Der Traum der Armen
“Mir wurde ein Stueck von der Klitoris abgeschnitten”, sagte mir Mona.
“Es waren zwei Maenner. Sie haben eine Rasierklinge benutzt.”
Mona lachte kurz auf: “Mir wurde gesagt, dass diese Operation sehr wichtig fuer mich sei, weil ich danach schneller wachse und eine richtige Frau werde.”
Mona schuettelte den Kopf: “ Natuerlich weiss ich jetzt, dass das eine gemeine Luege war. Aber damals hatte ich es geglaubt. Ich war ja erst neun Jahre alt.”
“Es waren zwei Maenner. Sie haben eine Rasierklinge benutzt.”
Mona lachte kurz auf: “Mir wurde gesagt, dass diese Operation sehr wichtig fuer mich sei, weil ich danach schneller wachse und eine richtige Frau werde.”
Mona schuettelte den Kopf: “ Natuerlich weiss ich jetzt, dass das eine gemeine Luege war. Aber damals hatte ich es geglaubt. Ich war ja erst neun Jahre alt.”
Wir machten einen Nachtspaziergang mit unseren Freunden in einem alten Stadtteil von Cairo. Es war Ramadan. Die Moschee war mit bunten Lampen behaengt, arabische Musik war in der Ferne zu hoeren.
Waehrend des Ramadans wird in Cairo die Nacht zum Tag. - zahlreiche Menschen gingen durch die Strassen.
Es roch nach suesser Wasserpfeiffe, schwarzer Tee mit Pfefferminze wurde in den Cafes getrunken.
“Mein Vater war nach der Operation sehr wuetend, weil die beiden Maenner nicht genug abgeschnitten haben”, so die 35 jaehrige. Ich griff nach ihrer Hand. Mein Koerper zog sich zusammen. Ich versuchte die Bilder aufzuhalten, die durch meinen Kopf rauschten. “Aber das war ja nicht die einzige Operation, die ich machen musste’, erinnerte sich Mona. “Als ich aelter war, erfuhr mein Vater von irgendwem, dass ich keine Jungfrau mehr war. Er wollte mich zu einem Arzt schicken um meine Jungfraeulichkeit zu ueberpruefen.”
Ploetzlich kam ein salziger Geruch auf.
Ein Mann schob einen Wagen an uns vorbei. Er laechelte. Schwarzer Rauch kam aus dem kleinen Schornstein, der an dem Wagen befestigt war.
Ein kleiner Junge folgte dem Mann – vielleicht war es sein Sohn. In dem kleinen Wagen stellte der Mann salzige Popcorn her. Wir gingen auf ihn zu und kauften uns einige Tueten.
Nachdem wir einige Schritte gingen und schwiegen, setzten wir uns auf die Stufen, die zu einer Moschee fuehrten. Jungs spielten gegenueber von uns Fussball. Es war bereits nach Mitternacht.
Mona zuendete sich eine Zigarette an :” Ich ging zu einem Arzt, der mein Jungfernhaeutchen wieder zusammen naehte. Zudem gab er mir noch Tipps, wie ich mich verhalten soll, wenn ich mit meinem Vater die Unterschuchung machen werde.” Mona schaute zum Himmel. Es war fast Vollmond.
“Ich solle so tun, als ob ich diesen Stuhl nicht kennen wuerde, ich solle sehr schuechtern sein, das riet mir der Arzt.”
Wir hoerten die Jungs jubeln. Irgendwer hatte ein Tor geschossen.
“Als ich mit meinem Vater beim Arzt war um die Untersuchung zu machen, folgte ich den Ratschlaegen des anderen Doktors. Und er bestaetigte meinem Vater, dass ich noch Jungfrau sei. “
Sie schuettelte den Kopf. Und sie nahm einen tiefen Zug von ihrer Zigarette.
“Aber irgendetwas hatte der Arzt beim Zunaehen falsch gemacht. Mein Ehemann brauchte drei Tage um mich sozusagen zu oeffnen.”
Der Popcorn – Verkauefer war in der Naehe, der salzige Geruch lag noch in der Luft. Einige unserer Freunde spielten nun mit den Jungs Fussball.
Mona und ich sassen weiterhin auf den Treppen, wir rauchten Zigaretten und schwiegen. Mir war uebel.
Vor einigen Tagen starb ein aegyptisches Maedchen aus Menufiya an den Folgen ihrer Beschneidung. Die 13 Jaehrige verblutete.
Die Aerztin, die die Beschneidung durchfuehrte, befindet sich nun in Untersuchungshaft.
Das Maedchen wurde ohne Erlaubnis beerdigt, um jeglichen Verdacht ueber die Todesursache zu vertuschen.
