[Kolumbien] Neue linke Bewegung im Kommen?

KolumbienInfo 25.04.2012 06:27 Themen: Weltweit
Der „Patriotische Marsch“ ist eine neue soziale Bewegung in Kolumbien deren Ziel es ist, sich als eine politische Bewegung zu etablieren. Mit dem Ziel, eine linke und alternative Politik im Land darzustellen, fand vom 21. bis 23. April in der Hauptstadt Bogotá ein Kongress und mehrere Demonstrationen statt.
Auch wenn der Name „Marcha Patriótica“ (Patriotischer Marsch) für die deutsche Linke etwas komisch klingen mag, so verbirgt sich dahinter die Idee einer zweiten und „echten“ Unabhängigkeit Kolumbiens mit der Zielsetzung einer linken und alternativen Politik. Im Kontext zu den Unabhängigkeitsfeiern im Jahr 2010 formierte sich eine Bewegung, die die Feiern aufgrund der bisherigen Geschichte, des politischen Systems im Allgemeinen und der aktuellen neoliberalen Politik kritisierte und nach Alternativen suchte. Dabei kann sich die Bewegung „Patriotischer Marsch“ auf die sozialen und politischen Kämpfe der letzten 20 Jahre berufen. So entwickelte sich bis heute vor allem aus den ländlichen, bäuerlichen, indigenen und studentischen Organisationen das, was wir heute vorfinden: Eine strömungsübergreifende und offene Bewegung, die aus mehr als 1750 Organisationen besteht, die wiederum in allen Regionen des Landes verankert sind.

Ziel dieser großen Bewegung ist eine politische Plattform und die Zulassung zu Wahlen, mit denen perspektivisch die Macht errungen werden soll. Wie diese politische Plattform oder Partei aussehen soll, steht aktuell zur Debatte. Mit Hilfe dieser Partei soll ein wirklich souveränes und unabhängiges Land entstehen, jenseits von neokolonialen Strukturen und Freihandelsverträgen. Es wird soziale Gerechtigkeit und die politische Lösung des bewaffneten Konflikts angestrebt. Die ständigen krisenhaften Situationen im wirtschaftlichen, sozialen und politischen Bereich, die es aufgrund von Ausbeutung und Korruption gibt, gilt es zu beseitigen. Es soll ein explizit anti-neoliberaler Kurs eingeschlagen werden. Doch nicht nur die kolumbianische Linke soll diese Bewegung ansprechen, sie wendet sich an alle Schichten und Gruppen des Landes, die die jahrzehntelange Misere nicht mehr mittragen wollen.

Organisiert wurde der „Patriotische Marsch“ ursprünglich von mehreren sozialen Organisationen, die mit der jetzt entstandenen Bewegung den Grundstein für eine neue politische Plattform schaffen wollten. Die Aktionstage in Bogotá organisierte man in den mittlerweile in allen Regionen des Landes gebildeten Strukturen, Gruppen und Arbeitstischen. Auch wenn das Ziel, irgendwann eine große politische Wahlmöglichkeit noch ein Traum ist, so bezieht sich die soziale Bewegung auch auf andere Möglichkeiten der politischen Partizipation. Die Mobilisierung der Massen, diverse politische Aktionsformen und eine Veränderung der Verfassung zählen unter anderem dazu. In der Diskussion um eine politische Bewegung dürfen aus jeder teilnehmenden Organisation zwei Vertreter entsandt werden, ihre soziale Herkunft oder ihr Status spielt dabei keine Rolle. In Bogotá diskutierten somit mehr als 3500 Delegierte über die Idee einer politischen Plattform und einer zentralen Mobilisierung am 23. April in den Straßen Bogotás.

In den Medien war die Bewegung und der Kongress mit seiner Demonstration durch eine wie zu erwartende Stigmatisierung diskriminiert worden. Regierungsnahen Medienberichten zufolge wurde der „Patriotische Marsch“ von der FARC-EP beeinflusst. Politische Führer der FARC-EP versuchten die soziale und politische Bewegung für ihre eigenen Zwecke zu benutzen. Dass die Regierung gegen oppositionelle und linke Bewegungen hetzt ist genauso wenig neu, wie das beiderseitige Interesse von sozialen Bewegungen und Guerilla gemeinsam zu kommunizieren und sich für eine friedliche Lösung im bewaffneten Konflikt einzusetzen. So zeigten schließlich auch mehr als 50.000 Demonstranten in Bogotá ihr Bekenntnis zu diesem politischen Projekt mit dem Willen, das Land positiv zu verändern. Auch in Berlin fand vor der kolumbianischen Botschaft im Rahmen der Aktionstage des „Patriotischen Marsch“ eine Kundgebung statt, um Solidarität mit der Bewegung zu zeigen.
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Ergänzungen

