Antifa Workcamp in Stukenbrock-Senne/OWL

Vorbereitungskreis des antifa_workcamps 08.09.2010 19:08 Themen: Antifa Militarismus
Am vergangenen Wochenende fand wie jedes Jahr am ersten Septemberwochenende unser dreitägiges Antifa Workcamp neben dem Sowjetischen Soldatenfriedhof in Stukenbrock-Senne statt. Hier, zwischen Bielefeld und Paderborn, befand sich während des Zweiten Weltkriegs das StaLag 326, ein Lager für größtenteils sowjetische Kriegsgefangene, von denen an die 65.000 ihr Leben verloren. Vorausgegangen war unserer Veranstaltung dieses Jahr eine Schändung des Friedhofs durch Nazis in der Nacht auf Dienstag.
Bereits zum 15. Mal organisierte das Antifaschistische Kreisplenum Gütersloh ein Jugendzeltlager, dessen Ursprünge sogar bis Anfang der 1970er zurück reichen. Anlass war damals eine Schändung des Friedhofs in der Nacht vor der Genkveranstaltung, die dort sei 1967 immer am ersten Septemberwochenende aus Anlass des weltweiten Antikriegstages stattfindet. Und auch dieses Jahr, wenngleich schon in der Nacht auf Dienstag, ereignete sich ein beschämender Zwischenfall. Eine der Stelen, die vor den Massengräbern des Soldatenfriedhofs stehen, wurde mit einem Hakenkreuz besprüht und das Denkmal für die 65.000 hier gestorbenen Kriegsgefangenen, ein nach der Befreiung von den Überlebenden errichteter Obelisk, wurde mit dem Spruch „Ruhm und Ehre der Waffen-SS“ verunziert. Wahrlich eine ruhmreiche Tat deutscher Heldengestalten...

Gänzlich überrascht waren wir davon allerdings nicht, hatte es in den vergangenen Monaten doch genügend Anzeichen gegeben, dass die regionale Naziszene nun auch in der Kleinstadt Schloß Holte-Stukenbrock Anhänger gefunden zu haben scheint. So tauchten im Frühjahr etliche rassistische und nationalistische Sprühereien auf, immer wieder werden massenweise Aufkleber gesichtet, etwa im Rahmen der Mobilisierung für die Nazi-Aufmärsche in Bad Nenndorf und in Dortmund. Zuletzt wurden unsere Plakate für das Antifacamp zerstört bzw. mit NS-Symbolen beschmiert. Schließlich fanden und finden sich verschiedene Hinweise auf hiesige AN-Aktivisten auf der Internetplattform der Nazis aus den Regionen OWL und Schaumburg, „Westfalen Nord“.

Vielleicht auch wegen eben jener Vorfälle konnten wir trotz der zeitgleich stattfindenden Aktionen gegen den sogenannten „Nationalen Antikriegstag“ in Dortmund gut 100 TeilnehmerInnen begrüßen. Darunter befanden sich auch zwei Gruppen aus Russland. Zum einen waren es SchülerInnen aus Moskau, die ein Schulmuseum zum Stalag 326 haben. Zum anderen waren es Studierende und eine Geschichtsprofessorin aus Moskau. Darunter befand sich auch der Enkel eines ehemaligen russischen Kinderzwangsarbeiters, der an der Einweihung des Friedhofs Anfang Mai 1945 teilgenommen hatte.

Freitag Nachmittag begann unser Camp mit einer Führung über den Friedhof. Neben der Geschichte des StaLags und des Baus des Friedhofs durch die Überlebenden galt das Augenmerk nicht zuletzt Aspekten der Vergangenheitspolitik. Während des Kalten Krieges sollte der Friedhof dem Erdboden gleichgemacht und damit jede Erinnerung an die von Deutschen begangenen Verbrechen während des NS getilgt werden. Wenn gleich dies wegen der Intervention von sowjetischer und britischer Besatzungsbehörde noch verhindert werden konnte, wurden zwei entscheidende Dinge verändert. Ein Denkmal für die ermordeten russischen Offiziere wurde umgewidmet und erinnert seit den 1950ern an die deutschen Heimatvertriebenen. Und dem erwähnten Obelisken wurde die rote Fahne in Gestalt einer Glasplastik genommen und an ihre Stelle ein orthodoxes Kreuz gesetzt, welches sich trotz Appellen der Überlebenden zur Wiederherstellung des ursprünglichen Zustands immer noch dort befindet.
Am Freitag Abend gab es noch zwei Vorträge, die sich mit staatlicher Repression gegen linke Bewegungen auseinandersetzten. Zunächst ging es dabei um die Anzeigen und Gerichtsverfahren im Anschluss an Proteste gegen den sogenannten Tausend Kreuze Marsch erzkonservativer und fundamentalistischer Katholiken in Münster vor mehr als einem Jahr. Im Anschluss daran berichtete ein russischer Genosse über die aktuelle politische Lage in Russland und die schwierige Situation für linke und antifaschistische Bewegungen.