“Haben sie dich auch beschnitten, als du ein Kind warst ?” fragte ich Eman. “Meinst du diese Operation um sicher zu gehen, dass die ich keine schlimmen Sachen vor der Ehe mache ?” Ich nickte. Ja ungefaehr das meinte ich.
“Ja, das wurde bei mir gemacht. Aber ich denke, dass das keine schlimme Sache ist.” Es war das erste Mal, dass ich solche Aeusserung von ener jungen Frau hoerte. “Ich denke, mein Koerper sieht besser aus damit. Sie haben mir zwar nie gesagt, dass ich besser damit aussehe – aber ich denke es fuer mich.” Eman war 12 Jahre alt, als der Arzt zu ihr nach Hause kam. Sie sollte sich aufs Bett legen. ‘Viele Menschen standen um das Bett herum, der Arzt sagte meinen Cousins, dass sie aus dem Zimmer gehen sollen. Und dann sollte ich bis 10 zaehlen.” Der Doktor gab ihr Betaeubungsmittel. “Er nahm so etwas wie ein Messer und schnitt ein kleines Ding ab.”
Ein kleines Ding.
“Sie glauben, dass wir Sex haben wollen und dass wir alles tun, um unser Ziel zu erreichen – weil wir Menschen sind. Dieses Stueck ist fuer dieses Verlangen zustaendig. Deswegen haben sie es abgeschnitten. Sie koennen somit sicher sein, dass wir geduldig sind. Bis wir dann heiraten.”
“Wuerdest du das gleiche mit deinen Toechtern auch tun ?” wollte ich von Eman wissen. “Nein”, sagte sie harsch. “Ich wuerde das nicht mit meinen Toechtern machen. Ich moechte, dass sie mit ihren Ehemaennern gluecklich sind und dass sie gemeinsam Spass haben. Meine Mutter will das nicht mehr mit meinem Vater machen. Deshalb will er bald eine neue Frau heiraten. Meine Mutter fuehlt nichts mehr.”
Eman trank einen Schluck Tee, drei Loeffel Zucker, sehr stark.
:“Aber dennoch denke ich, dass sie bei mir mit dieser Operation nicht das erreicht haben, was sie erreichen wollten”, sagte sie weiter.
Vor drei Jahren war Eman verlobt: “Ich hatte das Gefuehl, als ob ich alles mit meinem Verlobten machen koennte. Und dann fragte ich mich oft: Was haben sie mit mir getan ? Und warum haben sie das mir das angetan ?”
Sie schwieg fuer einen Moment. Dann holte Eman tief Luft: “Ich bin die Einzige unter meinen Freundinnen, der das passiert ist.”
Sie schaute fuer einen Moment auf den Fussboden. “Ich will dir noch etwas erzaehlen”, sagte sie nachdenklich. “Ich habe eine juengere Schwester und meine Eltern haben beschlossen, diese Operation nicht mit ihr machen zu lassen.”
Ihre Schwester ist 13 Jahre alt.
“Meine Mutter will sie nicht beschneiden lassen, da sie nicht moechte, dass es meiner Schwester irgendwann so ergeht wie ihr – dass ihr Ehemann sie verlassen wird, weil sie nichts mehr fuehlen kann.”
Am 07.Juni 2008 verabschiedete das ägyptische Parlament ein Gesetz, das die Durchführung von Genitalverstümmelung unter Strafe stellt – es sei denn, Aerzte stellen eine “medizinische Notwendigkeit” fest.
Weder der Koran noch die Bibel verlangen die weibliche Beschneidung.
Es war nur ein weisser kleiner Punkt in der Wohnung zu sehen.
“Wie solll ich denn jetzt meine Sachen zusammen packen ? “ fragte meine Mitbewohnerin Mary. Es war wieder dunkel in unserer Wohnung – Stromausfall.
Sie hatte eine kleine Taschenlampe gefunden und versuchte sich damit den Weg durch die Wohnung zu leuchten. Ich sass auf dem Sofa und ich konnte nur Marys Umrisse sehen – und den kleinen Lichtstrahl, den kleinen weissen Punkt, den die Taschenlampe als Licht warf.
“Warum wird uns nicht mitgeteilt, wann die Regierung den Strom abstellt. ? Dann koennen wir uns darauf einstellen. Aber einfach das Licht ausschalten – das ist unfair”, schimpfte Mary.
Sie leuchtete sich den Weg in ihr Zimmer. Ich hoerte einen lauten Knall, irgendetwas fiel zu Boden, es klirrte. dann schimpfte Mary lauthals. Nach einigen Sekunden sah ich den weissen Punkt auf mich zu kommen.
Es war Mary mit ihrer Taschenlampe. “Ich setzte mich jetzt hier auf den Stuhl und warte bis wir wieder Licht haben. Wo sind denn unsere Kerzen ?” fragte sie.
