Gewaltfrei, militant – wichtig ist Qualität!

Robin Wut 28.05.2012 19:41 Themen: Blogwire Repression Soziale Kämpfe Ökologie

Sieben Jahre nach ihrem Neustart ist die Agrogentechnik in diesem Land zumindest aus der Landschaft wieder weitgehend verdrängt. Etliche der Firmengeflechte und Lobbyvereine, die für die großen Konzerne Patente sammelten und Pflanzen entwickelten, sind aufgerieben oder stehen in öffentlicher Kritik. Universitäten ducken sich weg (ohne allerdings, nur jetzt im Heimlichen, von der profitträchtigen Technik die Finger zu lassen). Erreicht hat das eine bunte Vielfalt an Widerstand, in deren Kern direkte Aktionen an den Standorten der Felder und Anwender standen. Somit ist die Geschichte des Gentechnikprotestes ein gutes Beispiel dafür, dass es weder einer Distanzierung von Militanz noch der großen Apparate braucht. Ganz im Gegenteil: Von unten, unabhängig, frech, inhaltsreich und direkt - das ist die beste Mischung. Es lohnt sich daher, die vergangenen Jahre strategisch auszuwerten - das soll hier geschehen.

14. April 2012: Die Ostseezeitung titelte in ihrer Samstagsausgabe auf Seite 1: „Filz und Mauschelei um die Gentech-nik?“. Im Text ließ sie Kerstin Schmidt, Geschäftsführerin der felderbetreibenden Firmen, zu Wort kommen: „Die grüne Gentechnik in MV ist tot“. Ob das auch auf Dauer so sein wird, blieb und bleibt offen. Dass aber dieser Satz überhaupt fiel, war bemerkenswert – und erst der Anfang. Denn ab diesem Tag hagelte es für fast einen Monat lang Hiobsbotschaften für die Agrogentechnik mit einem eindeutigen Ergebnis: Die beiden hochumstrittenen Versuchsanlagen mit jeweils mehreren Genfeldern pro Jahr (AgroBioTechnikum bei Rostock und den Schaugarten Üplingen) konnten 2012 nicht angelegt werden. „Wir sind jetzt fast auf Null“, sagte Kerstin Schmidt im Mai gegenüber dem Focus – ein Desaster für die hochgeförderte Branche. Was war geschehen?
Der (relative) Erfolg erwuchs aus einer fünfjährigen Auseinandersetzung, die nicht nur eine für politische Bewegungen nicht alltägliche Wirkung zeigte, sondern wegen ihrer Art einer genaueren Betrachtung wert ist. Denn hier gelang etwas, was sonst sehr selten ist: Ein politischer Widerstand in solidarischer Unterschiedlichkeit, in unberechenbarer Vielfalt und politischer Schärfe. Hier zählten nicht Geld, Image, Verbindungen zu Eliten in Politik, Wirtschaft oder Medien, sondern die beharrliche Arbeit an der Basis, direkt vor Ort, an den Konfliktherden, eine politische Kritik mit inhaltlicher Tiefe und der konsequente Verzicht auf Hierarchien, Logos, Abhängigkeiten und Anbiederung. Daher lohnt es sich, genauer hinzugucken – nicht zwecks Lubhudelei, sondern wegen des Signals an andere politische Kämpfe (soweit das Wort nicht schon eine erhebliche Beschönigung für oft unbewegliche Krisenbegleitung darstellt).

 

Erfolg trotz mäßiger Startbedingungen ...

