Repression gegen Castor Schottern - Überblick

SchottererInnen 21.12.2010 17:50
Die Kampagne Castor Schottern zielte neben dem tatsächlichen Eingriff in den Castor- Fahrplan und einer radikalisierenden und ermutigenden Erfahrung für die TeilnehmerInnen auf die breite Legitimierung von Sachbeschädigung als Mittel der politischen Auseinandersetzung. Dies sollte durch eine offensive Ankündigungspraxis und Pressearbeit, sowie möglichst transparenter Beteiligungsmöglichkeiten erreicht werden. Repression war einkalkulierter Teil dieses Versuchs. Wenig verwunderlich ist es daher, dass insbesondere Castor Schottern Ziel von juristischer und polizeilicher Verfolgung wurde und immer noch wird. Dieser Artikel versucht eine erste Zusammenfassung und Bewertung der staatlichen Repressionsbemühungen zu geben.

Trainings, Veranstaltungen und der bayerische Weg

Im Vorfeld des Castors gab es über 90 Infoveranstaltungen und Aktionstrainings von oder mit der Kampagne „Castor Schottern“, die eine wichtige Grundvoraussetzung für die entschlossene, massenhafte Beteiligung beim Schottern waren. Hierbei gab es erstaunlich wenig Störungsversuche. Allein Bayern wollte die Harte Hand des CSU-Staates demonstrierend. Während die CSU in Nürnberg aufgrund einer Schottern Veranstaltung erfolglos die Einstellung von Fördergelder für das Kulturzentrum DESI forderte (1) konnte in Aschaffenburg kreativ auf Störungsversuche durch Polizeibeamte reagiert werden.

Polizei und Staatsanwaltschaft im Vorfeld des Castors

Einige Wochen nach Veröffentlichung der Erklärung von Castor Schottern rief Niedersachsens Innenminister Schünemann zum harten Vorgehen gegen die Kampagne (2). Die Staatsanwaltschaft begann daraufhin Ermittlungen gegen die anfangs 200 Personen und Gruppen, die die Schottern-Erklärung unterzeichnet hatten. Das öffentlich verkündete Ziel der Abschreckung (3) wurde dabei verfehlt. Bereits wenige Tage nach Beginn der Ermittlungen hatte sich die Zahl der UnterzeichnerInnen auf über 600 verdreifacht. Inzwischen haben über 1.700 Gruppen und Personen die Erklärung unterzeichnet. Die angekündigte Strafverfolgung hat die dafür notwendige Öffentlichkeit hergestellt und breite Solidarisierungseffekte ausgelöst. Grundlage dafür war, dass die Kampagne zum Beginn der Kriminalisierung bereits so breit aufgestellt war und zudem über ausreichend Rückendeckung im Wendland und in der Anti-Atom-Bewegung verfügte, so dass eine beabsichtigte Isolierung nicht gelingen konnte.

Schottern im Reizgasnebel

Mehr als 3000, vermutlich eher 4000 Aktivist_innen machten sich von mehreren Orten auf den Weg an die Schienen in der Göhrde. Bereits auf dem Weg zu den Sammlungsorten und Camps durchsuchte die Polizei mutmaßliche “Schotterer“ , beschlagnahmte Protektoren, nahm Personalien auf und verteilte Platzverweise. Die Masse der Aktivist_innen konnte damit aber nicht erreicht oder gar eingeschüchtert werden. Während die meisten Aktiven aus der südlichen Richtung relativ unbehelligt bis auf einige Hundert Meter an die Gleise herankamen, sahen sich Demonstrierende aus Richtung Norden bereits Kilometer von der Versammlungsverbotszone entfernt einigen polizeilichen Attacken ausgesetzt. (4) Hier deutete sich bereits das polizeiliche Vorgehen der nächsten Stunden an: Pfeffergasattacken im großen Umfang und häufiges, auch wahlloses Reinknüppeln in Gruppen, dann wieder Begleitung „Schulter an Schulter“ ohne weitere Interventionen. Die ersten Schotterversuche gingen dann sowohl vom Norden als auch vom Süden im Reizgasnebel unter, Bundespolizei an den Gleisen und BFE und Landesbereitschaftspolizei im Wald und bei den Gleisen setzten die Order „alle Einsatzmittel sind freigegeben“ (5) massiv um.

