Fest gegen Emanzipation in Chemnitz

123 31.08.2010 01:54 Themen: Antifa Kultur
Vom 27. bis zum 29.08. fand in Chemnitz das so genannte Stadtfest statt. Ein kritischer Rundgang.
Kaum waren wir in der Innenstadt angekommen, bot sich ein vertrautes Bild: Ihre Marktführerqualitäten stellte die rechte Modemarke Thor Steinar zur Schau. Neben den Marken Brachial und Yakuza, um die sich auch bereits einige Gerüchte ranken, sie seien in der rechten Szene zuhause, war Steinar wohl eine der am häufigsten getragenen Marken. Nach zehn Minuten sind dann auch schon die ersten bekannten Gesichter zu sehen – junge Herren in zumeist neutralen schwarzen Jacken, die in der letzten Zeit zum Teil kaum eine Demo für den „Nationalen Sozialismus“ ausgelassen haben. Doch auch diese Personen hier zu Gesicht zu bekommen verwundert kaum. Schließlich handelt es sich um Chemnitzer Bürger und für die sollte es schließlich selbstverständlich sein, ihr eigenes Stadtfest zu besuchen.

Zwischen den zahlreichen Ständen gucken zuweilen Security-Mitarbeiter hindurch. Sie haben ebenfalls neutrale Jacken an, aber auch ihre Gesichter kommen mir bekannt vor. Wir gehen um die Ecke und finden Bestätigung: Thomas Haller als Chef der Haller-Security steht höchstpersönlich an der Straße. Auf seiner Jacke steht nur „Security“. In den letzten Jahren hatte es massive Kritik gegeben, nachdem bekannt wurde, dass Hallers Firma wieder gebucht worden war. Die Haller-Security gilt als stark rechtslastig, ihr Chef ist Gründer der rechten Hooligan-Gruppe „HooNaRa“ (Hooligans Nazis Rassisten). Vielleicht kann sich der Förderverein "Chemnitzer Stadtfest" e. V. dieses Jahr rausreden, indem er behauptet, eine andere Security engagiert zu haben. Fakt ist allerdings, dass diese dann eben Haller und seine Leute beschäftigt.

Haller hat seinen Blick fest an der anderen Straßenseite fixiert. Hier betreibt die NPD unter der Führung des Chemnitzer Stadtratsmitglieds Katrin Köhler einen Infostand. Thomas Haller pflegt sehr gute Kontakte in die rechte Szene, der NPD-Stand kann also in Ruhe seine Propaganda verteilen. Im Falle von Ständen anderer Parteien wie der LINKEN wäre ein absolutes Vertrauen in die Loyalität von Hallers Mitarbeitern pure Ironie. Frau Köhler scheint indes der scharfe Blick Hallers von der gegenüberliegenden Straßenseite noch nicht zu reichen. Im größeren Umkreis stehen zwei Gruppen meist noch jugendlicher Neonazis, die allerdings schon seit Längerem organisatorische Funktionen in der Chemnitzer JN und bei den Nationalen Sozialisten Chemnitz übernehmen. Später wurde bekannt, dass sie nicht nur aufgepasst, sondern nebenbei auch fleißig Flugblätter verteilt haben.

Aber genug zu NPD, schließlich ist ihr Anblick eigentlich keine Attraktion, auch wenn der Andrang am Stand anderes vermuten lässt. Wir gehen weiter und laufen auf ein großes Fahrgeschäft zu. Meine Freunde überlegen, sich eine Runde durchschütteln zu lassen. Da mir bei sowas immer schlecht wird, stehe ich da und beobachte die Mitarbeiter, die den Fahrgästen beim Ein- und Ausstieg helfen. Es ist früher Nachmittag und das Fahrgeschäft ist zurzeit mager besucht. Gelangweilt steht einer der Mitarbeiter mit verschränkten Armen da und schaut in die Menge. Auf seinem Kapuzenpullover steht „Hatecore“ – ursprünglich einmal eine linksradikale Musikrichtung, aber seit der Umdeutung durch die erneuerte Nazi-Subkultur-Szene ein Synonym für den „National Socialist Hardcore“. Die Rückseite des Pullover bestätigt das: „Good Night Left Side“ steht darauf und symbolisiert mir: Für Zecken hier kein Zutritt. Nun gut, immerhin aufs Stadtfest haben sie mich gelassen.

