Jimmy Johns Workers Union – Interview Teil II
m Freitag, den 15. Juni fand in Rostock im Cafe Median ein Vortrag von zwei Wobblies aus den USA statt, die über ihre Erfahrungen gewerkschaftlicher Organisierung in der Jimmy Johns Workers Union (JJWU) in den Twin Cities Minneapolis/St.Paul berichtet haben. Teil I beschäftigte sich vor allem mit der basisgewerkschaftlichen Aufbauarbeit der JJWU im Dienstleistungssektor in den USA. Im zweiten Teil des Gesprächs verbreiterte sich der Fokus etwas. Es ging dabei um Fragen nach dem gegenwärtigen Zustand des politischen Systems in den USA, die Enttäuschung vieler Menschen über die Regierung Obama, warum die Occupy-Bewegung in den Vereinigten Staaten so spektakuläre Erfolge feierte und was von ihr momentan noch übrig ist.
KomFort: Wir hätten noch ein paar mehr Fragen an euch beide, dabei würde es aber mehr um die Politik in den Staaten im Allgemeinen gehen. [Zustimmendes Nicken, beide] Dieses Jahr sind ja Präsidentschaftswahlen in den USA. Für uns hier wäre es mal interessant eure Perspektive als lokale Gewerkschaftsaktivisten zu hören. Gibt es für euch bei dieser Wahl überhaupt eine akzeptable Alternative? Ist da überhaupt ein signifikanter Unterschied zwischen den beiden Kandidaten?
M: Vielleicht sollte ich voranschicken, dass wir darauf jetzt als Privatmenschen reden, das ist jetzt nicht sowas wie 'ne IWW-Linie oder so.
KomFort: Yeah, okay!
M: [zu E. Fragend] Willst du?
E: Ähm, ja. Also...Ich denke wir haben die Wahl zwischen die Dinge sehr schnell sehr schlimm zu machen und die Dinge nicht ganz sooo schnell schlimm werden zu lassen. [Lachen, alle]
E: [grinsend] Irgendwie sowas. [Zu M. Fragend] Ich weiß nich. Was denkst du?
M: Ja, also...Der Unterschied zwischen den beiden Parteien im Allgemeinen und den beiden Präsidentschaftskandidaten im Speziellen is wirklich sehr gering. Es gibt natürlich Unterschiede. Da sind so Sachen, die sind auch schon ziemlich wichtig. Zum Beispiel Frauenrechte und Krieg – obwohl bei dem Thema sind sie wieder sehr gleich, aber...Ich weiß nich...
KomFort: Abtreibung?
M: Ja genau. Abtreibung war zum Beispiel ein wirklich wichtiges Thema und die Rechte von Homosexuellen. Da waren also schon so ein paar, vor allem soziale Themen, wo es Unterschiede gibt. Aber beide Parteien werden komplett von den Kapitalisten finanziert. Und in diesem Sinne gibt’s da natürlich kaum Unterschiede. Tja, wir beschäftigen uns ehrlich gesagt auch gar nicht soviel mit den Wahlen und den politischen Auseinandersetzungen darum.
KomFort: Wir hatten den Eindruck, bzw. wir haben das gelesen, dass es eine Menge Enttäuschung über Obama gibt, weil er so sehr mit 'Change' geworben hat, aber es gab halt keinen großen Wandel. Is das ein Grund warum eine Bewegung wie Occupy Wall Street sich so schnell und so weit ausdehnen konnte? [Zustimmendes Nicken, beide]
M: Na klar, du kannst nicht 'ne Kampagne machen und immer von Hoffnung und Veränderung reden, und dann passiert nix. [Lachen beide] ...Dann fangen die Leute halt selbst an mit dem Verändern.
E: Ganz genau!
KomFort: Gestern in der Abendveranstaltung habt ihr gesagt, dass das Gute an Occupy ist, dass es jetzt eine linke Kritik oder zumindest eine Position links von Obama gibt. Könnt ihr das nochmal ausführen?
