Wehrmachtsauftritt auf dem Tag der Sachsen in Freiberg

addn.me 13.09.2012 08:37 Themen: Blogwire Kultur
Zum 21. Tag der Sachsen in Freiberg kamen in diesem Jahr wieder mehrere hunderttausend Menschen, um gemeinsam "Sachsen zu erleben!". Auf insgesamt 17 Bühnen und 32 Erlebniszentren wurde den Gästen viel von dem gezeigt, was das Bundesland so besonders macht. An dem traditionellen Festumzug am Sonntag mit mehr als 4.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern nahmen wie in in den letzten Jahren auch, zahlreiche Kultur- und Geschichtsvereine aus dem Freistaat teil. Wie schon im vergangenen Jahr, gehörte auch dieses Mal ein Auftritt der "Militärtechnikfreunde-Sachsen" zum offiziellen Programm des etwa zweistündigen Aufzuges.
Während beim so genannten Tag der Sachsen SPD-Politiker Henning Homann als Zeitungsjunge verkleidet auf die schlechten Löhne in der Branche aufmerksam machen wollte (Fotos), nahmen Medienberichten zufolge beim traditionellen großen Festumzug am Sonntag auch etliche Militärfahrzeuge und Motorräder aus der Zeit des Nationalsozialismus teil. Ausstaffiert mit original Uniformen aus der Zeit, zeigte sich Sachsen einmal mehr von seiner dunklen Seite. Neben dem militärischen Schauspiel hatte auch die NPD an allen drei Tagen einen eigenen Stand, an dem Kinder Preise gewinnen und Erwachsene mit Teilen der NPD-Führungsriege um Holger Apfel ins Gespräch kommen konnten.

Organisiert wurde der historische Ausflug in die Zeit des Nationalsozialismus von einem Verein, der sich "Militärtechnikfreunde-Sachsen" nennt und dem Impressum nach aus Dresden kommt. Natürlich darf an exponierten Stelle auch eine Distanzierung "von jeglicher Glorifizierung von Krieg und Gewaltherrschaft" nicht fehlen. Wie wenig ihr Aufzug in Wehrmachtsuniformen und Wegweisern nach Moskau mit Politik zu tun hat, zeigt auch der klare und unmissverständliche Hinweis, dass der Verein eine "Politisierung ihrer technischen Sammlung" ablehnt. Der kulturpolitische Sprecher der Linken, Volker Külow, nannte den Auftritt einen Skandal. Es sei, so Külow weiter, "instinktlos und kriegsverherrlichend", wenn eine "mörderische Maschinerie wie die Wehrmacht verharmlost wird". Zum 21. Tag der Sachsen kamen in diesem Jahr etwa 450.000 Menschen in die Berg- und Universitätsstadt Freiberg. Den Vorsitz des Kuratoriums hat der sächsische Landtagspräsident Matthias Rößler (CDU) inne.

In einem Interview mit der Freien Presse äußerte Freibergs parteiloser Oberbürgermeister Bernd-Erwin Schramm sein Bedauern, dass "die Dinge in dieser Form nur darauf reduziert werden", obwohl "formal-juristisch alles korrekt" abgelaufen sei. Ob jedoch "während des Festumzuges nicht genehmigte Waffen aus den Fahrzeugen geholt wurden" könne er nicht sagen und soll nun mit Hilfe von "Videoaufzeichnungen überprüft und gegebenenfalls geahndet" werden. Als Grund für den Auftritt nannte er die Tatsache, dass der Verein "sächsische Geschichte" zeigt. Schon im vergangenen Jahr waren die "Militärtechnikfreunde Sachsens" am ersten September-Wochenende beim Tag der Sachsen in Kamenz aufgetreten.