Eingesetzte Waffen der Polizei

Die Einheiten der Bundespolizei setzten dabei Pfefferspray in Form von synthetischem PAVA ein, das nach Auskunft der Bundesregierung „frei von Pestiziden und Konservierungsstoffen“ ist. (6) Ein nachträgliches Zugeständnis an die Atomkonsens-Bündnisgrünen, damit diese nicht noch Schlagstöcke aus Naturkautschuk mit „Fair Trade“ Siegel fordern? Die Einheiten der Bundespolizei waren teilweise mit hochmodernen Teleskopschlagstöcken ausgerüstet, diese wurden auch gegen Protestierende eingesetzt. Nach Angaben der Bundesregierung wurden durch die knapp 7000 Angehörigen der Bundespolizei keine „Reizmittelkartuschen“ abgeschossen (7). Nach Berichten von Augenzeug_innen und von Betroffenen hat die Polizei neben dem Pfefferspray aus den “Reizstoffsprühgeräten“ (RSG) auch über größere Entfernungen verschossenes Gas eingesetzt. Die Angaben der Niedersächsischen Landesregierung, ob es sich dabei um Pfefferspray oder um eine spezielle Mischung von Reizgas mit Elementen, die destabilisierend auf den Kreislauf wirken („Kotzgas“) handelte, stehen noch aus.

Insgesamt zählten die Demosanitäter_innen in der Göhrde knapp 400 behandelte Verletzte durch Pfefferspray am Sonntag bei einer Rückmeldung von weniger als 50% der vor Ort befindlichen Sanitäter_innen. (8) Dazu wurden über 50 Schlagstockverletzungen behandelt. Der EA Wendland geht für den Sonntag von über 1000 Verletzten am Sonntag in der Göhrde und in Harlingen aus (das bedeutet bei Schottern und Widersetzen Sitzblockade zusammen). (9) Nach einem Rückzug der Aktivist_innen und einer Pause folgten dann viele größere und kleinere Versuche, auf die Schienen zu kommen und zu Schottern.

Ohne das hohe Kreativitätspotenzial bei der Entwicklung von Protektoren gegen Pfefferspray und Schlagstöcke wäre die Zahl der verletzten Aktivist_innen sicher noch um einiges höher gewesen. So konnten sich viele mit Schwimm- bzw. Taucher- oder gar Skibrillen und selbstgebastelten Gesichtsvisieren aus Folie gegen Pfefferspray schützen und Knüppelschläge mit Strohsäcken abwehren oder durch verschiedenste Protektoren abmildern.
Der Einsatz der Polizei zielte - da waren sich Betroffene und Beobachter_innen einig - nicht auf die Auflösung von Versammlungen auf den Gleisen, sondern vor allem bei vermuteten „Schotteraktionen“ auf die „massenhafte Verletzung und Einschüchterung“ (10) von Aktivist_innen bereits vorher. Auch Schilderungen von der Sitzblockade “Widersetzen“ zeugen von systematischer polizeilicher Brutalität bei der versuchten Verhinderung und der nächtlichen Räumung der Sitzblockade auf den Gleisen bei Harlingen. (11)

Personalienfeststellungen, Ingewahrsamnahmen

Auch wenn der Polizeieinsatz in erster Linie auf Verletzungen zielte, hat es doch in hohem Ausmaß Platzverweise (angeblich mehr als 5000 allein durch Bundespolizei am Sonntag) (12) gegeben. Die Zahl der Personalienfeststellungen im Zusammenhang mit Castor-Schottern dürfte im unteren bis mittleren dreistelligen Bereich liegen. Ein Aktivist wurde mit dem expliziten Vorwurf der „Rädelsführerschaft“ kontrolliert und polizeilich festgestellt. Mehrere Aktivist_innen wurden unter dem Vorwand des Widerstands gegen die Staatsgewalt oder des Verstoßes gegen das Versammlungsgesetzes (Protektoren, Vermummung) in Gewahrsam genommen. Was hieraus an Ermittlungen und gegebenenfalls Gerichtsverfahren folgt, ist noch nicht abzusehen.