E: Ja, klar. Also nach dem ganzen Horror der Bush-Jahre, da wollten die meisten Leute auf der Linken – und ich meine „links“ hier in 'nem sehr sehr weiten Sinne, so wie links von Ronald Reagan [Lachen alle]. Also die meisten Leute waren über ein bisschen Veränderung froh. Sie wurden hingerissen von der Obama-Rhetorik. Aber als er dann im Amt war da...Also der wurde von so einer breiten Masse gewählt, wie ich schon sagte, alle links von Reagan - da gab es dann auch ein sehr großes Zögern Obama zu kritisieren, auch weil er von der Rechten so stark angefeindet wurde. Und aus diesem Grund driftete er für eine ziemlich lange Zeit immer weiter. Ich mein, schau dir mal Obamas Wählerliste unter den Kongress-Abgeordneten an. Eigentlich war der in diesem Sinne immer schon ein rechter Konzern-Politiker.
M: Und auch wenn er während seiner Kampagne alle diese Sachen gesagt hat, hat er auch immer gesagt, dass er den Krieg in Afghanistan weiter führen wird.
E: Ja, 'ne Menge Leute haben halt gezögert ihn unter Druck zu setzen, weil er schon diesen ganzen Stress mit den Rechten hatte. Das ist, wenn man mal drüber nachdenkt, natürlich eine ziemlich beknackte Strategie, weil es dann darauf hinausläuft dass er einfach immer weiter nach rechts abdriftet. Aber dann kochte es ja endlich doch noch mal über. Die Leute sind den Führern der Demokratischen Partei und den großen Gewerkschaftsbossen stiften gegangen und haben mit Occupy die Straße erobert. Und das bedeutete, dass die Demokraten und die großen Gewerkschaften und sehr viele Politgruppen schauen mussten wie sie sich darauf einstellen. Und so sind sie dann im großen Stil mitgelaufen. Aber, ich mein, das ist ziemlich bemerkenswert. Das ist die erste Bewegung die ...Also die Kritik an Obama wird immernoch ziemlich kleingehalten. Weißt du, die Leute reden auf der Straße nicht kritisch über Obama. Die kritisieren die Banken. Dabei ist die Komplizenschaft, naja nicht die Komplizenschaft, sondern die tiefen Verbindungen von Obama zur Wall Street – die kann man sehen, wenn man will. Ich mein, die sind ziemlich offensichtlich.
M: Also wenn du vielleicht nur ein kleines bisschen danach sehen willst [Lachen, beide] dann springt dich das eigentlich an. [Lachen]
E: Also selbst wenn du nur versuchst [lachen] in die ungefähre Richtung zu blicken wirst du es sehen. Aber immernoch geht es nicht gegen Obama, weil die Leute sich halt denken „ Hm, wir leben halt in einem Zwei-Parteien System, und wenn Obama nicht Präsident ist, dann heißt dass Romney wird es.“
M: Genau!
E: Genau.
M: Es ist schon wie du es gesagt hast, aber vor Occupy haben die Leute auch so Sachen gesagt wie „Natürlich bin ich links, ich hab Obama gewählt.“ Und das war's dann. Du hast für die Demokraten gewählt und warst links. Jetzt ist es endlich...also Occupy hat das etwas verändert. Die Leute beginne in Scharen sich mit etwas zu identifizieren, dass etwas mehr links von der neoliberalen Politik der Demokraten und der Republikaner steht.
E: [Zustimmendes Nicken]
M: Auch wenn sie nicht sehr sicher sind, was für eine Politik das wohl wäre. [Lachen beide]
KomFort: Also für uns waren das fantastische Neuigkeiten so etwas wie Occupy in einer Gesellschaft wie der amerikanischen entstehen zu sehen.
E: Wir waren auch überrascht. [Lachen alle]
M: Das war auf jeden Fall eine sehr gute Sache!
