Bad Reichenhall - Wo die Demo Urlaub macht
Mit den Worten "Wir sind hier aus purer Feindschaft" begann unser diesjähriger Besuch in Bad Reichenhall. Auch dieses mal wurde der Samstag um den 20. Mai - dem Jahrestag des Wehrmachtsangriffs auf Kreta - ausgesucht. Bundeswehr und Stadtverwaltung springen ja auch wieder über das Stöckchen, das ihnen der Kameradenkreis der Gebirgstruppe reicht und gedenken an der „Kreta-Brücke“ der „gefallenen“ Reichenhaller Gebirgsjäger, wenn auch heuer mit eigentümlicher Intrepretation. Selbstverständlich kamen die ca. 150 Demoteilnehmer_innen auch nicht umhin, Bad Reichenhall auf die örtlichen Nazi-Strukturen hinzuweisen, gegen die niemand etwas unternimmt. Wo die Zeit Urlaub macht eben.
Und die da reden von Vergessen
Und die da reden von Verzeihn -
All denen schlage man die Fressen
mit schweren Eisenhämmern ein.
Das Transparent führte dann zu der kuriosen Auflage, dass die Demo erst starten dürfe, wenn ein letzter Demonstrationsteilnehmer, der sich der Versammlung anschließen möchte, auch kontrolliert sei. Als die Versammlungsleitung dann die Durchführung des geregelten Aufzugs in Frage stellte, wurde als Bullenauflage verlangt, dass vom Lautsprecherwagen keine „aufrührerische Stimmung“ verbreitet werden dürfe. Quittiert wurde das selbstverständlich mit der Parole „Aufruhr, Widerstand - Es gibt kein ruhiges Hinterland“. Im Laufe der Zeit wurde dann auch noch das Presseteam einer Kontrolle am Rande der Demo unterzogen und als weitere Auflage ein gleichmäßiges Gehtempo vorgeschrieben.
Trotz alledem kamen wir halbwegs gut gelaunt in der Innenstadt an. Dort hielten sich einzelne Reichenhaller_innen die Ohren zu, besonders hübsche Exemplare der autochonen Bevölkerung bewiesen, dass sich der „Stinkefinger“ auch bis in die tiefste Provinz verbreiten konnte. Hier und da gab es verbale Auseinandersetzungen. Zu kreativer Höchstform lief ein älterer Bad Reichenhaller auf, der uns mit einem Regenschirm "Linken Rabatz stoppen" begrüßte. Kurgäste hingegen beschwerten sich, dass die Transparente wegen des Bullenspaliers gar nicht richtig lesen konnten. Begleitet wurde die Demo dann aber doch von einzelnen Mutigen, die dem Ansinnen einer Entnazifizierung und Entmilitarisierung Reichenhalls wohl nicht vollständig abgeneigt waren.
Die Route führte dieses Jahr nicht zur „Kreta-Brücke“, sondern am Friedhof St. Zeno vorbei. Dieser ist repräsentativ für das Kurkaff: Neben dem üblichen Wehrmachts- und Weltkriegsklimbim liegt dort der „antisemitische Schlächter von der Krim“, General Rudolf Konrad, begraben. Einige Jahre nach ihrem Tod wurden auch ein Dutzend Französische Freiwillige der Waffen-SS dorthin umgetopft. Weil diese Angehörige der Division Charlemagne nach seiner Auffassung nicht für eine abzulehnende Ideologie gekämpft hatten, veranlasste der Gründer der Bad Reichenhaller Volkshochschule und ehemalige Heimatpfleger der Stadt, dass ihnen dort auch ein Gedenkstein errichtet wurde - das kommt wohl der vollständigen Aufnahme in die Dorfgemeinschaft gleich. Mittlerweile steht noch ein weiteres eisernes Gedenkkreuz für sie dort. Es hatte zuvor am Parkplatz Kugelbach gestanden, wo sich bis heute jährlich zum 8.Mai Nazis treffen, um der französischen Kameraden zu gedenken. Die Stadt war nach der Demontage des Kreuzes offenbar nicht in der Lage es einschmelzen zu lassen, sondern verfrachtete es ebenso auf den Friedhof St. Zeno.