Die durchgeknallte Staatsanwaltschaft Lüneburg und der Vorwurfs des Aufrufs zu Straftaten

Die schiere Zahl der UnterzeichnerInnen macht Schottern zu einem staatsanwaltlichen Dilemma. Eine Prozesslawine gegen alle Beteiligten ist extrem aufwändig und erscheint wenig erfolgversprechend. So hatte denn auch das Vorgehen der Sicherheitsbehörden bislang wenig Hand und Fuß. Ganz in der wenig strategisch durchdachten Logik geifernder CDU-Politiker wurde sich vor allem auf die unterzeichnenden Linkspartei- Abgeordneten konzentriert, deren Immunität aufgehoben wurde und die Briefe von der Staatsanwaltschaft bekamen (13). Diese hielten dem Druck stand und bekamen mit der traurigen Ausnahme vom Chef Ernst (14) Rückhalt aus ihrer Partei. Erst im Nachhinein zogen die Polizeibehörden nach und sind zur Zeit immer noch damit beschäftigt die Anschriften der Unterzeichnenden zu ermitteln und ihnen Anhörungsbögen zukommen zu lassen. Die meisten Angeschriebenen werden wissen, dass dies kein Drama ist. Schreiben aufbewahren, Polizeiliche Anhörung ignorieren, da muss schon Post von der Staatsanwaltschaft kommen. Immerhin sorgt diese Arbeitsbeschaffungsmaßnahme dafür, dass Polizeibeamt_innen weniger Zeit für andere ärgerliche Dummheiten haben.

Wie wird es mit den Ermittlungen weitergehen?

Dazu hier 3 Szenarien, wobei auch andere möglich sind:
1. Die Staatsanwaltschaft erhebt gegen einen kleinen Kreis an Personen (z.B. die Abgeordneten) Anklage und stellt den Rest ein. Unsere Aufgabe wäre dann Solidaritätsaktionen zu organisieren und wo es geht Prozesse politisch zu begleiten. Mögliche Geldstrafen müssen gemeinsam aufgebracht werden.
2. An alle UnterzeichnerInnen werden Strafbefehle mit einer (niedrigen) Geldstrafe verschickt. Innerhalb von wenigen Wochen nach Eingang des Strafbefehls (Frist in der Rechtsmittelbelehrung beachten!) müssen Einsprüche eingelegt werden („Ich erhebe Einspruch gegen den Strafbefehl [Aktenzeichen], [Datum, Unterschrift]“). Falls dies nur wenige machen könnten gegen diese Verfahren durchgeführt werden. Wenn wir es allerdings schaffen, dass ein hoher Prozentsatz Einspruch einlegt, ist auch hier eine Einstellung der Verfahren am Wahrscheinlichsten.
3. Es könnte Versuche geben mittels staatsanwaltlicher Vorladungen UnterzeichnerInnen weichzukochen. Auch das ist kein Drama, zumal auch hier sich eine einfache Aussageverweigerung empfiehlt. Staatsanwaltlichen Vorladungen muss aber nachgekommen werdenund die Organisierung und Finanzierung von AnwältInnen für verunsicherte Betroffene würde uns alle einiges an Geld und Aufwand kosten. Zugleich wäre eine solche staatsanwaltliche Vorladungslawine mit sehr viel Arbeit für die Staatsanwaltschaft verbunden. Uns bliebe bereits bei den ersten Vorladungen so viel Wind und Protest zu organisieren, dass den StaatsanwältInnen die Lust auf Wiederholung vergeht.

