Neuer Neonazi-Laden in Kiel?

quimera.noblogs.org 17.01.2013 11:47 Themen: Antifa
Am Kieler Vineta-Platz eröffnete Anfang Dezember 2012 ein Geschäft mit Namen “PLS-Werkzeuge”. Vordergründig wirbt das Geschäft damit, ein “An- und Verkauf” zu sein und Schlüssel und Gravuren zu vertreiben. Wie eintieferer Blick in das Sortiment bestätigt, handelt es sich dabei hauptsächlich um Einbruchswerkzeug und Bewaffnung. Aus antifaschistischer Perspektive verdächtig erscheint, dass die Betreiber des Ladens, soweit sie bekannt sind, sämtlich einer Melange aus militanter Neonazi-Szene und Rocker-Gruppierungen zugehören. Inwieweit das Geschäft auch zu neonazistischen Aktivitäten genutzt wird oder ob es nur profanen Profitinteressen dient, bleibt fraglich.
Das Geschäft

Wie erwähnt existiert das Geschäft in dem Ladenlokal erst seit kurzem, ist aber Teil eines Unternehmens, das abwechselnd unter “Polenschlüssel” oder “PLS-Werkzeuge” (PLS=”Polenschlüssel) firmiert. Dieses Unternehmen wird schon seit mehreren Jahren von Neonazis aus Schleswig-Holstein betrieben¹.

Unter dem rassistischen Firmennamen versuchten sie bisher lediglich über das Internet Geld mit dem Verkauf von Einbruchswerkzeug zu verdienen. Seit neuestem ist auch das Ladenlokal im Kieler Stadtteil Gaarden dazugekommen. Konkrete neonazistische Bezüge werden versucht aus dem Unternehmen heraus zu halten. Sicherlich um zum einen das Geschäft nicht zu schädigen und um zum anderen das Bedürfnis nach “unpolitischem” Auftreten des (zwischenzeitlich verbotenen) Neumünsteraner “Bandidos”-Chapters zu befriedigen, das an den Geschäften über seine Mitglieder Alexander Hardt und Peter Borchert partizipiert. Dieses gelang nur mäßig, schließlich ist eine der Adressen des Unternehmens jene des neonazistischen Lokals “Club88″ (“88″ steht für “Heil Hitler”) in Neumünster und es sind alle bisher bekannten Betreiber Neonazis, die ohne Ausnahme in gewaltbereiten Strukturen organisiert sind oder waren.
Ob die Eröffnung des Geschäfts in Kiel ein Erfolg wird bleibt abzuwarten. Neben möglichen antifaschistischen Protesten gilt Kiel als Hochburg der “Hells Angels” und damit der direkten Konkurrenz der “Bandidos”. Außerdem haben auch staatliche Organe die Rocker-Gruppierungen zuletzt verstärkt mit repressiven Maßnahmen bekämpft.

Die Akteure

Bekannt als Betreiber von “PLS-Werkzeuge” sind bis jetzt drei Personen. Die wohl bekannteste Persönlichkeit, die mit dem neuen Geschäft in Kiel assoziiert wird, ist Peter Borchert. Nachdem mit ihm als Landesvorsitzendem zunächst die militanten Neonazi-Strukturen den Landesverband der NPD “übernahmen”, baute Borchert ab 2007/2008 maßgeblich Gruppierungen im Stil der “Autonomen Nationalisten” in Schleswig-Holstein mit auf, allen voran die “AG Kiel”. Diese trat bis in das Jahr 2010 vor allem durch militante Übergriffe verschiedenster Art in Erscheinung. Dieser Gruppierung können auch mutmaßlich die Schüsse auf die Alte Meierei zugeordnet werden²⁺³.

Relativ schnell ergaben sich auch personelle Überschneidungen der militanten neonazistischen Gruppierungen und den sogenannten “Outlaw Motorcycle Gangs” (OMG), allen voran den “Bandidos”. Schwerpunkt dieser losen Zusammenarbeit waren die Städte Kiel und Neumünster. Auch wenn beide Seiten (OMGs wie neonazistische Zusammenhänge) stets ihre Unabhängigkeit voneinander betonten, waren die starken Verbindungen nicht zu übersehen. Eine der zentralen Figuren dieser Integration neonazistischer Akteure in Rocker-Gangs, und damit auch in die organisierte Kriminalität, ist Peter Borchert. Neben diversen Übergriffen im politischen Kontext ist Borchert u.a. wegen eines
Tötungsdelikts, gefährlicher Körperverletzung und 16-fachen Waffenhandels vorbestraft⁴⁺⁵,
was dazu führte, dass er ca. ein Drittel seines bisherigen Lebens in Haft verbracht hat. Aktuell verbüßt Borchert noch eine Haftstrafe, weil er zwei Mitglieder verfeindeter Rocker-Gruppierungen niedergestochen haben soll. Die Haftstrafe läuft im Jahr 2013 aus.
Politisch vertritt Peter Borchert den national-revolutionären Ansatz der “Autonomen Nationalisten”, vorbestraft ist er unter anderem auch im Zusammenhang mit militanten Aktivitäten des “Blood and Honour-Netzwerks” und dessen terroristischen Arms “Combat 18″.