Am Samstag fanden zunächst vormittags verschiedene Workshops statt, u.a. zur regionalen Nazi-Szene, zu Konzepten antifaschistischer Politik, zur augenblicklichen Lage von Mumia Abu Jamal oder auch, mal ganz praktisch, die Instandsetzung des ehemaligen Friedhofs für die italienischen Kriegsgefangenen. Am Nachmittag lud der Arbeitskreis „Blumen für Stukenbrock“ zu seiner jährlichen Gedenkveranstaltung. Gut 400 Menschen hörten sich die verschiedenen Reden und Grußworte an und auch wir steuerten eine Rede bei. Nach dem obligatorischen Fußballspiel und dem Abendessen gab es dieses Jahr statt des Zeitzeugengesprächs eine Filmvorführung. Gezeigt wurde der Dokumentarfilm „Brigadistas“ (roadside-Dokumentarfilm, D 2007), der das vermutlich letzte große Treffen der internationalen Brigaden mit AntifaschistInnen aus aller Welt im Oktober 2006 begleitete. Nach Ende der Vorführung stand uns der Regisseur des Films noch Rede und Antwort. Abgeschlossen wurde das inhaltliche Programm des Tages mit zwei zeitgleich angebotenen Vorträgen. Während der eine die Geschichte der sogenannten Lagerbordelle im NS beleuchtete, wendete sich der andere dem Thema der Islamfeindlichkeit zu, ein Thema, das uns wohl noch länger erhalten bleiben wird. Traditionsbewusst wie wir sind klang der lange Abend dann mit Liedern von Eisler bis Reiser am Lagerfeuer aus. Am Sonntag stand neben dem Abschlussplenum und dem gemeinsamen Abbau noch der Besuch der Dokumentationsstätte auf dem ehemaligen Stalag-Gelände auf dem Programm, in der das Leben und die Leiden der Kriegsgefangenen in Stukenbrock nochmals in aller Ausführlichkeit dargestellt wird.

Alles in allem konnten wir wieder mal drei spannende, interessante, bewegende und ausnahmsweise auch mal sonnige Tage in Stukenbrock verbringen. Auf ein Neues im nächsten Jahr.
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Ergänzungen

Ganz ehrlich gesagt.

Teilnehmerin 09.09.2010 - 10:39
Mal von diversen sexistischen Entgleisungen einiger männlicher Camp-Teilnehmer ("Du kleine Fotze halts Maul" und ähnliches) bei kritischen Anmerkungen und konstruktiven Vorschlägen abgesehen war das Camp dieses Jahr wirklich nicht sehr gut organisiert.
Ich bin wirklich entsetzt gewesen, was für Personen da heuer teilgenommen haben.
Es war beschämend zu sehen, wie sehr einige AntifaschistInnen Wert auf kapitalistische Modemarken legten und scheinbar nur aus rebellisch-provokativen Verhalten meinen, sich subversiv geben zu müssen.
Inhaltliches Verständnis? Leider bei vielen Fehlanzeige.
Und Bereitschaft (sollte man ja eigentlich denken dass die da vorhanden sein müsste) sich in den drei Tagen einzubringen, einzugliedern in ein aktiv diskutierendes Plenum war auch bei manchen Personen recht gering.
Lieber wurde dann am Abend umso ausgiebiger dem Alkohol gefrönt.
Sollte sich nicht einiges ändern bis zum nächsten Jahr war das mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit mein letzter Besuch des Camps und das, obwohl ich schon seit mehreren Jahren sehr gern dabei gewesen bin.

Dies ist vorallem an die Orga gerichtet - macht Euch bitte Gedanken, wie man wenigstens Sexisten und mackerhafte Proleten aus dem Camp fernhalten kann.

Leider ein Desaster

War da 09.09.2010 - 18:03
War ebenfalls da und wie Teilnehmerin schon schrieb, diverse sexistische Entlgeisungen die jenseits von Gut und Böse waren, konstruktive Kritik die abgeschmettert wurde, nur Wert auf Kommerz gelegt wurde. Dies waren nur einige der Kritikpunkte die mir so spontan auffielen.

Bin seit 3 Jahren dabei, aber war wohl mein letztes Camp, zu wenig los und viele waren nur dort um Zeit totzuschlagen. Vor allen Dingen frage ich mich wie sinnvoll es ist wenn man nach Abschluss einige mit Papis Mercedes nach Hause fahren sieht.

ebenfalls

teilnehmer 09.09.2010 - 23:26
ist ja witzig. ihr redet von teilnahme und sich einbringen, wart aber offensichtlich nicht beim abschlussplenum dabei (ist ja klar, schön vorm abbauen drücken), in welchem offen über das sexismus-problem geredet wurde.
ich will nicht zu viele interna ausplaudern, aber so viel: der sexismus kam von teilen einer gruppe, die mit ziemlicher sicherheit nächstes jahr nicht mehr, oder nur unter ganz bestimmten bedingungen, teilnehmen wird, weil wir (von der orgagruppe) ebenfalls die schnauze voll von der sexistischen kacke haben (und übrigens auch davon, dass sich die gruppe sowieso nicht im camp einbringt, also fast vollkommen grundlos teilnimmt)

und zur markenkritik: 1. was interessierts euch, was andere leute tragen?
2. glaubt ihr wirklich, noname-produkte wären in irgendeiner weise fairer für irgendwen in der produktionskette? denkt mal drüber nach, warum noname-ware so günstig ist.
3. was tut das überhaupt zur sache? was für ein schwacher kritikpunkt, um nicht mehr am camp teilzunehmen!
4. was kann die orga dafür/dagegen?

Beiträge die keine inhaltliche Ergänzung darstellen

Zeige die folgenden 3 Kommentare an

ganz ehrlich - — es war verdammt wenig los ;-(

Workcamp — Erwin Klaugschieter

Zur Klärung der Sinnfrage: — Papis Mercedes