Filmreihe auf NS-Täterspuren auch in Kiel

Autonome Antifa-Koordination Kiel 27.10.2012 00:11 Themen: Antifa
"Die Geige aus Cervarolo" (IT 2012) berichtet über einen der letzten NS-Prozesse / Vorführung in Anwesenheit der Filmemacher am 31.10., 20.30 Uhr, Kommunales Kino der pumpe.
Die Filmemacher Nico Guidetti und Matthias Durchfeld touren im Oktober und November mit ihrer neuen Dokumentation „Die Geige von Cervarolo“ durch sechs deutsche Städte. Es sind die Städte, in denen die ehemaligen deutschen Wehrmachtssoldaten wohnen, die am 6. Juli 2011 am Ende eines über einjährigen Verfahrens vor dem Militärgericht Verona wegen ihrer nachgewiesenen Beteiligung an mehreren Massakern an der italienischen Zivilbevölkerung zu lebenslanger Haft verurteilt wurden. Der Film dokumentiert den Prozess aus Perspektive der Überlebenden und Angehörigen der Opfer, die seit über 68 Jahren für Gerechtigkeit kämpfen.

Die InitiatorInnen der Filmreihe vom Bündnis "Mai Più Fascismo" (Nie wieder Fachismus) wollen den Stimmen der Überlebenden und Angehörigen gerade auch dort ein Gehör geben, wo die verurteilten NS-Mörder bis heute einen ruhigen Lebensabend genießen können, ohne sich für ihre Taten verantworten zu müssen.

Italo Rovali aus Cervarolo, Protagonist des Films, verliert 1944 bei einem der von Deutschen verübten Massaker seinen Großvater und seinen Onkel. Er beginnt 2005 die Fakten mit den letzten noch lebenden ZeitzeugInnen zu rekonstruieren. Jahrelang wurden die Akten in Italien auf staatliche Anweisung im so genannten „Schrank der Schande“ verborgen und erst 1994 an die zuständigen Staatsanwaltschaften weitergegeben. Dank seiner Nachforschungen und den Ermittlungen einer Gruppe von StaatsanwältInnen war der im Film dokumentierte Prozess überhaupt möglich.

Auch der in Laboe bei Kiel lebende Erich Koeppe wurde in diesem Prozess zu lebenslanger Haft verurteilt. Das Gericht sieht es als erwiesen an, dass er an Massakern im Frühjahr 1944 in Norditalien beteiligt war, bei denen mehr als 350 ZivilistInnen ermordet wurden - zu einem großen Teil Alte, Frauen und Kinder.

Während die Opfer der Massaker einen grausamen und würdelosen Tod erlitten, verbringen die Täter einen ruhigen Lebensabend mitten unter uns. Sie müssen sich weder den Überlebenden noch den Angehörigen der Opfer stellen. Die Verantwortung dafür trägt die deutsche Regierung, die sich bis heute weigert, NS-Kriegsverbrecher ohne ihr Einverständnis auszuliefern.

Bei dem Prozess handelte es sich voraussichtlich um einen der letzten NS-Prozesse dieser Größenordnung. Insgesamt wurden sieben Deutsche zu lebenslanger Haft verurteilt, zwei wurden freigesprochen. Im gleichen Verfahren wurde die Bundesrepublik als Gesamtschuldnerin zu mehreren Millionen Euro Schadensersatz an hunderte Angehörige der Opfer, norditalienische Provinzen und lokale Gemeindeverwaltungen verurteilt.

Die Filmemacher werden bei den Vorführungen in allen Städten zur weiteren Erläuterung der Hintergründe und zur Diskussion anwesend sein und stehen für Interviews zur Verfügung.

Die weiteren Termine der Filmreihe sind:

28.10. HAMBURG Metropolis, Theaterstr. 10, 17 Uhr
29.10. OSNABRÜCK Filmtheater Hasetor, Hasestr. 27, 20 Uhr
19.11. MÜNCHEN EineWeltHaus, Schwanthalerstr.80, 19.30 Uhr
20.11. NÜRNBERG Filmhaus, Königstr. 93, 19 Uhr
21.11. BERLIN Movimento, Kottbusser Damm 22, 19 Uhr
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Ergänzungen

Hintergründe

Mai piu fascismo! 27.10.2012 - 00:19
Vo­gli­a­mo gius­ti­zia – per non di­men­ti­ca­re – mai piu fa­scis­mo!
Kein Ver­ge­ben, kein Ver­ges­sen, keine Ruhe für deut­sche Na­zi-​Kriegs­ver­bre­cher!
So­for­ti­ge und um­fas­sen­de Ent­schä­di­gung aller NS-​Op­fer!

