Pogromstimmung, Bombengeschäfte & Widerstand

Im Rahmen des Schanzenfestes wird es einen Schanzenfestsalon mit Gesprächsrunden und moderierten Interviews mit Aktivist_innen aus Hamburg, Spanien und Griechenland geben. Themen sind die aktuelle politische Situation rund um »Euro-Krise«, Troika und Griechenland. Auch die Pogromstimmung gegen Migrant_innen, die Übergriffe und rassistischen Morde in den letzten Wochen und die antirassistische, antifaschistische Praxis wird ein Thema sein. In den letzten sechs Monaten kam es zu einer organisierten Welle der Gewalt mit ca. 500 Hassverbrechen und tausenden Festnahmen von Flüchtlingen durch die griechische Polizei.
Die Situation der Menschen in Griechenland verschlechtert sich zusehends. Es gibt jedoch auch zahlreiche Proteste gegen diese Entwicklung, zunehmend organisieren sich Kollektive, die nach konkreten Alternativen zur bestehenden Ordnung suchen. Zugleich ist Griechenland ein Labor und Experimentierfeld für eine neoliberale Politik der Krisenverwaltung und soll Modellcharakter besitzen. Damit einher geht eine repressive Drohung gegen alle, die Vorstellungen von Leben und Gesellschaft jenseits des Kapitalismus entwickeln. Nicht von ungefähr ist der politische Umbau der Gesellschaft begleitet von rechtspopulistischen und faschistischen Strömungen.

Die Situation in Athen ist dabei geprägt von Pogromstimmung gegen Migrant_innen, An- und Übergriffen bis zu rassistischen Morden. Antirassistische Gruppen sprechen von mehr als 500 Hassverbrechen in den letzten sechs Monaten und einer organisierten Welle der Gewalt in den letzten Tagen. Ein 19-jähriger Iraker wurde am 12. August von fünf Personen erstochen, nachdem die Angreifer zuvor bereits weitere Migrant_innen angegriffen hatten. Die Aktion fand in Folge der massivsten polizeilichen Übergriffe seit Jahren statt. Am 10. August wurden 6.690 Migrant_innen festgenommen, 1.555 aufgrund ungültiger Papiere verhaftet, 52 private Häuser wurden durchsucht und 103 Läden kontrolliert, 22 Menschen abgeschoben und 172 Sexarbeiter_innen in Haft genommen.

Trotz unterschiedlicher Voraussetzungen kann Deutschland dabei als Vorbild und Modellfall gelten. Nicht von ungefähr jähren sich am 25. August die Pogrome in Rostock-Lichtenhagen. Der rassistische Mob auf den Straßen ebnete hier vor 20 Jahren den Weg für die politische Abschaffung existentieller Rechte für Asylsuchende. Die Politik agierte im Schulterschluss mit einer faschistischen Mobilisierung, um eine Umdefinierung der Werte der Gesellschaft voranzutreiben, in deren Zentrum die Verwertung von Menschen nach ökonomischen Interessen steht. Ein Bild von Gesellschaft, dem ebenso zwingend wie scheinbar unausweichlich der Umbau des Sozialsystems auf Hartz IV folgte, die Mitwirkungspflicht, das Ich als AG und nun der Export dieser deutschen Tugenden als vermeintliches Erfolgsmodell nach ganz Europa.

Gegen Krisen und Kapitalismus zu kämpfen, heißt für uns deshalb nicht, für die Macht von Nationalstaaten gegen Banken und Konzerne zu Felde zu ziehen, sondern gegen eine Vorstellung von Gesellschaft zu kämpfen, die die Menschen nach ihrer Verwertbarkeit sortiert und allein als Gewinn oder Verlust für Markt und Standort betrachtet. Dieser Kampf bedeutet, kapitalistische Autoritäten und Weisheiten radikal in Frage zu stellen, abweichende Lebensentwürfe zu verteidigen und neue kollektive Praxisformen zu entwickeln.

