Neue Bedrohungen zapatistischer Gemeinden

maximiliane 23.09.2012 18:54 Themen: Weltweit
Nach den Präsidentschaftswahlen in Mexiko und dem Regierungswechsel zum Januar 2013, durch die Partei der Institutionellen Revolution (PRI), verschärfen sich die Aggressionen und Übergriffe auf zapatistische Gemeinden in Chiapas, Mexiko. Diese gehen v.a. von Parteianhänger*innen der PRI und PVEM (Grüne Ökologische Partei Mexikos), und mit Einsatz paramilitärischer Gruppen, aus.
Bedrohungen und gewalttätige Übergriffe auf zapatistische Gemeinden

In den letzten Wochen gab es neue schwere Aggressionen gegenüber zapatistischen Unterstützungsbasen, wie durch öffentliche Anklagen (denuncias) verschiedener Räte der Guten Regierung (zapatistisches Selbstverwaltungsgremium)bekannt wurde.

Laut einer Veröffentlichung des Caracols (Sitz der Räte der Guten Regierung) ´Morelia` wurden Zapatist*innen bei der kollektiven Feldarbeit von bewaffneten Personen der Gruppe ´ORCAO`, einer regierungsnahen Organisation der Kaffeebauern von Ocosingo, bedroht und ihr Land beansprucht. Solcher Art Bedrohungen wiederholten sich daraufhin, mit je 4-100 Aggressor*innen. Bei zwei dieser Vorfälle wurden Schüsse von den Angreifer*innen abgegeben. Bisher gab es keine Verletzten.
Von dieser Gruppe, ´ORCAO`, sind in der Vergangenheit schon ähnliche Übergriffe ausgegangen. So zum Beispiel im August 2011, als Mitglieder der ´ORCAO` in eine zapatistische Gemeinde eindrangen und ein Haus, das als Küche für Menschenrechtsbeobachter*innen diente, zerstörten.

Ähnliche Bedrohungen gab es kürzlich in einer Gemeinde die dem Caracol ´La Realidad` angehört. 45 bewaffnete Anhänger*innen verschiedener Parteien bedrohten die dort mit dem Bau eines Hauses zur Kaffeelagerung beschäftigten Menschen.
Der Rat der Guten Regierung von ´La Realidad` betont in seiner denuncia, dass sie davon ausgehen, dass die Aggressor*innen nur im Auftrag staatlicher Repräsentant*innen handeln und diesen die Hauptschuld an der Eskalation zukommt. Der Rat bezieht sich dabei auf die Strategie des Krieges niederer Intensität, in welcher die Regierung meist Bewohner*innen indigener, kleinbäuerlicher Gemeinden als paramilitärische Gruppen gegen soziale Bewegungen und v.a. gegen Mitglieder der zapatistischen Bewegung instrumentalisiert.

Link denuncia Morelia 9. August 2012 (spanisch):
 http://enlacezapatista.ezln.org.mx/2012/08/15/la-jbg-de-morelia-denuncia-ataque-de-la-orcao-con-arma-de-fuego-a-bases-de-apoyo-zapatista/

Link denuncia La Realidad 15. August 2012 (spanisch):
 http://enlacezapatista.ezln.org.mx/2012/08/15/la-jbg-de-la-realidad-denuncia-despojo-ataques-y-provocaciones-del-mal-gobierno-junto-con-los-partidos-pvem-y-prd/


Paramilitärs besetzen zapatistische Gemeinde und vertreiben Bewohner*innen

Eine vom Rat der Guten Regierung des Caracols ´Roberto Barrios`, in der nördlichen Zone Chiapas, am 7. September 2012 veröffentliche denuncia berichtet von schweren Aggressionen der regierungsnahen, paramilitärischen Organisation „Paz y Justicia“ gegen die neue zapatistische Gemeinde ´Comandante Abel` (vormals Gemeinde ´San Patricio`) im autonomen Bezirk ´La Dignidad`.

Die Gemeinde ´Comandante Abel` wurde im Frühjahr dieses Jahres, Infolge der zahlreichen Gewalthandlungen gegen die zapatistische Unterstützungsbasis der Gemeinde ´San Patricio`, in unmittelbarer Nähe ihrer alten Gemeinde, gegründet.

Der Angriff und die Besetzung der neuen Gemeinde am 6. September erfolgte durch zunächst ca. 55 schwer bewaffnete Aggressor*innen, Bewohner*innen des Dorfes ´Unión Hidalgo` und Anhänger*innen der PRI aus ´San Patricio` (offizieller Bezirk Sabanilla). Bis zum 7. September vermehrten sich die Angreifer*innen auf rd. 150 Personen. Sie begannen nicht nur die Felder und Ernten der Zapatist*innen zu zerstören, sondern auch sich eigene Unterkünfte zu bauen. Während des Angriffes wurden immer wieder gezielt zahlreiche Schüsse aus großkalibrigen Waffen auf die Bewohner*innen von ´Comandante Abel` abgegeben.

In einer zweiten denuncia vom 11. September 2012 berichtet der Rat der Guten Regierung über die anhaltenden Aggressionen und Schüsse der Paramilitärs gegen die Gemeinde. Die Frauen, Kinder und älteren Personen haben die Gemeinde aus Furcht bereits verlassen und irren während der Regenzeit und unter Hunger und Krankheiten leidend, durch die Berge auf der Suche nach Schutz. Derzeit werden 4 Personen vermisst, 2 Frauen und 2 Kinder, deren Verbleib bis auf weiteres ungewiss ist.

