Andere Geschichte der Guerilla Kolumbiens
Die Guerilla in Kolumbien hat einen schlechten Ruf. Sowohl bei der Mainstream-Bevölkerung, als auch bei der Linken in Deutschland gibt es die weit verbreitete Ansicht, dass es sich bei der Guerilla in Kolumbien um eine Organisation handelt, die einzig und allein aufgrund ihrer finanziellen Aktivitäten existiert. Es gibt kaum Presseberichte, in denen die FARC-EP nicht mit einem Drogenkartell gleichgesetzt wird. Selbst scheinbar unabhängige Journalisten oder Linke übernehmen kritiklos die Propaganda der Regierungsmedien, die seit dem Bestehen der aufständischen Bewegung versuchen, die Guerilla politisch zu delegitimieren.
Dabei sind die FARC-EP eine der wenigen letzten und großen Organisationen in Lateinamerika, die eine sozialistische Orientierung haben und entgegen der allgemeinen Annahme über eine weite soziale Verankerung im Land verfügen. Im Folgenden wird auszugweise Bezug auf einen Artikel von Raúl Zelik genommen, in dem er die Entstehung und Entwicklung der Guerilla aufzeigt. [„Die etwas andere Geschichte der Guerillas in Kolumbien“ in Lateinamerika Nachrichten Nr. 286 vom April 1998]
Dabei sind die FARC-EP eine der wenigen letzten und großen Organisationen in Lateinamerika, die eine sozialistische Orientierung haben und entgegen der allgemeinen Annahme über eine weite soziale Verankerung im Land verfügen. Im Folgenden wird auszugweise Bezug auf einen Artikel von Raúl Zelik genommen, in dem er die Entstehung und Entwicklung der Guerilla aufzeigt. [„Die etwas andere Geschichte der Guerillas in Kolumbien“ in Lateinamerika Nachrichten Nr. 286 vom April 1998]
Die Desinformation über die Guerilla in Kolumbien reicht schon so weit, dass viele nicht einmal über die Entstehung dieser Organisation Bescheid wissen. Während ein Großteil der revolutionären Bewegungen auf dem lateinamerikanischen Kontinent im Zuge der kubanischen Revolution entstanden ist, haben die FARC-EP eine Geschichte, die bis in die Bauernbewegungen der 1930er und 1940er Jahre zurückreichen. Raúl Zelik sah einen engen Zusammenhang zwischen der 200-jährigen Historie der Bauernaufstände in Kolumbien und der Guerilla und formulierte dies einst in oben genannten Artikel über die Geschichte der FARC-EP so: „Wer García Márquez´`100 Jahre Einsamkeit´ gelesen hat, weiß von den zahllosen Bemühungen des Generals Aureliano Buendía, der sich 17 Mal erhob und immer wieder scheiterte. Diese Aufstände werden, wie auch der Bürgerkrieg 1948, oft als liberal-konservative Konflikte interpretiert. Die kritische Sozialforschung hat sich dagegen immer verwehrt: So wie auch Aureliano Buendía (eine trotz „magischer“ Verfremdung recht reale Person) kämpften die Aufständischen des 19. und 20. Jahrhunderts zwar unter dem Banner der liberalen Partei, aber sie waren keine Parteigänger. Ihre Rebellion richtete sich vielmehr allgemein gegen die oligarchische Land- und Machtkonzentration. Die Tatsache, dass ihr Widerstand fast immer bewaffnet war, hatte damit zu tun, dass der soziale und politische Protest von der Oberschicht eigentlich immer mit Waffengewalt beantwortet wurde. Obwohl es seit der Unabhängigkeit nur zwei Militärputsche in Kolumbien gab, wurde die Opposition immer in die Illegalität gedrängt.“
An diesem Fakt hat sich bis heute nicht viel geändert. Die Repression des Staates und die Einschüchterung und Verbreitung von Terror durch staatlich unterstützte Paramilitärs hält weiterhin an. Die Zahl an getöteten Linken und Gewerkschaftern zählt zu den höchsten der Welt. Friedensprozesse und Versuche der Demobilisierung von Guerillagruppen führten zur zielgerichteten Vernichtung ehemaliger Gueriller@s. Soziale und politische Proteste werden auch heute noch versucht zu diskreditieren, weil diese von angeblichen Terroristen unterwandert wären.