Im Vorfeld der Demonstration gab es allerdings auch zwei erwähnenswerte Vorgänge: Einerseits kündigte die Bundeswehr an, die General-Konrad-Kaserne gegen Ende des Jahres umbenennen zu wollen - andererseits verabschiedete der Reichenhaller Stadtrat eine Resolution, in der er sich von einer Glorifizierung der Wehrmacht distanziert.
Die Streitkräfte hatten sich im Nachgang zur letztjährigen Demo international blamiert, indem sie im Familienprogramm Kinder mit Zielerfassungssystem von Panzerfäusten auf eine Miniaturstadt "Klein Mitrovica" zielen liesen. In einem Redebeitrag wurde gemutmaßt, dass die Umbenennung das Abwerfen historischen Ballasts sein könnte. Statt an die Wehrmacht anzuknüpfen scheint es der Truppe und dem Verteidigungsministerium wichtiger zu werden, die "neuen" Veteran_innen und Kriegsteilnehmer_innen zu "würdigen" und soldatische Tugenden im öffentlichen Diskurs hervorzuheben.
Die Stadt will offenbar das Kreta-Gedenken uminterpretieren:
[Dieses] gelte – so der hölzerne Erklärungsversuch – ja auch den „durch Gewalt und Unrechtshandlungen zum Opfer gefallenen Zivilisten der Bevölkerung Kretas“, so der hölzerne Erklärungsversuch. Diese Rechnung wurde allerdings ohne den Wirt gemacht. Denn Manfred Held vom Kameradenkreis der Gebirgstruppe stellt klar, dass es allenfalls um die „Opfer sinnloser Gewalt auf beiden Seiten“ gehen könne. Im Geschichtsbild eines Manfred Held kommen offenbar die Worte Angriffskrieg, Überfall, Axiom der Kollektivschud der Bevölkerung oder gar Kriegsverbrechen nicht vor. So stellte Held um Juli gegenüber der Süddeutschen Zeitung klar:
"Ich will nicht über Kriegsverbrechen reden, wenn ich der Gebirgsjäger gedenke."Allenfalls lässt sich „sinnlose Gewalt“ von „beiden Seiten“ feststellen. Wir müssen das energisch zurückweisen. Der Widerstand gegen den Nationalsozialismus war keine sinnlose Gewalt! Die Partisan_innen in den besetzten Gebieten, aber auch die Deserteure an der Heimatfront haben einen wichtigen Beitrag für das Zurückschlagen der Wehrmacht und damit zur Beendigung des Nationalsozialismus geleistet. Ihnen gilt unser Dank – Hoch die Partisan_innen!
(Aus einem Redebeitrag vom Samstag)
Bad Reichenhall war auch dieses Jahr eine Reise wert. Zwar waren wir weniger als 2011, mit Blockupy gab es ja auch an anderer Stelle wichtiges zu tun. Die von den Bullen erlogene Zahl von 80 ist allerdings vollkommen aus der Luft gegriffen und entspricht nur gut der Hälfte der mindestens gezählten 140 Teilnehmer_innen, andere Zählungen kamen auf über 150. Der Re-Education-Prozess in Bad Reichenhall macht kleinste Fortschritte, könnte aber noch etwas Zeit in Anspruch nehmen. Nach wie vor jedenfalls ist uns jeder Hochmut gegenüber der Landbevölkerung fern und die Entbarbarisierung des Landes eines der wichtigsten Erziehungsziele.
(Moderationskriterien von Indymedia Deutschland)

Ergänzungen
mehr zum Thema
Am Samstag, 19. Mai 2012 demonstrierten in Bad Reichenhall rund 150 Menschen für die „Entnazifizierung und Entmilitarisierung Bad Reichenhalls“. Auf der vom RABATZ-Bündnis organisierten Demonstration wurde unter anderem der Umgang mit der Neonaziszene in Bad Reichenhall kritisiert und ein Ende der ungebrochen rechten Traditionspflege durch die Bundeswehr gefordert.
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