Ur­tei­le gegen sie­ben deut­sche Kriegs­ver­bre­cher in Ve­ro­na

Im Juli 2011 wur­den am Ende eines über ein­ein­halb­jäh­ri­gen Ver­fah­rens vor dem Mi­li­tär­ge­richt in der nord­ita­lie­ni­schen Stadt Ve­ro­na sie­ben ehe­ma­li­ge deut­sche Wehr­machts­sol­da­ten wegen ihrer nach­ge­wie­se­nen Be­tei­li­gung an meh­re­ren Mas­sa­k­ern an der ita­lie­ni­schen Zi­vil­be­völ­ke­rung wäh­rend des Zwei­ten Welt­kriegs zu le­bens­lan­gen Haft­stra­fen und Ent­schä­di­gungs­zah­lun­gen ver­ur­teilt. Al­le­samt waren sie An­ge­hö­ri­ge der Di­vi­si­on „Her­mann Gö­ring“, einer „Eli­te­ein­heit“ der Wehr­macht, die sich durch ideo­lo­gi­sche Über­zeu­gung und Frei­wil­lig­keit aus­zeich­ne­te. 67 Jahre nach den Gräu­el­ta­ten in der Tos­ka­na und der Emi­lia Ro­ma­gna, bei denen min­des­tens 390 Men­schen jed­we­den Al­ters er­mor­det wur­den, war für die Über­le­ben­den und die An­ge­hö­ri­gen der Opfer nach jahr­zehn­te­lan­gem Kampf um of­fi­zi­el­le An­er­ken­nung zu­min­dest auf dem Pa­pier ein klei­nes Stück Ge­rech­tig­keit her­ge­stellt: Erst­mals wur­den zu­min­dest ei­ni­ge der als Pla­ner und Kom­man­dan­ten haupt­ver­ant­wort­li­chen Täter nach lan­gen Jah­ren des Schwei­gens auch durch staat­li­che Be­hör­den als sol­che beim Namen ge­nannt: Hans Georg Karl Wink­ler, Fritz Ol­berg (†), Wil­helm Karl Stark, Fer­di­nand Os­ter­haus, Hel­mut Oden­wald, Al­fred Lüh­mann und Erich Ko­ep­pe haben sich als Sol­da­ten Na­zi­deutsch­lands des ge­mein­schaft­lich be­gan­ge­nen, mehr­fa­chen, schwe­ren Mor­des schul­dig ge­macht. Drei wei­te­re An­ge­klag­te waren be­reits vor dem Ur­teils­spruch ver­stor­ben, zwei wur­den frei­ge­spro­chen. Sechs der ver­ur­teil­ten Kriegs­ver­bre­cher ver­brin­gen noch heute un­be­hel­ligt ihren Le­bens­abend in Deutsch­land.

Kei­ner der An­ge­klag­ten war in Ve­ro­na vor Ge­richt er­schie­nen, sie wur­den le­dig­lich durch Pflicht­ver­tei­di­ger ver­tre­ten.1 Für eins­ti­ge Na­zi-​Tä­ter, die laut Pro­zess­ak­ten bis zum heu­ti­gen Tage auch sonst kei­ner­lei Reue für ihr Han­deln emp­fin­den, aus gutem Grund: Hät­ten sie sich beim Ur­teils­spruch auf ita­lie­ni­schem Staats­ge­biet auf­ge­hal­ten, wären sie Ge­fahr ge­lau­fen, um­ge­hend ihre Stra­fe an­tre­ten zu müs­sen.
Die BRD hin­ge­gen hält ihre schüt­zen­de Hand über NS-​Kriegs­ver­bre­cher: Weder müs­sen sie eine Aus­lie­fe­rung, noch eine Ver­hand­lung der Kriegs­ver­bre­chen vor deut­schen Ge­rich­ten oder gar die Voll­stre­ckung des ita­lie­ni­schen Ur­teils in Deutsch­land fürch­ten. Die Ur­tei­le von Ve­ro­na mögen sym­bo­li­sche Aus­strah­lungs­kraft haben. Ent­schä­di­gun­gen für die Über­le­ben­den und An­ge­hö­ri­gen, die ihr Leben lang unter den Trau­ma­ti­sie­run­gen und ma­te­ri­el­len Fol­gen der Mas­sa­ker lei­den muss­ten, wer­den aber ge­nau­so un­er­füll­te For­de­run­gen blei­ben, wie die späte Kon­fron­ta­ti­on und In-​Ver­ant­wor­tung­nah­me der Na­zi-​Tä­ter. Fünf von ihnen sind der­weil von ihren si­che­ren Al­ters­sit­zen in Deutsch­land aus in Be­ru­fung gegen die Ur­tei­le ge­gan­gen. Die Neu­ver­hand­lun­gen in Zwei­ter In­stanz wer­den im Ok­to­ber die­ses Jah­res in Rom statt­fin­den.