Doch zurück zur Geschichte. Wie in vielen anderen Ländern auch, entstanden kommunistisch beeinflusste Organisationen in den 20er und 30er Jahren. Überhaupt hatten damals gewerkschaftliche Ideen einen großen Einfluss in der politischen Diskussion. So war das Jahr 1928 ein Jahr der Streikkämpfe, zugleich aber mit einem wichtigen Einschnitt in der politischen Geschichte. Im Dezember wurden bei einem Streik auf den Plantagen der United Fruit Company mehr als 2000 Personen von der Armee ermordet, die sich friedlich zu einer Protestkundgebung am Bahnhof versammelt hatten. Neben diesem Ereignis in der Region Urabá, hatte auch das Jahr 1948 großen Einfluss auf die weitere Geschichte Kolumbiens.
Konservative Kräfte der Elite ließen den im Volk wegen seiner linken Reformpolitik beliebten liberalen Präsidentschaftskandidaten Jorge Eliécer Gaitán ermorden. Daraufhin kam zuerst in der Hauptstadt und später im ganzen Land zu Aufständen, in dem sich die Opposition gegen die Konservativen bewaffnete. Die als „Violencia“ bekannten Jahre bis 1953 hinterließen ca. 250.000 Menschenleben, darunter ein Großteil aus Bauern, Liberalen und Oppositionellen. Während sich die Eliten beider Parteien zu einer Aufteilung der Macht verständigten, wurden Oppositionelle weiter verfolgt, schließlich sah man in ihnen eine Gefährdung ihrer Machtposition. In der Zeit der Violencia entstanden auch Gruppen, die sich in den ländlichen Regionen als Selbstverteidigungsgruppen gegen die ausufernde Gewalt sahen. Diese Gruppen waren zum Teil kommunistisch beeinflusst und praktizierten ein System der bäuerlichen Selbstverwaltung. Diese trauten dem Friedensschluss der Oligarchie im Jahr 1953 nicht und behielten ihre Waffen. So entstanden in den 1950er und 1960er Jahren sogenannte „unabhängige Republiken“ von Bauern. Anfang der 1960er Jahre verstärkte der Staat die militärischen Aktionen gegen diese autonom agierenden Flecken. Wenn auch keine militärische Gefahr von ihnen ausging, so fühlte sich der Staat in seiner Autorität als Zentralmacht bedroht. 1964 wurde die Republik „Marquetalia“ von tausenden Soldaten angegriffen und die wenigen Bauern zogen sich zurück und gründeten schließlich mit Bauernverbänden und Selbstverteidigungsgruppen aus anderen Regionen die FARC. Von einer revolutionären Avantgarde kann also keine Rede sein, eher von zu Gueriller@s gezwungenen Bauern, die Unterstützung durch die kolumbianische kommunistische Partei erhielten. Die Selbstverteidigungsgruppen wurden nun zu einer bewaffneten Opposition, die politische Ziele zur Veränderung des bestehenden Systems nach außen trug.
Im Laufe des folgenden Jahrzehnts entstand eine Vielzahl von politischen Gruppen, die teilweise auch den bewaffneten Kampf propagierten. Sieben große Guerillagruppen gab es in den 1970er Jahren, darunter die FARC, das ELN, die EPL und die nationalistische linke Stadtguerilla M-19. Durch spektakuläre Aktionen, besonders durch das M-19, gewannen die Guerillagruppen an Popularität in der Bevölkerung und wuchsen in ihrer Mitgliederzahl rapide an. Der Staat fühlte sich nun ernsthaft bedroht und die repressiven Maßnahmen der Regierungen schienen keinen Erfolg zu haben. Diese neue Phase beschreibt Raúl Zelik wie folgt: „Daraufhin kam es zu einer dramatischen Wende. Der neue Präsident Belisario Betancur (1982-86) erließ eine Generalamnestie und fädelte Friedensverhandlungen ein, die 1984 in einen Waffenstillstand mit FARC, M-19 und EPL mündeten; die ELN verweigerte sich damals den Gesprächen. Aber erneut wiederholte sich die Geschichte: Die legalisierten UntergrundkämpferInnen wurden zur Zielscheibe des schmutzigen Krieges. Ab 1983 entstanden unter der Schirmherrschaft der Armee im ganzen Land mehr als 150 paramilitärische Gruppen, die die nun offen auftretende Opposition regelrecht ausmerzte. Dörfer wurden überfallen, Gewerkschafter erschossen, zahlreiche Massaker mit bis zu 50 Toten verübt. Der Waffenstillstand zerbrach 1985, der schmutzige Krieg aber ging weiter.“
Soziale Säuberungen und politische Morde waren an der Tagesordnung, Mitglieder und Sympathisanten der Partei von FARC und KP, die „Unión Patriótica“, wurden systematisch ermordet. Auch wenn Guerillagruppen wie EPL und M-19 mit der Regierung weiterhin verhandelten und sich in legale Parteien umwandelten, so zeigte die Geschichte der UP und die andauernde Ermordung legaler Aktivisten, dass der offene politische Kampf gescheitert war. Die übriggebliebenen Gueriller@s des M-19 waren auf sich alleine gestellt und am Mord von Präsidentschaftskandidaten Carlos Pizarro sah man, wie gefährlich eine Eingliederung in das bestehende System war. Die Partei des M-19 verschwand in der politischen Versenkung.