Am selben Tag sind auch mind. 11 Zapatist*innen der Unterstützungsbasis in ´Unión Hidalgo`, aus Angst vor den Aggressionen, aus ihrer Gemeinde geflüchtet und hielten sich 3 Tage schutzlos in den Bergen auf.

Vom 9. bis 11. September bauten die Aggressor*innen weitere Häuser und weiteten die Besetzung in der Gemeinde ´Comandante Abel` weiter aus. Auch die Einschüchterungen, mittels Schüssen aus zahlreichen großkalibrigen Waffen, gegen die Zapatist*innen in der Gemeinde wurden fortgeführt. Die Anführer der Aggressor*innen, Mitglieder der Organisation ´Paz y Justicia`, wurden als Mitglieder der PRI, aktuelle oder ehemalige Amtsträger auf Bezirksebene, Polizisten und lokale Autoritäten identifiziert.

Link denuncia Roberto Barrios vom 7. September 2012 (deutsch):
 http://www.chiapas.eu/news.php?id=6616


Dieser Anstieg der Aggressionen gegen soziale Bewegungen im Allgemeinen und in Chiapas gegen die zapatistische Bewegung im Besonderen ist ein schon bekanntes Phänomen während der Endphase eines Wahlkampfes zur Präsidentschaftswahl alle 6 Jahre. Mit dem Machtwechsel der Regierungspartei, Partei der Institutionellen Revolution (PRI), zum Januar 2013 scheinen diese jedoch ein neues Niveau zu erreichen und auch zukünftig beizubehalten.
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Ergänzungen

Veranstaltungen in Berlin

ChiapasSoli 23.09.2012 - 19:22
Mittwoch 26.09.12 19.00 Uhr Kotti-Gecekondu (Admiralstr./Skalitzer Str.): Infoveranstaltung

"Somos much@s - Wir sind viele". Soziale Kämpfe in Chiapas/Mexiko. Sei dem Aufstand der Zapatistas am 1.1.1994 in Chiapas/Mexiko baut die rebellische indigene Bevölkerung bis zum heutigen Tage eine basisdemokratische Autonomie auf. Die Akteure und sozialen Kämpfe sind vielfältig und reichen in viele Lebensbereiche. Der Bundesstaat Chiapas ist jedoch ein wirtschaftlich sehr attraktiver für Großunternehmen und den mexikanischen Staat. So passiert es auch seit Jahren dass dieser versucht die Selbstorganisierung zu zerschlagen und an Einfluss zu gewinnen.
Diese Veranstaltung soll einen einführenden Einblick in die vergangenen und aktuellen Kämpfe geben und darstellen wie sich die heutige Situation vor Ort gestaltet. Der Vortrag wird von einem Aktivisten gehalten der seit mehr als vier Jahren in Chiapas lebt und seit über drei Jahren beim internationalen Friedensdienst (SIPAZ) arbeitet. Der Vortrag wird in deutscher Sprache gehalten.

Donnerstag 27.09.12 19.30 Uhr Mehringhof: Infoveranstaltung

"Somos muchos - wir sind viele". Über die Zapatisten und andere Basisbewegungen in Chiapas. Mexiko hat in den letzten Jahren international vor allem durch die ausufernde Gewalt zwischen den Drogenbanden und der mexikanischen Armee auf sich aufmerksam gemacht. Wie die horrenden Zahlen der Todesopfer und das innerstaatliche Gewaltniveau zeigen, hatte die Militarisierung des öffentlichen Raumes als Verbrechensbekämpfungsstrategie jedoch nicht den gewünschten Effekt.
Das Beispiel der zapatistischen Autonomie zeigt, wie durch Organisation der Menschen vor Ort eine Gegenöffentlichkeit geschaffen werden kann, die ihrer Ablehnung solcher Projekte Gehör verschafft und dass Alternativen möglich sind. Die Zapatist_innen haben nach nicht umgesetzten Abkommen mit der Regierung ihr Schicksal durch den Aufbau eigener Strukturen selbst in die Hand genommen. Andere Organisationen wie die Abejas oder Pueblo Creyente machen durch Demonstrationen ihren Widerstand gegen geplante Bergbau- oder Infrastrukturprojekte deutlich, die ihnen ihr Land und damit ihre Lebensgrundlage entziehen würden.
Über die aktuelle Situation in Chiapas, die staatliche Politik und die politische Praxis der Basisbewegungen wird ein Aktivist in seinem Vortrag berichten. Er lebt seit mehr als vier Jahren in Chiapas und arbeitet seit über drei Jahren beim Internationalen Friedensdienst (SIPAZ).

Die Schatten der Vergangenheit...

memoria rebelde 24.09.2012 - 03:54
Auf  https://www.fau.org/kaffee/ finden sich noch eine Reihe Informationen von Ende der 90er Jahre, in denen es um die Verflechtungen des PRI, von "Paz y Justicia", SOCAMA, UDEPOM und um die Rolle ehemaliger Maoisten im Apparat der PRI-istischen Todesschwadrone ging. Anlass für die Recherchen und die Veröffentlichungen war seinerzeit die Verbreitung eines TransFair-gesiegelten Kaffees aus Firmen mit Verbindungen zu den Todesschwadronen. Nach dem Wahlsieg des PRI scheinen nach all den Jahren die Schatten der Vergangenheit wieder zu erheben. Und offensichtlich geht es auch dieses Mal wieder u.a. um die Kontrolle über den Kaffee.