Berlin: Aus dem Knast

Angehörige 09.09.2010 15:36 Themen: Freiräume Repression
Aus dem Charlottenburger Knast kommt Post von Laurynas, und in wenigen Tagen kommt er auch selbst raus. Was er mitzuteilen hat, ist natürlich vor allem für Menschen aus der Berliner Squat-Szene interessant, die seinen Fall kennen, aber auch über die Realität in deutschen Knästen erfahrt Ihr in diesem Artikel einiges.
Kurz zur Vorgeschichte: Laurynas stammt aus Litauen und hat Anfang 2009 in der mittlerweile geräumten "Brunnen 183" gelebt. Bei der "Wir bleiben alle"-Demo Mitte März 2009 war er in Auseinandersetzungen mit der Polizei verwickelt, was ihm aufgrund eines Youtube-Videos nachgewiesen werden konnte. So wurde er zwei Wochen nach der Demo auf der Straße verhaftet.
Die Antirep-Arbeit war schlecht bis nicht vorhanden, Laurynas bekam zuerst nur einen Pflichtverteidiger und ließ sich auf dessen "ich-war-ja-bloß-besoffen"-Strategie ein. Nach zwei Wochen übernahm den Fall eine Anwältin, die ihm die Leute aus der Brunnenstraße organisiert hatten, aber da war es schon zu spät, das Ruder herumzureißen, und so wurde er zu 15 Monaten ohne Bewährung verurteilt. In der Revision wurde das um drei Monate reduziert, allerdings kam noch der Bewährungswiderruf für eine sechsmonatige Bewährungsstrafe dazu, macht also 18 Monate.
Eigentlich hätte er wie jeder Mensch, der zum ersten Mal im Knast landet, Anspruch auf Aussetzung des letzten Drittels zur Bewährung gehabt und den Sommer in Freiheit verbringen dürfen. Die Voraussetzung dafür ist allerdings eine Meldeadresse und ein Arbeitsplatz, und das scheiterte an den EU-Regelungen zur Einschränkung der Freizügigkeit von BürgerInnen der neuen (osteuropäischen) Unionsstaaten. Somit muss(te) er seine Strafe komplett absitzen, zunächst in Moabit und mittlerweile in Charlottenburg. Aber am 20. September ist das endlich überstanden.

(Mit der Suchfunktion findet Ihr hier auf Indymedia übrigens ein paar Artikel über seinen Fall.)

Doch nun zu dem, was er mitzuteilen hat:

"Briefmarken braucht Ihr mir nicht mehr schicken. Nicht, weil ich in den letzten Tagen nicht mehr schreiben will, aber sie werden neuerdings beschlagnahmt. Das haben sie Anfang August plötzlich eingeführt: Weil ich im Knast arbeite, kriege ich ja ein bisschen Geld, und davon soll ich die Marken kaufen. Es gibt noch mehr Ärger, alles wegen 'Sicherheit'. Zum Beispiel haben sie mir Klamotten weggenommen, weil ich Aufnäher draufgemacht hatte, Antifa-Sachen und so. Naja, so kurz vor Schluss ist das auch egal. Die ABC-Zeitschrift [vom Anarchist Black Cross, der Gefangenenhilfsorganisation] bekomme ich nicht mehr ausgehändigt, seit sie da einen Artikel über mich entdeckt haben. Lese ich dann halt nachher. Das Gefangeneninfo habe ich noch jeden Monat gekriegt, aber im Juli stand auch was von mir drin und im August habe ich plötzlich keins mehr bekommen. Weiß nicht, ob sie das jetzt auch einbehalten oder ob die Zeitschrift bloß Sommerpause macht."

"Ausgang ist mir seit Mai immer mal versprochen worden. Es hat dann bis Anfang Juli gedauert, dass ich mal mit dem Sozialarbeiter rausdurfte, um mir bei der litauischen Botschaft einen neuen Pass zu holen. Beim ersten Mal haben wir ausgerechnet einen litauischen Feiertag erwischt, da war geschlossen und wir mussten eine Woche später nochmal hin. Danach war der Sozialarbeiter bis Ende August im Urlaub, da war nichts mit Ausgang. Nun, eigentlich hätte ich auch alleine rausdürfen, aber ich kenne mich in Berlin überhaupt nicht aus. Es fällt mir alleine total schwer, irgendwas zu finden. Dann habe ich nur ein paar Stunden, und wenn ich nicht rechtzeitig zurück bin, weil ich den Weg nicht finde, schreiben sie mich sofort zur Fahndung aus.
Ja, ich bin tatsächlich nur diese beiden Male im Ausgang gewesen, obwohl ich öfter gedurft hätte. Du lachst bestimmt darüber, aber Du verstehst das nicht, das ist eben Knast..."