Die FARC versuchten zusammen mit dem ELN weitere Verhandlungen mit der Regierung zu führen, denn mit dem Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus zeigte sich auch in Kolumbien eine politische Orientierungslosigkeit und Skepsis gegenüber sozialistischer Ideen. Und auch, wenn es zunächst schien, dass die Guerilla politisch an Boden verlieren würde, so profitierte sie von der Repression seitens der Regierung und der Paramilitärs. Viele Leute haben sich aus Sicherheitsgründen lieber der Guerilla angeschlossen, als einer legalen politischen Organisation, denn hier hatten sie bessere Chancen zu überleben. Mit dem Tod vom Chefideologen Jacobo Arenas, der von der KP Kolumbiens kam, mit der politischen Entfernung von den Zielen der KP Kolumbiens, die sich im Zuge des Zusammenbruchs des real existierenden Sozialismus zunehmend sozialdemokratischen Ideen zuwandte und mit der ohne Vorwarnung durchgeführten Bombardierung des Hauptquartiers der FARC vollzog sich eine weitere Militarisierung. Zynischer weise fand die Bombardierung just an jenem Tag statt, an dem die neue Verfassung Kolumbiens verabschiedet wurde. Die Fronten der FARC samt ihrer Kommandierenden verteilten sich im ganzen Land und waren näher an die Hauptstadt Bogotá herangerückt. Mit dem Wegfall von UP und KP fehlte jedoch der politische Arm der Guerilla. So gründeten sie klandestine Organisationen wie eine eigene kommunistische Partei und die plattformähnliche Bewegung „Movimiento Bolivariano“, um den Protest auch nach außen tragen zu können. Die Guerilla wuchs von Jahr zu Jahr und stand Ende der 1990er Jahre kurz vor den Stadtgrenzen Bogotás. Es entwickelte sich eine Pattsituation zwischen Regierung und Guerilla, militärisch und politisch waren beide nicht zu besiegen. Neben der wachsenden staatlichen Repression kam die rasante Ausbreitung des Paramilitarismus hinzu. So ging es bei den nun vereinbarten Friedensverhandlungen von 1998 bis 2002 nicht mehr um eine Machtübernahme, sondern um pragmatische Ziele.
„In diesem Zusammenhang ist das Interesse der Guerilla zu sehen, über konkrete Regelungen mit der Regierung zu verhandeln. Es geht nicht um eine Demobilisierung, sondern um punktuelle Vereinbarungen: Einhaltung der Genfer Menschenrechtskonventionen, Schutz der Zivilbevölkerung und der legalen Opposition, Demobilisierung der Paramilitärs, Nationalisierung der Bodenschätze, Stop der Privatisierungen und Wiedereinführung von Arbeits- und Kündigungsschutzgesetzen.“
Das die FARC in Europa einen schlechten Ruf haben, liegt zum einen an der zugegebenermaßen manchmal etwas tölpelhaft erscheinenden Außendarstellung und ihren Versuchen der Kommunikation mit der Linken, zum anderen aber an der rigorosen Repression von Medien und staatlichen Sicherheitsorganen. Fast jeder Überfall, jedes Massaker und jede Entführung wird zu allererst den FARC zugeschrieben. Wenn später herauskommt, dass das Militär, paramilitärische Gruppen oder kriminelle Banden dafür verantwortlich waren, dann findet dies keine Erwähnung mehr in den Medien oder interessiert wegen dem zeitlichen Faktor einfach keinen mehr.