Die Mas­sa­ker

Mit der sich spä­tes­tens seit 1943 ab­zeich­nen­den mi­li­tä­ri­schen Nie­der­la­ge Na­zi-​Deutsch­lands und sei­ner Ver­bün­de­ten im Zwei­ten Welt­krieg und der Lan­dung der Streit­kräf­te der An­ti-​Hit­ler-​Ko­ali­ti­on auf Si­zi­li­en im Juli be­fan­den sich die Wehr­machts­ver­bän­de und die Trup­pen des fa­schis­ti­schen Ita­li­ens auf dem per­ma­nen­ten Rück­zug durch Ita­li­en, unter ihnen die zuvor in Nord­afri­ka ein­ge­setz­te eli­tä­re und durch be­son­de­re Bru­ta­li­tät ge­kenn­zeich­ne­te Pan­zer-​Auf­klä­rungs­ab­tei­lung bzw. Fall­schirm-​Pan­zer-​Di­vi­si­on „Her­mann Gö­ring“. Auf dem Rück­zug durch Ita­li­en be­gin­gen die deut­schen Trup­pen zahl­rei­che Mas­sa­ker an der Zi­vil­be­völ­ke­rung und an­de­re Kriegs­ver­bre­chen, vie­ler­orts hin­ter­lie­ßen sie nicht viel mehr als „ver­brann­te Erde“2. Vor allem die Zi­vil­be­völ­ke­rung hatte hier­für mit un­zäh­li­gen Toten zu be­zah­len.

Im Früh­jahr 1944, nach der Ab­set­zung Mus­so­li­nis und der Ka­pi­tu­la­ti­on der ita­lie­ni­schen Streit­kräf­te, hiel­ten Wehr­macht und SS den Nor­den Ita­li­ens be­setzt, un­ter­stützt von den sich re­or­ga­ni­sie­ren­den Ein­hei­ten der neu aus­ge­ru­fe­nen fa­schis­ti­schen Teil-​Re­pu­blik von Salò. Dabei gin­gen sie mit aller Härte gegen den be­son­ders in die­ser Re­gi­on zu­neh­men­den Wi­der­stand an­ti­fa­schis­ti­scher Par­ti­san_in­nen vor und ver­folg­ten die Stra­te­gie, ganze Land­stri­che men­schen­leer zu ma­chen. Die den Pro­zes­sen von Ve­ro­na zu Grun­de lie­gen­den Mas­sa­ker von Mon­chio (Mo­de­na), Su­sa­no (Mo­de­na), Cost­ri­gna­no (Mo­de­na), Cer­va­ro­lo (Reg­gio-​Emi­lia), Ci­va­go (Reg­gio-​Emi­lia), Monte Mo­rel­lo (Flo­renz), Monte Fal­te­ro­na (Arez­zo) und Mommio (Mas­sa-​Car­ra­ra) fan­den im Rah­men die­ser mör­de­ri­schen Logik na­tio­nal­so­zia­lis­ti­scher Kriegs­füh­rung statt. An ihnen waren die Sol­da­ten der Fall­schirm-​Pan­zer-​Di­vi­si­on „Her­mann Gö­ring“ füh­rend nebst tau­sen­den wei­te­rer deut­scher Sol­da­ten und ita­lie­nisch-​fa­schis­ti­scher Hel­fer zwi­schen dem 18. März und dem 5. Mai 1944 be­tei­ligt.
Le­gi­ti­miert wur­den die Gräu­el­ta­ten mit der als „Ban­den­be­kämp­fung“ be­zeich­ne­ten Nie­der­schla­gung des Wi­der­stan­des von Par­ti­san_in­nen, die durch die Be­völ­ke­rung ma­te­ri­el­le und lo­gis­ti­sche Un­ter­stüt­zung er­hal­ten wür­den. Da sich die Par­ti­san_in­nen wie­der­um au­ßer­halb der Dör­fer ver­steck­ten, waren die Haupt­leid­tra­gen­den der Mas­sa­ker Kin­der, Frau­en, kran­ke und äl­te­re Men­schen. Die Täter nah­men teils mit Freu­de an Mas­sen­er­schie­ßun­gen, Ar­til­le­rie­be­schuss, Brand­schat­zun­gen, Men­schen­jag­den, Ver­ge­wal­ti­gun­gen, Plün­de­run­gen und De­por­ta­tio­nen teil. Ganze Dör­fer, wie Mon­chio am 18. März, wur­den dem Erd­bo­den gleich ge­macht. Die Freu­de am Töten zeigt sich ex­em­pla­risch an do­ku­men­tier­ten Ge­walt­ex­zes­sen im Dorf Val­luc­cio­le, bei denen Säug­lin­ge von Wehr­machts­sol­da­ten zum so­ge­nann­ten „Ton­tau­ben­schie­ßen“ in die Luft ge­wor­fen wur­den.3