KomFort: Vielleicht noch eine weitere Frage über Occupy. Wir versuchen soviele Infos wie möglich zu bekommen aus Medienberichten oder den Veröffentlichungen der Aktivist_innen. Seit einer ganzen Weile gibt es immer mehr Artikel die vom Sterben der Occupy-Bewegung sprechen. Würdet ihr sagen, dass da von den Umwälzungen seit dem letzten Herbst dennoch etwas Bleibendes weiterbesteht?
M: Ja, klar. Also das hängt nämlich auch davon ab wie du „die“ Occupy-Bewegung überhaupt definierst. Die ursprüngliche Taktik, öffentliche Plätze zu besetzen, die Taktik ist ziemlich am Ende. Die wurden alle ...ähm
E: [original in deutsch] Geräumt.
M: Ja, geräumt. Meist wurden die auch auf sehr brutale Weise geräumt. Alle weiteren Versuche etwas wieder-zu-besetzen wurden dann immer sofort von der Polizei unterbunden. Aber es gibt unglaublich viel was aus dieser Bewegung hervorgegangen ist, neue Gruppen und Bewegungen die auch seit dem Frühling weiterbestehen und Aktionen machen. Die kommen direkt aus der Occupy-Bewegung und ohne sie würde es all das nicht geben. Eine sehr aufregende Sache in Minneapolis, wo wir herkommen, ist zum Beispiel occupy the homes. Die gibt’s überall in den Staaten, aber bei uns sind die derzeit sehr aktiv und machen wahnsinnige Fortschritte dabei geräumte und Häuser zu besetzen, die von den Banken zwangsversteigert werden sollen, weil die Besitzer_innen ihre Kredite nicht mehr zahlen konnten. In vielen Fällen haben sie erfolgreich die Häuser zurückerkämpft. Das sind sehr militante Kämpfe um die Leute wieder in ihre Häuser zurückzubringen und die kommen direkt aus der Occupy-Bewegung.
E: Die einzige Sache die ich da noch ergänzen würde ist, dass die Occupy-Bewegung für diese Generation jetzt das ist, was der Irak-Krieg für die vorherige war. - Also ich meine das nicht im soziologischen Sinne von Altersgruppen, sondern von Bewegungen. Occupy hat tausende Menschen in die amerikanische Linke gebracht, Leute die nie zuvor irgendwas mit Politik zu tun hatten. Wie bei der Antikriegsbewegung 2003 und der globalisierungskritischen Bewegung, die in den Staaten 1999 nach Seattle dann so richtig abging. Es ist das erste Mal seit der globalisierungskritischen Bewegung, dass Leute durch ökonomische Fragen politisiert werden. Und wenn man den Fokus noch weiter aufmacht, dann ist das das erste Mal seit einer sehr viel weiteren Zeit, nämlich den 1930ern vielleicht, dass sie durch ihre eigenen Erfahrungen, ihre eigene Betroffenheit von ökonomischen Problemen politisiert werden. Das ist natürlich nicht der ausschließliche Grund bei Occupy mitzumachen. Ich meine, die Leute haben aus verdammt vielen unterschiedlichen Gründen da mitgemacht, aber das war schon eine sehr wesentliche Sache für die meisten. Die Gründe warum sie sich mit Occupy identifizieren sind manchmal echt schräg, aber der Hauptgrund ist schon, dass viele die Ausbeutung am eigenen Leib zu spüren bekommen haben.
KomFort: Was sind vor dem Hintergrund dieser dramatischen Veränderungen in der Gesellschaft und im Aktivismus eure, naja sagen wir eure besten Wünsche und eure größten Ängste? ...Sehr offene Frage, oder? [Lachen]
E: Ja, aber ich versuchs mal. Also in der IWW kämpfen wir nun seit etwas mehr als 100 Jahren für die selbe Sache. [Lachen] Wir haben uns da ziemlich festgelegt und werden diese Ziele so bald nicht ändern. Unsere Wünsche sind, dass die Arbeiter_innen ihre Arbeit selbst organisieren können, wir wollen dass die Ökonomie demokratisiert wird. Selbstbestimmte Arbeit, Produktion für die Bedürfnisse der anderen Menschen und nicht die Profite weniger – das sind immer noch unsere Ziele. Was ist in dem Sinne der größte Wunsch? [grinst] Generalstreik! Selbstbestimmtes Arbeiten und Leben für alle.