Mit der Einstufung zu einer „terroristischen Organisation“ im Zuge des 11. September 2001 ist es für die FARC schwer geworden, die Menschen zu erreichen. Jegliche Sympathie oder Solidaritätsarbeit wird mit Härte geahndet. Dennoch suchen die FARC Kontakt zu anderen revolutionären und linken Gruppen und haben durchaus gute Beziehungen zu den sozialen Bewegungen, nicht nur in Kolumbien selbst. Sie sind auch keine „Steinzeit-Kommunisten“ und/oder eine „superrevolutionäre“ Organisation. Nein, die FARC denken eher pragmatisch, wenn man an die Notwendigkeit zur Durchführung sozialer Reformen und Friedensverhandlungen denkt. Mit „Narco-Guerillas“, übrigens ein von den USA geprägter Begriff, und mit „Stalinismus“ hat das Ganze nichts zu tun.
Das es bei den FARC kritikwürdige Punkte gibt ist nicht von der Hand zu weisen. Die vordergründig militärische statt politische Arbeit hängt aber auch mit den Reaktionen der Regierung zusammen. Raul Zelik dazu: „Natürlich gibt es in Kolumbien (wie in der FMLN und FSLN) Militarismus und Autoritarismus von links. Das ist anzugreifen, aber bei einer Militarisierung des Konflikts, wie er von der kolumbianischen Oberschicht in den letzten 50 Jahren betrieben wurde, nicht besonders verwunderlich. Mit den Organisationsführungen und –positionen hat das auf jeden Fall wenig zu tun.“ Und weiter: „Ein weiteres Mittel ist die Strategie, die Aufständischen in den internationalen Medien als `kriminelle Narco-Guerilla´ zu stigmatisieren. Dabei werden vor allem Entführungen und Verbindungen zum Drogenhandel aufgeführt. Ein genauerer Blick macht jedoch auch dieses Argument zunichte: Was die Entführungen von ausländischen Technikern und Großgrundbesitzern angeht, bewegen sich diese auf der gleichen Ebene wie Haftstrafen für Steuerbetrüger in einem bürgerlichen Rechtsstaat, denn die Guerilla übt in vielen Regionen de facto Regierungsfunktionen aus, und treibt daher Steuern ein. Man muss begreifen, dass es sich bei der kolumbianischen Guerilla nicht um eine privat agierende Minitruppe sondern um eine aufständische Gegenautorität handelt. Wer sich über diese Entführungen empört, darf über staatliche Gefängnisse nicht schweigen.“
In der Drogenpolitik wird auf ähnlicher Weise mit Vorurteilen argumentiert. Die FARC sind vor 30 Jahren dazu übergegangen, Abnahme- und Aufkaufpreise zu besteuern, weil sie ihre soziale Basis der Bauern nicht verlieren wollten. Zuerst waren die FARC gegen jeden Anbau von Koka. Das Schließen der Augen vor der Realität führte dazu, dass die Paramilitärs immer weiter auf dem Vormarsch waren, die Bauern sich der Guerilla abwendeten und eine damals noch nicht vorhandene Kontrolle über die Anbautätigkeiten dazu führte, dass kaum Lebensmittel in einigen Regionen für die einfache Landbevölkerung vorhanden waren und die Preise dafür immens stiegen.
Es ist wichtig, Aktionen und Programmatik der FARC kritisch zu begleiten. Es ist aber auch wichtig, Aktionen und die Realität der kolumbianischen Politik und Gesellschaft kritisch zu begleiten. So manch ein Linker denkt, Lateinamerika und Kolumbien zu kennen, übernimmt aber leider viel zu oft die unreflektierte Propaganda der Staats- und Massenmedien, ohne auch nur einmal die Realität jenseits von Bogotá, Medellín und der Karibikküste gesehen zu haben.
„So wie es in den 80ern falsch war, FSLN und FMLN unkritisch abzufeiern, ist es heute unmöglich, sich eine Emanzipation Kolumbiens ohne die Guerilla vorzustellen. Man muss nicht gleich in ehrfurchtsvolle Bewunderung verfallen, um die aufständische Bewegung politisch ernst nehmen zu können.“
An diesem Fakt hat sich bis heute nicht viel geändert. Die Repression des Staates und die Einschüchterung und Verbreitung von Terror durch staatlich unterstützte Paramilitärs hält weiterhin an. Die Zahl an getöteten Linken und Gewerkschaftern zählt zu den höchsten der Welt. Friedensprozesse und Versuche der Demobilisierung von Guerillagruppen führten zur zielgerichteten Vernichtung ehemaliger Gueriller@s. Soziale und politische Proteste werden auch heute noch versucht zu diskreditieren, weil diese von angeblichen Terroristen unterwandert wären.
