevölkerung dazu auf, besonders achtsam zu sein. „Die Bevölkerung Syriens ist bunt, es gibt Kurden, Araber, Armenier, Turkmenen. In Syrien ist aber gegenwärtig nicht abzusehen, was dort in einem oder zwei Jahren sein wird. Die Kurden dort, eigentlich alle Völker Syriens, sollten sich noch mehr als um ihr tägliches Wasser und Brot darum sorgen, wie sie sich für ihre Zukunft wappnen. Dafür sollten sie große Mühen aufbringen, sie sollten sehr achtsam sein. Den Aufstand des kurdischen Volkes in Syrien begrüße ich. Ich schätze ihren Aufstand sehr hoch. Auch den Kurden im Iran möchte ich meine Grüße ausrichten. Ich grüße unsere Bevölkerung in Kurdistan, der Türkei, in Europa und der ganzen Welt, die zum 15. Februar auf die Straßen gegangen sind. Ich drücke der Familie von Şahin Öner, der in Amed durch einen Panzerwagen ermordet worden ist, mein Beileid aus“, so Öcalan.
Quelle: DIHA, 19.02.2013, ISKU
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