Natürlich hätte die Staatsanwaltschaft liebend gerne die Seite www.castor-schottern.org vom Netz genommen. Dank der umsichtigen Vorbereitung war sie dazu aber leider nicht in der Lage. So musste auch hier Bayern einspringen, wo bereits Mitte Oktober die Seite einer süddeutschen Anti-Atom-Ini wegen Schottern gesperrt wurde (15). Inzwischen ist im Zusammenhang mit einer Schottern-Verlinkung sogar zu einer Hausdurchsuchung in Süddeutschland gekommen, was die Frage aufwirft, ob bald auch tagesschau.de Besuch von der Staatsanwaltschaft bekommt (16). Es kann aber auch sein, dass die Offenheit des Aufrufs von Castor-Schottern einigen Staatsanwaltschaften den Vorwand bietet, mal Durchsuchungen und Beschlagnahmungen umzusetzen, die sie schon länger in der Schublade haben.

Solidarität ist unsere Waffe!

Der Ausgang der konkreten juristischen Auseinandersetzungen um die Aktion und Kampagne Castor Schottern ist also noch offen – aber das politische Feld ist gut bereitet, diese erfolgreich zu führen. Entscheidend wird dabei sein, dass wir uns von den Angriffen nicht vereinzeln lassen, sondern gemeinsam dagegen vorgehen und die juristische und politische Verteidigung aller Beschuldigten gemeinsam organisieren und unterstützen. Weitere Updates zu den Verfahren wird es auf der Seite castor-schottern.org geben, Rechtshilfetipps und weitere Unterstützung gibt es außer über die Kampagne auch von Ermittlungsausschüssen sowie Rote-Hilfe-Gruppen in den Städten und dem EA Wendland.



(1)http://www.nordbayern.de/nuernberger-zeitung/nuernberg-region/csu-will-der-desi-die-zuschusse-streichen-1.273880
(2) Schünemann: "Allein diese Vorstellung, dass man an den Gleisen manipuliert, das ist schlichtweg eine Straftat. Ich kann nur jeden davor warnen, der so was vorhat. Da werden wir ganz konsequent vorgehen." (ndr)
(3) „Die Ermittlungsverfahren dienten auch der Abschreckung, man wolle weitere Atomkraftgegner davon abhalten, den Aufruf zu unterschreiben. “ Hamburger Abendblatt
(4) Berichte von Aktionsteilnehmer_innen an die Kampagne
(5) Augenzeug_innen- und Anwält_innenberichte an die Kampagne und an Antirepressionsgruppen
(6) Antwort der Bundesregierung durch Dr. Ole Schröder auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Ulla Jelpke u.a.“Gewaltsames Vorgehen der Polizei gegen Castor-Proteste und die Rolle der Bundesbehörden“ in Bundestagsdrucksache 17/3731
(7) ebenda
(8) castor2010.de
(9) Gewalttätiger Atomstaat vom 11. November
(10) ebenda
(11) Siehe Erlebnisberichte auf www.widersetzen.de
(12) Antwort der Bundesregierung durch Dr. Ole Schröder auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Ulla Jelpke u.a.“Gewaltsames Vorgehen der Polizei gegen Castor-Proteste und die Rolle der Bundesbehörden“ in Bundestagsdrucksache 17/3731
(13) ndr
(14) Ernst:"Ich halte aber nichts davon, es auf Auseinandersetzungen mit der Polizei oder technische Zwischenfälle an Gleisen sogar direkt anzulegen." (Spiegel online)
(15) taz
(16) tagesschau.de
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Ergänzungen

Zum Reizstoffeinsatz

diak 22.12.2010 - 09:17
Bitte nicht zu vergessen das OC und verwandte Wirkstoffe bei Normalbedingungen feste Körper sind. Es ist nicht ganz einfach daraus eine sprühfähige Emulsion darzustellen.