Doch zurück zur Geschichte. Wie in vielen anderen Ländern auch, entstanden kommunistisch beeinflusste Organisationen in den 20er und 30er Jahren. Überhaupt hatten damals gewerkschaftliche Ideen einen großen Einfluss in der politischen Diskussion. So war das Jahr 1928 ein Jahr der Streikkämpfe, zugleich aber mit einem wichtigen Einschnitt in der politischen Geschichte. Im Dezember wurden bei einem Streik auf den Plantagen der United Fruit Company mehr als 2000 Personen von der Armee ermordet, die sich friedlich zu einer Protestkundgebung am Bahnhof versammelt hatten. Neben diesem Ereignis in der Region Urabá, hatte auch das Jahr 1948 großen Einfluss auf die weitere Geschichte Kolumbiens.
Konservative Kräfte der Elite ließen den im Volk wegen seiner linken Reformpolitik beliebten liberalen Präsidentschaftskandidaten Jorge Eliécer Gaitán ermorden. Daraufhin kam zuerst in der Hauptstadt und später im ganzen Land zu Aufständen, in dem sich die Opposition gegen die Konservativen bewaffnete. Die als „Violencia“ bekannten Jahre bis 1953 hinterließen ca. 250.000 Menschenleben, darunter ein Großteil aus Bauern, Liberalen und Oppositionellen. Während sich die Eliten beider Parteien zu einer Aufteilung der Macht verständigten, wurden Oppositionelle weiter verfolgt, schließlich sah man in ihnen eine Gefährdung ihrer Machtposition. In der Zeit der Violencia entstanden auch Gruppen, die sich in den ländlichen Regionen als Selbstverteidigungsgruppen gegen die ausufernde Gewalt sahen. Diese Gruppen waren zum Teil kommunistisch beeinflusst und praktizierten ein System der bäuerlichen Selbstverwaltung. Diese trauten dem Friedensschluss der Oligarchie im Jahr 1953 nicht und behielten ihre Waffen. So entstanden in den 1950er und 1960er Jahren sogenannte „unabhängige Republiken“ von Bauern. Anfang der 1960er Jahre verstärkte der Staat die militärischen Aktionen gegen diese autonom agierenden Flecken. Wenn auch keine militärische Gefahr von ihnen ausging, so fühlte sich der Staat in seiner Autorität als Zentralmacht bedroht. 1964 wurde die Republik „Marquetalia“ von tausenden Soldaten angegriffen und die wenigen Bauern zogen sich zurück und gründeten schließlich mit Bauernverbänden und Selbstverteidigungsgruppen aus anderen Regionen die FARC. Von einer revolutionären Avantgarde kann also keine Rede sein, eher von zu Gueriller@s gezwungenen Bauern, die Unterstützung durch die kolumbianische kommunistische Partei erhielten. Die Selbstverteidigungsgruppen wurden nun zu einer bewaffneten Opposition, die politische Ziele zur Veränderung des bestehenden Systems nach außen trug.
Im Laufe des folgenden Jahrzehnts entstand eine Vielzahl von politischen Gruppen, die teilweise auch den bewaffneten Kampf propagierten. Sieben große Guerillagruppen gab es in den 1970er Jahren, darunter die FARC, das ELN, die EPL und die nationalistische linke Stadtguerilla M-19. Durch spektakuläre Aktionen, besonders durch das M-19, gewannen die Guerillagruppen an Popularität in der Bevölkerung und wuchsen in ihrer Mitgliederzahl rapide an. Der Staat fühlte sich nun ernsthaft bedroht und die repressiven Maßnahmen der Regierungen schienen keinen Erfolg zu haben. Diese neue Phase beschreibt Raúl Zelik wie folgt: „Daraufhin kam es zu einer dramatischen Wende. Der neue Präsident Belisario Betancur (1982-86) erließ eine Generalamnestie und fädelte Friedensverhandlungen ein, die 1984 in einen Waffenstillstand mit FARC, M-19 und EPL mündeten; die ELN verweigerte sich damals den Gesprächen. Aber erneut wiederholte sich die Geschichte: Die legalisierten UntergrundkämpferInnen wurden zur Zielscheibe des schmutzigen Krieges. Ab 1983 entstanden unter der Schirmherrschaft der Armee im ganzen Land mehr als 150 paramilitärische Gruppen, die die nun offen auftretende Opposition regelrecht ausmerzte. Dörfer wurden überfallen, Gewerkschafter erschossen, zahlreiche Massaker mit bis zu 50 Toten verübt. Der Waffenstillstand zerbrach 1985, der schmutzige Krieg aber ging weiter.“
Soziale Säuberungen und politische Morde waren an der Tagesordnung, Mitglieder und Sympathisanten der Partei von FARC und KP, die „Unión Patriótica“, wurden systematisch ermordet. Auch wenn Guerillagruppen wie EPL und M-19 mit der Regierung weiterhin verhandelten und sich in legale Parteien umwandelten, so zeigte die Geschichte der UP und die andauernde Ermordung legaler Aktivisten, dass der offene politische Kampf gescheitert war. Die übriggebliebenen Gueriller@s des M-19 waren auf sich alleine gestellt und am Mord von Präsidentschaftskandidaten Carlos Pizarro sah man, wie gefährlich eine Eingliederung in das bestehende System war. Die Partei des M-19 verschwand in der politischen Versenkung.