Erst mit der voll­stän­di­gen Be­frei­ung Ita­li­ens durch die al­li­ier­ten Trup­pen Ende April 1944 en­de­ten hier die Ter­ror­maß­nah­men der deut­schen Ver­bän­de in Ita­li­en. Die Di­vi­si­on „Her­mann Gö­ring“ wurde als einer der letz­ten deut­schen Trup­pen­ver­bän­de im Juli aus Ita­li­en ab­ge­zo­gen und setz­te ihr mör­de­ri­sches Werk da­nach bis zur end­gül­ti­gen Ka­pi­tu­la­ti­on Na­zi­deutsch­lands im Mai 1945 an der Ost­front fort.
Al­lein die Opfer unter der ita­lie­ni­schen Zi­vil­be­völ­ke­rung, für die die Di­vi­si­on „Her­mann Gö­ring“ ver­ant­wort­lich ge­we­sen ist, wer­den auf 1500 Men­schen ge­schätzt.


Staat­lich ga­ran­tier­te Al­ters­ru­he für deut­sche Mas­sen­mör­der

Die sechs noch le­ben­den NS-​Tä­ter Wink­ler, Ol­berg, Stark, Os­ter­haus, Oden­wald, Lüh­mann und Ko­ep­pe müs­sen sich trotz ihrer Ver­ur­tei­lung keine Sor­gen ma­chen, ihre Haft­stra­fen an­tre­ten und ma­te­ri­el­le Ent­schä­di­gun­gen für ihre Ver­bre­chen zah­len zu müs­sen – und das, ob­wohl die per­sön­li­che Be­tei­li­gung an den Mas­sa­k­ern in Nord­ita­li­en, ihre Pla­nung und Durch­füh­rung sowie nicht zu­letzt ihre Zu­ge­hö­rig­keit zur Di­vi­si­on „Her­mann Gö­ring“ bes­tens do­ku­men­tiert ist. Die ita­lie­ni­sche Staats­an­walt­schaft erhob, nach Jahr­zehn­ten der Un­tä­tig­keit, An­kla­ge, und das Mi­li­tär­ge­richt in Ve­ro­na ver­ur­teil­te die ehe­ma­li­gen deut­schen Wehr­macht­sol­da­ten. Doch wenn­gleich nach Eu­ro­pa­recht die Ver­ur­teil­ten ei­gent­lich nach Ita­li­en aus­ge­lie­fert wer­den müss­ten, wei­gert sich die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, dies ohne deren Zu­stim­mung zu tun. Diese Re­ge­lung wurde in der jun­gen Nach­kriegs-​BRD von eins­ti­gen NS­DAP-​Par­tei­gän­gern und NS-​Mör­dern er­folg­reich in­stal­liert, die ihre Kar­rie­ren häu­fig in Bü­ro­kra­tie, Jus­tiz und Po­li­tik nach 1945 un­ge­bro­chen fort­set­zen konn­ten. Nicht ohne Grund war das das erste ei­gen­stän­dig ver­ab­schie­de­te Ge­setz der „Bon­ner Re­pu­blik“ – das so­ge­nann­te 147er – ein Am­nes­tie-​Ge­setz.
Einer denk­ba­ren Auf­nah­me ei­ge­ner Pro­zes­se gegen die ver­ur­teil­ten Kriegs­ver­bre­cher auf deut­schem Staats­ge­biet ver­wei­gert die hie­si­ge Jus­tiz ihre Zu­stim­mung. Der Vor­wand: Ein an­geb­li­cher Man­gel an Be­wei­sen. Und ein An­trag der ita­lie­ni­schen Staats­an­walt­schaft auf eine theo­re­tisch mög­li­che Voll­stre­ckung der Ur­tei­le in Deutsch­land wird gar nicht erst be­ant­wor­tet − er gilt als un­be­kannt ver­schol­len.4

