Dortmund und was es uns allen zeigt

ne Antifa ausm Nordwesten 06.09.2010 16:25 Themen: Antifa
Jedes mal das gleiche Spiel: Der Eine schreit „Juhu!“, die Andere nölt „Desaster!“, schuld sind hier die „Roten“, dort die Antideutschen, dann die „Islamo-“ und „Vegan-FaschistInnen“. Auf Indymedia können stellvertretend die Grabenkämpfe innerhalb der deutschen linken Szene miterlebt und mitgekämpft werden, am eindrucksvollsten nach Großveranstaltungen wie jetzt in Dortmund.
Stellen wir zunächst fest:
Am 4. September 2010 haben sich an verschiedenen Orten in Dortmund 10.000 bis 15.000 Menschen zusammengefunden, die nicht akzeptieren wollten, dass die aufstrebende Neonazi-Szene die Stadt zum Forum für ihre eingeschränkte Weltsicht macht.
Diese Menschenzahl ist schon für sich als Erfolg zu werten, denn sie bringt eine breite gesellschaftliche Basis ans Tageslicht, die sich gegen eine direkte, akute Bedrohung von „Rechts“ stellt. Diese Tatsache als bürgerliche Show abzutun ist ein Fehler: Es ist die Grundlage eines jeden darüber hinaus gehenden Protestes, es bildet als Masse ein Rückzugsgebiet für verschiedene Gruppierungen, das Besprechungen, Erholung, Zusammenfinden, Informieren, Solidarisieren möglich macht. Einfach betrachtet bindet es auch schlicht Polizeikräfte und ist somit bereits eine Gefahr für den ungestörten Ablauf einer Nazi-Demo.

Die Blockade der Kreuzung Mallinckrodt-/Münster-/Leopoldstraße war eine gänzlich spontane Aktion dieser breiten Masse und sie ist als solche zu würdigen. Sicher war sie bunt gemischt: KommunistInnen türkischer, kurdischer und deutscher Vereinigungen, rote, schwarze und auch grüne Antifas/Autonome, SDAJ, ’solid und DIE LINKE, aber auch einfache BürgerInnen, Jugendliche und viele mehr waren zugegen.