Wichtig für das Verständnis ist, dass zwar die Agrogentechnik auf breite Kritik stieß, aber die Ausgangslage für direkte Aktion und emanzipatorische Kritik eher schlecht war. Zum einen standen trotz der zur Schau gestellten Skepsis alle relevanten Größen des politischen Establishments hinter dem Projekt eines großen Freisetzungs- und Firmengründungszentrums 20km östlich von Rostock. Die rot-rote Landesregierung förderte den Aufbau mit Millionen, der FDP-Bürgermeister Sanitz, in dessen Ortsteil Groß Lüsewitz das Hauptgebäude entstand, tat ebenfalls, was er konnte: Grundstück und Gebäude wurden von der Gemeinde zur Verfügung gestellt, der Leerstand vom Land verwaltet und finanziert – und schließlich gab es sogar noch etliche Hektar Acker vom Land dazu. Die Flächen lagen größtenteils in der Gemarkung der Nachbargemeinde Thulendorf, genauer in Sagerheide. Deren Gemeinderat war zwar nicht einverstanden, aber wen interessiert die lokale Meinung, wenn es um den Weltführungsanspruch Deutschlands geht (so jedenfalls benannte Forschungsministerin Annette Schavan das Ziel des von ihr geförderten Projektes BioOK). Ähnlich sah es auch in Sachsen-Anhalt aus, wo zunächst in Gatersleben, dann in Üplingen weitere Zentren der Agrogentechnik wuchsen.
Zum anderen standen zwar bildungsbürgerliche Kreise kritisch zur Gentechnik, stellten aber passend zu ihrer kulturellen Gedankenwelt Gesundheitsaspekte in den Vordergrund. Eine emanzipatorische Gentechnikkritik fehlte ebenso wie praktisches Handeln jenseits der „Politik“ mit dem (wohlgefüllten) Portemonnaie. Folglich blieb deren Protest schwach und beschränkte sich auf appellative Vorgänge. Umweltverbände, Grüne und andere schielten auf Bundesebene auf die mehr Spendeneinnahmen versprechenden Kampagnen gegen Monsanto und seinen Mais – Greenpeace trug die meisten Freisetzungen von Sagerheide nicht einmal auf seine Genfelderkarte ein.
Von zwei Seiten wurde dann das Ende dieser Periode eingeläutet. Die Initiative „Gendreck weg!“, von einem Spektrum von ImkerInnen bis zu kampagnengeschulten (und meist eher bürgerlichen) Gewaltfreien gegründet, rief zu Feldbefreiungen auf. Im Jahr 2007, drei Jahre nach dem Start des AgroBioTechnikums, wiederholte sich dann dort eine Aktionsmethode, die schon Mitte der 90er Jahre einen wesentlichen Anteil an der Zurückdrängung der Agrogentechnik hatte. Eine gut vorbereitete Aktionsgruppe versuchte, die Fläche zu besetzen. Doch die AktivistInnen hatten Pech, ihre Aktion flog zu früh auf, die Blockaden standen noch nicht und so konnte die Polizei die unerwünschten GentechnikkritikerInnen verjagen. Die waren damals noch sehr isoliert. Alle Anfragen bei LandwirtInnen in der Umgebung nach Unterstützung schlugen fehl. Angst beherrschte das Denken – erst weit entfernt, hinter Kühlungsborn, fanden die AktivistInnen die nötige Basisstation, seine sehr anstrengende Sache. AnwohnerInnen aus dem Ort hatten die nächtlichen Aktivitäten bemerkt und die Polizei alarmiert (die trotzdem lange brauchte, die Aktion zu finden). Regionale Zeitungen verzichteten auf Berichterstattung oder schrieben überwiegend negativ. Die GentechnikmacherInnen, allen voran Prof. Inge Broer, erhielten hingegen viel Platz, ihre Meinungen medial auszubreiten.