Mit dem Stadtteil Gaarden in Kiel verbindet Peter Borchert schon eine längere Geschichte. Borchert führte bereits mehrere Versuche durch, in dem Stadtteil Fuß zu fassen, unter anderem durch einen Umzug nach Gaarden und dem Aufbau einer neonazistischen Wohngemeinschaft. Diese Versuche scheiterten am Widerstand antifaschistischer Aktivist_innen⁶. Insofern könnte die Beteiligung Borcherts an dem neuen Geschäft in Gaarden durchaus eine persönliche Note für ihn haben.
Seine genaue Rolle in dem Geschäft ist aufgrund seiner andauernden Inhaftierung noch nicht absehbar. Allerdings stellt allein die Tatsache, dass er offen auf dem Schild des Ladens firmiert eine unverhohlene Provokation dar. Schließlich hat er im Laufe der Jahre diverse Anfeindungen in Kiel provoziert. Neben Konflikten mit Antifaschist_innen hat Borchert inzwischen vier Mitglieder der in Kiel dominant auftretenden “Hells Angels” und deren Unterstützergruppierungen niedergestochen. Also ist davon auszugehen, dass die Beteiligung Borcherts an dem Geschäft nicht nur der Knüpfung eines sozialen und finanziellen Netzes für die Zeit nach der Haft dient, sondern auch eine Kampfansage an seine bisherigen Gegner_innen darstellt.

Lars Bergeest ist bislang spärlicher öffentlich in Erscheinung getreten, allerdings gilt dieser schon seit Jahren als ein Drahtzieher im “Blood and Honour-Netzwerk”. Der aus Ostholstein kommende Kader organisiert klandestin durchgeführte Rechtsrockkonzerte und pflegt gute Kontakte nach Skandinavien, vor allem nach Dänemark, wo er zwischenzeitlich lebte, und nach Schweden. So war er auch schon führend an schwedischen Demonstrationen mit neofaschistischen Inhalten beteiligt⁷. Auch besuchte er wiederholt andere neonazistische Aufmärsche, so diverse Male den jährlichen “Trauermarsch” in Lübeck und Rudolf-Heß-Gedenkveranstaltungen in Dänemark. Sein persönliches Umfeld besteht vor allem aus Neonazis aus Ostholstein, wodurch er auch den inzwischen in Neumünster wohnhaften Alexander Hardt kennt.
Seine Funktion in dem “Polenschlüssel”-Versand ist die Geschäftsführung, welche er schon kurz nach dessen Eröffnung im Jahr 2010 von Hardt übernahm⁸.

Alexander Walter Wilhelm Hardt stammt ursprünglich aus Ostholstein und wohnt inzwischen in Neumünster. Hardt ist den subkulturell geprägten neonazistischen Strukturen um den neumünsteraner “Club88″ und das “Blood and Honour-Netzwerk” zuzuordnen. Erstmals öffentlich bekannt wurde Hardt, als er wegen einer 2008 begangenen Schändung des jüdischen Friedhofs seiner damaligen Heimatstadt Neustadt i.H. angeklagt war. Zu dem Prozess begleiteten ihn bekannte Akteure der Rechtsrock-Szene, so Lars Bergeest und Marko Eckert, Sänger der neonazistischen Band “Words of Anger”. In der Folge fiel Alexander Hardt wiederholt durch Vergehen mit eindeutigen politischen Bezügen auf. So hat er das Booklet der verbotenen CD “Geheime Reichssache” der Band “Kommando Freisler” gestaltet. In dem Booklet sind unter anderem Hakenkreuze abgebildet und es wird auf der CD zu einer Neuauflage der Shoa aufgerufen. Auch für diese Vorgänge in Rahmen des “Blood And Honour”-Projekts “Kommando Freisler” fand sich Hardt vor Gericht wieder⁹.
In den letzten Jahren ließ der politische Aktionismus von Hardt zugunsten seines Engagements bei den “Bandidos” etwas nach. Allerdings ist der Kampfsportler Hardt immer noch eng mit der neonazistischen Szene verknüpft. So trainiert er in Neumünster in der unter Neonazis beliebten Kampfsportschule “Athletik Klub Ultra”, bewegt sich im Umfeld des “Club88″ und veröffentlicht auf dem Portal der “Freien Szene”, “Mein-SH”. Auch trägt er immer noch politische Konflikte aus, die zum Teil zu Prozessen führen, wie dem gegen Angelika Beer¹⁰.
Alexander Hardt ist Gründer des “Polenschlüssel”-Versands und auch Inhaber der Domains. In dem alltäglichen Geschäft scheint er vor allem die Betreuung des Ladengeschäfts in Kiel übernommen zu haben, wo er als Verkäufer auftritt.