Die Blockade ergab sich wie folgt: Die Kreuzung war noch stark befahren, als auf dem Platz vor der Einmündung Burgholzstraße, auf dem bereits einige rotbeflaggte Gruppen standen, ein paar schwarz gekleidete Gruppen eintrafen. Ohne große Diskussion bildete sich eine Gruppe, aus der heraus sich kleine Stoßtrupps aufmachten, die ein wenig Katz und Maus auf der Kreuzung mit der Polizei spielten. Leider nicht sehr erfolgreich: Es gab hier mehrere unnötige Gewahrsamnahmen, die aber teilweise auch dem seltsamen und recht (aber nicht extrem übermäßig) aggressiven Verhalten der Polizei zuzurechnen sind, die die Situation zunächst nicht recht im Blick zu haben schien und verunsichert wirkende Aktionen startete. Ihr gelang dadurch aber eine kurzfristige Spaltung der Gesamtgruppe.
Mittlerweile hatte sich der Platz vor der Burgholzstraße mit BesucherInnen wohl von der Veranstaltung am Nordmarkt gefüllt, wodurch die zu Beginn erwähnte, ansehnliche Gruppe von etwa 500 Leuten entstanden war. Auf Initiative und Ansporn aus den Reihen der Schwarzgekleideten wurde die Front dieser Gruppe, zumeist türkische KommunistInnen, angestachelt auf die Kreuzung zu treten, was nach zähem Anfang auch gelang. Diesen oft älteren, selbstverständlich unvermummten Menschen und den Autonomen ist diese Blockade zu verdanken, denn sie schritten der Masse voran.
Jetzt mögen doch die KritikerInnen der Blockade einmal einen Stadtplan zur Hand nehmen und sich die Kreuzung ansehen. Sie werden feststellen, dass sie ein Hauptverkehrspunkt der Dortmunder Nordstadt ist. Sie zu besetzen kann nicht unsinniger sein, als auf dem Platz daneben rumzulungern oder auf der Veranstaltung am Nordmarkt.
Auch strategisch sind 1000 Menschen auf einem Platz (so viele sammelten sich über die Zeit) als Rückzugsort nicht zu verachten. Aus der Gruppe heraus bildete sich einmal ein großer Zug Richtung Hafen (wieder von den eben Erwähnten angeführt) und dann ein Block Richtung Hauptbahnhof, sowie kurz darauf Richtung abgesperrtem Nordmarkt.
Erst ab hier ist Kritik angebracht, denn keine dieser Aktionen führte zu einem Erfolg und alle mussten abgebrochen werden, bzw. wurden zerstreut. Aber was wird denn erwartet? Der Zug Richtung Hafen war vielversprechend, aber wer hat beispielsweise schon mal einen türkischen Familienvater dabei beobachten können, wie er seine Tochter über ein Hamburger Gitter hebt? Und wer erwartet das von ihm? Wer dabeistand, konnte schnell bemerken, dass diese nötige Entschlossenheit einfach fehlte, nicht nur bei den Gemäßigten, auch bei den Schwarzgekleideten. So zog ein großer Teil der Blockade nur bis zum halben Wege mit.
Die Schwarzgekleideten waren später schon entschlossener, als die Nachricht von einem großen Demozug Richtung Hauptbahnhof durch die Masse ging, dann aber kam die völlig abstruse Mitteilung, dass dieser erst angemeldet werden sollte. Der Block hatte sich schon in Bewegung gesetzt, da zog die Masse nicht mehr hinterher. Ziemlich unschönes Gefühl, das sich dann auch kurz darauf in dem Block Richtung Nordmarkt entlud. Alle waren aggressiver, ein größerer Böller flog, die Polizei reagierte entsprechend, stürmte in die Masse, Flaschen flogen (wie immer nur von denen, die sie zuvor auch geleert hatten), es gab Gewahrsamnahmen.
Schließlich beruhigte sich die Situation wieder und im Anschluss löste sich die Blockade ganz langsam über Stunden auf. Das war problemlos möglich, denn: Zu keinem Zeitpunkt war der Blockadepunkt ein Kessel, nur in chaotischen Situationen schloss die Polizei einen Zu-/Ausgang ab, ließ woanders, vor allem Richtung Norden, aber stets alles offen.
Soviel zu der Blockade, die keineswegs unnötig, belang- oder sinnlos war, sondern demonstrierte, wie verschiedene Gruppen spontan zusammenfinden können, um zivilen Ungehorsam zu leisten.

Dass die Zusammensetzung und die Aktivität der Gruppe jetzt so unreflektiert und unsensibel kritisiert werden, ist eine Frechheit. Zunächst einmal waren weder Palästina-, noch Israelflaggen, sowie überhaupt keine Staatsflaggen zu sehen. Gut, für anarchistisch Geprägte ist der Anblick eines roten Fahnenmeers, teilweise verziert mit Hammer und Sichel, ein etwas unbehaglicher Anblick. Aber wer zu einer Demo in den Pott fährt, muss damit absolut rechnen und wer sich nachher darüber beschwert, kann ob seiner Unwissenheit nur belächelt werden. (Die Geschichte des Ruhrgebietes ist in dieser Hinsicht übrigens sehr lehrreich und macht vieles verständlich, also: lesen!). Das Singen alter „Arbeiterlieder“, hier als „pseudorevolutionär“ bezeichnet, fand auch statt, wurde aber auch mit „libertad“- und „anarchia total“-Rufen beantwortet. Mit anderen Worten: Das Recht der freien Meinungsäußerungen wurde gewahrt und es kam weder zu Beleidigungen noch zu sonstigen Ausfällen. Alle müssen sich wohl damit abfinden: Die hiesige revolutionäre Masse ist schwarz und rot und nicht nur eines von beidem. Die Pauschalisierung der Gruppen zu „Punks“ und „ChaotInnen“ auf der einen, „PseudorevolutionärInnen“ und „StalinistInnen“ auf der anderen Seite ist nicht un- sondern kontraproduktiv. Vor allem, wenn es nicht um die Ausgestaltung von Ideen geht, sondern um die Störung des Alltags und insbesondere der Nazis.
Die Unfähigkeit zu vernünftiger Diskussion verdeutlicht die Bezeichnung „VeganfaschistInnen“. Zugegeben, das Schild mit der Aufschrift „Für Tiere sind (fast) alle Menschen Nazis. Lebe vegan!“ ist höchst streitbar. Aber eine Bewegung, die den Begriff der und den Kampf für Freiheit auch auf andere Tiere als den Menschen ausdehnt, ist nur mit viel rhetorischer Trickserei als faschistisch zu bezeichnen. Und diese Bewegung ist doch wohl immer mehr im Kommen, das ist nicht zu leugnen. In Dortmund lief ein Schwarzer Block unter Antispe-Flagge durch die Gegend. Soll in Zukunft mit Gewalt dagegen vorgegangen werden?
Dem jungen Öko wurde sein Schild schließlich ohne Gegenwehr weggenommen und zerrissen. Das ist eigentlich das Zeichen dafür, wie schwach die GegnerInnen argumentativ wohl sein müssen.