Nach einem kurzen Abstecher nach Hause geben wir uns eine zweite Runde. Langsam wird es dunkel und das Stadtfest füllt sich. Der Anteil rechter Klamottenmarken steigt noch leicht. Vorbei geht es am Chemnitzer Thor-Steinar-Laden „Waffen Army Shoes“. Angeblich 600m² Platz hat der Inhaber Tobias Schneider in seinem Laden. Sicher notwendig in einer Stadt wie dieser, denke ich, und sehe mir den Laser-Schießstand an, den Schneider im Eingangsbereich extra für das Stadtfest aufgebaut hat.

Wir setzen unseren Gang fort in Richtung Karl-Marx-Kopf. Unter dem Schriftzug „Proletarier aller Länder vereinigt euch“ steht ein „Autonomer Nationalist“ und unterhält sich angeregt mit einem Mitglied der verbotenen Kameradschaft „Sturm 34“. Ein paar Meter weiter haben sich die NS-Boys getroffen. Sie wurden nach dem Vorbild der HooNaRa gegründet, ihre Mitglieder sind jetzt Anfang bis Mitte 20. Unter Ihnen entdecke ich auch ein paar derer, die vorhin noch auf den NPD-Stand aufgepasst hatten. Sie tanzen zu den Klängen der „Power Tower Disco“. Es fängt an zu regnen. Von oben krakeelt der Alleinunterhalter: „Wir tanzen auch im Regen, wir sind doch schließlich keine Schwuchteln! Oder seid ihr etwa Zugereiste?“
Wir merken, dass wir auf diesem Volksfest heute Abend nicht mehr glücklich werden. Aber irgendwie versucht man es doch jedes Jahr erneut. In der Hoffnung, es habe sich etwas geändert. Der einzige Unterschied zum vergangenen Jahr zeigt sich zu meiner Erleichterung am nächsten Morgen: Es gab dieses Mal keine Übergriffe.

Die Antifa-Gruppe „Antifaschistische Aktion Karl-Marx-Stadt“ hatte am Vormittag eine Pressmitteilung herausgegeben, die auf die Gefahr erneuter Übergriffe hinwies. Vielleicht die richtige Taktik. Zwei ganz bestimmten Gruppen hätte eine Bestätigung der Befürchtungen geschadet. Bald darauf zeigten beide deutlich, dass ihnen hier jemand auf den Schlips getreten war: Sowohl das neonazistische Internetportal „Chemnitz-Infos“ als auch die Tageszeitung „Freie Presse“ schrieben als Reaktion auf die PM wie von einer Sensation, dass das Stadtfest friedlich verlaufen sei. Während Aktivisten aus dem Umfeld von „Chemnitz-Infos“, dem Sprachrohr der "Nationalen Sozialisten Chemnitz", sich wohl im vergangenen Jahr direkt für Übergriffe auf Punks verantwortlich zeichneten, trug „Freie-Presse“-Verlagsbezirksleiter Jürgen Rotter als Vorsitzender des Fördervereins "Chemnitzer Stadtfest" e. V. indirekt die Schuld daran, indem er die Haller-Security engagiert hatte, die natürlich nicht eingriff. In diesem Jahr hatte er bereits das „Pressefest“ im Chemnitzer Küchwaldpark organisiert. Hier hatte er Haller direkt gebucht – wo es noch keine Kritik gab, darf die Security auch ihre eigenen Klamotten tragen.
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Ergänzungen

Leider nicht nur in Chemnitz

ichso 31.08.2010 - 10:33
Danke für diesen Bericht.
Die Inbeschlagnahme von Stadtfesten durch Nazis ist wie Pest, nur dass die Faschos größere Erreger sind. :( Beim "Sängerfest" in Finsterwalde wird auch regelmäßig von Nasengruppen berichtet (natürlich nicht in den Mainstream-Medien) und das "Heimatfest" der Stadt Spremberg (20 min von Cottbus) scheint sich inzwischen zu einem regionalen Nazitreffpunkt vollentwickelt zu haben.