Daher finden allerlei Hilfsstoffe, wie Ethylacetat..., Verwendung. Genauere Auskunft geben nur die Analysen der Freisetzungsbehälter (oder die Datenblätter der Hersteller), denn vielfach handelt es sich um Niedrigsieder deren Inhalation schon für sich nicht wirklich gesund ist. Hinweise auf die Beeinträchtigung des Gleichgewichtsorganes duch diverse Methylether sind auch nicht neu....

Die Cops wissen ja selbst garnicht was sie sich beim Sprühen selbst so antun, ein Lackierer hätte schon lange den Arbeitsschutz und die Umweltbehörde am Arsch.

Das alte "Kotzgas" PS fällt zum Glück unter die CWC und ist daher definitiv verboten, die Nutzung weniger gefährlicher Alternativen wie DM oder DA/DC ist in Deutschland eigentlich auch verboten, enthalten diese Substanzen doch alle organisch gebundenes Arsen. Und das ist zum Glück noch nach Monaten im Gelände gerichtsfest nachweisbar!

Alle Wirkstoffe außerhalb von CS oder OC wären eine kriminelle Schweinerei, zudem absolut unangemessen.

diak

Pfefferspray

mensch 22.12.2010 - 12:29

Aktueller Begriff „Pfefferspray“ – Wirkung und gesundheitliche Gefahren

Wissenschaftliche Dienste des Bundestages

Mit dem polizeilichen Einsatz gegen Demonstranten im Zusammenhang mit dem Umbau des Stuttgarter Hauptbahnhofes („Stuttgart 21“) sind sogenannte Pfeffersprays in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Besondere Aufmerksamkeit wird dabei den gesundheitlichen Gefahren von Pfeffersprays gewidmet. Der baden-württembergische Landtag möchte sich deshalb auch dieses Themas im Rahmen eines Untersuchungsausschusses annehmen.

Anwendungsbereich und Wirkstoff

Pfeffersprays sind Reizstoffsprühgeräte, die zur Selbstverteidigung bzw. zur Gefahrenabwehr verwendet werden. Durch ihren Einsatz sollen Personen oder Tiere auf Distanz gehalten und gegebenenfalls in ihrer Handlungsfähigkeit eingeschränkt werden. Hierzu wird ein gelöster Reizstoff eingesetzt, der über eine Sprühdose als Sprühnebel bzw. -strahl freigesetzt werden kann. Der in Pfefferspray herkömmlich verwendete Reizstoff ist Oleoresin Capsicum. Dabei handelt es sich um einen mittels Lösemittelextraktion aus den trockenen, reifen Früchten von Capsicum (Chilli oder Cayenne-Pfeffer [Capsicum frutescens], Paprika [Capsicum annuum]) gewonnenen Scharfstoff – eine viskose Flüssigkeit mit würzigem Geruch und extrem scharfem, brennenden Geschmack. Der Hauptbestandteil des Scharfstoffes ist Capsaicin (Gruppe der Capsaicinoide).

Symptome und Wirkungsdauer

Der Einsatz von Pfefferspray gegen Menschen kann folgende Symptome hervorrufen:

1. Wirkung auf die Haut: Entzündungsreaktion mit intensiver Hautrötung und -schwellung; das Brennen auf der Haut kann bis zu 60 Minuten anhalten.
2. Wirkung auf die Augen: Sofortiger Lidschluss aufgrund heftiger Schmerzen; Schwellungen und Rötung der Augenbindehaut, starker Tränenfluss und temporäre Erblindung bis zu 30 Minuten; Träger von Kontaktlinsen können erweiterte Reaktionen zeigen, weil sich zwischen der Kontaktlinse und der Hornhaut ein Reizstoffdepot entwickeln kann.
3. Wirkung auf die Atemwege: unkontrollierte Hustenanfälle (Atemwegsreizungen), Atemnot und Sprechschwierigkeiten zwischen drei und 15 Minuten; Krämpfe im Bereich des Oberkörpers, die den Betroffenen zwingen, sich nach vorne zu krümmen.

