[H] Jehovas Zeugen in Hannover

Ich 23.07.2012 14:10 Themen: Kultur
Vom 20. bis 22. Juli 2012 trafen sich über 12.000 Zeugen Jehovas zu einem dreitägigen öffentlichen Open-Air-Gottesdienst in Deutsch und Polnisch. Das Kongressthema lautet: „Behüte dein Herz!".
Wie jedes Jahr trafen sich Jehovas Zeugen auch im Sommer 2012 zu einem dreitägigen Gottesdienst in der AWD-Arena in Hannover. Über 12.000 Gläubige pilgerten laut HAZ (Hannoversche Allgemeine Zeitung) aus Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Polen in die niedersächsische Landeshauptstadt.

Ich bin dieses Jahr der Einladung der Zeugen gefolgt (Wochen vorher wurden bereits Flyer für die Veranstaltungen an Wohnungstüren verteilt) und habe mir das nicht allzu bunte Treiben mal angeschaut.

Der folgenden Teil ist ein subjektiver Bericht von mir als Einzelperson:

Gegen 14.00 Uhr am Samstag bin ich mit einer Gruppe von 6 Menschen am Nordeingang der AWD-Arena angekommen. Zum ersten mal betrat ich nun die AWD-Arena ohne intensive Taschen und Körperkontrolle (wie sonst beim Fußball). Das erste was mir auffiel und mir dann von einem ehemaligen Zeugen Jehovas in unserer Gruppe erklärt wurde, war die Anzugdichte bei den männlichen Teilnehmern. Ab ca. 6 Jahren (teilweise sogar jünger) trugen alle männlichen Anwesenden einen Anzug. Da die vier männlichen Personen in unserer Gruppe dies nicht taten, wurden waren wir leicht als „Nicht-Zeugen“ zu identifizieren und wurden daher von nahezu jeder Person in einem Umkreis von 20 Metern kritisch beäugt. Doch auch bei den Frauen gab es sehr einheitliche Kleidung. Mindestens 99% aller Frauen haben Rock oder Kleid getragen.

Neben den gefüllten Rängen voll mit Leuten die verschiedensten Predigern auf dem Rasen lauschten fielen mir die vielen anzutragenden Männer hinter den Tribünen, in den Zwischengängen, auf den Treppen und im Eingangsbereich auf. Dieses schienen nicht nur uns als potentielle Störer des Gottesdienst zu beobachten, sondern auch die anwesenden Zeugen_Innen. An keiner Stelle innerhalb des Stadions wurde Mensch von weniger als 5-6 anzutragenden Männern beobachtet.

Wir setzten uns an der Rand der Tribüne und lauschten nun ca. 30-40 Minuten dem Vortrag des Predigers. Dieser erklärte, dass Ehebruch Sünde ist und immer einen Verrat am Partner und auch der Religion darstellt. Viele der um uns rum sitzenden Zeugen_Innen schrieben mit und schlugen die immer wieder genannten passenden Bibelverse nach. Nach einer halben Stunden hielten wir die monotonen Vorträge nicht mehr aus und trafen uns im Innenraum des Stadions mit 4 weiteren Menschen die sich dieses Spektakel einmal anschauen wollten.

In dieser Zeit wurden wir zweimal angesprochen. Einmal von einem angeblich ehemaligem Drogendealer, der laut eigener Aussage durch die Zeugen den Weg aus der Kriminalität geschafft hat und von einem Mann der uns darum bat mit dem Hund der dabei war nicht zu nah an den Kinderbereich zu gehen um die Kinder nicht zu erschrecken. Beide Menschen waren sehr höflich und zuvorkommend was wiederum sehr aufgesetzt wirkte.

Alles in Allem war die Stimmung sehr ruhig und Mensch fühlte sich überall überwacht. Die langen und monotonen Vorträge die immer wieder durch die Bibelzitate „belegt“ werden wirkten auf mich schon nach kurzem hören wie eine Gehirnwäsche. Zusammen mit der permanenten Überwachung kann ich mir gut vorstellen, dass es schwer ist aus diesem Kreis wieder rauszukommen.

Der wirklich schlimme Punkt ist, dass eine Sekte wie die Zeugen Jehovas eine öffentliche Veranstaltung mit über 12.000 Menschen in der AWD-Arena durchführen kann ohne, dass sich Menschen darüber beschweren. Die Zeugen Jehovas schotten sich komplett von der Gesellschaft ab und leben in ihrem eigenen kleinen Kreis der „Auserwählten“. Menschen die in diese Kreise rein geboren werden, werden von klein auf auf die Religion getrimmt und müssen im Falle eines Ausstiegs häufig mit der kompletten Familie brechen, da sie nun „Abtrünnige“ sind.

Die Zeugen werden auch nächsten Sommer wieder in Hannover ihren Gottesdienst abhalten. Hoffentlich dann mit etwas mehr politischer gegenwehr.