Ein sol­cher Un­wil­le der BRD, ihre wohl­be­her­berg­ten NS-​Tä­ter aus­zu­lie­fern, hat eine bis auf ihre Grün­dung zu­rück­ge­hen­de Tra­di­ti­on und re­sul­tiert neben der un­mit­tel­ba­ren Ab­si­che­rung gegen NS-​Re­pa­ra­ti­ons­leis­tun­gen auch aus dem macht­po­li­ti­schen In­ter­es­se des deut­schen Staa­tes, seine au­ßen­po­li­ti­schen Hand­lungs­spiel­räu­me zu ver­grö­ßern. Er mag of­fen­kun­dig im Wi­der­spruch zu der of­fi­zi­el­len Pro­pa­gan­da von der „Ge­läu­ter­ten Na­ti­on“ ste­hen, die für sich be­an­sprucht, ihre na­tio­nal­so­zia­lis­ti­sche Ver­gan­gen­heit auf­ge­ar­bei­tet zu haben. Die Nach­kriegs-​BRD und das heu­ti­ge Deutsch­land haben je­doch im Kern die glei­che Mo­ti­va­ti­on.

Wäh­rend es in den Nach­kriegs­jah­ren in der jun­gen Re­pu­blik Ita­li­en – trotz des um­strit­te­nen Pakts zwi­schen der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei und den Christ­de­mo­kra­ten – zu­nächst An­stren­gun­gen gab, deut­sche Kriegs­ver­bre­chen auf­zu­klä­ren und die Täter zur Re­chen­schaft zu zie­hen, kamen diese Be­mü­hun­gen schnell zu ihrem Ende, als im Zuge ihres NA­TO-​Bei­tritts 1955 die Wie­der­be­waff­nung der BRD als west­li­cher Front­staat im Kal­ten Krieg mit dem re­al­so­zia­lis­ti­schen Ost­block be­schlos­sen wurde. Die Bun­des­re­pu­blik war nun nicht mehr in ers­ter Linie der ge­äch­te­te Na­zi-​Nach­fol­ge­staat, son­dern wich­ti­ger Bünd­nis­part­ner der West­mäch­te in der neuen welt­po­li­ti­schen Block­kon­fron­ta­ti­on. Aus­lie­fe­rungs­for­de­run­gen von deut­schen Kriegs­ver­bre­chern hät­ten in­ner­halb der noch jun­gen Bünd­nis­kon­stel­la­ti­on für Un­stim­mig­kei­ten ge­sorgt. Nicht zu­letzt der Auf­bau der Bun­des­wehr wäre ohne per­so­nel­le Kon­ti­nui­tä­ten aus dem NS-​Mi­li­tärap­pa­rat nicht denk­bar ge­we­sen. Die Ent­tar­nung und An­kla­ge von Kriegs­ver­bre­chern hätte das Pro­jekt der Re­mi­li­ta­ri­sie­rung ernst­haft ge­fähr­den kön­nen und dem öf­fent­li­chen Wi­der­spruch Auf­trieb ge­ge­ben, der sich in den 1950er Jah­ren als Be­we­gung gegen die Wie­der­be­waff­nung for­mier­te, an der sich weite Teile der west­deut­schen Lin­ken be­tei­lig­ten.

Der da­ma­li­ge ita­lie­ni­sche Au­ßen­mi­nis­ter Gae­ta­no Mar­ti­no sprach sich 1956 des­halb gegen Aus­lie­fe­rungs­for­de­run­gen aus − zur Wah­rung des Bünd­nis­frie­dens. Und so ver­schwan­den in den 1950ern ins­ge­samt 695 Akten mit In­for­ma­tio­nen zu deut­schen Kriegs­ver­bre­chen im „Schrank der Schan­de“ der ita­lie­ni­schen Ge­ne­ral­mi­li­tär­staats­an­walt­schaft, die erst 1994 wie­der­ent­deckt wur­den und das 40jäh­ri­ge Schwei­gen und Ver­schlep­pen der NS-​Kriegs­ver­bre­chen durch die ita­lie­ni­schen Be­hör­den, das im deut­schen In­ter­es­se ge­schah, be­en­de­ten. Die Akten waren die Grund­la­ge der Pro­zes­se von Ve­ro­na.