M: ...und das ab nächstem Jahr! [alle Lachen] Und wenn nicht, dann wünsche ich mir doch, dass die Gewerkschaft stärker wird, dass mehr und mehr Menschen involviert werden und dass sie klassenbewusst [deutsch im original] werden. [Lachen] Und die schlimmsten Befürchtungen? Vielleicht dass die USA sich in Richtung eines offenen Faschismus entwickeln könnten.
KomFort: Ok. Vielen Dank für dieses Interview!
- aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Kombinat Fortschritt
M: Vielleicht sollte ich voranschicken, dass wir darauf jetzt als Privatmenschen reden, das ist jetzt nicht sowas wie 'ne IWW-Linie oder so.
KomFort: Yeah, okay!
M: [zu E. Fragend] Willst du?
E: Ähm, ja. Also...Ich denke wir haben die Wahl zwischen die Dinge sehr schnell sehr schlimm zu machen und die Dinge nicht ganz sooo schnell schlimm werden zu lassen. [Lachen, alle]
E: [grinsend] Irgendwie sowas. [Zu M. Fragend] Ich weiß nich. Was denkst du?
M: Ja, also...Der Unterschied zwischen den beiden Parteien im Allgemeinen und den beiden Präsidentschaftskandidaten im Speziellen is wirklich sehr gering. Es gibt natürlich Unterschiede. Da sind so Sachen, die sind auch schon ziemlich wichtig. Zum Beispiel Frauenrechte und Krieg – obwohl bei dem Thema sind sie wieder sehr gleich, aber...Ich weiß nich...
KomFort: Abtreibung?
M: Ja genau. Abtreibung war zum Beispiel ein wirklich wichtiges Thema und die Rechte von Homosexuellen. Da waren also schon so ein paar, vor allem soziale Themen, wo es Unterschiede gibt. Aber beide Parteien werden komplett von den Kapitalisten finanziert. Und in diesem Sinne gibt’s da natürlich kaum Unterschiede. Tja, wir beschäftigen uns ehrlich gesagt auch gar nicht soviel mit den Wahlen und den politischen Auseinandersetzungen darum.
KomFort: Wir hatten den Eindruck, bzw. wir haben das gelesen, dass es eine Menge Enttäuschung über Obama gibt, weil er so sehr mit 'Change' geworben hat, aber es gab halt keinen großen Wandel. Is das ein Grund warum eine Bewegung wie Occupy Wall Street sich so schnell und so weit ausdehnen konnte? [Zustimmendes Nicken, beide]
M: Na klar, du kannst nicht 'ne Kampagne machen und immer von Hoffnung und Veränderung reden, und dann passiert nix. [Lachen beide] ...Dann fangen die Leute halt selbst an mit dem Verändern.
E: Ganz genau!
KomFort: Gestern in der Abendveranstaltung habt ihr gesagt, dass das Gute an Occupy ist, dass es jetzt eine linke Kritik oder zumindest eine Position links von Obama gibt. Könnt ihr das nochmal ausführen?
E: Ja, klar. Also nach dem ganzen Horror der Bush-Jahre, da wollten die meisten Leute auf der Linken – und ich meine „links“ hier in 'nem sehr sehr weiten Sinne, so wie links von Ronald Reagan [Lachen alle]. Also die meisten Leute waren über ein bisschen Veränderung froh. Sie wurden hingerissen von der Obama-Rhetorik. Aber als er dann im Amt war da...Also der wurde von so einer breiten Masse gewählt, wie ich schon sagte, alle links von Reagan - da gab es dann auch ein sehr großes Zögern Obama zu kritisieren, auch weil er von der Rechten so stark angefeindet wurde. Und aus diesem Grund driftete er für eine ziemlich lange Zeit immer weiter. Ich mein, schau dir mal Obamas Wählerliste unter den Kongress-Abgeordneten an. Eigentlich war der in diesem Sinne immer schon ein rechter Konzern-Politiker.