Insgesamt bleibt festzuhalten, dass Dortmund ein Teilerfolg war. Die Nazis lungerten auf einem lächerlichen Parkplatz rum, in zwei Gruppen getrennt, von der die eine unverrichteter Dinge wieder abreisen musste. Zugehört hat der Kundgebung wohl niemand, gesehen hat sie auch kaum jemand. Dass das nicht nur den Gegendveranstaltungen, sondern auch deutlich BVerfG und Polizei zu verdanken ist, ist klar. Trotzdem kann nicht geleugnet werden, dass zehntausende Menschen, Feste, Demos, Versammlungen, Kleingruppen, Schwarze Blöcke und Blockaden für die polizeiliche Durchführung einer Naziveranstaltung eine Behinderung darstellen.

Letztlich ist die schlechte Stimmung, das ständige Miesmachen auf Indymedia schwieriger zu ertragen als das Nichtstun auf einer Kreuzung in Dortmund. Was soll damit erreicht werden? Wenn sich eine Gruppe, zum Beispiel ein Schwarzer Block, nicht fähig fühlt, eine Polizeisperre zu durchbrechen, seien es auch 50 gegen 20, dann ist das nun mal so. Die Gruppe merkt das recht schnell und der Versuch scheitert. Schade ist das, ja, aber nicht änderbar. Da helfen nicht das verzweifelte Anschreien und der wütende Appell an die einzelnen Bezugsgruppen. Soll dadurch Motivation entstehen? Der Block ist keine Maschine, die durch Befehle und, wenn’s nicht geht, durch leichte Schläge zum Laufen gebracht wird. Das sind Menschen, die Sorgen, Ängste und Gefühle haben. Und wenn die Stimmung derzeit nicht auf bedingungslose Hingabe an die Direkte Aktion getrimmt ist, dann ändert sich das nicht durch mutloses Beweinen der 80er und 90er Jahre und unerträgliches Rumgezicke zwischen den Fraktionen. Konstruktive Analyse und Kritik, produktive Schlussfolgerungen sind geeignete Mittel. Auch das Hervorstellen von positiven Ereignissen, so klein sie auch seien, trägt zu einer besseren Atmosphäre bei. Damit ist nicht das seltsame und provokante Fazit von DSSQ gemeint, das durch maßlose Übertreibung eine Propaganda der alten Schule konstruiert. Und es sollen auch keine Wahrheiten verschwiegen werden. Aber mensch sollte doch bitte nüchtern bleiben und im Hinterkopf den pädagogischen Effekt einer zerrissenen politischen Subkultur behalten, die zu vernünftiger Selbstreflexion nicht fähig scheint.
Es ist nämlich auch zu bedenken, wie das alles auf Jüngere, Zurückhaltendere, Unsichere wirkt. Die latschen 12 Stunden durch eine ihnen unbekannte Stadt, haben mal langweilige, mal interessante, mal auch aufregende Situationen. Sie treffen die verschiedensten Sorten von Menschen, einmal die ganze linke Szene durch, und es muss nicht erwähnt werden, wie interessant die sein kann. Das ist für die nicht einfach eine Demo, das ist Leben, das ist der Grund, warum sie sich dahin gezogen fühlen und auch der Grund, warum sie es gegen Nazis verteidigen wollen. Nach solch einem Tag haben sie Tausende von Eindrücken gesammelt, hatten ihre eigenen Erfolgserlebnisse und Niederlagen. Jetzt kommen die nach Hause und lesen davon, wie sinnlos ihr ganzes Unterfangen war, dass alle nur Blödsinn gemacht haben, dass nichts erreicht wurde, dass alle doof sind, StalinistInnen, Antispes usw. Sie haben vielleicht mit vielen anderen die Kreuzung blockiert und das erste mal erlebt, was das bedeutet, sich über die Polizei hinwegzusetzen und den Verkehr auf einer großen Straße für Stunden zu blockieren. Sie fühlten, dass sie was machen können, doch nicht alleine AußenseiterInnen und SpinnerInnen sind. Aber jetzt wird ihnen gesagt, sie hätten lieber auf die Polizei losgehen sollen, die Gitter überrennen und auf die Nazis zustürmen sollen. Das ist doch keine Art, mit anderen Menschen umzugehen, denen mensch sich vorgeblich auch noch verbunden fühlt.