Doch auch heute, trotz der Ver­ur­tei­lung durch die Jus­tiz eines ver­bün­de­ten Staa­tes, trotz der pro­kla­mier­ten „Läu­te­rung“ und der längst ab­ge­schlos­se­nen und eta­blier­ten, also kei­nes­falls mehr ge­fähr­de­ten Wie­der­be­waff­nung der auf das Par­kett der po­li­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Groß­mäch­te zu­rück­ge­kehr­ten BRD, blei­ben die we­ni­gen noch le­ben­den Täter un­an­ge­tas­tet. Denn auch die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land als recht­li­che Nach­fol­ge­rin des NS-​Ter­ror­staats saß be­reits mehr­fach als zi­vil­recht­lich haf­ten­der Ge­samt­schuld­ner wegen Scha­dens­er­satz­for­de­run­gen für Kriegs­ver­bre­chen auf der An­kla­ge­bank. Erst­ma­lig ging die­sen Schritt im Mai 2000 das höchs­te grie­chi­sche Ge­richt, der Areo­pag, das die BRD wegen eines Mas­sa­kers der SS in Dist­o­mo zu be­trächt­li­chen Ent­schä­di­gungs­zah­lun­gen ver­ur­teil­te.
Sol­che Ur­tei­le be­inhal­te­ten die theo­re­ti­sche Mög­lich­keit, im Falle des Aus­blei­bens frei­wil­li­ger Zah­lun­gen, deut­sches Staats­ver­mö­gen auf ita­lie­ni­schem und grie­chi­schen Staats­ge­biet ent­eig­nen zu kön­nen. Wohl­wis­send, dass die Eta­blie­rung einer sol­chen Pra­xis die no­to­ri­sche Wei­ge­rung der BRD, ihrer Ver­ant­wor­tung nach­zu­kom­men, un­ter­gra­ben und eine Welle von wei­te­ren Ent­schä­di­gungs­for­de­run­gen zur Folge haben würde, setz­te die BRD die Re­gie­run­gen Ita­li­ens und Grie­chen­lands unter mas­si­ven di­plo­ma­ti­schen Druck. Dar­über hin­aus reich­te sie vor dem In­ter­na­tio­na­len Ge­richts­hof in Den Haag, unter Be­ru­fung auf ihre da­durch an­ge­tas­te­te „Staa­ten­im­mu­ni­tät“, Klage gegen die Recht­mä­ßig­keit der Ur­tei­le ein – und bekam An­fang die­ses Jah­res Recht.5
Denn ein zi­vil­recht­li­cher An­spruch auf Ent­schä­di­gun­gen ge­gen­über krieg­füh­ren­den Staa­ten für Kriegs­ver­bre­chen hätte fa­ta­le Fol­gen – nicht nur für Deutsch­land: Es würde ein Prä­ze­denz­fall ge­schaf­fen, der prin­zi­pi­ell den zi­vi­len Op­fern aller Krie­ge – ver­gan­ge­ner wie zu­künf­ti­ger – das Recht auf Ent­schä­di­gungs­zah­lun­gen zu­sprä­che.
Deutsch­land führt seit dem Ko­so­vo-​Ein­satz – aus­ge­rech­net be­grün­det mit der Lehre, die man aus Ausch­witz ge­zo­gen haben will – wie­der An­griffs­krie­ge und ist fol­ge­rich­tig in Kriegs­ver­bre­chen ver­wi­ckelt, wie jüngst das Bei­spiel Kun­duz ge­zeigt hat. Die Kos­ten sol­cher Krie­ge, die die öko­no­mi­sche und po­li­ti­sche Vor­macht­stel­lung in der sich zu­spit­zen­den glo­ba­len Stand­ort­kon­kur­renz ab­si­chern sol­len, wür­den durch ent­spre­chen­de Ent­schä­di­gungs­an­sprü­che dro­hen, in die Höhe zu schnel­len. Eine Sorge, die die BRD mit allen an­de­ren nach geo­stra­te­gi­scher Macht stre­ben­den krieg­füh­ren­den Staa­ten teilt.