Behandlungsformen

Auf den Sicherheitsdatenblättern von Pfefferspray-Herstellern bzw. Lieferanten des Wirkstoffes Oleoresin Capsicum bzw. Capsaicin werden in der Regel folgende Erste-Hilfe-Maßnahmen für den Fall einer Exposition mit Pfefferspray empfohlen: Nr. 83/10 (24. November 2010) Ausarbeitungen und andere Informationsangebote der Wissenschaftlichen Dienste geben nicht die Auffassung des Deutschen Bundestages, eines seiner Organe oder der Bundestagsverwaltung wieder. Vielmehr liegen sie in der fachlichen Verantwortung der Verfasserinnen und Verfasser sowie der Fachbereichsleitung. Der Deutsche Bundestag behält sich die Rechte der Veröffentlichung und Verbreitung vor. Beides bedarf der Zustimmung der Leitung der Abteilung

1. Bei Hautkontakt: Betroffene Hautpartie zehn Minuten oder länger mit fließendem Wasser und Seife waschen und abspülen; benetzte Kleidungsstücke entfernen und bei anhaltenden Symptomen einen Arzt aufsuchen.
2. Bei Augenkontakt: Sofortiges, zehn bis 15-minütiges Ausspülen des Auges und anschließende Untersuchung durch einen Facharzt.
3. Bei Inhalation: Sofortige Zufuhr von frischer Luft; bei Bewusstlosigkeit der betroffenen Person Überprüfung der Atmung und, falls notwendig, Einleitung einer künstlichen Beatmung.
4. Bei Verschlucken: Sofortiges Ausspülen des Mundes und anschließendes Aufsuchen eines Arztes oder Krankenhauses.

Gesundheitliche Beeinträchtigungen und eventuelle Langzeitfolgen

In geringen Dosen steigert Capsaicin allgemein die Salzsäure-Sekretion im Magen. Eine kontinuierliche Überdosierung von Capsaicin kann chronische Gastritis sowie Nieren- und Leberschädigungen bewirken. Eine längere Einwirkung hingegen kann Nekrosen und Geschwüre auf der Haut verursachen. Bei intravenöser und intraperitonealer (vom Bauchfell umgebende Organe betreffend) Applikation ist Capsaicin hochgiftig. Beim Einsatz mittels Pfefferspray kann Capsaicin bleibende Schädigungen der Hornhaut jedenfalls dann verursachen, wenn der Abschuss aus kurzer Distanz und mit einer hohen Austreibungswucht vorgenommen wird. Dies ist etwa der Fall bei der Verwendung sogenannter pyrotechnischer Handabschussgeräte. Indirekte gesundheitliche Gefahren beim Einsatz von Pfefferspray bestehen insbesondere für solche Personen, die unter Drogeneinfluss stehen oder Psychopharmaka eingenommen haben. So beschrieb etwa das US-amerikanische Justizministerium im Jahre 2003 zahlreiche Todesfälle im Zusammenhang mit dem Einsatz von Pfefferspray (insbesondere) gegen (inhaftierte) Personen, die unter unmittelbarem Drogeneinfluss standen. Nach Angaben von Spiegel-Online ereigneten sich zudem im Jahre 2009 in Deutschland mindestens drei Todesfälle nach einem Polizeieinsatz mit Pfefferspray. Alle Todesopfer standen während der Exposition mit Pfefferspray unter dem Einfluss von Drogen oder Psychopharmaka. Eine erhöhte Gefahr indirekter gesundheitlicher Folgen besteht schließlich für Asthmatiker, Allergiker und blutdrucklabile Personen bzw. bei arterieller Hypertonie.