Mary leuchtete den Tisch ab
Nach dem ersten Stromausfall in unserer Wohnung hatte ich weisse Teelichter gekauft.
Mary griff nach dem lila Feuerzeug, das auf der Fensterbank lag.
Sie zuendete drei Kerzen an, die sich auf dem schwarzen Tisch befanden.
Und dann warteten wir darauf, dass das Licht wieder angeschaltet wurde.
‘Es war die erste Demonstration von vielen, die noch folgen werden”, sagte Selma, als sie mir die Fotos von dem Protest zeigte.
“Steigende Lebensmittelpreise, vor allem die steigenden Brotpreise – und die Stromausfaelle waren der Anlass fuer die Demonstration.”
Etwa 30 Mitglieder der Bewegung 6. April hatten sich in Cairo versammelt um mit Laternen und Plastiktellern ihrer Wut Luft zu machen.
Seit einigen Tagen schaltet die aegyptische Regierung den Strom ab. Meist abends nach dem Fastenbrechen. Genau in der Zeit, in der viele aegyptische Familien zusammenruecken, essen und ihre Zeit gemeinsam verbringen.
Einige Aegypter machen den Gasdeal mit Israel fuer die Stromausfaelle verantwortlich.
Im Jahr 2005 wurde zwischen Aegypten und Israel ein Vertrag geschlossen.
42 Milliarden Kubikmeter Erdgas sollen innerhalb von mehr als 20 Jahre nach Israel transportiert werden.
Die Lieferungen an die aegyptischen Kraftwerke wurden allerdings daraufhin reduziert.
9 Millionen US Dollar verliert Aegypten jeden Tag aufgrund des besonderen Rabattes, der Israel eingeraeumt wurde – das schrieb “The Jerusalem Post” Anfang Juli.
Die Zeitung “Al Masry Al Youm’ berichtete, dass drei Aegypter eine Klage beim Verwaltungsgericht eingereicht haben. Darin draengen sie Hosni Mubarak und
den Ministerpraesident Ahmed Nazif, dass der Minister fuer Elektrizitaet Hassan Younis entlassen werden soll.
Laut Klage schade Younis fahrlaessig den Buergern von Aegypten.
Die drei Aegypter fuehrten auf, inwiefern die Stromausfaelle der Produktion in einigen Fabriken schade.
Sie machten in ihrer Klage auch deutlich, dass das Leben von Patienten in Krankenhaeusern gefaehrdet sei – wenn dort einfach der Strom abgestellt wird.
In einem Jahr findet die Praesidentschaftswahl in Aegypten statt .
Ob Hosni Mubarak eine sechste Amtszeit anstrebt, sich sein juenger Sohn Gamal Mubark zur Wahl stellen wird oder es zu einem politschen Wechsel kommt, ueber den in Aegypten auch gesprochen wird– niemand scheint es bis jetzt zu wissen.
Die aegyptische Oppositionspartei Al Ghad ist fuer eine sogenannte “Anti-Gamal-Mubarak” – Kampagne verantwortlich.
Mitglieder der Partei – vor allem junge Aktivisten – haengen seit Tagen Poster in den Strassen auf. Auf diesem Plakaten ist Gamal Mubarak zu sehen. Unter ihm steht geschrieben: “ Aegypten ist zu gross fuer dich.”
“Wir wollen einfach nicht, dass die Macht einfach so von Vater an den Sohn weitergereicht wird’, sagte mir Ahmed. Er ist seit rund zwei Jahren in der Al Ghad Partei. “Ich hoffe, dass wir endlich eine Revolution in Aegypten haben werden”, fuegte der 31 jaehrige hinzu.
“Gamal Mubarak – der Traum der Armen” – heisst der Slogan mit dem der Aegypter Magdy Al Kordy fuer Gamal Mubarak wirbt. Angeblich arbeitet El Kordy nicht mit der Nationalen Demokratischen Partei zusammen. “Die Kampagene bezahle ich aus meiner eigenen Hosentasche” hatte er in einem Fernsehinterview mit Al Jazeera gesagt. El Kordy haengt auch Plakete auf. Vor allem tut er das in den aermeren Stadtteilen Cairos. Die Zeitung Al Masry Al Youm zitiert Magdy El Kordy als er ueber Gamal Mubarak spricht: “ Er repreasentiert eine junge Generation und er bemueht sich fuer ein besseres Leben fuer die armen Aegypter.”
Gamal Mubarak studierte an der Amerikanischen Universitaet in Cairo, er ist Bankier, arbeitete sechs Jahre fuer die America International Bank in London, er kehrte im Jahr 1996 in sein Heimatland zurueck.
Gamal Mubarak wude 2002 von seinem Vater zum Generalsekretaer des politischen Komitees benannt – er wurde somit zum drittmaechtigsten Mann in der Nationalen Demokratischen Partei.