Die Ent­schä­di­gungs­for­de­run­gen ge­fähr­den die He­ge­mo­nie der BRD auch in einem wei­te­ren Punkt: Of­fe­ne Rech­nun­gen bei Op­fern des NS-​Ter­rors in Grie­chen­land und Ita­li­en pas­sen nicht zu einer Po­li­tik, die in Zei­ten sich über­schla­gen­der ka­pi­ta­lis­ti­scher Kri­sen alles daran setzt, die Be­völ­ke­run­gen der­sel­ben Staa­ten für die Fol­gen des öko­no­mi­schen Kol­laps be­zah­len zu las­sen und sich den deut­schen In­ter­es­sen zu un­ter­wer­fen.


So­li­da­ri­tät mit den Op­fern Na­zi­deutsch­lands heißt den Tä­tern auf die Pelle rü­cken

Dass Na­zi-​Tä­ter seit Jahr­zehn­ten un­ge­stört in un­se­rer Nach­bar­schaft leben, ist in Deutsch­land lei­der keine neue Er­kennt­nis – des­halb ist sie frei­lich nicht we­ni­ger un­er­träg­lich. Viel­mehr ist diese Rea­li­tät eine Auf­for­de­rung an alle, die es als An­ge­hö­ri­ge der nach­fol­gen­den Ge­ne­ra­tio­nen im Land der Täter/innen mit der his­to­ri­schen Ver­ant­wor­tung ernst mei­nen, an­ti­fa­schis­tisch kon­se­quent dort, wo es noch mög­lich ist, be­kann­te NS-​Mör­der auch in ihrem di­rek­ten so­zia­len und fa­mi­liä­ren Um­feld nicht als un­be­schol­te­ne Bür­ger in die Ge­schich­te ein­ge­hen zu las­sen, son­dern sie als die wil­li­gen Voll­stre­cker des deut­schen Mas­sen­mor­des in Eu­ro­pa zu be­nen­nen, zu denen sie vor bald 70 Jah­ren wur­den, und damit zu­min­dest punk­tu­ell Ge­rech­tig­keit für die Mil­lio­nen Opfer des Na­zi-​Ter­rors her­zu­stel­len. Zu viele der NS-​Tä­ter und ihrer Hel­fer/innen konn­ten in Ruhe ihr bio­lo­gi­sches Ende an­tre­ten, ohne je­mals Kon­se­quen­zen für ihr Han­deln über­nom­men haben zu müs­sen. Doch dort, wo wir schwarz auf weiß die Namen von deut­schen Kriegs­ver­bre­chern ein­se­hen kön­nen, ist ei­ni­ge letz­te Male am kon­kre­ten Bei­spiel zu be­nen­nen, wer auf­rich­tig im Sinne der Mensch­lich­keit und wer ver­bre­che­risch ge­han­delt hat. Diese Un­ter­schei­dung er­ach­ten wir als die not­wen­di­ge Be­din­gung der Mög­lich­keit eines ega­li­tä­ren, so­li­da­ri­schen und frei­en Zu­sam­men­le­bens aller Men­schen.
Die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land hat, wel­ches Lip­pen­be­kennt­nis sie zu un­ter­schied­li­chen Zeit­punk­ten auch ab­ge­ge­ben haben mag, nie­mals glaub­haft Ver­ant­wor­tung für die Na­zi-​Ver­bre­chen über­nom­men und ein In­ter­es­se an Ge­rech­tig­keit fü deren Opfer ge­habt. Sie hat statt­des­sen seit jeher den ei­ge­nen öko­no­mi­schen und po­li­ti­schen Nut­zen zum Maß­stab des am­bi­va­len­ten Ver­hält­nis­ses zu die­ser Ver­gan­gen­heit ge­macht. In einem sol­chen Land, in dem bis heute Men­schen im Namen der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ideo­lo­gie er­mor­det wer­den, in dem Na­tio­na­lis­mus, Ras­sis­mus, An­ti­se­mi­tis­mus und Krieg ge­sell­schaft­lich breit ver­an­kert und zudem fest in­te­grier­ter Be­stand­teil herr­schen­der ka­pi­ta­lis­ti­scher Stand­ort­po­li­tik sind, liegt es an denen, die nicht ver­ges­sen und ver­ge­ben wol­len, die Ge­schichts­schrei­bung der Täter/innen zu re­vi­die­ren.
Wir wer­den die Na­zi-​Kriegs­ver­bre­cher, An­ge­hö­ri­ge der Di­vi­si­on „Her­mann Gö­ring“, Hans Georg Karl Wink­ler aus Nürn­berg (Leut­nant und Kom­man­dant der 4. Kom­pa­nie, maß­geb­lich mit­ver­ant­wort­lich für Mas­sa­ker am Monte Fal­te­ro­na und in Mommio), Wil­helm Karl Stark aus Un­ter­föh­ring bei Mün­chen (Feld­we­bel und Kom­man­dant der 3. Kom­pa­nie, maß­geb­lich mit­ver­ant­wort­lich für Mas­sa­ker in Cer­va­ro­lo, Mommio und Monte Fal­te­ro­na), Fer­di­nand Os­ter­haus aus Os­na­brück (Leut­nant und Kom­man­dant der 5. Kom­pa­nie, maß­geb­lich mit­ver­ant­wort­lich für Mas­sa­ker in Mon­chio, Su­sa­no, Cost­ri­gna­no und Mommio), Hel­mut Oden­wald aus Ber­lin (Haupt­mann und Kom­man­dant der 5. Kom­pa­nie, maß­geb­lich mit­ver­ant­wort­lich für Mas­sa­ker in Mon­chio, Su­sa­no, Cost­ri­gna­no, Monte Mo­rel­lo und Monte Fal­te­ro­na), Al­fred Lüh­mann aus Bargstedt bei Stade (Ge­frei­ter der 4. Kom­pa­nie, maß­geb­lich mit­ver­ant­wort­lich für Mas­sa­ker in Mon­chio, Su­sa­no, Cost­ri­gna­no und Monte Fal­te­ro­na) und Erich Ko­ep­pe aus Laboe bei Kiel (Ober­leut­nant, maß­geb­lich mit­ver­ant­wort­lich für Mas­sa­ker in Mon­chio, Su­sa­no und Cost­ri­gna­no)