Die FARC versuchten zusammen mit dem ELN weitere Verhandlungen mit der Regierung zu führen, denn mit dem Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus zeigte sich auch in Kolumbien eine politische Orientierungslosigkeit und Skepsis gegenüber sozialistischer Ideen. Und auch, wenn es zunächst schien, dass die Guerilla politisch an Boden verlieren würde, so profitierte sie von der Repression seitens der Regierung und der Paramilitärs. Viele Leute haben sich aus Sicherheitsgründen lieber der Guerilla angeschlossen, als einer legalen politischen Organisation, denn hier hatten sie bessere Chancen zu überleben. Mit dem Tod vom Chefideologen Jacobo Arenas, der von der KP Kolumbiens kam, mit der politischen Entfernung von den Zielen der KP Kolumbiens, die sich im Zuge des Zusammenbruchs des real existierenden Sozialismus zunehmend sozialdemokratischen Ideen zuwandte und mit der ohne Vorwarnung durchgeführten Bombardierung des Hauptquartiers der FARC vollzog sich eine weitere Militarisierung. Zynischer weise fand die Bombardierung just an jenem Tag statt, an dem die neue Verfassung Kolumbiens verabschiedet wurde. Die Fronten der FARC samt ihrer Kommandierenden verteilten sich im ganzen Land und waren näher an die Hauptstadt Bogotá herangerückt. Mit dem Wegfall von UP und KP fehlte jedoch der politische Arm der Guerilla. So gründeten sie klandestine Organisationen wie eine eigene kommunistische Partei und die plattformähnliche Bewegung „Movimiento Bolivariano“, um den Protest auch nach außen tragen zu können. Die Guerilla wuchs von Jahr zu Jahr und stand Ende der 1990er Jahre kurz vor den Stadtgrenzen Bogotás. Es entwickelte sich eine Pattsituation zwischen Regierung und Guerilla, militärisch und politisch waren beide nicht zu besiegen. Neben der wachsenden staatlichen Repression kam die rasante Ausbreitung des Paramilitarismus hinzu. So ging es bei den nun vereinbarten Friedensverhandlungen von 1998 bis 2002 nicht mehr um eine Machtübernahme, sondern um pragmatische Ziele.
„In diesem Zusammenhang ist das Interesse der Guerilla zu sehen, über konkrete Regelungen mit der Regierung zu verhandeln. Es geht nicht um eine Demobilisierung, sondern um punktuelle Vereinbarungen: Einhaltung der Genfer Menschenrechtskonventionen, Schutz der Zivilbevölkerung und der legalen Opposition, Demobilisierung der Paramilitärs, Nationalisierung der Bodenschätze, Stop der Privatisierungen und Wiedereinführung von Arbeits- und Kündigungsschutzgesetzen.“
Das die FARC in Europa einen schlechten Ruf haben, liegt zum einen an der zugegebenermaßen manchmal etwas tölpelhaft erscheinenden Außendarstellung und ihren Versuchen der Kommunikation mit der Linken, zum anderen aber an der rigorosen Repression von Medien und staatlichen Sicherheitsorganen. Fast jeder Überfall, jedes Massaker und jede Entführung wird zu allererst den FARC zugeschrieben. Wenn später herauskommt, dass das Militär, paramilitärische Gruppen oder kriminelle Banden dafür verantwortlich waren, dann findet dies keine Erwähnung mehr in den Medien oder interessiert wegen dem zeitlichen Faktor einfach keinen mehr.