Wir wollen mit dem Salon auf dem Schanzenfest der Einfältigkeit der ZDF-Fernsehgartenwahrheiten einen authentischen Blick entgegensetzen und über Krise, Kapitalismuskritik und Rassismus sprechen. Die Solidarität mit dem Aufstand in Griechenland ist für uns notwendigerweise antirassistisch. Ein solcher Antirassismus setzt bei den Verhältnissen hier vor Ort an und zielt auf eine grenzüberschreitende solidarische Praxis. Deutschland ist an der Verfolgung von Flüchtlingen in Griechenland durch die europäische Grenzschutzagentur Frontex ebenso beteiligt wie an Waffenlieferungen oder an der Stigmatisierung und Verfolgung von der Norm abweichender Menschen nicht nur in städtischen Räumen.

Der Schanzenfestsalon am 25. August begegnet diesen Schnittstellen im repressiven Alltag der Krise im Talk-Show-Format. Es wird Gesprächsrunden und moderierte Interviews mit Aktivist_innen aus Hamburg und Griechenland geben, Getränke und Sitzgelegenheiten.
Das ganze findet begleitend zum dem Schanzenfest statt, welches in diesem Jahr auf Griechisch stattfinden soll und durch einen Spendenflohmarkt und Solistände Geld für die Kämpfe in Griechenland und die Unterstützung von Gefangenen sammeln will.

Politik und Talk im Hof des 3001 Kinos

15:00 Uhr Talk-Show
Widerstandsperspektiven in der Krise
Der Schwerpunkt der Diskussion liegt auf der Frage, welche Blickwinkel wir von hier aus einnehmen, wie wir unterschiedliche Mobilisierungen bewerten, welche Kritik und welche Perspektiven sich daraus ergeben und wie sich diese weiterentwickeln lassen.

16:00 Uhr Im Aufstand: Häuserkämpfe, Selbstorganisation und die Notwendigkeit des Antifaschismus
Ein Anarchist aus Ionnina berichtet von politischer Praxis und Kämpfen jenseits der Metropole Athen. Wir fragen nach: Welche politischen Fragen und Auseinandersetzungen bewegen linke Aktivist_innen vor Ort? Welche Hoffnungen und Perspektiven werden gesehen und wo brechen sich diese als Widersprüche in der Praxis?

16.40 Proteste und Widerstand in Spanien
Mit einem Aktivisten aus Andalusien sprechen wir über die soziale Situation und Proteste in Spanien.
Anfang August sorgte die spanische Gewerkschaft SAT für Aufsehen, als unter ihrer Regie ein Supermarkt geplündert und die Waren an Bedürftige verteilt wurden. Mit einem Aktivisten aus Andalusien sprechen wir über die soziale Situation und Proteste in Spanien.

17:20 Uhr Recht auf Stadt und Straße
Repression gegen Sexarbeiter_innen, Flüchtlinge und HIV-Positive
Wie verändert sich das Leben in der Stadt für illegalisierte und ausgegrenzte Menschen? Ein Anwalt aus Athen berichtet von der aktuellen Repression gegen Sexarbeiter_innen in Athen.

18:00 Uhr »Griechische Verhältnisse« – Über das Leben im kapitalistischen Ausnahmezustand
Ein Soziologe aus Athen gibt einen Einblick in das aktuelle Geschehen und analysiert die politische Situation nach der Wahl aus der Perspektive eines Aktivisten, der in verschiedenen Bewegungen auf der Straße unterwegs ist.

18:40 Uhr Im Gespräch - Deutsche Kriegsverbrechen und neuer Militarismus
In einem Tresengespräch interviewen wir Gäste zu den Forderungen nach Entschädigungen für Kriegsverbrechen und die deutsche Weigerung, Betroffene als Opfer des Faschismus anzuerkennen. Im zweiten Teil wollen wir über Korruption im Zusammenhang mit deutschen Rüstungsfirmen sprechen.

Mehr Infos und Hintergründe zu den einzelnen Veranstaltungen gibt es unter anderem hier:
 http://florableibt.blogsport.de/2012/08/16/25-8-schanzenfestsalon-politik-und-talk-im-hof-des-3001-kinos/

Überschüsse und Spenden des Kaffeestandes auf dem Schanzenfestsalon gehen an die Aktivistin der Basisgewerkschaft der Reinigungskräfte Konstantina Kouneva, die wegen ihres politisches Engagements 2008 bei einem Säureanschlag schwere Verletzungen erlitt, wegen denen sie bis heute in Behandlung ist.
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Ergänzungen