in ihrer un­ver­dien­ten Al­ters­ru­he stö­ren und sie nicht un­kon­fron­tiert mit ihrer mör­de­ri­schen Ver­gan­gen­heit das Zeit­li­che seg­nen las­sen. We­nigs­tens dort, wo es uns mög­lich ist, wer­den wir den deut­schen Schluss­strich der Läu­te­rung unter die mör­de­ri­sche NS-​Ge­schich­te, mit der nie nach­hal­tig ge­bro­chen wurde, durch­kreu­zen.


[a²] Ham­burg | AG Reg­gio Emi­lia Ber­lin | Au­to­no­me An­ti­fa-​Ko­or­di­na­ti­on Kiel | Avan­ti – Pro­jekt un­dog­ma­ti­sche Linke (Ber­lin) | Ge­schichts­werk­statt Re­gio­na­le Tä­ter­for­schung Os­na­brück | In­fo­la­den Os­na­brück


1 Le­dig­lich Fer­di­nand Os­ter­haus hat einen ei­ge­nen An­walt mit sei­ner Ver­tei­di­gung be­auf­tragt.

2 Ver­brann­te Erde be­zeich­net eine Kriegstak­tik, bei der eine Armee auf dem Vor­marsch oder auf dem Rück­zug alles zer­stört, was dem Geg­ner in ir­gend­ei­ner Weise nüt­zen könn­te, also Glei­se, Stra­ßen, Brü­cken, lie­gen­ge­blie­be­ne Fahr­zeu­ge, Fa­bri­ken und manch­mal auch kom­plet­te Städ­te. Seit 1907 ist diese Kriegs­hand­lung als völ­ker­rechts­wid­rig ge­äch­tet.

3 Eine de­tai­lier­te Kon­struk­ti­on der Mas­sa­ker fin­det sich bei Wie­ne­mann, Ma­ri­an­ne: 6.​7.​2011:​ Ur­teil gegen deut­sche Kriegs­ver­bre­cher in Ve­ro­na: Le­bens­lan­ge Haft für sie­ben deut­sche Wehr­machts­sol­da­ten,  http://kei­ne-​ru­he.​org/​node/​180, 05.​07.​2012.

4 Vgl. Durch­feld, Matt­hi­as/Wie­ne­mann, Ma­ri­an­ne: Späte Ur­tei­le und den­noch straf­lo­se NS-​Tä­ter, in: zei­chen Nr.3, Herbst 2011, S. 19-20.

5 Vgl. „Deutsch­land ge­nießt Im­mu­ni­tät bei Na­zi-​Kriegs­ver­bre­chen“ in: Süd­deut­sche Zei­tung vom 3.​2.​2012, http://​www.​sueddeutsche.​de/​politik/​entschaedigungsstreit-mit-italien-deutschland-geniesst-immunitaet-bei-nazi-kriegsverbrechen-1.​1274635, 06.​09.​2012.