M: Und auch wenn er während seiner Kampagne alle diese Sachen gesagt hat, hat er auch immer gesagt, dass er den Krieg in Afghanistan weiter führen wird.
E: Ja, 'ne Menge Leute haben halt gezögert ihn unter Druck zu setzen, weil er schon diesen ganzen Stress mit den Rechten hatte. Das ist, wenn man mal drüber nachdenkt, natürlich eine ziemlich beknackte Strategie, weil es dann darauf hinausläuft dass er einfach immer weiter nach rechts abdriftet. Aber dann kochte es ja endlich doch noch mal über. Die Leute sind den Führern der Demokratischen Partei und den großen Gewerkschaftsbossen stiften gegangen und haben mit Occupy die Straße erobert. Und das bedeutete, dass die Demokraten und die großen Gewerkschaften und sehr viele Politgruppen schauen mussten wie sie sich darauf einstellen. Und so sind sie dann im großen Stil mitgelaufen. Aber, ich mein, das ist ziemlich bemerkenswert. Das ist die erste Bewegung die ...Also die Kritik an Obama wird immernoch ziemlich kleingehalten. Weißt du, die Leute reden auf der Straße nicht kritisch über Obama. Die kritisieren die Banken. Dabei ist die Komplizenschaft, naja nicht die Komplizenschaft, sondern die tiefen Verbindungen von Obama zur Wall Street – die kann man sehen, wenn man will. Ich mein, die sind ziemlich offensichtlich.
M: Also wenn du vielleicht nur ein kleines bisschen danach sehen willst [Lachen, beide] dann springt dich das eigentlich an. [Lachen]
E: Also selbst wenn du nur versuchst [lachen] in die ungefähre Richtung zu blicken wirst du es sehen. Aber immernoch geht es nicht gegen Obama, weil die Leute sich halt denken „ Hm, wir leben halt in einem Zwei-Parteien System, und wenn Obama nicht Präsident ist, dann heißt dass Romney wird es.“
M: Genau!
E: Genau.
M: Es ist schon wie du es gesagt hast, aber vor Occupy haben die Leute auch so Sachen gesagt wie „Natürlich bin ich links, ich hab Obama gewählt.“ Und das war's dann. Du hast für die Demokraten gewählt und warst links. Jetzt ist es endlich...also Occupy hat das etwas verändert. Die Leute beginne in Scharen sich mit etwas zu identifizieren, dass etwas mehr links von der neoliberalen Politik der Demokraten und der Republikaner steht.
E: [Zustimmendes Nicken]
M: Auch wenn sie nicht sehr sicher sind, was für eine Politik das wohl wäre. [Lachen beide]
KomFort: Also für uns waren das fantastische Neuigkeiten so etwas wie Occupy in einer Gesellschaft wie der amerikanischen entstehen zu sehen.
E: Wir waren auch überrascht. [Lachen alle]
M: Das war auf jeden Fall eine sehr gute Sache!
KomFort: Vielleicht noch eine weitere Frage über Occupy. Wir versuchen soviele Infos wie möglich zu bekommen aus Medienberichten oder den Veröffentlichungen der Aktivist_innen. Seit einer ganzen Weile gibt es immer mehr Artikel die vom Sterben der Occupy-Bewegung sprechen. Würdet ihr sagen, dass da von den Umwälzungen seit dem letzten Herbst dennoch etwas Bleibendes weiterbesteht?
M: Ja, klar. Also das hängt nämlich auch davon ab wie du „die“ Occupy-Bewegung überhaupt definierst. Die ursprüngliche Taktik, öffentliche Plätze zu besetzen, die Taktik ist ziemlich am Ende. Die wurden alle ...ähm
E: [original in deutsch] Geräumt.
