Die Aufstände und wir

nana 22.06.2011 15:03 Themen: Medien Soziale Kämpfe Weltweit
Ein Kommentar

Vom Aufstand der kommt, schrieb im Jahr 2007 ein Autorenkollektiv aus Frankreich. Nun, im Jahr 2011 sind die Aufstände längst da und wir stehen staunend am Rande und beobachten das wilde Treiben.
Die Allerwenigsten dürften die Vorgänge in Nordafrika, in Griechenland und Spanien für möglich gehalten haben. Überrumpelt von den Ereignissen und unfähig sie einzuschätzen scheint dies auch ein Grund zu sein für die Starre der Linken, der AnarchistInnen, der Autonomen und allen anderen emanzipatorisch-sozialen Bewegungen. Die Jahre des täglichen Dahintreibens, des politischen Alltags und der (sicher notwendigen) Abwehrkämpfe scheinen uns müde, träge, fast schon gelähmt gemacht zu haben. Zu träge um die Zeichen der Zeit tatsächlich zu erkennen, zu handeln und nach vorne in die Offensive zu gehen. Wir warten. Wir warten, dass etwas passiert. Dass irgendwer den Anfang macht. Dass es endlich losgeht. Und übersehen dabei, dass wir längst mittendrinn sind.

Jeden Tag fühlen wir uns hilflos, mutlos, traurig und hoffnungslos angesichts der Katastrophe in der wir uns befinden. Jeden Tag sprechen, schreiben oder singen wir von der sozialen Revolution. Jeden Tag träumen wir von einer gerechteren Welt und doch scheint es uns gerade unmöglich, die Realität als das zu erkennen, was sie ist – eine Phase des Umbruchs. Eine Phase des Zusammenbruchs. Eine Phase der Zersetzung. Langsam vollzieht sie sich in den nördlichen Staaten der EU, eine ungeheure Dynamik ist derzeit in den südlichen Staaten, vorallem in Griechenland zu beobachten. Schneller als erwartet stehen wir vor der Situation, welche wir als Revolutionäre herbeisehnen und die uns wegen der unheimlichen Härte, mit der sie uns und derzeit vorallem die Griechinnen- und Griechen trifft in einen Schockzustand versetzt.

Wir sehen in Griechenland derzeit einen Vulkan, der seit einigen Jahren stark brodelt, ein paar kleinere Ausbrüche hinter sich brachte und nun vor dem großen Ausbruch steht. Wir sehen die Praxis einer sozialen Explosion. Wir sehen eine Bevölkerung, die zu Hundertausenden auf die Straßen gehen und sich versammeln. Die regelmäßig Generalstreiks durchführt und mit unnachgiebiger Härte vom griechischen Staat bekämpft wird und doch aufrecht stehen bleibt. Eine Gesellschaft, die keine Perspektive, keine Hoffnung auf Besserung mehr hat. Menschen, die die korrupten, verlogenen PolitikerInnen in ihren Parteien, KapitalistInnen, die EU und die sozialpartnerschaftlichen Gewerkschaften hassen und keinen Glauben mehr an das Bestehende hat.

Einhergeht geht dies mit einer langen Tradition anarchistischer Elemente („In jedem Griechen steckt ein kleiner Anarchist“) und einer verhältnismäßig großen Akzeptanz und Zustimmung anarchistischer Ideen innerhalb der Bevölkerung. Dies zeigt auch die Praxis der Vollversammlungen; der Dezentralisierung der Versammlungen in die Stadtteile; die Selbstorganisation der Versammlungen, Besetzungen, Proteste; die Versuche die Proteste international, zumindest mit denen in Spanien zu vernetzen; die Verbannung jeglicher Fahnen oder Banner und Einflußnahme etablierter Organisationen; die Ablehnung des Staates und dessen Gewalten; die Ablehnung der herrschenden Klasse; die Beteiligung aller Teile der Bevölkerung; die grundsätzliche Akzeptanz und Möglichkeit für die Erörterung verschiedenster Meinungen oder das rigorose, gemeinsame Vorgehen gegen FaschistInnen und Bullen. Es scheint noch keine echte Perspektive zu geben, doch es wird versucht und experimentiert. Und das ist viel mehr als wir uns vor einigen Jahren noch hätten vorstellen können.

