[Bln] aCampada-Kundgebung am 28.08.2011

Bernd Kudanek alias bjk 29.08.2011 18:13 Themen: Antirassismus Globalisierung Kultur Repression Soziale Kämpfe Ökologie
In Berlin ein eher noch zartes Protestpflänzchen - die aCampada-Bewegung

Seit dem 05.06.2011 haben sich auch in Berlin basisdemokratische und konsensorientierte Menschen zusammengetan, um die friedliche Protestbewegung weiterzutragen, die nach der verzweifelten Selbstverbrennung eines Gemüsehändlers in Tunis am 17.12.2010 begonnen und seither die Menschen auf öffentlichen Plätzen in Nordafrika bis nach Madrid in Spanien fordern läßt: "Echte Demokratie - JETZT!"
Die Berliner Bewegung aCampada hat in ihrer Startseite  http://acampadaberlin.blogspot.com/ unter  http://acampadaberlin.blogspot.com/p/unser-manifest_22.html eine Erklärung, ein Manifest, über Ziele und Absichten veröffentlicht. Konkretere Ausführungen über ein vorgeschlagenes 10seitiges Procedere, auf öffentlichen Versammlungen über bloße Absichten hinaus auch zu den gewünschten Zielen und dies möglichst im allgemeinen Konsens zu gelangen, lassen sich unter  http://www.echte-demokratie-jetzt.de/wp-content/uploads/2011/07/quickguide_volksversammlung_de11.pdf nachlesen. Mit dem Schlußsatz im Kapitel "Kollektives Denken" auf der ersten Seite »wir lernen; wir werden das schaffen: alles, was wir brauchen, ist Zeit« wird vorausschauend schon mal um sehr viel Geduld und um grundsätzliche Bereitschaft zu Kompromißlösungen gebeten. Weiter geht's mit einer Aufzählung von Grundlagen, wie mensch auf Versammlungen zur Konsensfindung gelangen kann. Dann werden Wunschvorstellungen über Rollen, Funktionen und Abläufe bzw. Logistik auf (idealen) Versammlungen vorgestellt. Konstruktive Diskussionen sollen durch eine positive Sprache und Vermeidung negativer Aussagen erreicht werden, auch kenne eine "inkludierende" Sprache "keine Geschlechtsunterschiede".

Anleihen aus der Graswurzelbewegung (  http://de.wikipedia.org/wiki/Graswurzelbewegung ) der 1960-70er Jahre bzw. eine Verwandtschaft, ja sogar eine Renaissance des damaligen Netzwerkes sind bei der aCampada-Bewegung unübersehbar. Ob sie sich aber wirklich wie Phoenix aus der Graswurzel-Asche erheben und durchsetzen kann, muß sich erst noch zeigen.

Das bisher größte Aufsehen wurde den Alex-CampiererInnen am vergangenen Freitag, den 26.08.2011 zuteil, als ihr Zeltcamp nahe der Weltzeituhr gewaltsam von der Berliner Polizei geräumt wurde. Es kam zu teilweise extrem brutalem Vorgehen durch die Beamten, weiterführende Links:
 http://www.youtube.com/watch?v=egg1uf_PC4E&feature=youtu.be
 http://www.tagesspiegel.de/mediacenter/fotostrecken/berlin/campraeumung-am-alex/4547708.html?p4547708=4#image
 http://www.tagesspiegel.de/berlin/ohne-camp-keine-raeumung/4541364.html
 http://www.tagesspiegel.de/berlin/die-campierer-kehren-zurueck/4549114.html

Nach dem Motto, jetzt erst recht, rief aCampada für den gestrigen Sonntag, den 28.08.2011, erneut zu einer Kundgebung ab 15 Uhr nahe dem Brunnen der Völkerfreundschaft (  http://de.wikipedia.org/wiki/Alexanderplatz#Brunnen_der_V.C3.B6lkerfreundschaft ) auf dem Alex auf. Als ich gegen 15:30 Uhr dort eintraf, hatten sich bereits etwa 50 Leute versammelt. Aus einem VW-Bus wurden noch Materialien für Pflasterzeichnungen etc. pp ausgeladen. Mindestens ein Zelt war auch dabei, das eigentlich aus Protest gegen die polizeilichen Gewalteskalation vom vergangenen Freitag aufgebaut werden sollte. Doch bevor es dazu kam, wurde dieses Vorgehen mehrheitlich abgelehnt, um erneute Polizeigewalt gar nicht erst wieder entstehen zu lassen. Ein "Daniel" meinte laut Tagesspiegel, er habe am Freitag wohl der Polizei im Weg gestanden, panisch reagiert und deshalb Faustschläge kassiert. - Tja, er hat die "Vermeidung negativer Aussagen" offensichtlich voll verinnerlicht. Nicht jede/r hielte - konstruktives Diskussionsverhalten hin oder her - auch noch die linke Backe hin, wenn er/sie auf die rechte geschlagen wurde. Der Autor dieses Beitrags jedenfalls ganz bestimmt nicht.