M: Ja, geräumt. Meist wurden die auch auf sehr brutale Weise geräumt. Alle weiteren Versuche etwas wieder-zu-besetzen wurden dann immer sofort von der Polizei unterbunden. Aber es gibt unglaublich viel was aus dieser Bewegung hervorgegangen ist, neue Gruppen und Bewegungen die auch seit dem Frühling weiterbestehen und Aktionen machen. Die kommen direkt aus der Occupy-Bewegung und ohne sie würde es all das nicht geben. Eine sehr aufregende Sache in Minneapolis, wo wir herkommen, ist zum Beispiel occupy the homes. Die gibt’s überall in den Staaten, aber bei uns sind die derzeit sehr aktiv und machen wahnsinnige Fortschritte dabei geräumte und Häuser zu besetzen, die von den Banken zwangsversteigert werden sollen, weil die Besitzer_innen ihre Kredite nicht mehr zahlen konnten. In vielen Fällen haben sie erfolgreich die Häuser zurückerkämpft. Das sind sehr militante Kämpfe um die Leute wieder in ihre Häuser zurückzubringen und die kommen direkt aus der Occupy-Bewegung.
E: Die einzige Sache die ich da noch ergänzen würde ist, dass die Occupy-Bewegung für diese Generation jetzt das ist, was der Irak-Krieg für die vorherige war. - Also ich meine das nicht im soziologischen Sinne von Altersgruppen, sondern von Bewegungen. Occupy hat tausende Menschen in die amerikanische Linke gebracht, Leute die nie zuvor irgendwas mit Politik zu tun hatten. Wie bei der Antikriegsbewegung 2003 und der globalisierungskritischen Bewegung, die in den Staaten 1999 nach Seattle dann so richtig abging. Es ist das erste Mal seit der globalisierungskritischen Bewegung, dass Leute durch ökonomische Fragen politisiert werden. Und wenn man den Fokus noch weiter aufmacht, dann ist das das erste Mal seit einer sehr viel weiteren Zeit, nämlich den 1930ern vielleicht, dass sie durch ihre eigenen Erfahrungen, ihre eigene Betroffenheit von ökonomischen Problemen politisiert werden. Das ist natürlich nicht der ausschließliche Grund bei Occupy mitzumachen. Ich meine, die Leute haben aus verdammt vielen unterschiedlichen Gründen da mitgemacht, aber das war schon eine sehr wesentliche Sache für die meisten. Die Gründe warum sie sich mit Occupy identifizieren sind manchmal echt schräg, aber der Hauptgrund ist schon, dass viele die Ausbeutung am eigenen Leib zu spüren bekommen haben.
KomFort: Was sind vor dem Hintergrund dieser dramatischen Veränderungen in der Gesellschaft und im Aktivismus eure, naja sagen wir eure besten Wünsche und eure größten Ängste? ...Sehr offene Frage, oder? [Lachen]
E: Ja, aber ich versuchs mal. Also in der IWW kämpfen wir nun seit etwas mehr als 100 Jahren für die selbe Sache. [Lachen] Wir haben uns da ziemlich festgelegt und werden diese Ziele so bald nicht ändern. Unsere Wünsche sind, dass die Arbeiter_innen ihre Arbeit selbst organisieren können, wir wollen dass die Ökonomie demokratisiert wird. Selbstbestimmte Arbeit, Produktion für die Bedürfnisse der anderen Menschen und nicht die Profite weniger – das sind immer noch unsere Ziele. Was ist in dem Sinne der größte Wunsch? [grinst] Generalstreik! Selbstbestimmtes Arbeiten und Leben für alle.
M: ...und das ab nächstem Jahr! [alle Lachen] Und wenn nicht, dann wünsche ich mir doch, dass die Gewerkschaft stärker wird, dass mehr und mehr Menschen involviert werden und dass sie klassenbewusst [deutsch im original] werden. [Lachen] Und die schlimmsten Befürchtungen? Vielleicht dass die USA sich in Richtung eines offenen Faschismus entwickeln könnten.
KomFort: Ok. Vielen Dank für dieses Interview!
- aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Kombinat Fortschritt
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Ergänzungen
Beiträge die keine inhaltliche Ergänzung darstellen
Titel der Ergänzung — <3