Auftritt beim Tag der Sachsen 2011 in Kamenz: Tag der Sachsen Kamenz 2011 Militärhistorie bei Festumzug
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Ergänzungen

Ermittlungen

Antifa 25.09.2012 - 10:51
SS-Uniform im Festumzug: Jetzt prüft die Staatsanwaltschaft

Nach Auftritt der Militärtechnikfreunde beim Tag der Sachsen will Freibergs Rathauschef Aufklärung

Freiberg. Der Auftritt der Militärtechnikfreunde Sachsen am zweiten Septemberwochenende in Freiberg wird nun ein Fall für den Staatsanwalt. Nachdem diese Woche bekannt geworden war, dass im Umzug zum Tag der Sachsen eine Uniform der Waffen-SS getragen wurde, hat Freibergs Oberbürgermeister Bernd-Erwin Schramm (parteilos) die Staatsanwaltschaft eingeschaltet. Die Waffen-SS war schließlich 1946 beim Nürnberger Prozess als verbrecherische Organisation verboten worden.

Obwohl kein Veranstalter, will auch das Landratsamt Mittelsachsen zur Aufklärung beitragen und wartet auf Filmmaterial vom MDR, wie Landrat Volker Uhlig (CDU) erklärte: "Dass im Umzug eine Tarnuniform der Waffen-SS dabei war, hatte beim Vorbeimarsch keiner bemerkt. Da muss man sich genau auskennen. Aber als zuständige Behörde für den Vollzug des Waffengesetzes im Kreis sind wir unserer Pflicht nachgekommen und haben unangemeldet kontrolliert." Seinen Mitarbeitern sei es zu verdanken, dass Verstöße am Stand der Militärtechnikfreunde entdeckt und Auflagen erteilt wurden. Mündlich sei mit der Interessengemeinschaft vereinbart worden, dass Waffen und Munition zu entfernen sind. Da beim Umzug aber Waffen getragen wurden, prüfe das Amt nun alle rechtlichen Möglichkeiten, um das zu ahnden, kündigte Uhlig an.

Prüfen wollen das und das Tragen der Uniform auch die Militärtechnikfreunde, wie Mario Gerbet, einer ihrer Vertreter, auf Nachfrage der "Freien Presse" erklärte. Während er betonte, dass die Trägerin besagter Uniform kurzfristig dazugestoßen und kein Mitglied der Gemeinschaft sei, wusste er angeblich nicht einmal, ob es wirklich eine Waffen-SS-Uniform war.

Andererseits sprach er davon, dass selbst das gesetzeskonform sowie polizeilich und staatsanwaltschaftlich abgesegnet sei. Dass viele Menschen bei ihrem Auftritt negativ berührt waren, kann Gerbet verstehen, aber man habe sich an ein "heikles" Geschichtsthema gewagt und sich der alten Militärtechnik angenommen. "Wir sind nicht fehlerfrei, lassen uns aber nicht als Nazis bezeichnen", betonte er.

Das Zur-Schau-Stellen der Wehrmacht-Fahrzeuge, von Waffen und Kleidung hat nicht nur den kulturpolitischen Sprecher der Linken-Landtagsfraktion, Volker Külow, abgestoßen, auch der Verband der Verfolgten des Naziregimes zeigte sich empört. Einen bitteren Beigeschmack hat es für deren Mitglieder auch deshalb, weil sie das Kuratorium vom Tag der Sachsen in Freiberg ausschließen wollte. "Erst nach energischen Protest konnte die Teilnahme der ältesten antifaschistischen Organisation Deutschlands erreicht werden", heißt es vom Landesvorstand, der sich gegen eine unpolitische Darstellung der faschistischen Wehrmacht wendet. Auch Heidrun Hiemer (CDU), Oberbürgermeisterin von Schwarzenberg, Ausrichterstadt des Tages der Sachsen 2013, fiel der Auftritt der Militärtechnikfreunde "negativ auf" und hat für sie ein Achtungszeichen gesetzt. Sie will bei der Planung des Umzuges sensibel prüfen, wer teilnimmt. Eine Erklärung vom Kuratoriumsvorsitzenden Matthias Rößler gab es bisher nicht. Offenbar macht man Freiberg als Gastgeber für den Vorfall allein verantwortlich.

Quelle: Freie Presse (22.09.2012)

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