Wie auch immer, es wurde am besagten Sonntagnachmittag fleißig und konsenssuchend diskutiert, von zwei glimmenden Räucherstäbchen wurde dabei offenbar entsprechende Bewußtseinserweiterung erhofft. Statt lauten Beifalls- oder Mißfallensbekunden zu Diskussionspassagen wurden einstudierte Handzeichen benutzt. Allerdings konnten damit nicht alle gleichermaßen ihre jeweiligen Emotionen völlig unterdrücken, Körperhaltung und Gesichtsausdruck verrieten hie und da doch noch gewisse Probleme beim gewünschten konstruktiven Harmoniebestreben. (Aber selbst ein Mahatma Gandhi war nicht perfekt, u. a. nachzulesen in  http://www.ca-ira.net/verlag/leseproben/pdf/isf-frieden_lp-gandhi.pdf ).

Mit einem Gast, dessen Sohn als Kundgebungsteilnehmer dabei war, kam ich über Sinn und Zweck von aCampada ins Gespräch. Wir hoben beide heraus, daß das Engagement der meist jungen Leute angesichts der bestehenden weltweiten gesellschaftlichen und sozialen Probleme sehr positiv und lobenswert sei. Ralf war auch stolz auf seinen Sohn, trotzdem vermisse er seitens aCampada Angebote zur Lösung der angesprochenen Probleme. Denn wer gegen die Verhältnisse protestiere müsse nach seinem Verständnis auch eigene Lösungen anbieten, um entsprechendes Interesse und Mehrheiten bei der Bevölkerung zu erreichen. Ich hielt dagegen, weil Demos und Protest-Kundgebungen vom Charakter her "nur" öffentlich vorgetragene Meinungsäußerungen seien, die ausschließlich auf Mißstände hinweisen bzw. diese anprangern sollen. Massen-Demos sollen und können auch nur möglichst hohen öffentlichen Druck aufbauen, damit es zu erhofften Lösungen kommen kann. Hingegen könne und müsse von demokratischen Parteien und ähnlichen Interessengemeinschaften durchaus erwartet werden, es nicht beim bloßen Anprangern zu belassen sondern entsprechende Alternativen anzubieten, um notwendige Mehrheiten zu überzeugen. Insofern befände sich m. E. diese eher lockere aCampada-Kundgebung noch immer im Stadium des Öffentlichmachens von Mißständen, auch wenn sie schon auf gutem Weg zu einer Interessengemeinschaft sei. Ralf erwiderte, dann müßten die aCampada-Leute aber hier vor Ort doch wenigstens durch aktives Verteilen von Handzetteln und Ansprechen von PassantInnen auf ihr Projekt aufmerksam machen und zu interessieren. Dieses Argument ist plausibel und verdient es, daß sein Sohn dies auf künftigen Versammlungen als weitere Aufgabe für das Logistikteam vorschlagen wird.

Kurz vor 17 Uhr verließ ich die muntere Diskussionsrunde, die ich in 29 Fotoimpressionen dokumentiert habe. Kaum zu glauben, daß bei so viel freundlicher Graswurzel-Pazifismusbewegtheit Berliner Polizisten am vergangenen Freitag meinten, brutal und gewalttätig die Zelt-Kundgebung räumen zu müssen. Doch Demo-Insider wissen, daß Berliner Einsatzhundertschaften als Prügelbullen geradezu berüchtigt sind. Erst kürzlich hat ein Zugführer der 23. EHu eine geistig verwirrte Frau erschossen, angeblich in Nothilfe für einen von einer 53jährigen, 160 cm kleinen und 40 kg leichten Frau mit einem (Küchen-?)Messer "bedrohten" Kollegen, nachzulesen unter  http://de.indymedia.org/2011/08/314913.shtml - einmal dürft ihr raten, wie die BRD-Justiz den "bedrohten" bürgerkriegsausgebildeten Zugführer, ein Mittdreißiger, wohl zur Verantwortung ziehen wird. Die aCampada-Leute mögen mir meine negative Sprache nachsehen aber ich bin nun mal kein Graswurzler und wat mutt dat mutt.