Die unabhängig von Verbänden und Parteien agierenden AktivistInnen blieben zäh, machten einige Tage Aktion vor dem AgroBioTechnikum in Groß Lüsewitz, versuchten (erneut vergeblich) eine weitere Besetzung, zudem folgte noch ein Aktionstag im Rahmen der Proteste gegen den im gleichen Jahr in Heiligendamm stattfindenden G8-Gipfel. Hier waren auch NGOs und formalisierte Netzwerke beteiligt. Zudem mussten die Gentechnikfirmen eine Feldbefreiung hinnehmen: Die frisch angelegten Gen-Kartoffelbeete wurden zu großen Teilen zerstört. Auch das Gebäude in Groß Lüsewitz erhielt Besuch und zeigte sich seitdem farblich umgestaltet. Dann war dort erst einmal wieder Ruhe, nur in anderen Regionen kam es zu Auseinandersetzungen, vor allem als BASF seine Uralt-Kartoffel „Amflora“ anbauen wollte. Bürgerinitiativen wehrten sich – auch dort mit einer Mischung aus öffentlichem Protest, formaler Politik und direkten, nächtlichen und offenen Aktionen. Am AgroBioTechnikum aber hielt sich die Ruhe weitgehend auch während des erfolgreichsten Feldbesetzungsjahres 2008 mit sieben besetzten Feldern. Vier Genfelder wurden dadurch direkt verhindert, darunter eines mit transgener Gerste in Gießen, welches dann ans AgroBioTechnikum verlegt wurde. Das war inzwischen zu einem Sicherheitsgelände ausgebaut worden mit Zäunen, Flutlicht, direktem Kontakt zu startbereiten Polizeihubschraubern usw. Doch die Verlegung führte wieder zu erhöhter Aufmerksamkeit. Im Folgejahr 2009 kam es zudem zu einer wichtigen Bündnisbildung, denn beginnend mit einer Veranstaltungstour durch die Dörfer und in der Stadt Rostock, über eine weitere Feldbesetzung (die von der Polizei geräumt wurde, während sich die örtliche Feuerwehr weigerte, sich an einer solchen politisch motivierten Räumungsaktion zu beteiligen) bis zu einer wochenlangen Mahnwache direkt am Feld entstanden wichtige Kontakte. Es gelang, was sonst meist misslingt: Eine Kooperation zwischen BUND, einigen Grünen, AnwohnerInnen und Gemeinderatsmitgliedern, StudentInnen, Bauern, Bioläden und unabhängigen AktivistInnen. Das war kein festes Bündnis, es wurde nicht über Label und Kontonummern gestritten, sondern die Beteiligten agierten von Fall zu Fall zusammen – und freuten sich über ihre Unterschiedlichkeit. Genau das brachte eine brisante Mischung, die sich mit dem Wahlerfolg der Grünen ab 2011 auch im Landtag ein wenig fortsetzte, auch wenn die Partei weiterhin skeptisch solch bunter Kooperationen gegenübersteht. Doch es ging ohnehin nie um eine formalisierte Zusammenarbeit, sondern um die Verbindungen zwischen den Menschen. Schreiben wir lieber nicht genauer, wer da wen wann unterstützt hat – es würde manch festgeschmiedetes Weltbild in den wohlsortierten Identitäten deutschen Funktionärswesen durcheinanderbringen.