Einschätzung

Dass das neue Ladengeschäft sich zu einem offenen Treffpunkt neonazistischer Zusammenhänge entwickelt, ist aus verschiedenen Gesichtspunkten unwahrscheinlich. Zum einen ist der Geschäftsinhalt zu profan und das Geschäftsinteresse insbesondere der “Bandidos” zu groß, um sich einen offenen politischen Anstrich zu geben. Außerdem verfügen jene neonazistischen Strukturen, denen die Betreiber des Geschäfts zuzurechnen sind, mit dem “Club88″ über einen offenen Treffpunkt und dürften deshalb keinen Bedarf haben, das kleine Ladengeschäft für solche Zwecke zu nutzen. Zum anderen haben die Neonazis in den letzten Jahren in Kiel den offenen Auftritt weitgehend gescheut, denn die kritische Öffentlichkeit ist dort präsenter als in den ländlichen Regionen.
Trotzdem, oder gerade deshalb, ist das Geschäft aus antifaschistischer Perspektive kritisch zu beurteilen. Schließlich sind alle Betreiber offene Neonazis. Im Falle eines wirtschaftlichen Erfolgs des Geschäfts würden sich in jedem Fall ihre, vermutlich auch die Handlungsfähigkeit ihrer Strukturen vergrößern. Über die Geschäfte im Rocker Milieu wird “verdienten” Kadern so ein wirtschaftliches und soziales Auskommen gewährleistet, ohne das hierzu eine Abkehr von ihren Aktivitäten im politischen Kontext nötig wäre. Neben der Manifestierung der wirtschaftlichen Handlungsfähigkeiten von den schon einbezogenen Kadern stellt dies auch einen Ansporn für junge Neonazist_innen dar, sich zu beweisen und so auch in den finanziellen Einflussbereich der organisierten Kriminalität zu kommen.
Außerdem stellt natürlich jeder öffentliche Auftritt von Neonazis allein schon eine Zumutung für Menschen dar, die nicht in deren Weltbild passen oder passen wollen.

¹  http://www.antifa-kiel.org/index.php/news/items/gelb-rot-braun-schleswig-holsteiner-nazis-unterwandern-bandidos-.html
²  http://www.altemeierei.de/tiki-read_article.php?articleId=1403
³  http://www.antifa-kiel.org/index.php/news/items/wer-schoss-2010-auf-die-alte-meierei.html
 http://jungle-world.com/artikel/2012/31/45962.html
 http://www.antifa-kiel.org/index.php/news/items/kieler-npd-ratsherr-gutsche-betroffen-von-razzia-gegen-hells-ang.html
 http://de.indymedia.org/2008/04/213985.shtml
 http://antifa.sfa.over-blog.com/article-19050269.html
 http://antifanms.blogsport.de/2010/06/14/hardt-gibt-zustaendigkeit-fuer-so-genannte-polenschluessel-ab/
 http://antifanms.blogsport.de/2010/01/27/kommando-freisler-prozess-geldstrafe-gegen-alexander-hardt/
¹⁰  https://www.taz.de/!100105/

 http://quimera.noblogs.org
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Ergänzungen

tztztz......

kieler sprotte 20.01.2013 - 20:54
...."Politisch vertritt Peter Borchert den national-revolutionären Ansatz der “Autonomen Nationalisten”, vorbestraft ist er unter anderem auch im Zusammenhang mit militanten Aktivitäten des “Blood and Honour-Netzwerks” und dessen terroristischen Arms “Combat 18″.

peter borchert war nie b&h aktivist, und wurde nie wegen b&h aktivitäten verurteilt! woher habt ihr eure recherche-ergebnisse? es nutzt wirklich niemanden wenn ihr als "tolle" recherchegruppe solche info´s verbreitet! bei solchen sachen ist sorgfaltspflicht angebracht!
bei b. und h. sieht es schon anders aus...die beiden konnen in der nähe der b&h bewegung bzw als unterstützer verortet werden.....

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