Quellen: – Buetzer, Peter, Capsaicin – Some like it hot! –, im Internet abrufbar unter: http://www.buetzer.info/fileadmin/pb/HTML-Files/Capsaicin.htm (letzter Abruf am 14. Oktober 2010)
– Europäisches Parlament (2000), Scientific and Technological Options Assessment (STOA), Crowd Control Technologies – An Appraisal of Technologies of Political Control –, Final Study, im Internet abrufbar unter: http://www.europarl.europa.eu/stoa/publications/studies/19991401a_en.pdf
– Kniestedt, Christoph/Fleischhauer, J./Stürmer, Jörg/Thiel, M. A. (2005), Pfeffersprayverletzungen des vorderen Augensegments, in: Klinisches Monatsblatt für Augenheilkunde 2005, 222: S. 267-270, im Internet abrufbar unter: https://www.thieme-connect.com/ejournals/pdf/klimo/doi/10.1055/s-2005-857978.pdf
– Menzel, Michael/Hartmann-Schreier, Jenny (2008), Capsaicin, in: Thieme RÖMPP Online, Online-Enzyklopädie für Chemie, unter Eingabe des Begriffes „Capsaicin“ im Internet abrufbar unter: http://www.roempp.com/prod/
– Reilly, Christopher A./Crouch, Dennis J./Yost, Garold S. (2001), Quantitative Analysis of Capsaicinoids in Fresh Peppers, Oleoresin Capsicum and Pepperspray Products, in: J Forensic Sci 2001; 46 (3), S. 502-509, im Internet abrufbar unter: http://www.sabrered.com/PDFs/University-of-UTAH-Study.pdf
– Spiegel-Online, Todesfälle nach Pfefferspray-Einsatz – Mögliche Wechselwirkung mit Drogen –, Artikel vom 26. Dezember 2009, im Internet abrufbar unter: http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,668996,00.htmlVerfasser: MR Dr. Dr. Gerhard Deter/gepr. RK Goce Markovski – Fachbereich WD 9, Gesundheit, Familie, Senioren,Frauen und Jugend

@ Mensch

diak 22.12.2010 - 14:33
Ordentliche Ergänzung.

da pack ich noch etwas dazu.

1. Anwendungsbereich und Wirkstoff

Hier fehlt die Auflistung der Hilfsstoffe, sind diese doch physiologisch nicht unbedenklich. Auch der Hinweis auf mögliche synergistische Effekte ist erwähnenswert, könne doch auch für sich relativ unbedenkliche Substanzen im Zusammenwirken zu einem erweiterten Gefahrenpotenzial führen; beispielsweise durch perkutane Schleppwirkung.

2.3 Wirkung auf die Atemwege

Die Eindringtiefe in die Atemwege ist an die Partikelgröße gebunden, Sprays sollten eigentlich nur nicht lungengängige Partikelgrößen freisetzten.....

4. Langzeitfolgen usw.

Die Untersuchung von Deter (2009) ist rein korrelativer Natur. Ein kausaler Wirkungszusammenhang hat sich bisher leider nicht nachweisen lassen.

Was Reilly et al. (2001) dargelegt hatten war eine primär analytische Arbeit, zurecht wird darauf verwiesen, dass es sich dabei um Einzelsubstanzcharakterisierungen handelt; weniger um die Erfassung der tatsächlich zur Wirkung kommenden Substanzgemische bzw. Abbauprodukte!

Der EP-Report ist nur mäßig brauchbar( viele Sachverhalte der Primärliteratur werden unbefriedigend dargestellt), bestenfalls als Literaturquelle. Denn im Text wird z.B.übersehen dass es bedeutende Unterschiede zwischen LD und LD50 Kriterien gibt. Zudem wird die, insbesondere für die Betroffenen wichtige, Dosis vernachlässigt. Anhang 1 bringt nur Konzentrationen, ohne dabei die Partikelfraktionen aufzuführen!
Sinnvoll ist das nicht, hier wäre die physiologisch wirksame Partikelfraktion zum Atemvolumen in Beziehung zu setzen. Denn ein ruhender oder sich angestrengt bewegender Mensch hat sehr unterschiedlichen Luftaustausch!