 

Bewertung: Die Mischung macht's!

Genau die Mischung war das Erfolgsrezept. Durchgängig waren militante Aktionen Teil des Aktionsspektrums. Die waren zudem nicht ohne: Neben den beiden Feldbesetzungsversuchen 2007 und 2009 wurde der Turm am AgroBioTechnikum mehrfach erklettert und umgestaltet. Das AgroBioTechnikum wurde mehrfach attackiert, die Gentechnik-Gewächshäuser beschädigt oder Stinkeflüssigkeit in den Räumen verteilt. Spektakulär aber waren vor allem die Feldbefreiungen. Sie geschahen nachts, gerieten aber offenbar immer in Konflikt mit den Bewachungsstrukturen. Bei der ersten Attacke 2009 konnten die BewacherInnen die umfangreichen Zerstörungen nicht verhindern und wurden (wie Wachschützer später selbst berichteten) zum Teil versetzt. Das mag die Reaktion einige Wochen später erklären, als erneut Felder angegriffen wurden, darunter das illegal – nämlich als Zweitfeld – angelegte transgene Gerstenfeld aus Gießen. Diesmal stürzten sich, wie der Lobbyverband InnoPlanta später berichtete, die Bewacher in den Kampf. Ihren eigenen Angaben zufolge wurden sie dabei verletzt, was sich mit den Berichten von AnwohnerInnen über erst sehr zögerlich eintreffende Rettungswagen nicht deckte. Der Vorgang weckte sehr unterschiedliche Reaktionen – von platten Distanzierungen aus dem darin geschulten politischen Lager (Teile von SPD, Linke, Grüne, einige NGOs und natürlich die konzernnahen Parteien und Verbände). Doch die Debatte war längst entfacht: Vorträge in Bioläden, Kulturzentren, Gemeindehäusern oder den Gärten der FeldnachbarInnen, Pressearbeit, die Verteilung einer umfangreichen Broschüre über die Seilschaften hinter dem AgroBioTechnikum und anderen Firmennetzwerken an 17.000 Haushalte rund um das Gentechnikzentrum, Einwendungen gegen Genehmigungen, Klagen gegen die Felder, ein am Ende einstimmiger Gemeinderatsbeschluss und das Ende des Pachtvertrages für die Parzellen, die der Gemeinde gehörten. Zu einer jährlichen Tradition wurde die kritische Inspektion am Feld, ein Spaziergang für alle Interessierten am Zaun entlang – kritisch beäugt von Bewachern und Polizei. Bemerkenswerte Berichte über Reaktionen von AnwohnerInnen auf Feldbefreiungen sind überliefert – sie reichen bis zur Sektlaune. Immer deutlicher wurde die Ablehnung der GentechnikerInnen. Sie fuhren durch den Ort Sagerheide auf ihr Feld, vermieden meist jeglichen Kontakt, aber lasen an zunehmend mehr Grundstücken Protestschilder und –plakate.
Von Bedeutung ist zudem der Blick auf das Inhaltliche. Denn auch hier wiederholten sich die sonst scheinbar so verfes-tigten Rollenklischees nicht. Denn es waren die unabhängigen AktivistInnen selbst, die zu ihren Aktionen auch handfeste Argumente lieferten: Eine dezidierte Herrschaftskritik an der Gentechnik und die Recherche plus Darstellung der Seilschaften hinter den Kulissen von Feldern und Laboren. Das spielte für die Kritik an Uni Rostock und dem AgroBioTechnikum eine bedeutende Rolle. Denn hier zeigte sich ein Geflecht verschiedener Institutionen, die nach klassischen Elitenmanier („Eine Hand wäscht die andere“) Pöstchen, Gelder und Genehmigungen hin- und herschoben. 2009 erschien die Broschüre „Organisierte Unverantwortlichkeit“, verbunden mit Internetseiten und vielen Veranstaltungen. Die AgroBioTechnikums-MacherInnen wurden nervös: Zusammen mit den ebenso aufgedeckten Filzstrukturen in Sachsen-Anhalt versuchten sie, die ihnen unangenehmen Veröffentlichungen verbieten zu lassen – sie scheiterten trotz üblen Kungelns mit Rechtsanwälten, RichterInnen und betagten FDP-Größen auf ganzer Breite.
Dann kam 2011 und übertraf das Bisherige noch einmal. Wieder schepperte es an den Gewächshäusern, zudem erschien das Buch zu den Gentechnik-Seilschaften unter dem Titel „Monsanto auf Deutsch“. Das Frühjahr startete, genauer am 30. April, mit dem obligatorischen kritischen Spaziergang. Am 4. Juni schauten BäuerInnen und Begleitung auf ihrer Treckerdemo nach Berlin vorbei. Und Anfang Juli passierte das, wovon optimistische KritikerInnen vielleicht noch kühn geträumt hatten: Unbekannten gelang das Kunststück, sämtliche Sicherungssysteme der Felder zum Ausfall zu bringen und ohne körperliche Auseinandersetzung mit den Bewachern die wesentlichen Versuchsfelder zu zerstören. Doch nicht nur das: 48 Stunden wiederholten sie das Spektakel auf einer ähnlichen Fläche in Üplingen, auf der ebenfalls die im AgroBioTechnikum sitzenden Firmengeflechte unter Leitung von Kerstin Schmidt tätig sind. Der Schock saß tief, denn seit diesem Zeitpunkt konnte kein Ort in Deutschland mehr als sicheres Feld gelten. Parallel liefen weiter Veranstaltungen, Spaziergänge und mehr – bis Anfang 2012, kurz nach der großen Demonstration „Wir haben es satt!“ in Berlin, BASF und KWS ihren Rückzug aus Deutschland ankündigten (was sie dann doch – zunächst – nicht taten … wie üblich war es gelogen). Am 14. April erschien dann der eingangs erwähnte Artikel: Die Seilschaften erklärten selbst ihren Tod, zumindest im Nordosten der Republik. Anfang Mai sagte dann auch der Schaugarten Üplingen für 2012 seinen Betrieb ab.

 

Konsequenzen und Perspektiven

Vorbei ist damit noch nichts und erst recht ist es niemals schlau, profitgierigen Strukturen (die im Kapitalismus der Normalfall sind) durch eigenes Einschlafen wieder das Feld zu überlassen. Aber trotzdem bieten die fünf Jahre Widerstand doch eine Menge interessanter Lehren:

  • Radikalität und Militanz ziehen in weiten Teilen der Bevölkerung keinerlei Antipathien nach sich. Meist sind es vor allem die wählerstimmen- und zuschussorientierten Apparate von Organisationen (z.B. NGOs, Parteien) und ihren HelfershelferInnen in den Medien, die über militante Aktionen quengeln. Sie behaupten dabei fehlten Akzeptanz in der breiten Öffentlichkeit, ohne diese Annahme jedoch zu überprüfen. Meist fehlt ihnen auch der Kontakt zu Basisstrukturen, so dass sie ihre eigenen Aussagen gar nicht unterfüttern könnten. Beharrliches Bestehen auf eine Vielfalt von Widerstandsformen statt allzu schneller Akzeptanz der Dominanz militanzablehnender Funktionärskasten kann sich also auszahlen. Wo Mist passiert, muss die Gegenwehr auch (nicht nur) zu Mitteln greifen, die diesen beenden können. „Protest ist, wenn ich sage Das und Das passt mir nicht. Widerstand ist wenn ich dafür sorge, dass Das und Das nicht mehr passiert“, schrieb Ulrike Meinhof.
  • Für diese Position lässt sich offensiv werben, rund um konkrete Konflikte und Themen ist das auch der beste Moment. Es war immer die Schwäche von Protestprojekten wie „Stuttgart 21“ und andere, dass sich viele und vor allem die Führungsfiguren von Militanz distanziert haben – meist schon vorauseilend. Damit bereiteten sie selbst den Boden für Spaltungsversuche von Innen und Außen. Dabei gibt es schon seit Langem andere Beispiele: Es war und ist die Stärke im Widerstand gegen den Castor, dass die bürgerlich-gewaltfreien und legalistischen Gruppen sich nicht durchsetzen konnten und mit dem „Streckenkonzept“ (jedeR macht auf ihrem Kilometer, was er/sie will – und alle achten darauf, sich nicht gegenseitig zu behindern, sondern eher zu fördern) das bislang dauerhafteste Protesterfolgskonzept des Landes entstand. Diese Strategie ging auch bei den Protesten gegen das WTO-Treffen 1999 in Seattle auf – quasi als Flächenkonzept mit großer Vielfalt auf den unterschiedlichen Straßen und Kreuzungen. Beide Aktionen sind positiv in den Köpfen geblieben, warum also die ständigen Distanzierungen und Gleichmachereien auf einen sogenannten Konsens der Gewaltfreiheit?
  • Militanz ersetzt aber keine Qualität. Für alle Aktionsformen gilt, dass sie möglichst qualitätsvoll und inhaltlich vermittlungsreich sein sollten. Denn kein Steinwurf, ebenso aber auch keine noch so lange Menschenkette ersetzt den Inhalt. Das müssen noch sehr viele begreifen, auch Militante. Denn Form ist kein Inhalt. Wer Steine wirft auf irgend etwas oder, noch schlimmer, die eigenen Leute, zeigt vor allem, sich nicht vorbereitet zu haben. Die militanten Aktionen gegen die Agrogentechnik in Mecklenburg-Vorpommern waren immer sehr zielgerichtet, offenbar gut vorbereitet und inhaltlich vermittelt.
  • Es bedarf der Apparate und BewegungsführerInnen nicht. Zwar erscheint der Weg über Basisgruppen, Betroffene, lokale Bevölkerung und offene Bündnisse von Menschen (statt von Gruppen mit ihren Identitäten) mühselig und ist für die in der Regel aus bildungsbürgerlichen Kreisen stammenden und eher mit Facebook als direkter Gesprächsführung vertrauten PolitaktivistInnen ungewohnt, aber es lohnt sich. Denn wer sich nicht von Campact, großen Verbände oder Parteien, IL oder anderen abhängig macht, bleibt beweglicher und unberechenbarer. Außerdem entsteht gerade dann die Möglichkeit, kooperationsfähig zu sein. Denn Offenheit nach außen entsteht durch Verzicht auf eigene Hierarchien und Label, ist aber mit einem klaren Kern an politischen Inhalten gut vereinbar.
  • Die Aktionsfähigkeit steigt mit der Aneignung von Handlungsmöglichkeiten. Emanzipatorisch ist dabei die Selbstermächtigung, d.h. die selbstorganisierte Schulung, das Üben, Reflektieren und das Kooperieren in der Aktion. Denn nie müssen alle alles können, sondern Wissen und Erfahrungen können sich ergänzen. Selbstorganisierung und Sammeln von Know-How gelten nicht nur bei der Aktion, sondern auch insgesamt für eine Unabhängigkeit im Alltag sowie für die Nachbeben, z.B. im Umgang mit Repression. Auch hier gilt es, sich von den dogmatischen Erniedrigungen in Verbänden und linken Führungseliten zu lösen. Die Politisierung und oft genug wirksame Behinderung von Polizei- und Gerichtsstrukturen durch einen offensiv-kreativen Umgang spricht hier immer deutlicher für sich – wird aber, zwecks Aufrechterhaltung der bestehenden Hierarchien, von den Apparaten politischer Verbände und Bündnisse bekämpft. Hier stehen sich Denkkulturen gegenüber: Emanzipatorische Selbstermächtigung zum Widerstand oder Geschlossenheit in Schafherden unter Führung selbsternannter Avantgarden.
  • Hilfreich wären mehr gegenseitige Unterstützung, Kooperation und zugängliche Infrastruktur z.B. in Form von Aktionsplattformen oder Projektwerkstätten. Hier blieben viele Wünsche offen, weil auch unter unabhängigen AktivistInnen Cliquenbildung mit mangelnder Außenwahrnehmung angesagt ist. Das beschränkt auch die Chancen, mehr Menschen anzusprechen und – statt als Mitglieder anzuwerben, wie es Verbände und Parteien tun – zu eigenständigem Handeln bis hin zur Bildung eigener Aktionszusammenhänge zu verhelfen.
  • Der Versuch, formalisierte Bündnisse zu gründen, kann Kooperation eher behindern als fördern. Bündnisse entsprechen meist den Denklogiken der BewegungsführerInnen. Nötig ist die direkte Kommunikation zwischen Menschen. Und hier zeigen sich bemerkenswerte Offenheiten: Da lässt sich schnell mal mit der CDU eine parlamentarische Anfrage organisieren, bei der tiefbürgerlichen Grünenwählerin ein Unterschlupf klarmachen oder im Vorhof einer örtlichen Firma ein Protestplakat befestigen. Es war eine Einmaligkeit in Mecklenburg-Vorpommern, dass sich die verschiedenen Akteure nicht spalten ließen – auch aufgrund der vermittelnden Aktivitäten mancher AnwohnerInnen, Verbandsleute und AktivistInnen. Davon sind die Bundesebene und viele andere Länder, wo Umweltverbände auf AktivistInnen mehr schimpfen als auf die politischen GegnerInnen oder Kirchenleute Podiumsdiskussionen absagen nicht wegen der ebenfalls geladenen BASF, sondern wegen unabhängigen AktivistInnen.

