Unterrichtsmaterialien gegen "Linksextreme"

Andi 2.0 17.10.2011 11:07 Themen: Freiräume Repression
Der Zeitbild-Verlag und Zeitbild-Stiftung aus Berlin, haben mit Mitteln des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ)umfangreiche Unterrichtsmaterialien mit dem Titel "„Demokratie stärken – Linksextremismus
verhindern“ herausgebracht. Nach eigenen Angaben erreicht Zeitbild "über 200.000 Schulen, Universitäten, Arztpraxen und Journalistinnen und Journalisten in 12 europäischen Ländern und in den USA." Die wissenschaftliche Begleitung bei der Erstellung der Materialien stellte der allseits geschätzte "Wissenschaftler" Prof. Dr. Eckhard Jesse der Technischen Universität Chemnitz sicher, bestens bekannt durch die fast überall im wissenschaftlichen Kontext nicht anerkannte "Hufeisen-Theorie". Die SchülerInnen können sich nun freuen auf dei Extremismuskeule...
Der Kampf von Ministerin Schröder gegen die "Feinde" der bürgerlichen Demokratie geht weiter und nimmt neue Ausmaße an. Nun richtet sich die uneingeschränkte Aufmerksamkeit auf die Schülerinnen und Schüler, die es vor "extremistischen Auswüchsen" zu bewahren gilt.

Die vom Zeitbild-Verlag erstellten Unterrichtsmaterialien stellen gleich zu Beginn der Broschüre die verkürzte Sicht der eigentlichen bürgerlichen Extremisten dar. So werden ersteinmal Links- und Rechtsextremismus und Islamismus in einen Topf geworfen und deren Gefährlichkeit auf die Anwendung von Gewalt fokussiert. Völlig unkritisch werden als Grundlage für eine wissenschaftliche Auseinandersetzung jede Menge Verfassungsschutzberichte herangezogen. Ganz gefährlich sind demnach Anarchismus, Marxismus, Sozialismus (leider merkt der Verfasser an, dass es bei SozialistInnen dann schon nicht mehr so einfach ist, da die "Emanzipation von Menschen doch irgendwie demokratisch sein kann) und natürlich der Kommunismus.

Eckard Jesse bemüht dann im Interview nochmal die Gefährlichkeit der MLPD (echt voll gefährlich die Truppe...). Aber selbstverständlich werden noch ganz viele Organisationen aufgeistet (einz zu eins übernommen aus dem VS-Bericht), vor denen es die Kinder zu schützen gilt. Wer zum beispiel bahuptet, dass die Ursache für Gewaltherrschaft und Faschismus in der bürgerlichen Gesellschaft zu suchen sind, ist auf jeden Fall ein "antidemokratischer Antifaschist".

Immer wieder taucht in der Broschüre der Appell an Lehrende auf, sich doch endlich mal intensiv mit dem Thema zu beschäftigen und den jungen Menschen eine "streitbare Demokratie" einzuimpfen! Sehr schön ist zu beobachten, dass es dann mit der kritischen Auseinandersetzung nicht soe weit her ist, denn die Materialien liefern ja die Antworten gleich mit, inklusive Hinweise auf gefährliche linksextreme Presse. An dieser Stelle finden sich dann schön einträchtig Junge Welt und Jungle World wieder. Na, wie das in den Redaktionen ankommt?

In Zeiten in denen die alltägliche Krisenhaftigkeit des Kapitalismus als brutale Wirklichkeit auf die Menschen wirkt, stellt sich diese Broschüre als ein Bestandteil einer Propagandamaschine dar, die immer wieder versucht den Freiheitsbegriff im kapiatlistischen Sinne zu verteidigen. Das heißt konkret: demokratisch kann nur sein, wer die Freiheit des Eigentums anerkennt und das Gewaltmonopol des bürgerlichen Staates akzeptiert. Es ist nur logisch, diese Prinzipien auch in der Schule weiter zu manifestieren. Schließlich geht es in unseren "Denkfabriken" nicht um die "freie Entfaltung des Individuums" sondern um das Erlernen von Kompetenzen für den Markt auf dem sich später fast alle als KonkurenntInnen wieder treffen.