Die Vorraussetzungen für eine Auflösung des Bestehenden und dem Versuch etwas völlig Neues auszuprobieren könnten vermutlich besser nicht sein. Und das sicher eine zynische Sache, soziale Not herbeizusehen. Eine Praxis, der wir uns bewusst sind, die Angst macht und die wir doch herbeisehnen. Denn sie scheint notwendiges Übel für eine soziale Revolution.

Dass eine innerhalb der EU isolierte Revolution fast zum Scheitern verurteilt ist, sollte klar sein. Und doch scheint die Zeit hier fast still zu stehen. Wir gehen unserem „Alltag“ nach und wissen nicht so recht, wie wir uns verhalten sollen, was wir tun sollen, ob wir überhaupt was tun sollen. Wir fragen uns, was passiert in Griechenland? Welche Dimension is dort erreicht? Was ist möglich? Was können wir tun?

Wir sehen nach Griechenland, unfähig die Ereignisse zu beurteilen und einzuordnen. Unfähig von der theoretisch, defensiven Ebene in die praktisch, offensive über zu gehen. Unfähig losgelöst von bestehenden Denkmustern und Vorstellungen loszuschlagen und eine Welle in Bewegung zu setzen. Unfähig eine breitere Masse der Gesellschaft miteinzubeziehen. Unfähig eine breite Vernetzung mit den kämpfenden Griechinnen- und Griechen herzustellen. Unfähig eine breite Gegenöffentlichkeit zu erzeugen. Denn wenn wir hier scheinbar auch Lichtjahre von einem Aufstand entfernt sind, wäre es eine absolute Notwendigkeit wenigstens die Gegenöffentlichkeit zu erzeugen, der Hetze gegen die „faulen, undankbaren Griechen“ und der von den Herrschenden propagierten „Alternativlosigkeit des Spardiktats“ Vorschub zu leisten und für weltweite Solidarität zu werben. Und zwar in einer nie dagewesenen Dimension. So wie die Aufstände eine nie dagewesene Dimension erreicht haben.

Die kämpfenden Griechinnen- und Griechen brauchen JETZT unsere vollste Unterstützung!
Wann, wenn nicht jetzt, wo, wenn nicht hier die Blase endlich zum Platzen bringen!

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Anhänge:
Gerade in diesen Zeiten tut eine Gegenöffentlichkeit mehr als Not und doch scheinen sich immer weniger Menschen für inkommerzielle Mediennetzwerke wie Indymedia verantwortlich zu fühlen. Wo ist der fette Mittelspaltenaufhänger über Griechenland, über Spanien, über Portfugal? Was ist aus den vielen Blogs geworden, die ab Dezember 2008 aus Griechenland berichteten? Wo sind die Indymedia Sonderausgaben zum ausdrucken und überall verteilen?
Selbermachen? Ja, zusammen, alle gemeinsam.
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Ergänzungen

KommuNistplatz

VerLinkT 23.06.2011 - 20:19
Was Kommunisten angeht, etwas irreal zu glauben, diese Kleinparteien könnten in absehbarer Zeit noch größer was bewegen.
Siehe hier:
Über Kommunistische Parteien.
Kleine Abhandlung.

 http://ostendfaxpost.redio.de/polit/politsekten20.html

Wohin das ist die Frage?