Der erfolgreiche, aus entsprechendem Bewusstsein und mangels anderer Möglichkeiten konsequent „von unten“ entwickelte Widerstand gegen GVO-Felder in Deutschland soll kein Vorbild sein. Abziehbilder taugen nicht in einer Kultur selbständigen Denkens. Aber Anregungen können die Aktionen und ihre Wirkung ebenso geben wie Ideen für Aktionen und Strategien. Für den Widerstand gegen Atom und Kohle, Tierfabriken und Schlachthöfe, Nazis und FundamentalistInnen aus Religionen oder Esoterik, Konzerne und profitgierige Institutionen, Militär & Co. kann das alles Mut machen. Überall wird es darauf ankommen, einen vielfältigen Widerstand am Leben zu haben, aber gleichzeitig die Kooperation der Vielen und Unterschiedlichen zu suchen und zu entwickeln. Unabhängige AktivistInnen bzw. militante Gruppen müssen da genauso über ihre Schatten eigener Cliquen oder kultureller Codes springen wie bürgerliche und sonstige Initiativen lernen müssen, dass eine anspruchsvolle Militanz nicht ihr Gegner, sondern hochwirksamer Bündnispartner ist. Unabhängige AktivistInnen können helfen, dafür gute Startvoraussetzungen zu schaffen.

  • Dieser Text mit Abbildung als PDF zum Abdruck in Zeitungen, Rundbriefen u.ä.

 

Mehr Infos

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Termine zu den Gentechnikaktionen und Aktionstrainings