Ach ja, fast hätt ich's vergessen, den ganzen Sonntagnachmittag war auf dem Alex bis auf 2 gelb bewestete Anti-Konflikt-Teamler, die gegen 15:20 Uhr an der Weltzeituhr betont uninteressiert vorbei geschlendert sind, keinerlei Polizei in Sichtweite.

Alle 29 Fotoimpressionen sind unter  http://www.carookee.com/forum/freies-politikforum/4/28234209#28234209 eingestellt. Sämtliche Demo-Fotos dürfen bei namentlicher Nennung des Knipsers und Angabe der Quelle für nichtkommerzielle Zwecke gerne heruntergeladen, gespeichert und weiterverbreitet werden.

Bernd Kudanek
 http://freies-politikforum.carookee.com
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Ergänzungen

Schöner Artikel vielen Dank Bernd

ein Empörter 29.08.2011 - 19:02
paar Termine:

Mittwoch 18:00 große Assamblea an gewohnten Ort am Alex neben Brunnen der Völkerfreundschaft

Der nächste Zeltmarsch findet am kommenden Freitag, den 2. September 2011 statt. Treffpunkt ist um 16.30 am Brandenburger Tor.

 http://acampadaberlin.blogspot.com/2011/08/wer-zeltet-kann-verlieren-wer-nicht.html

Tschuldigung, Polizei, dass ich im Weg stand

schwarze katze 29.08.2011 - 19:50
„Ich stand der Polizei im Weg und habe dann blöderweise panisch reagiert und mich gewehrt“

...ist ein öffentliches Geständnis, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte geleistet zu haben. Strafverfahrenstaktisch für dich alles andere als klug und warum um alles in der Welt gibst du bei einer so offensichtlichen Grundrechtsverletzungen in den Medien klein bei, selbst wenn disziplinarische Schritte gegen den Cop eingeleitet wurden?

Solange dort...

tante käthe 29.08.2011 - 21:26
...irrationalen Glaubenssystemen und verschwörungstheoretischem Gedankengut, wie New World Order Theorien, esoterischen Energieformen ein Forum geboten wird und auch nur ansatzweise Abgrenzungsprobleme zu Nazis bestehen, kann #acampadaberlin keinen Anspruch auf eine an Freiheit und Kampf gegen Unterdrückung gründende politische Bewegung erheben.

Offenbar hat sich nun auch die Hamburger "Echte-Demokratie-Jetzt" von dem Camp auf dem Alex abgegrenzt.

Ganz aufschlussreich ist dazu dieser Blogbeitrag
 http://reflexion.blogsport.de/2011/08/27/das-zeltlager-auf-dem-alexanderplatz/

Interview zur Räumung am Freitag

Stéphane Hessel 30.08.2011 - 13:30
 http://www.youtube.com/watch?v=_SGuPiMnDbw

Nächsten Freitag 16:30 vom Brandenburger Tor 2. Zeltmarsch zum Alex

Niemand kann ein Zelt aufhalten, dessen Zeit gekommen ist!

Distanzierung oder Kritik aus Hamburg

Vorsicht vor Querfront 31.08.2011 - 11:08
Auch mir ist keine offizielle Distanzierung bekannt, allerdings äußern sich EDJ- Aktivist_innen aus Hamburg sehr kritisch zu den Vorgängen in Berlin. Dies lässt sich auch aus einigen Onlinekommentaren zu der Diskussion sowie die erneute Verbreitung des "Hamburger Manifest" herauslesen. Aus einem Kommentar aus Hamburg:

"[…] Die verteilen ihre Inhalte eben da wo nicht formulierte Grenzen des politischen Spektrums definiert sind. Eine Gruppe wie sie auf dem Alex entstanden ist attraktiv für Leute mit gesellschaftlichen Randmeinungen und Vertretern mit krudem Gedankengut. Es macht Sinn aus Sicht dieser Leute, in einer sich bildenen politischen Bewegung die eigene Inhalte zu verbreiten. Und es ist bekannter Maßen genau die Marschrichtung der N-P-D, die sich seit einiger Zeit gut bürgerlich gibt. […] Wenn es so ist haben die Berliner dort tatsächlich ein Problem, das sie schnellstens beheben müssen. Und dann müssen sie auch klar artikulieren das Faschismus und in Schafspelze verpackte Nazis dort nicht geduldet werden. Das wäre auch für mich ein NoGo. […]

Ja, das Hamburger Manifest ist nicht in Berlin veröffentlicht worden. Ich weiß nicht ob aus Unwissenheit, mangelnder Vernetzung zwischen Hamburg und Berlin heraus oder einem mangelndem Bewusstsein um die Gefahren einer Ineinflussnahme. Meiner Meinung nach ist das ein Angebot an die Berliner, das sie vor Ort diskutieren und beschließen sollten. Die Note unter dem Manifest zeigt auch bei uns noch den vorläufigen Charakter (wobei sich meiner Einschätzung nach nichts Wesendliches dran ändern wird).

Es gibt mMn. dazu auch Unterschiede in der Art und Weise des Herangehens zwischen Berlin und Hamburg. Hamburg geht wesendlich ‚verkopfter‘ an die Sache heran. In Hamburg gab es bereits stundenlange Diskussionen über Infokrieger, Chemtrail und den Koppverlag. Es hat eines unserer Plenums (Plena, Plenata?) gesprengt mit Diskussion. Das Resultat davon mündete im „Hamburger Manifest“ und ist eben aus dem Anspruch heraus entstanden, sich eben genau zu den Fragen zu positionieren. Diese Diskussion und Positionierung hat in Berlin aber bislang anscheinend noch nicht statt gefunden. Mein Eindruck von Berlin ist, das man da spontaner und unüberlegter einfach erstmal gemacht hat. Aber die Naivität die da mitschwingt ist gerade auch ein Teil des Charms der bei den #alex11-Leuten rüber kommt. Die Leute sind halt mit ihrem Intusiasmus und der ‚Räumung‘ bzw. der ‚Unterwanderung‘ nun hart auf dem Boden aufgeknallt. Insofern teile ich die Kritik, das man sich bevor oder zumindest schnell um solche Fragen kümmern muss. Dazu zähle ich auch, das man erst mit eintreffen der Polizei sich Gedanken um juristische Unterstützung bemüht (sofern ich mich da nicht mit meiner Sicht über Kilometer Entfernung hinweg nicht täusche). […]". Den gesamten Kommentar aus der EDJ-Gruppe Hamburg könnt ihr hier nachlesen:  http://reflexion.blogsport.de/2011/08/27/das-zeltlager-auf-dem-alexanderplatz/#comment-8644

Asamblea - heute 18:00 Uhr Alexanderplatz

Campingfreund 31.08.2011 - 11:43
aCAMPada Berlin Asamblea - Bürgerversammlung heute 18:00 Uhr Alexanderplatz

Was ist eine Asamblea - Bürgerversammlung?

Eine Asamblea ist ein bürgerbeteiligendes Entscheidungsgremium, das Konsens anstrebt. Die Versammlung
sucht nach den besten Argumenten um eine Entscheidung zu treffen, die jede Meinung
widerspiegelt - nicht gegensätzliche Positionen, wie es bei Wahlen geschieht. Die Asamblea muss friedvoll
ablaufen, mit Respekt für alle Meinungen: Vorurteile und Ideologien müssen zuhause gelassen
werden. Eine Versammlung sollte sich nicht um einen ideologischen Diskurs drehen; vielmehr
sollte sie sich mit praktischen Fragen beschäftigen: Was brauchen wir? Wie können wir es
bekommen? Die Versammlung basiert auf freier Beteiligung - wenn du nicht mit dem
übereinstimmst, was entschieden wurde, bist du nicht verpflichtet, danach zu handeln.
Jeder ist frei zu tun was er wünscht - die Versammlung versucht kollektive Intelligenz zu erzeugen,
sowie gemeinsame Gedanken- und Handlungslinien. Sie ermutigt zum Dialog und zum
gegenseitigen Kennenlernen.

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