Ihr müsst endlich verstehen, dass Ihr keine Armee kommandiert, dass jedeR einzelne Autonome sich in jeder Sekunde fragt, ob die bevorstehende Aktion für sie oder ihn okay ist und dass er oder sie jedes Recht hat, sich dagegen zu entscheiden. Und dann ist diese Person nicht dafür zu kritisieren, sondern es ist anzuerkennen, dass die Bewegung eben nur bedingt bereit ist, alles zu geben. Entweder müsst Ihr anfangen Strategien zu entwickeln, die das ändern, oder die Konzepte, wie mensch Nazis stört, müssen geändert werden. Aber nur weil Ihr Euch aufregt, wird sich nichts ändern, eher wird es noch Leute abschrecken.

Wir haben eine autonome Bewegung in der BRD, die, ihrem Naturell entsprechend, vielschichtig durchmischt ist. Das ist eben Zeichen ihrer Qualität und Offenheit. Das Altersspektrum erstreckt sich auffallend auch auf den jüngeren Bereich. Diese Menschen sind Teil der Zukunft der gesamten linken Subkultur und aus unserer Sicht sehr vielversprechend. Sie steht am Anfang, ist vielerorts im Aufbau, aber sie findet sich, definiert sich und ist in ihrem Maßstab oft da, wenn was ansteht. Sie zu entmutigen, ihnen das Gefühl der Möglichkeiten zu nehmen, die Solidarität in der Bewegung zu stören, ist als Sabotage zu betrachten. Hört auf, von dieser Generation das zu verlangen, was Ihr vor 10 Jahren gemacht habt. Das ist nicht ihr Ding, sie finden ihr eigenes. Die Revolution kommt nicht schneller, je lauter Ihr schreit, sondern, wenn die Bewegung dazu bereit ist. Wenn ihr diese freie Entfaltung einschränkt statt fördert, wenn ihr niedermacht statt zusprecht und aufbaut, dann wird nicht nur diese Generation, sondern die ganze Bewegung eingehen.

Ist das deutlich geworden?
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Ergänzungen

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Zeige die folgenden 14 Kommentare an

clapclap — berliner

schöner text — blub

typ — anarchonym

NAZIMENSCHEN — Histomat

antifa — jan

beifall — recht hat er ja irgendwie

richtig — @den poster über mir

AntiFa=AntiNazi? — beides!

indymedia — nutzer

@ nutzer — jemand