Antifa_workcamp2012 in Stukenbrock/OWL

Antifaschistische Kreisplenum Gütersloh 05.09.2012 17:00 Themen: Antifa Antirassismus Militarismus
Am vergangenen Wochenende fand zum mittlerweile 16. Mal das antifa workcamp im ostwestfälischen Stukenbrock-Senne, zwischen Bielefeld und Paderborn, statt. Anlässlich des internationalen Antikriegstages richtet hier der Arbeitskreis „Blumen für Stukenbrock“ seit 1967 eine Gedenkveranstaltung auf dem Sowjetischen Soldatenfriedhof aus. Dieser ist die letzte Ruhestätte für die 65.000 Toten des ehemaligen NS-Kriegsgefangenenlagers StaLag 326, welches von 1941 bis 1945 auf dem Truppenübungsplatz im heutigen Stukenbrock-Senne untergebracht war.
Dieses Jahr konnten wir, das Antifaschistische Kreisplenum Gütersloh, an den drei Tagen gut hundert Besucherinnen und Besucher zu den zahlreichen Veranstaltungen begrüßen. Nach dem gemeinsamen Aufbau am Freitagnachmittag fanden abends noch eine Einführungsveranstaltung zur Geschichte des StaLag und ein Abendvortrag zum diesjährigen Schwerpunktthema Antiziganismus statt. Ein Genosse aus Berlin, der seit Jahren zu dem Thema arbeitet und publiziert, gab uns einen informativen Überblick zu Geschichte und Gegenwart des Phanstasma „Zigeuner“ und der rassistischen Diskriminierung und Verfolgung von Sinti und Roma in Deutschland und Europa. Als Camp war es uns besonders wichtig, uns mit einer Thematik zu befassen, die zwar nicht unmittelbar mit dem StaLag zu tun hat, dafür aber immer noch sehr aktuell ist und zu den Bereichen des NS gehört, denen noch vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit zu teil wurde, auch innerhalb der Linken.
Der Samstag begann mit einer Workshop-Phase am Vormittag. Dabei diskutierten wir über ganz unterschiedliche Dinge, von dem aktuellen Streit um die Wiederherstellung des Denkmals einschließlich der roten Fahne bis zu Neuigkeiten zum Verfahren gegen Mumia Abu-Jamal, von der Entstehung und Entwicklung der Grauen Wölfe bis zum Erstellen von Stencils zu revolutionären Frauen – so auch der Titel des zugrundeliegenden Buches. Nachmittags fand dann die große Mahn- und Gedenkveranstaltung auf dem Friedhof statt. Unter den ca. 300 Gästen waren unter anderem Schülerinnen und Schüler aus einer Moskauer Schule, der russische Botschafter und eine Abordnung der Botschaft von Belarus. Als Hauptredner hatte der Arbeitskreis Michael Sommer, den Bundesvorsitzenden des DGB, gewinnen können. (Ein kurzes Video von GewerkschafterInnen gibt einen kurzen Eindruck seiner Rede wieder und steht bei youtube unter gutesleben.tv) Und auch wir als antifa workcamp durften das Wort ergreifen. In unserem Beitrag, der bald online stehen wird, gingen wir u.a. auf die politische Repression in Russland ein, der Antifas dort seit Jahren ausgesetzt sind und die zurzeit mit dem Prozess gegen das feministische Punk-Kollektiv Pussy Riot nur einen besonders medienwirksamen Fall aufweist. Zu beklagen hatten wir außerdem den Tod zweier Zeitzeugen, die in den vergangenen Jahren bei uns zu Gast waren. Schon im vergangenen Herbst verstarb der Kölner Edelweißpirat Jean Jülich (ein Videomitschnitt seines Auftritts vor einigen Jahren wird noch online gestellt) und am Freitag erreichte uns die traurige Nachricht, dass Martin Goldstein, besser bekannt unter seinem Pseudonym Dr. Sommer, nach schwerer Krankheit verschieden ist. Wir werden beiden ein würdiges Andenken bewahren. Ferner erklärten wir uns in der Rede solidarisch mit dem verbotenen antifa camp in Dortmund und erinnerten daran, dass im Zuge der Ermittlungen und Verbote in NRW gegen verschiedene militante Nazi-Gruppen auch in unserer Region Razzien bei Sascha K. in Bielefeld und bei Meinolf S. in Herzebrock-Clarholz stattfanden.
Das obligatorische Fußballspiel zwischen Bielefeld und Gütersloh im Anschluss an die Gedenkveranstaltung endete schiedlich friedlich 1:1. Danach folgte ein Zeitzeugengespräch mit dem Auschwitzüberlebenden Hugo Höllenreiner. Er und seine Familien waren als Sinti verfolgt und in verschiedene KZs deportiert worden. Dabei dienten Hugo und sein Bruder dem “Todesengel von Auschwitz“Dr. Mengele als Versuchsobjekte. Ein Großteil seiner Familie erlebte die Befreiung durch die Alliierten nicht mehr. Umso empörender, dass Hugo Höllenreiner und mit ihm alle betroffenen Sinti und Roma bislang keine umfassende Entschädigung erhalten haben, geschweige denn eine offene und ernstgemeinte Entschuldigung von RepräsentantInnen des deutschen Staates.
Nach leckerem Essen von der AJZ-Vokü standen schließlich noch zwei Abendveranstaltungen auf dem Programm. Zunächst berichtete ein Genosse aus Leipzig über den NSU und die Verfehlungen und Verstrickungen des VS sowie anderer Behörden. Ein Augenmerk lag auf der Frühzeit bzw. der politischen Sozialisation von Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe in Jena während Mitte der 1990er Jahre. In der abschließenden Mitternachtssession folgte eine Informations- und Mobilisierungsveranstaltung zur Büren-Demo am kommenden Samstag gegen den größten Abschiebeknast der BRD und den staatlich-institutionalisierten Rassismus, der sich hier manifestiert.
Der Sonntag endete, abgesehen vom gemeinsamen Abbau und dem Abschlussplenum, mit einem Besuch der Dokumentationsstätte auf dem Gelände des ehemaligen StaLag 326. Darum hatte es im Vorfeld des Camps einigen Wirbel gegeben, da sich der öffentlich ausgetragene Streit um die Wiederherstellung des ursprünglichen Zustands des Obelisken auf dem Friedhof, wie ihn die Überlebenden im Mai 1945 eigenhändig mitsamt einer roten Sowjetfahne errichtet hatten, zugespitzt hatte. Aber zum Streit um die rote Fahne folgt in Kürze noch eine offizielle Stellungnahme unsererseits.
Alles in allem haben wir in der Senne wieder drei Tage Sommer, Sonne, Sozialismus erlebt und freuen uns schon auf‘s nächste Jahr!
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