Eine grundsätzliche Kritik an den herrschenden Verhältnissen kann mit dieser Kindergartenbroschüre nicht entkräftet werden. Im Gegenteil. Die bürgerliche Demokratie hat nicht das "copyright" auf den Begriff Demokratie...
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Ergänzungen

Demokratie

kann man 17.10.2011 - 18:36
nicht in der Schule lernen, insofern ist das Unterrichtsmaterial Quatsch, egal ob es gegen rechts oder links geht. Unser Schulsystem ist eine extrem undemokratische Einrichtung, da sie Menschen von 6 Jahren bis ca. 16 Jahren ihrer (Versammlungs) Freiheit beraubt und die SchülerInnen tagtäglich auf der Metaebene lernen, wie man sich den Autoriäten am besten unterwirft, wenn aus einem "was werden soll".
Das nennt sich dann Schulpflicht und wird hierzulande besonders auch von der Linken und den Grünen gehypt, die ja auch sehr für Ganztagsschulen sind. ( die haben dann aber auch schön gestrichene Flure und offene Konzepte, die Repression des Schulsystems ist aber auch mit Pastellfarben kaum zu übertünchen)
Damit die Kinder überhaupt keine Lebensrealität mehr außerhalb der Schule kennenlernen und keine Zeit mehr haben, sich einer Antifagruppe anzuschließen. Dafür können sie ja mit dem tollen Unterrichtsmaterial lernen, wie die Welt draußen so aussieht.-
In keinem anderen Land der Welt gibt es diesen Schulbesuchszwang wie in Deutschland.
Das finde ich schon mal bezeichnend.
Und die Gründung demokratischer Schulen scheitert fast immer an den Wahnsinnsauflagen von Bürokratie und Finanzen, die man kaum aufbringen kann.
Der Staat weiß schon warum er sein Gewalterziehungsmonopol nicht aufgibt.

Richtigstellung

(muss ausgefüllt werden) 18.10.2011 - 11:36
Ich kann es gar nicht oft genug schreiben, da ich es auf indy immer wieder falsch lese: Die lächerliche Hufeisen-Theorie ist nicht von Jesse sondern von seinem Kollegen Backes, mit dem er zusammen schon massenhaft Publikationen herausgebracht hat.
Jesses Extremismus-Theorie (Also eine Theorie die erklären soll was sich außerhalb des liberal demokratischen Spektrums bewegt) die mir persönlich sehr zusagt, weil sie logisch aufgebaut ist, baut auf einer Anlehnung an die FDGO auf. Dies beinhaltet also eine Orientierung an Normen und Werten wie: individuelle Freiheit, Meinungsfreiheit usw.
Das Jesse selber scheinbar auf dem rechten Auge nicht mehr richtig gucken kann, dafür aber auf dem linken um so schärfer draufschaut, hat nichts mit der Logik seiner Theorie zu tun.
Lächerlich hingegen, und das wird selbst von konservativen Politikwissenschaftlern/ Extremismusforschern anders gesehen, ist seine Überzeugung, dass alleine die Selbstzuordnung als Sozialist oder Kommunist einen schon in die Gruppe der Extremisten rücken lässt. Lächerlich ist dies deshalb, weil die meisten sogenannten Sozialisten sich einen "Demokratischen Sozialismus(!sic)" wünschen.

ABER: Ich gebe euch in einem Punkt total Recht, diese zu Unterrichtszwecken erstellte Infobroschüre ist totale Propaganda. Um mehrere BEispiele zu nennen:

Auf Seite 7, oben rechts ein Kasten. Dort wird gesagt, dass Gewalt gegen Polizisten überzufällig von männlichen Tätern die unter 25 sind, verübt werden. Hauptsächlich handeln die Täter alleine. Bei genauerer BEtrachtung wird klar, hier gibt es keinen Zusammenhang zum Linksextreimus, in dieser Studie wurden Gewalttaten gegen Polizisten GANZ ALLGEMEIN untersucht. Und als Kleine Anmerkung: Warum die Täter meistens alleine sind bei der Starftatbegehung? Ich sag nur "Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte" kann man sich meiner Meinung nach ohne eigene Zeugen ganz schnell einfangen.

Auf Seite 8, links oben ein Schaukasten mit drei Zahlen aber 4 Über- bzw. Unterschriften. Erst auf den zweiten Blick erkennt man, dass erstere die Überschrift sein soll und dass es selbst nach Ansicht des Verfassungsschutzes (BfV) keine 32200 gewaltbereichte Linke gibt. Hier wurde mit billigen Layouttricks versucht alle Linken als gewaltbereit darzustellen.

Auf Seite 28, Ein Rollenspiel damit Schüler sich auf keinen Fall mit Hausbesetzern identifizieren können. Jedoch gibt es in dem Rollenspiel neben Cafebesitzer, NAchbar , Polizei usw. gar keine Hausbesetzer, lediglich die Rolle des "Gewaltbereite[n]"


Man findet noch mehr, die sind mir aber im durchblättern sofort ins Auge gesprungen. Fazit: Nicht für den Politikuntericht zu verwenden!

