[AC] Fotos: Proteste gegen Sarrazin Auftritt
+++ Über 200 Menschen beteiligten sich an den Kundgebungen gegen Sarrazins Buchvorstellung in Aachen +++ Lautstarker Protest +++ Staatsgewalt verhindert mit den Besuch ungeladener antifaschistischer Gäste. +++ Thilo und seine Fans bleiben unter sich +++ Ausführlicher Bericht folgt +++
Hier einige Eindrücke. Ein ausführlicher Bericht folgt noch.
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Ergänzungen
Redebeitrag des Vorbereitungskreises
Heute Abend findet hier gegenüber im Forum M der Mayerschen Buchhandlung eine Lesung des Autors Thilo Sarrazin statt.
»Das wird man ja wohl noch sagen dürfen« titelte die Bild Zeitung, nachdem der Sozialdemokrat Thilo Sarrazin seine krude Rassenlehre an den Mann und die Frau gebracht hatte. Es ist erschreckend, dass sein Buch »Deutschland schafft sich ab« das meistverkaufte Politik-Sachbuch der letzten Zehn Jahre in Deutschland ist.
Seine zentrale Aussage ist, dass vor allem Muslime und Muslima weniger intelligent und somit weniger »brauchbar« im kapitalistischen Sinne seien als andere. Diese Behauptung stützt er auf biologistische Phrasen: Er spricht von »Volksgruppen« die genetisch-völkisch voneinander zu unterscheiden seien. So trennt er muslimische Deutsche von sogenannten »Biodeutschen« und entdeckt nebenbei das »Juden-Gen« neu. Manchen »Volksgruppen« komme eben mehr Intelligenz zu als anderen. Zudem könnten sich, so der Autor, muslimische EinwanderInnen, die Sarrazin pauschal der Türkei oder Marokko zurechnet schlechter als andere >>Volksgruppen<< integrieren. Sarrazin bescheinigt per Pauschalurteil allen Menschen muslimischen Glaubens einen gemeinsamen kulturell-religiösen Hintergrund. Dieser verhindere ihre Integration und ist gleichzeitig, so Sarrazin, die Ursache für ihre angebliche Bildungsarmut.
Aufgrund einer höheren Geburtenrate unter Muslimen stehe Deutschland so in der Gefahr, immer dümmer zu werden und sich selbst abzuschaffen. Sarrazin sorgt sich zudem um die Fruchtbarkeit der sogenannte Qualifizierten und Tüchtigen. So will der biodeutsche Akademikerinnen zum gebären verdammen.
All diese Thesen sind seit Jahrzehnten bei Neonazis offen zu lesen, neu an dem »Phänomen Sarrazin« ist, dass ein exponierter Vertreter der Sozialdemokratie ebensolche Aussagen öffentlich tätigt. Er knüpft ebenso zweifellos an einen gesellschaftlich weitverbreiteten antimuslimischen Rassismus an und diesen Rassismus koppelt er mit klassistischen Äußerungen gegen sozial Benachteiligte. Hier redet also ein wohlhabender Ökonom abwertend über Erwerbslose und gleichsam ein weißer Deutscher diskriminierend über Migrant_innen. Kurz: Thilo Sarrazin spricht von oben nach unten.
Sarrazin, du Opfer!
Im Laufe der Diskussion um seine Thesen tat Thilo Sarrazin ganz so, als ob er selbst das eigentliche Opfer ausgrenzender Rede sei, ein typisches Phänomen für rechte Inszenierung. Noch während ganz Deutschland über seine stigmatisierenden, degradierenden und diskriminierenden Statements sprach, beklagte Sarrazin, ihm komme nicht ausreichend Meinungsfreiheit zu. Dabei war die inhaltliche Kritik an Sarrazin eher verhalten; es ging in der Regel eben nur um den Wortlaut seiner Thesen. Viel häufiger wurde öffentlich verlautbart, dass Sarrazin endlich ausspreche, was zu lange wegen »falscher Rücksichtnahme« nicht ausgesprochen wurde. Nun sei es an der Zeit, offen zu reden – und zwar über die angeblich «fehlende Integrationswilligkeit« von Migrant_innen. Über Rassismus, Klassismus, oder andere Formen der Ausgrenzung wollte so gut wie niemand reden. über Sarrazins positive Bezüge auf die nationalsozialistische Rassenlehre auch nicht.