Ich!
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Ergänzungen

weiss nicht

Entdinglichung 23.07.2012 - 15:05
weiss nicht ob es in irgendeiner Form etwas bringt, gegen einen "Zeugen-Kongress" zu mobilisieren, der Laden ist (ähnlich wie die zahlenmässig noch stärkere Neuapostolische Kirche) ziemlich nach innen gekehrt und scheint sich nicht in die Politik einzumischen ... aktive Religionskritik gegen reaktionäre und fundamentalistische Strömungen sollte sich eher ein Ziel suchen, welches auch politisch relevanter ist: gegen recht-protestantische Veranstaltungen wie das Christival, gegen sogenannte Lebensschützer, rechtkatholische Vereine wie die Piusbrüder, islamistische Gruppen, den hindunationalistischen VHP, etc., ... gegenüber Gruppen wie den Zeugen könnte ich mir am ehesten noch vorstellen, AussteigerInnen zu unterstützen, ist aber auch die Frage, ob derartiges unsere Zusammenhänge überhaupt leisten können ... ansonsten gilt zu bedenken, dass die Zeugen Jehovas in der NS-Zeit massiv verfolgt wurden, siehe z.B.  http://de.wikipedia.org/wiki/Zeugen_Jehovas_im_Nationalsozialismus

p.s.: im Januar 2013 findet in Leipzig der nächste evangelikale "Kongress christlicher Führungskräfte" -  http://de.wikipedia.org/wiki/Kongress_christlicher_F%C3%BChrungskr%C3%A4fte - vielleicht sollte mensch dazu mal was machen, oder?

Warum ich nicht geen Zeugen Jehovas vorgehe

egal 23.07.2012 - 16:18
Zunächst einmal scheinen mir die Zeugen Jehovas Ungläubige weitgehend in Ruhe zu lassen, obwohl sie natürlich missionieren. Aber ein einfaches "Nein" reicht meist, wenn sie mit ihrem "Wachturm" anmarschiert kommen, im Gegensatz zu den evangelikalen Sekten.
Ihre skurilen Moralvorstellungen richten sich nach innen. Sie wollen ihre Moral nicht der ungläubigen Gesellschaft aufzwingen, wie die Fundamentalisten aller Religionen es meist tun.
Der Austritt aus den Zeugen Jehovas ist oft mit dem Austritt aus dem bisherigen sozialen Umfeld verbunden und daher für die Betroffenen Ex-Gläubigen sehr belastend und schwierig. Aber meines Wissens versuchen sie nicht mit Gewalt Aussteiger zu verhindern, wie dies bei manchen Religionen der Fall ist.
Ich kenne Zeugen Jehovas von meiner Arbeit. So isoliert scheinen sie mir nicht zu sein, zum Teil sind sie sogar mit Nichtzeugen verheiratet.
Schließlich würde für mich die Verfolgung der Zeugen Jehovas im NS noch eine gewisse Rolle spielen. Seit April 1933 war die kleine Glaubensgemeinschaft verboten. Da sie nicht auf einen Menschen schwören wollten und viele Zeugen Jehovas den Wehrdienst und (selbst im KZ) jede Arbeit für den Krieg verweigerten, wurden sie eingeknastet, in KZs gesteckt und als "Wehrkraftzersetzer" von der NS-Justiz ermordet. Ihr Mut zur Verweigerung wird auch von kommunistischen Mithäftlingen immer wieder bezeugt. (z.B. Gertrud Keen, Hermann Langbein spricht davon, dass sie sich durch ihre "moralische Einheit und Reinheit Respekt verschafft" hätten).
Ich finde, wir müssen da offensichtliche "anderssein", das für uns schrullige der Zeugen Jehovas akzeptieren. Die großen Kirchen, einige muslimische Vereinigungen, evangelikale Sekten; sie alle sind wesentlich aggressiver und gefährlicher als die Zeugen Jehovas.

@egal

Dein Name 23.07.2012 - 16:55
aha, und was hälst du von sowas?
hxxp://watchtower.org/x/200702b/article_01.htm

Hilfe statt Kampf

Jehova Jehova Jehova 23.07.2012 - 17:13
Wenn dann sollte es darum gehen, einzelnen Hilfe aanzubieten, die sich von dieser Sekte trennen wollen und die gibt es. Protestaktionen dagegen sind wirkungslos, weil sich Sekten dann nur noch mehr einigeln.
Dazu kann man mal deren Seite aufrufen und feststellen, welche Kontaktwege es gibt. Sekr eingeschränkt die Kontaktmöglichkeit, der Webmaster mußte sich vermutlich einiges an free Auskotze anhören.
Was die Wachturmdealer angeht, diese alten Säcke die missionieren müssen, weil sie ja sonst zu nix mehr nütze sind, da ist eh Hopfen und Malz verloren und um diese Mumien ist s eh nicht mehr schade, ignorieren.
PS: Was den heroischen Widerstand bei den Nazis angeht, ja den gab es, aber es war eine Minderheit. Die Mehrheit der Zeugen ging zur Wehrmacht, hatten eben Schiß vor Haft und KZ. Das ist keine Schande und spricht noch nicht gegen sie, aber es entspricht eben nicht dem heroischen Bild, das die Sekte von sich zeichnet.

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