diak

Reizgas im Wendland

Micha 23.12.2010 - 14:19
hi,

wenn ich das richtig mitbekommen habe, dann hat die Bundespolizei beim Castor sog. PAVA Reizgas eingesetzt. (Pelargonsäurevanillyamid, ein synthetischer Ersatzstoff für Capsaicum, vermutlich auch mit Trägersubstanzen im Sprühgerät)

Die Landespolizei Niedersachsen hat - laut Auskunft auf eine Anfrage - anscheinend Capsaicin (Pfefferspray), Chloracetonphenon (das ist glaube ich die Bezeichnung für CN-Gas) und Chlorbenylidenmalononitril als Reizstoff verwendet. Keine Ahnung ob das unmittelbar gesprüht wurde ob eine der Substanzen eher als "Gasgranate" bzw. Distanzmittel eingesetzt wurde.

Da sich hier ja anscheinend auch Leute äußern, die sich damit befasst haben wäre meine Frage, wie weit über diese Substanzen Studien und Verwendungserkenntnisse vorliegen - zu CN müsste das ja seit Jahrzehnten der Fall sein.

gruezzi

@ Micha

diak 23.12.2010 - 16:04
PAVA und OC sind Wirkstoffe aus einer Substanzgruppe, den Vanillylamiden.

Die Verwendung von CN, ein Feststoff genau wie OC oder CS, ist eigentlich wegen dessen relativ höherer Toxizität im Vergleich zu CS eher unüblich, vielmehr meine ich mich an einen Erlass zu erinnern der die Verwendung von CN untersagt; das muss ich aber nochmal nachschlagen.

Zu CN gibts haufenweise Literatur:

Ballantyne, B: AND Swanston D. W. (1978): The comparative acute mammalian toxicity of 1-chloroacetophenone (CN) and 2-chlorobenzylidene malononitrile (CS).-- Arch. Toxicol., 40, 75-95.

Fuchs, T. and Ippen, H. (1986): Kontaktallergie auf CN- und CS-Tränengas.-- Dermatosen, 34, 12-14.

McNamara, B.P, Vocci, F. J. and Owens, E. J. (1986): The toxicology of CN.-- Edgewood Arsenal Technical Report No. 4207; Maryland, USA.

Gaskins, J. R., Hehir, R. m:, McCaulley, D. F., Ligon, E.W. (1972): Lacrimating agents (CS and CN) in rats and rabbits.-- Arch. Environ. Health; 24, 449-451.

Madden, J. F. (1951): Cutaneous hypersensitivity to tear gas (chloroacetophenone).--AMA Arch. Dermatol. Syphilo.; 63, 133.

Chung, C. W., Giles, A. L. (1972): Sensitization of guinea pigs to alpha-chloroacetophenone (CN) and ortho-chlorobenzyliden malononitrile (CS), tear gas chemicals.-- J.Immunol.; 109, 284-293.

Penneys, N. S., Israel, R. M., Indgin, S. M. (1969: Contact dermatitis due to 1-chloroacetophenone and chemical mace.-- N. Eng. J. Med.;281, 413-415.

US Dep. of the Army (1990): Treatment of Chemical Agent Casualties and Conventional Chemical Injuries.-- US DoD, FM 8-285.Hu, H., Fine, J., Epstein, P., Kelsey, K. (1989): Tear gas-Harrassing agent or toxic vhemical weapon?. JAMA;262, 660-663.


 http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/15071820

 http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/8167398

 http://www.springerlink.com/content/p258821m2713j7v5/

 http://ntp.niehs.nih.gov/ntp/htdocs/LT_rpts/tr379.pdf

Üblicherweise ist diese Lit. etwas älter, denn CN ist kein "aktueller" Reizkampfstoff mehr; die Liste ist nur ein Auszug!

Um den Inhalt mal vorzugreifen:

Auch Reizkampfstoffe können problematisch werden, wenn sich der Betroffene der Einwirkung nicht selbst entziehen kann! Inhalatorisch wird CN 4 - 20 toxischer denn CS bewertet.


diak

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