Selbst Menschen die Sarrazins biologistische Begründungszusammenhänge kritisierten, gestanden ihm zu, mit der sogenannten »Ausländerproblematik« ein zu lange ignoriertes Themenfeld geöffnet zu haben. Vielerorts wurden anhand von Statistiken und Umfragen zu der »Integrationswilligkeit« von Migrant_innen seine Thesen auf ihre »Richtigkeit« überprüft statt sie als rassistische Statements zurückzuweisen. Dennoch, trotz des impliziten wie expliziten Applauses fühlte sich Sarrazin mächtig verfolgt. Wenn die eigenen Aussagen als tabuisiert verkauft werden, verkaufen sie sich besser – diese Weisheit schien er bei extrem Rechten abgeschaut zu haben, die stets eine Tabuisierung von (rechter) Meinung behaupten. In Diskussionen wie diesen geht es immer darum, mit dem Verweis auf die Meinungsfreiheit ausgrenzende Aussagen zu legitimieren. Kritik daran wird als repressiv stigmatisiert und als moralisierend, gutmenschlich und vor allem als unterdrückend dargestellt. Die Unterdrückung richte sich demnach gegen diejenigen, die diskriminierende Aussagen tätigen, nicht gegen jene, die von diesen Aussagen betroffen sind. Wer sich auf Meinungsfreiheit beruft, um rassistischen Diskursen ein Forum zu geben, negiert die soziale Verantwortung, ohne die Meinungsfreiheit keinen Sinn macht.
Aber: Rassistische Rede wie die Sarrazins bewirkt konkrete Ausgrenzungen und Diskriminierungen von Menschen, die nicht angehört werden im öffentlichen Diskurs. Die Mayersche Buchhandlung in Aachen hat sich im Gegensatz zu etlichen anderen Veranstaltungsorten entschlossen, nicht etwa Betroffenen von Sarrazins rassistischen Aussagen ein Forum zu geben, sondern Sarrazin und seinen Fans, die heute damit eine weitere Möglichkeit erhalten, ihre rassistischen und chauvinistischen Thesen zu verbreiten.
Das Vorgehen der Mayerschen ist weniger verwunderlich, schaut man sich mal ihr Vertriebsprogramm an. Offensichtlich hat die Mayersche Buchhandlung keinerlei Probleme damit, extrem rechte Literatur zu vertreiben. Schaut mensch sich das Angebot ihres Onlinekatalogs an, findet sich z.B. das Buch „The Turner Diaries“. The Turner Diaries (dt. Die Turner-Tagebücher) ist ein US-amerikanischer Roman, den der Anführer der americanischen Neonaziorganisation National Alliance William L. Pierce schrieb. Der Roman propagiert rassistische und antisemitische Ideen und ist in seiner deutschen Fassung. Deutschland seit April 2006 indiziert. Er gilt als ein Standardwerk der weißen nazistischen Bewegung in den USA .
Auch findet sich das Buch “Ich bereue nichts” über Rudolf Heß, den Stellvertreter Hitlers. Der Autor, Hess’s Sohn Wolf Heß gründete die Vereinigung Freiheit für Rudolf Heß, die nach dem Tod des Vaters in die Rudolf-Heß-Gesellschaft e.V. umgewandelt wurde. Diese Vereinigung versuchte den Mythos zu verbreiten, dass Rudolf Heß versucht habe Friedensverhandlungen mit Großbritannien aufzunehmen, und nicht für die Taten des NS verantwortlich sei. Zur Eininnerung: er war Hitlers Stellvertreter.
Naherzu das gesamte Verlagsprogramm der extremen und neonazistischen Rechten ist über den Onlineshop der Mayerschen käuflich erwerbbar. Neben NPD Autoren finden sich führende Chefideologen der Neonazis, wie der Holocaustleugner David Irving, der eine Hiler-Biographie zum besten gibt.
Zu dem Buch heißt es: „Der bekannte britische Historiker verzichtet auf liebgewonnene Fälschungen und Verzerrungen. Irving zeichnet ein wahrheitsgetreues Bild vom Parteiführer, Staatsmann und Feldherrn Adolf Hitler… Dabei bleiben auch die menschlichen Züge des Diktators, seine politische Weitsicht, sein technischer Sachverstand und sein köstlicher Humor nicht unberücksichtigt… Ein Standardwerk der Hitlerforschung!”
Von der industriellen Vernichtung des europäischen Judentums kein Wort.
Interessant zu wissen wäre, ob der Seniorchef der Mayerschen, Helmut Falter, diese Bücher ebenso „hochinteressant und diskussionsfähig.» findet, wie Sarrazins Buch.
Gegen rassistische Hetze, egal ob von Sarrazin, der NPD, oder deutschen Behörden.