  • Donnerstag, 31.5., 15 Uhr in Berlin (auf der Berlin Biennale, Auguststr. 69, nahe Oranienburger Straße/Tor): Ton-Bilder-Schau "Monsanto auf Deutsch - Seilschaften zwischen Behörden, Forschung und Gentechnikkonzernen" (zum Inhalt siehe 3.6. und hier)
  • 1.-3. Juni: Tierrechtsaktionstage im Projekthaus "Alternaria" in Loehne
  • Freitag, 1.6., 12 Uhr in Berlin (auf der Berlin Biennale): Einführung in Direct-Action und kreative Widerstandsformen
    Einführung mit Bildern und Beispielen. Dabei werden die Prinzipien von "Direct Action" beschrieben, vor allem aber sollen Phantasie, Kreativität und Willen zu wirksamer Aktion durch die vielen Beispiele von Sabotage, Straßentheater, Kommunikationsguerilla usw. angeregt werden. Vorab Infos: www.direct-action.de.vu
  • Freitag, 1.6., 14 Uhr (auf der Berlin Biennale): Workshop und Training zu Aktionen - mit Möglichkeit zu Rollenspielen und Ausprobieren
    In der politischen Praxis können viele kreative Aktionsformen angewendet werden - es ist ein Ziel des Trainings, vieles davon einfach zu können, um in jeder konkreten Situation aus vielen Handlungsmöglichkeiten auswählen zu können. Im Seminar soll über direkte Aktionen geredet und an konkreten Beispielen gezeigt werden, wie Langeweile und Wirkungslosigkeit politischer Arbeit überwunden werden kann. Je nach Interesse der Teilnehmenden können Situationen geübt und ganz konkrete Tipps ausgetauscht werden.
  • Freitag, 1.6., 20 Uhr (auf der Berlin Biennale): Ton-Bilder-Schau "Fiese Tricks von Polizei und Justiz"
    "Die Vorwürfe klingen ungeheuerlich: Polizisten basteln einen Brandsatz oder fertigen Gipsabdrücke selbst an, um Beweismittel zu haben. Beweisvideos und -fotos verschwinden, Falschaussagen werden gedeckt, Observationen verschwiegen, um Straftaten erfinden zu können. Alles Hirngespinste von Verschwörungstheoretikern? Offenbar nicht." (ddp am 22.11.2007, 10.26 Uhr)
    Aus erster Hand: Ein erschreckender, zuweilen witziger und immer spannender Vortrag mit konkreten Fällen, Auszügen aus nichtöffentlichen Polizei- und Gerichtsakten auf Overheadfolien - ein tiefer Blick hinter das Grauen von Polizei- und Justizalltag! Die Polizeiakten selbst belegen alles: Verfolgung wegen Graffitis, die es nie gab. Inszenierte Falschaussagen durch Polizei- und Gerichtsbeamte. Geheime Observationen, die vertuscht werden, um Straftaten zu erfinden. Das Leben ist ein Bond-Film. Mit einer Reportage vom Federballspiel am 14.5.2006 und der Verstrickung von Volker Bouffier, das momentan in der Landespolitik hitzig diskutiert wird.
    Dieser Abend wird eine Mischung aus Enthüllung, Kriminalroman, Kino und Kabarett. Staunen über die Dreistigkeit der Staatsmacht. Kopfschütteln über uniformierte Dummheit. Lachen über die kreative Gegenwehr! ++ Infoseite
  • Samstag, 2.6., 12 Uhr (auf der Berlin Biennale): Workshop und Training "Kreative Antirepression"
    Einführung zu rechtlichen Grundlagen der Repression (Polizei-, Versammlungs- und Strafrecht) und möglicher Aktionen. Brainstorming zum kreativen Umgang mit solchen Situationen. Dann Trainings in Form von Rollenspielen z.B. zu Polizeikontakten, Fahrkartenkontrolle u.ä. Infos vorab: www.projektwerkstatt.de/antirepression
  • Samstag, 2.6., 20 Uhr (auf der Berlin Biennale): Vortrag und Diskussion "Den Kopf entlasten - Kritik anti-emanzipatorischer Positionen in politischen Bewegungen"
    Monsanto ist schuld. Nein, die Bilderberger. Quatsch, der Finanzkapital macht alles kaputt. Völkerrechtswidrige Kriege lehnen wir ab - demokratisch bomben ist schöner. Härtere Strafen für Nazis, Vergewaltiger und Umweltsünder. Was nichts kostet, ist auch nichts wert. Mehr Kontrolle für Richter und Polizei. Leitungsnetze ausbauen für die Windenergie. Stärke des Rechts statt Recht des Stärkeren. Der Mensch ist halt ein Herdentier (oder neu: Schwarm). NPD-Verbot jetzt!