ungeklärt 23.06.2011 - 23:50
Es bleibt doch völlig offen, wohin sich diese Situation bewegt. Auf Geld will auch in Griechenland kaum wirklich wer verzichten. Der Glaube an Arbeit und Lohn in Form von Scheinen und Münzen sitzt tief, noch tiefer hier in der BRD. Grundsätzliche Infragestellungen mögen in Südeuropa teilweise vorhanden sein, aber was, warum, wohnin und wie sind völlig unklar in der Masse. Es gibt ein Dagegen, aber wofür? Die Ratlosigkeit innerhalb des Systems ist groß und nicht nur bei den vermeindlichen Eliten zu beobachten. Quer durch alle wesentlichen politischen Gruppierungen/ Parteien/ Bewegungen gibt es eine tiefe Verunsicherung, weil alles irgendwie im Fluss ist, ohne zu wissen, wo dessen Mündung endet oder der Ozean - etwas Neues - beginnt. Ein Ende der Zivilisation wie wir sie kennen, wird kaum von den Massen mitgetragen, selbst von vielen Linksradikalen nicht. Wie kann gesellschaftliches Leben aussehen, das nicht mehr Ressourcen verbraucht, sondern weniger, wie soziale Gerechtigkeit ohne Umverteilung von Geld, wie Organisation von Entscheidungen in einer global abhängigen und doch immer noch regional begrenzt lebbaren Welt? Dafür wird es nicht eine einzige Antwort geben, sondern viele geben müssen - aber die Antworten müssten sich jetzt herauskristallisieren und sie müssten mit Leben gefüllt werden, in vielen Initiativen. Diese müssen konkret sein, konkret heißt erlebbar, das heißt umfassend für jene, die sie probieren, vagen, versuchen gegen alle Widerstände, auch die inneren eigenen.

Aus der Erfahrung eines Zusammenbruchs und das Aufbegehren der Menschen in einem nicht mehr existierenden Land, kann ich nur sagen: vieles, was wir heute in Afrika oder in Spanien und Griechenland erleben, ist für die Menschen vor Ort, für den Moment, befreiend, aber die langfristige Wirkung auf das Ganze können wir nicht vorhersehen. Vieles, was mit ungeheurer Kraft und scheinbar Neuem beginnt, ist im Alten geendet. Es sind oft die kleinen Dinge, die die Welt mehr verändern, wenn sie Hartnäckig sind und langlebig. Die großen Massenbewegungen sind und waren immer nur Zeitweise da und verschwanden und verschwinden wie sie entstanden sind schnell und mit nur mäßigen Erfolgen oder sehr fraglichen bis lebensverachtenden... Wenn viele kleine Initiativen mit dem Bestehenden brechen und mit ihren Möglichkeiten und in Ihrem ganz persönlichen, regionalen Besonderheiten anders wirtschaften, leben, lieben, handeln, sich vernetzen, dann besteht die Möglichkeit auf Gegenmacht, die stark und dennoch nicht hierachisch ist. Die latschenden Massen sind nur ein zeitlich begrenztes "Werkzeug" - das sich auch gern Mal völlig anders verhält, als sich das Menschen wünschen, die eine andere lebensfreundlichere Gesellschaftsform wollen. Bestes Beispiel: in der BRD ist es nach dem angekündigten Atomausstieg aus dem austieg aus dem Ausstieg... doch schnell ganz still geworden, dabei macht Schwarz,gelb, grün, rot nichts anderes, als die Minimallösung, um Ruhe in die Sache zu bringen. Letztlich haben auber die kleinen, langjährigen Initiativen dafür gesorgt, dass es heute überhaupt dazu kommt, dass CDU etc. endlich wenigstes ein bisschen kleinbei geben. Ohne diese hätte es keine Massenbewegung für kurze Zeit gegeben, ohne diese wüsten wir bis heute nix von der ASSE II usw. Die kleien bewegen die Großen, wenn die kleinen eine eigständige Basis entwickeln, die Zeitlos bleibt und nicht in kurzen Aktionen endet, sondern langfristig dranbleibt. Wo gibts das derzeit, welche kleinen Initiativen sind dran, machen etwas anders, haben Erfahrung? Kommunen und Hausprojekte, wenn denn bewußt und langwierig, sie sind ein Lernfeld. SelbstversorgerInnen sind ein Lernfeld - usw.

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Neue Wege — Blubb

@Blubb — jan