"In den Kommentaren zu einem der indymedia-Artikel über mich hat jemand geschrieben, 18 Monate kriegt man nicht einfach so, der muss schon richtig was angestellt haben. Nun, irgendwie kann ich das selber nicht ganz verstehen, wieso sie mir 18 Monate gegeben haben. Ich bin vielleicht nicht so ein guter Mensch, den man gleich ins Herz schließen kann. Aber jetzt auch nicht so schlecht, dass ich zu soviel verurteilt werden müsste. Es hat ja jeder Mensch seine positiven und negativen Seiten. Was mich betrifft, denke ich, dass das Gericht mir quasi die Strafe für die ganze Demo aufgebrummt hat. Ich sag es nochmal, in Deutschland gibt es keine Demokratie, ein einfacher Mensch wie ich kann sich nirgends und bei niemand beschweren.
Mein Prozess war einfach am 10.05.2009, gleich nach den ganzen Mai-Demos, wo viele Bullen verletzt worden sind. Die Zeitungen schreiben, man muss hart durchgreifen... und das macht das Gericht dann, obwohl ich damit gar nichts zu tun hatte. Sogar das Videomaterial, das sie als Beweis gegen mich vor Gericht verwendet haben und wegen dem ich letztlich sitze. Da sieht auch ein Blinder, dass ich diesen Polizisten nicht ein einziges Mal geschlagen habe. Ich habe nur an seiner Weste gezogen, nichts weiter. Geschlagen haben ihn andere Leute, das ist deutlich zu sehen.
Wie sie mich geschnappt haben, haben mir die Bullen Fotos von ungefähr 200 Leuten vorgelegt und verlangt, dass ich sie identifiziere. Aber wie gesagt, ich war noch nicht so lange in Berlin, ich habe die alle zum ersten Mal gesehen und niemand erkannt. Ich war ja auch zum ersten Mal auf einer Demo. Da haben sie mir im Verhör gleich angekündigt: 'Nun, wenn du jetzt nichts sagen willst, dann wirst du allein für sie alle sitzen.' Und da sitze ich jetzt eben. Vielleicht war's auch besser so, als wenn noch andere Leute eingefahren wären. So haben es die Zeitungen geschrieben und das Fernsehen gezeigt, dass ich der große Verbrecher bin. Und so haben sie mir diese 18 Monate aufgebrummt. Wem ich es auch gesagt habe, alle wundern sich, warum soviel? Aber das war eben alles aus politischen Gründen..."

"Ja, auf Bewährung habe ich lang gehofft, war ja auch beim Gericht deswegen, aber als Ausländer ohne deutschen Wohnsitz geht da einfach nichts. Danach gab es noch irgendsoein Ding namens 'Reststrafe', da wäre ich auch ein bisschen früher rausgekommen, aber im Endeffekt war es dasselbe. Viel Stress für nichts, ohne Meldeadresse und Arbeit heißt es einfach: geht nicht..."

"Aus dem offenen Vollzug haben sie einen Punk zu uns verlegt, mit dem hab ich mich öfters unterhalten. Fünf Jahre hatte der gesessen, ist dann im Juli rausgekommen. Der war aus Berlin. Den hatten sie damals mit 15 Leuten bei ner Demo gegen Nazis in Darmstadt verhaftet, Jungs und Mädels, die haben alle Haftstrafen bekommen, aber die anderen sind alle längst raus und er war alleine übriggeblieben. So war ich wenigstens nicht mehr allein hier. Er ist meistens auf Zelle gesessen, nicht groß rausgegangen, hat einfach gewartet, bis die letzten zwei Wochen auch noch rum waren..."