Geschichte des Patriotismus in Lateinamerika

el_uruguayo 26.04.2012 - 05:12
„Linkspatriotismus“ ist in Lateinamerika keineswegs eine quasi „natürliche“ Reaktion auf den Kolonialismus Spaniens, Portugals, Frankreich, Englands und der Niederlande und auch nicht auf den Hinterhof-Imperialismus der USA. Bis weit in die 30er Jahre des 20. Jahrhunderts hinein, war Patriotismus, also der positive nationalistische Bezug auf die diversen staatlichen Zerfallsprodukte der Kolonialisierung, in weiten Teilen der lateinamerikanischen Linken verpönt und wurde teilweise sogar heftig von ihr bekämpft. Worauf hätten sich Linke auch positiv beziehen sollen, wo doch teilweise die Staaten, mit denen die nationalen Bourgeoisien das Erbe der spanischen Conquista unter sich aufteilten, militärisch übereinander hergefallen sind und dafür „patriotische Gefühle“ mobilisiert haben (z.B. Chile/Bolivien)? Bis in die 30er war die lateinamerikanische Linke weitgehend universalistisch und lehnte das Nation-Building der lateinamerikanischen Bourgeoisie ab. Sie beharrte stattdessen darauf, dass ganz Lateinamerika ihre kulturelle und politische Heimat ist.

In vielen Ländern war es erst die „Volksfrontstrategie“, die den Ablegern der stalinistischen Internationale in Lateinamerika aus Moskau verordnet wurde, die so etwas wie einen „Linkspatriotismus“ hoffähig machte. In deren Folge paktierten die „kommunistischen“ Parteien mit den nationalen Bourgeoisien (z.B. in Kuba mit der Batista-Diktatur) und dazu brauchte es als ideologisches Gerüst und als Legitimierung vor der eigenen Basis so etwas wie einen „Linkspatriotismus“ oder „Linksnationalismus“. Eine andere Quelle für eine bis heute andauernden verheerenden „Linkspatriotismus“ entwickelte sich in Argentinien, wo sich nach der Zerschlagung der einst starken und kämpferischen ArbeiterInnenbewegung mit dem Peronismus eine Art von Faschismus etablierte, dessen Ersatzreligion für die Massen ein übler Patriotismus wurde, der bis heute auch von den sog. „Linksperonisten“ ungebrochen gepflegt wird.

Kurz und schlecht. „Patriotismus“ ist in Lateinamerika nichts, was sich von unten entwickelt hätte und Ausdruck einer progressiven Gesinnung wäre. Er ist, wie anderswo auch, ein Instrument der Herrschenden, um die Menschen gegeneinander aufzubringen und ihnen die Ausbeutung durch die regionale Bourgeoisie erträglicher zu machen. Dass sich Linke häufig des Patriotismus zu bedienen versuchen, ist kein Ausdruck von Stärke sondern bestenfalls Ausdruck von Schwäche und der Notwendigkeit des Paktierens mit der nationalen Bourgeoisie. Und bei manchen leider nach wie vor ideologischer Restmüll eines leninistischen Antiimperialismus und einer stalinistischen Volksfrontstrategie, die versuch(t)en, über die Mobilisierung nationaler Vorurteile oder das Ticket der Kollaboration mit den jeweiligen nationalen Bourgeoisien an die Macht zu gelangen.

Wer ein wenig mehr über den Mythos vom „Linkspatriotismus“ in Lateinamerika erfahren möchte, dem würde ich die eine oder andere Ausgabe der Zeitschrift „ila“ empfehlen. Im aktuellen Heft 354 gibt es z.B. einen ganz interessanten Beitrag mit dem Titel „Emanzipation und Nation“.

stimmt so halb

makro 26.04.2012 - 06:07
der uruguayano mag sicherlich in einigen punkten recht haben. ganz schlüssig ist mir die argumentation aber nicht im kontext zu kolumbien. bisher gab es in diesem land und seiner langen geschichte keine regierung, die man demokratisch hätte nennen können. bis in die 80er jahre hinein gab war das land zwischen den beiden traditionellen parteien aufgeteilt und auch heute werden oppositionelle gruppen und parteien aufs schärfste verfolgt. die bourgeiosie hatte und hat faktisch die macht. eine geschichtliche oder aktuelle zusammenarbeit kann ich da jetzt nicht erkennen. ich kann den positiven bezug auf kolumbien da schon nachvollziehen und einordnen. zumal der positive bezug die freundschaftlichen beziehungen zu den "brüderländern" venezuela und ekuador dadurch ja nicht gefährdet werden. ganz im gegenteil, gerade hier werden innerhalb der sozialen bewegungen und linken organisationen starke kontakte über die grenzen hinweg gepflegt.