Mit der Einstufung zu einer „terroristischen Organisation“ im Zuge des 11. September 2001 ist es für die FARC schwer geworden, die Menschen zu erreichen. Jegliche Sympathie oder Solidaritätsarbeit wird mit Härte geahndet. Dennoch suchen die FARC Kontakt zu anderen revolutionären und linken Gruppen und haben durchaus gute Beziehungen zu den sozialen Bewegungen, nicht nur in Kolumbien selbst. Sie sind auch keine „Steinzeit-Kommunisten“ und/oder eine „superrevolutionäre“ Organisation. Nein, die FARC denken eher pragmatisch, wenn man an die Notwendigkeit zur Durchführung sozialer Reformen und Friedensverhandlungen denkt. Mit „Narco-Guerillas“, übrigens ein von den USA geprägter Begriff, und mit „Stalinismus“ hat das Ganze nichts zu tun.
Das es bei den FARC kritikwürdige Punkte gibt ist nicht von der Hand zu weisen. Die vordergründig militärische statt politische Arbeit hängt aber auch mit den Reaktionen der Regierung zusammen. Raul Zelik dazu: „Natürlich gibt es in Kolumbien (wie in der FMLN und FSLN) Militarismus und Autoritarismus von links. Das ist anzugreifen, aber bei einer Militarisierung des Konflikts, wie er von der kolumbianischen Oberschicht in den letzten 50 Jahren betrieben wurde, nicht besonders verwunderlich. Mit den Organisationsführungen und –positionen hat das auf jeden Fall wenig zu tun.“ Und weiter: „Ein weiteres Mittel ist die Strategie, die Aufständischen in den internationalen Medien als `kriminelle Narco-Guerilla´ zu stigmatisieren. Dabei werden vor allem Entführungen und Verbindungen zum Drogenhandel aufgeführt. Ein genauerer Blick macht jedoch auch dieses Argument zunichte: Was die Entführungen von ausländischen Technikern und Großgrundbesitzern angeht, bewegen sich diese auf der gleichen Ebene wie Haftstrafen für Steuerbetrüger in einem bürgerlichen Rechtsstaat, denn die Guerilla übt in vielen Regionen de facto Regierungsfunktionen aus, und treibt daher Steuern ein. Man muss begreifen, dass es sich bei der kolumbianischen Guerilla nicht um eine privat agierende Minitruppe sondern um eine aufständische Gegenautorität handelt. Wer sich über diese Entführungen empört, darf über staatliche Gefängnisse nicht schweigen.“
In der Drogenpolitik wird auf ähnlicher Weise mit Vorurteilen argumentiert. Die FARC sind vor 30 Jahren dazu übergegangen, Abnahme- und Aufkaufpreise zu besteuern, weil sie ihre soziale Basis der Bauern nicht verlieren wollten. Zuerst waren die FARC gegen jeden Anbau von Koka. Das Schließen der Augen vor der Realität führte dazu, dass die Paramilitärs immer weiter auf dem Vormarsch waren, die Bauern sich der Guerilla abwendeten und eine damals noch nicht vorhandene Kontrolle über die Anbautätigkeiten dazu führte, dass kaum Lebensmittel in einigen Regionen für die einfache Landbevölkerung vorhanden waren und die Preise dafür immens stiegen.
Es ist wichtig, Aktionen und Programmatik der FARC kritisch zu begleiten. Es ist aber auch wichtig, Aktionen und die Realität der kolumbianischen Politik und Gesellschaft kritisch zu begleiten. So manch ein Linker denkt, Lateinamerika und Kolumbien zu kennen, übernimmt aber leider viel zu oft die unreflektierte Propaganda der Staats- und Massenmedien, ohne auch nur einmal die Realität jenseits von Bogotá, Medellín und der Karibikküste gesehen zu haben.
„So wie es in den 80ern falsch war, FSLN und FMLN unkritisch abzufeiern, ist es heute unmöglich, sich eine Emanzipation Kolumbiens ohne die Guerilla vorzustellen. Man muss nicht gleich in ehrfurchtsvolle Bewunderung verfallen, um die aufständische Bewegung politisch ernst nehmen zu können.“
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Ergänzungen