Im letzten Jahr gabs in Spremberg mehr als ein halbes Dutzend Nases mit "Ian Stuart - Blood and Honour" T-Shirts, an denen sich kein Bürgi zu stören schien. Thor Steinar könnte inzwischen auch gut als Sponsor des "Heimatfestes" auftreten und "Arian Resistance", Hatecore und andere Kleidungsmarken sind auch prägend für die späteren Stunden.
An T-Shirts ala "Ich bin stolz ein Deutscher zu sein" stört sich auch zur Hauptfamilienzeit an den Nachmittagen kein Mensch, zumindest nicht laut. Es ist eklig.

Der Nasenanteil der Besucher-innen wird jedes Jahr größer. In diesem Jahr wurden zwei Linke angegriffen, einer mit nem Baseballschläger und einer mit Quarzsandhandschuhen. Die lokale Tageszeitung "Lausitzer Rundschau" berichtete am darauffolgenden Samstag, dass die Polizei diese Meldung erst am Freitag (nach dem Heimatfest) bekanntgab. Da Gründe dafür nicht angegeben wurden, bleibt zu vermuten, dass damit der Ruf des Festes und der Stadt geschützt werden sollte, indem den wohl "guten Erinnerungen" der Besucher_innen Zeit gegeben wurde sich festzusetzen.
Für diese Vermutung spricht, dass die Stadtverwaltung und Bürgermeister Dr. Klaus-Peter Schulze vor inzwischen ca. 6 Wochen eine Kundgebung der NPD direkt neben dem Rathaus nicht nur akzeptierte, sondern keinerlei Möglichkeiten nutzte, irgendeine Form von Missfallen oder gar Protest dagegen zu zeigen. (Es hätte z.B. ein Transparent aus den Fenstern des Rathauses gehangen werden können, das von dort für die NPDler gut sichtbar gewesen wäre.)

Solidarische Grüße nach Chemnitz, bleibt tapfer!

ähnlich auf dem dresdner stadtfest

...mit der emanzipation... 31.08.2010 - 10:37
habe in diesem jahr vor zwei wochen auf dem dresdner stadtfest gearbeitet. ich mag solche feste nicht wegen dem verprollten publikum, den ewig gleichen sexistischen sprüchen des normalpublikums etc., deswegen würde ich dort privat nicht hingehen. aber auch dort v.a. zu gesetzterer stunde ein haufen thor steinar typen, viele nacken, leute mit t-shirts "nationalsozialistische aktion", "todesstrafe für kindesschänder" sowieso. wie die securityleute ticken...na ja, lieber gar nicht wissen...im punkt: solche stadtfeste sind beschissen, wenn man emanzipiert ist. braucht man sich nicht jedes mal drüber aufregen und wundern. kann man ekelhaft finden, aber das ist schon ever so gewesen...

jedoch echt krass, dass die npd dort infostände betreibt...

Wachleute, Türsteher, Neonazis

emaN nieD 31.08.2010 - 13:29
eine interessante Audioproduktion des DLF vom 20.04.2010

unter dem Link die Nr. 9, zum Download.


 http://www.dradio.de/aod/html/?station=1&broadcast=641012&

Zur Marke "Brachial"

gibt's 01.09.2010 - 20:11

Beiträge die keine inhaltliche Ergänzung darstellen

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Rechte Kleidungsmarken... — Ostler Antifa

DKP und die Hell's Angels — Ungläubiger

@ostantifa — lachsack