    So oder ähnlich klingen viele politische Forderungen. Was sie gemeinsam haben: Sie blenden Machtebenen aus, verkürzten komplexe Herrschaftsanalysen und spielen mit den Mitteln des Populismus. Statt Menschen zu eigenständigem Denken und kritischem Hinterfragen anzuregen, wollen sie billige Zustimmung einfangen - zwecks politischer Beeinflussung, Sammeln von AnhängerInnen und WählerInnen oder auf der Suche nach dem schnöden Mammon in Form von Spenden und Mitgliedsbeiträgen. Auf diese Weise betreiben viele Gruppen das Geschäft derer, die an den Hebeln der Macht sitzen. Sie wollen Einzelprobleme lösen und verschärfen dabei die Ursachen von Profit, Ausbeutungen, Unterdrückung und Umweltzerstörung. Wer das Gute will, dabei aber die Befreiung der Menschen außer Acht lässt, wird schnell zur Hilfstruppe derer, die immer mehr Kontrolle und Steuerungsmittel wollen - und auch immer das Beste versprechen.
    Im Vortrag (bzw. Workshop) werden Prinzipien anti-emanzipatorischer Theorien, politischer Konzepte und Welterklärungen benannt und dann Beispiele vorgestellt, über die jeweils auch kurze Debatten möglich sind. Infoseite: www.kopfentlastung.de.vu
  • Sonntag, 3.6. um 13 und 16 Uhr auf dem Hoffest der Schlossimkerei Tonndorf (südlich Erfurt/Weimar): Ton-Bilder-Schau "Monsanto auf Deutsch - Seilschaften zwischen Behörden, Forschung und Gentechnikkonzernen"
    Kennen Sie Filme oder Bücher über Monsanto? Immer wieder wird einen intensiver Filz zwischen Konzern und Aufsichtsbehörden aufgedeckt. Doch St. Louis, der Firmensitz des Round-up- und Agent-Orange-Herstellers, ist weit weg. Wie aber sieht es in Deutschland aus? Warum werden hier Jahr für Jahr immer neue Felder angelegt, obwohl 80 Prozent der Menschen keine Gentechnik im Essen wollen? Warum fließen Steuergelder auch dieser 80 Prozent fast nur noch in die Gentechnik, wenn es um landwirtschaftliche Forschung geht? Der Blick hinter die Kulissen der Gentechnik mit ihren mafiosen Strukturen und skandalösen Zustände bei Genehmigungen und Geldvergabe bietet eine erschütternde Erklärung, warum die überwältigende Ablehnung und der gesetzlich eigentlich vorhandene Schutz gentechnikfreier Landwirtschaft (einschließlich Imkerei) gegenüber der grünen Gentechnik so wenig Wirkung hat. Denn: In den vergangenen Jahrzehnten sind alle relevanten Posten in Genehmigungsbehörden, Bundesfachanstalten und geldvergebenden Ministerien mit GentechnikbefürworterInnen besetzt worden. Die meisten von ihnen sind direkt in die Gentechnikkonzerne eingebunden. Mafiose Geflechte von Kleinstunternehmen und seltsamen Biotechnologieparks names Biotechfarm oder Agrobiotechnikum sind entstanden, zwischen denen Aufträge und Gelder erst veruntreut und dann hin- und hergeschoben werden, bis sich ihre Spur auf den Konten der Beteiligten verliert. Es wird Zeit für einen Widerstand an den Orten der Seilschaften.
    In der Veranstaltung werden minutiös die Seilschaften zwischen Behörden, staatlicher und privater Forschung, Konzernen und Lobbyorganisationen durchleuchtet. Jeweils eine Firma (BioOK), eine Behörde (BVL = Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit), das wichtigste Forschungszentrum AgroBioTechnikum (nahe Rostock) und der Lobbyverband InnoPlanta mit den jeweiligen Firmengeflechten werden vorgestellt. Am Beispiel eines kleinen Versuchsfeldes zeigt sich: Deutsche Genfelder sind nichts als Fördermittelbetrug, Schlamperei und der Wille, die Auskreuzung aktiv herbeizuführen.
    Um die Wut zu Entschlossenheit statt zur Ohnmacht zu wenden, bildet ein Ausblick auf Möglichkeiten des Widerstandes den Abschluss: "Wer nach mehr Forschung ruft oder sich auf staatliche Stellen verlässt, ist verlassen. Gentechnikfreiheit gibt es nur dann, wenn die 80 Prozent Ablehnung sich auch zeigen!".
    Der Referent, Jörg Bergstedt, ist Aktivist und Autor des Buches "Monsanto auf Deutsch", in dem die Gentechnik-Seilschaften beschrieben werden.
  • Dienstag, 5. Juni, 19 Uhr in Mainz (Haus Mainusch): Ton-Bilder-Schau "Monsanto auf Deutsch - Seilschaften zwischen Behörden, Forschung und Gentechnikkonzernen" (zum Inhalt siehe 3.6. und hier)
  • Donnerstag, 28. Juni, 20 Uhr in der Kommune Niederkaufungen (bei Kassel, Kirchweg 3, 34260 Kaufungen): Ton-Bilder-Schau "Monsanto auf Deutsch - Seilschaften zwischen Behörden, Forschung und Gentechnikkonzernen" (zum Inhalt siehe 3.6.)
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Ergänzungen