@ richtigstellung

egal 18.10.2011 - 14:09
die sog. "extremismustheorie", ob nun von jesse, backes oder ..., ist bockmist, welcher mehrfach widerlegt wurde und im engeren sinne nicht mal 'ne wissenschaftliche theorie darstellt, da sie zwar ein (falsches) bild der realität/gesellschaft zeichnet, aber keinerlei erklärungsansätze für dieses abbild der "realität" liefert, geschweige denn erklären kann wie es zu "extremismus" kommt. dies aber sollte eine wissenschaftliche theorie per definition tun.

abgesehen davon, ist und bleibt die "extremismustheorie" ein politisch-ideologischer kampfbegriff, welcher den bürgerlich-liberalen verfassungsstaat vor radikalen kritiker*innen und emanzipatorischen kräften schützen soll, indem diese diffamiert und diskreditiert werden. somit entpuppt sich diese "theorie", welche als wissenschaftliches fundament zum schutze der demokratie dienen soll, nicht nur als anti-utopisch und anti-emanzipatorisch sondern auch als durch und durch anti-demokratisch, da den emanzipatorischen teilen der gesellschaft die politische und gesellschaftliche partizipation abgesprochen wird.
zudem fungiert diese "theorie" zum reinwaschen der bürgerlichen seele, indem ungleichwertigkeitsideen und menschenverachtendes gedankengut und daraus resultierende taten an den "rechten rand" geschoben werden und der guten "mitte" somit ein persilschein ausgestellt werden kann.

@egal

(muss ausgefüllt werden) 18.10.2011 - 18:15
Ein Kampfbegriff ist es definitiv und das ist ja auch gerade das Problem, dass zwischen der politischen Brisanz von links und rechts nicht unterschieden wird. So gelten Linke die gegen Faschisten agieren automatisch als Extremisten, da sie den linken Rand markieren. Obwohl sie keinerlei Normen wie Meinungsfreiheit, individuelle Freiheit uä. negieren. Natürlich reiht sich Jesse in diese Denker ein und wiederspricht damit seiner eigenen Theorie. Vor allem ist er ein starker Verfechter der These, dass die bürgerliche Mitte keine extremistischen Einstellungen aufweist, sondern dies nur an den Rändern zu finden sei. Dies ist aber bereits widerlegt (hab kurz gegoogled, glaub es war diese Studie:  http://library.fes.de/pdf-files/do/07504.pdf )

Nichts desto trotz auch wenn der Terminus des Extremimus ein Kampfbegriff ist, so muss er in der Forschung benannt werden um mit ihm arbeiten zu können. Die linke subkulturelle und auch radikale Öffenlichkeitsarbeit sollte sich lieber darauf beziehen, dass dieser Begriff falsch und politisierend eingesetzt wird. So gibt es durchaus viele Parlamentarier in etablierten PArteien, die laut Jesses Extremismusdefinition jenseits der Demokratie stehen. Dies wird aber natürlich von JEsse und Kollegen übersehen. Aber seine Theorie kann man dazu verwenden dies aufzuzeigen, da sollte linke Öffentlichkeitsarbeit ansetzen! Daher: Meine Meinung zu der Theorie bleibt.

Extremismustheorie

und Hufeisentheorie 21.10.2011 - 02:31
ist meiner Meinung nach nicht grundsätzlich falsch und ich sehe keine grundlegende Widerlegung derselben. Es sind politiktheoretische akademische Theorien, die versuchen, die Abgrenzung von bestimmten gesellschaftlichen Gruppen in der einen oder anderen Richtung gegenüber der (aktuellen) Politik etablierter Parteien und dem Demokratieverständnis westlicher Prägung und der damit verbundenen Schwierigkeiten zu erklären. Problematisch wird es, wenn auf dieser politisches, polizeiliches und juristisches Handeln aufbaut und dieses dabei zunehmend auf dem rechten Auge blind wird und Gefährdungspotentiale, historische Gegebenheiten (Entstehung des NS und moderne Parallelen) nicht mehr erkannt werden und die Extremismustheorie ein bequemes Erklärungs- und Handlungsmuster für Politiker, Polizei, Medien und Bürger bietet.
Jesse (Bayer?) und BmI Friedrich (Bayer!) haben irgendwann mal eine Drohpatrone von irgendwelchen elitären Vollidioten, die sich "Revolutionäre Zellen" nennen, mal `ne Patrone geschickt bekommen, das war natürlich Wasser auf ihren Linksliberalismusfeindlichen Egotrip, so dass sie gar nicht anders können, als nunmehr auf alles vermeintlich Linke einzudreschen... Ich weiß ja nicht, welcher Politiklehrer deren Masche und Materialien benutzt, ich kenne jedenfalls keinen...
Lieber Herr Jesse, haben Sie als Wissenschaftler übersehen, dass die Mehrzahl der Straftäter/Straftatverdächtigen unabhängig vom politischen Gehalt der Straftaten männlich und unter 25 ist? Und dass - gemessen an der Situation und der Vergleichszahl eingesetzter Beamter - erheblich mehr Polizeibeamte im alltäglichen Dienst als bei Demos... bei unpolitischen Auseinandersetzungen (Ruhestörung...) verletzt, beleidigt... werden?

Beiträge die keine inhaltliche Ergänzung darstellen

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