"Und jetzt sind neue Häftlinge hier reingekommen, die Russisch sprechen. Das ist ganz angenehm für mich, mit denen kann ich mich leichter unterhalten. Ich helfe ihnen halt, sich zurechtzufinden. Der eine ist aus Sibirien und kann gar kein Deutsch, für den muss jetzt ich übersetzen, so wie früher meine deutschen Kollegen für mich. Und so habe ich auch wieder ein paar Kumpels mehr hier... In der Zeit davor war es schwieriger. Mit meinem Nazi-Nachbarn bin ich ja noch ganz gut fertiggeworden, auch wenn der mich dafür dann bei den Wachteln angeschwärzt hat. Aber dann hatte ich eine Zeit lang Ärger mit so ner Rockergang - Idioten, einfach stressige Idioten. Sogar zu dem Punk, von dem ich erzählt hab, sind die auf die Zelle gekommen und haben ihm Stress gemacht. Hat er mir aber erst ein paar Tage später gesagt... Na, von denen sind inzwischen nur noch zwei hier..."

"In den letzten Monaten habe ich dann auch wieder Arbeit bekommen hier. Ich arbeite, um irgendwie nicht mehr an den Knast zu denken und damit die Tage schneller vorbeigehen. Aber die Arbeit nervt auch, weil es viel Stress ist. Und Geld bekommst Du damit keins rein. Die zahlen hier 210 Euro im Monat, und dafür arbeitest Du auch am Samstag und Sonntag, kurz, ohne freie Tage. Sie beuten Dich aus, wie sie können..."

"Ja, die 210 Euro sind für 30 Tage, es gibt keine freien Tage. Und davon behalten sie 120 Euro gleich fürs Überbrückungsgeld, bleiben 90 Euro, für die ich hier einmal im Monat im Laden einkaufen kann. Und die Fernsehgebühr musst Du auch davon zahlen. Wenn Du telefonieren willst, überweist Du dafür auch noch was, und jetzt muss ich auch noch die Briefmarken selber zahlen - es bleibt gar nichts. Soviel, wie sie Dir geben, nehmen sie Dir gleich wieder ab. Und ich habe keinen freien Tag. Aber ich bin schon froh, dass es mir für alles reicht, denn ohne Arbeit war es schlimmer. Ein Vorteil ist auch, dass die Zelle den ganzen Tag offen ist. Bei denen, die nicht arbeiten, sperren sie sie ab."

"Und jetzt sind es nicht mal mehr drei Wochen, bis ich rauskomme! Ich bin sowas von nervös, ich kann nachts vor Aufregung kaum schlafen. Ich muss mir einreden, es wären noch zwei, drei Monate, dann geht es einigermaßen. Aber irgendwie zähle ich dann doch immer wieder die Tage herunter, die noch bleiben..."
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Ergänzungen

Kleine Raushole

Hugo 09.09.2010 - 22:58
Laurynas wird also am 20. Juni 2010 ab 9 Uhr entlassen. Wer Laurynas abholen möchte, kann das machen. Am Besten ab 8 Uhr 30 sich vor dem Haupteingang der JVA Charlottenburg anstellen. Die Adresse der JVA Charlottenburg ist: Friedrich-Olbricht-Damm 17, 13627 Berlin - und ihr erreicht die über den S-Bahnhof Beusselstrasse (S41, S42). Dann noch etwa 750 Meter Fussweg.

Karte:  http://maps.google.de/maps/place?hl=de&um=1&ie=UTF-8&q=JVA+Charlottenburg&fb=1&gl=de&hq=JVA&hnear=Charlottenburg,+Berlin&cid=153945456936345

Das Gelände ist so eine Industrie-Schnellstrassen-Autobahn-Gegend. Die Möglichkeiten der Anfahrt sind begrenzt. Am S-Bahnhof gibt es Videoüberwachung und es ist damit zu rechnen, dass Zivilpolizist_innen die Gegend überwachen. Es ist daher ratsam in grossen Gruppen zum Haupteingang zu gehen. Umso mehr Leute kommen, desto weniger können sie Einzelne verfolgen.

Danke, für das Abtippen des Briefs. Diese Antirepressionsarbeit ist notwendig. Auch die naive/unreflektierte Rangehensweise von Laurynas zeigt, dass wir noch einiges an Antirepressions- und Aufklärungsarbeit leisten müssen.

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antirep 10.09.2010 - 13:12
Kannst mal bei der Roten Hilfe Halle nachfragen, aber Post reinschicken bringt's schon fast nicht mehr (kommt immer nur mit etwas Verzögerung rein, also ich schätze mal, das bekäme er jetzt bei der Entlassung in die Hand gedrückt). Ansonsten halt ab übernächsten Montag wieder in freier Wildbahn;

Beiträge die keine inhaltliche Ergänzung darstellen

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ich tat etwas nach kenntnisnahme — b183 was berlins last squat

Grüße an Laurynas — Autonome in Bewegung

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