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! 25.04.2012 - 08:00
patriotisch? Geht nach Hause und hört auf euch links zu nennen....

Ach ja

your mom 25.04.2012 - 11:22
immer wenn ich nicht weiß, was links ist, wie die lage in anderen ländern zu beurteilen ist oder welches neusprech gerade angesagt ist, schau ich einfach auf die kommentare der deutschen herrenmenschen in der indy.de kommentarspalte und schon stimmt mein ideologischer kompass wieder.

Patriotismus

ist 25.04.2012 - 11:39
zumindest in Südamerika ein schwieriges Thema. Was viel eher an der Bewegung zu kritisieren wäre, ist der scheinbar "bolivianische" Charakter der Organisation: In Bolivien wird das Land jetzt von einer Gewerkschafterkaste regiert, die nicht minder korrupt ist als die vorhergehende Oligarchie, und an emanzipativer & sozialer Politik kaum interessiert ist. Das ist also im Auge zu behalten.

Ansonsten, Antikolonialismus schlägt eben oft leider in Nationalismus um (ich kenne Menschen, die aus Protest kein Englisch lernen, gegen die U.S.-Amerikaner!), wobei der Fehler jedoch (vor allem!) bei den Kolonisierenden, und nicht bei den (vermeintlich?) betroffenen zu suchen ist. Aus diesem Grund (und anderen) ist das sehr deutsche Gehabe vom ablehnen jedes sogenannten "Patriotismus", egal welcher Art, extrem chauvinistisch, ja kolonialistisch, denn aus der Ausbeuterperspektive D ist es immer leicht, gegen jede Nation zu sein.

Kolumbien ist nicht Deutschland!

Albrecht H. 25.04.2012 - 11:42
Kolumbien ist nicht Deutschland!
Schreibt euch das gefälligst hinter die Löffel, ihr empathie-gestörten, dekadenten Bürgerkinder.

Von einem Sozialstaat bzw. sozialen Frieden wie in Deutschland, können Kolumbianer und andere Mittel- bzw. Süd-Amerikaner nur träumen. Dort sind Mord- und Totschlag an der Tagesordnung.

Der Links-Patriotismus in Lateinamerika ist antirassistisch und sozialistisch geprägt.

Für diese Idee sind in Lateinamerika hunderttausende Menschen verschwunden bzw. in Kellern, Folterkammern und "Sammellagern" umgebracht worden.


@ albrecht h

1234567678890 25.04.2012 - 19:16
Du dämlicher Volltrottel raffst nicht, dass es diese Disskusion schon lange vor dem 2. Wk und dem Holocoust gab. Regressiven Linksnationalismus gibt es schon lange, genauso wie alle Kommunisten, die ihren Namen verdienen, niemals ein Vaterland haben werden.


@19:16

Albrecht H. 25.04.2012 - 20:58
"Du dämlicher Volltrottel raffst nicht, dass es diese Disskusion schon lange vor dem 2. Wk und dem Holocoust gab. Regressiven Linksnationalismus gibt es schon lange, genauso wie alle Kommunisten, die ihren Namen verdienen, niemals ein Vaterland haben werden."

Kruder Vergleich. Krankhaft.

Informiere dich mal über Kolonialismus, Imperialismus, Bolivarismus, Eurozentrismus etc.

Dieser mittlerweile völlig "vergewaltigte" Holocaust-Einwurf ist mittlerweile echt zum Kotzen und hilft nur den Neo-Cons.

Lies mal mehr...

@el_uruguayo und 19:16

Albrecht H. 26.04.2012 - 17:41
Ich bin ja auch kein Fan von Patriotismus oder Nationalismus. Vor allen Dingen wegen meiner Deutschen "Identität". Was aber gerade den Amis gegönnt wird - also ein Patriotismus und Zusammenhalt, der zur Befreiung vom Nationalsozialismus (Der Begriff Sozialismus, der von den Deutschen Faschisten zwecks Stimmenfang mißbraucht wurde...) beigetragen hat - sollte STRUKTURELL auch den Unterdrückten in ärmeren Ländern, solange sie internationalistische Ideale verfolgen (der Internationalismus und Antirassismus wird über den Nationalismus gestellt)gegönnt sein.

Was ist denn mit den Zapatistas? Schwarze Fahne + Roter Stern, daneben Mexikanische Nationalflagge.

Organisation funktioniert in erster Linie in diesen Ländern über eine Linksnationale Identität. Die Fahne der Nation untermauert mit Linken Konterfeis als Gegenpol zum bürgerlich faschistischen oder konservative-kapitalistischen Nationalismus.


Ich denke nicht, dass es jemals riesige länderübergreifende Nationalfahnen-Verbrennungs-Aktionen während revolutionären Prozessen in Lateinamerika jemals gegeben hat.