Die Arbeitslosigkeit liegt in Aegypten bei rund 10 Prozent.
Vor allem Jugendliche und Universitaetsabsolventen haben Schwierigkeiten einen Arbeitsplatz zu finden.
Farida hat einen Universitaetsabschluss, sie spricht drei Sprachen.
Sie zaehlt zu der jungen Generation – sie ist 23 Jahre alt.
Ich sass mit Farida in einem Café, als sie mir von ihrer Jobsuche erzaehlte.
“Die Arbeitszeit sollte 8 Stunden betragen, die Firma ist weit entfernt, ich brauche rund eine Stunde um mit dem Bus dort hin zu fahren.’
Farida sah wuetend aus: “ Angeboten wurden mir 600 Pfund – monatlich.”
Das entspricht etwa 81 Euro.
“Es waren normale Buerotaetigkeiten, fuer die ich mich beworben habe.”
Sie schnaufte. “Wie sollen wir denn mit 600 Pfund ueberleben ? Wir alle stehen auch noch an und warten darauf, dass wir diese Jobs ergattern. Das ist so unglaublich frustrierend.”
Ich griff nach einem Stueck Papier und suchte in meiner Tasche nach einem Stift.
Und dann rechneten Farida und ich gemeinsam.
Sie koennte sich mit 600 Pfund jeden Tag einen Liter Milch kaufen, sowie die Tickets fuer den Bus, sie keonnte jeden Tag eine Packung Kaese kaufen, sie koennte rund 40 Mangos im Monat bezahlen. Und dann keonnte sie jeden Tag noch einen Pfund unter ihr Kopfkissen legen.
Reham arbeitet in einem internationalen Kindergarten fuer 400 Pfund im Monat.
“Ich kann mich einmal in der Woche mit meinen Freundinnen treffen. Wir gehen dann in ein schoenes Café. Das ist fast alles, mehr kann ich nicht mit meinem Lohn machen.”
Reham hat einen Universitaetsabschluss, auch sie spricht drei Sprachen.
Karim ist Webdesigner – ihm wurde ein Tagelohn von 20 Pfund angeboten.
Er kann Gitarre spielen, er hat sich die englische Sprache dank amerikansicher Actionfilme selbst beigebracht. “In der Schule lernen wir das hier ja nicht richtig”, hatte er zu mir gesagt. Karim kann zeichnen, Theater spielen.
Ahmed hat die Jobsuche aufgegeben. Er will aus Aegypten auswandern.
‘Hier haben wir einfach keine Zukunft” denkt er.
“Kann mir bitte jemand den Tee bezahlen ? “ fragte Amal als wir in einem Café sassen. “Ich habe wirklich gar kein Geld mehr”, fuegte sie hinzu.
Alle schauten sich gegenseitig an und schwiegen.
Bis Karim sagte: ‘Amal, wir haben alle kein Geld, aber irgendwo kratze ich die zwei Pfund fuer deinen Tee zusammen.”
Er schaute in seiner Hosentasche nach und lag zwei Muenzen auf den Tisch.
“Ich gehe gleich zu dem anderen Café um nach Freunden zu suchen, ich brauche unbedingt Geld, vielleicht kann mir dort jemand etwas leihen”, sagte Amal weiter.
Sie ist Schaupielerin, Amal hatte vor Ramadan das Angebot bekommen in zwei Fernsehserien mitzuspielen.
“Ich habe mein Gehalt immer noch nicht bekommen – ich habe leider auch keinen Vertrag. Ich muss meine Miete bezahlen, der Vermieter macht schon seit Monaten Druck. Ich hoffe, dass er mich nicht rausschmeisst. Ich will doch nicht auf der Strasse leben”, fluesterte Amal mir ins Ohr.
“Ich habe nur noch 20 Pfund in meiner Tasche”, sagte Mohamed und senkte den Kopf. “Ich weiss nicht mehr, was ich machen soll.”
Das ist die junge Generation die ich hier treffe.
Hoffnungslos und arm.
An Traeume glauben diese jungen Aegypter schon lange nicht mehr.
.
Waehrend des Ramadans wird in Cairo die Nacht zum Tag. - zahlreiche Menschen gingen durch die Strassen.
Es roch nach suesser Wasserpfeiffe, schwarzer Tee mit Pfefferminze wurde in den Cafes getrunken.
“Mein Vater war nach der Operation sehr wuetend, weil die beiden Maenner nicht genug abgeschnitten haben”, so die 35 jaehrige. Ich griff nach ihrer Hand. Mein Koerper zog sich zusammen. Ich versuchte die Bilder aufzuhalten, die durch meinen Kopf rauschten. “Aber das war ja nicht die einzige Operation, die ich machen musste’, erinnerte sich Mona. “Als ich aelter war, erfuhr mein Vater von irgendwem, dass ich keine Jungfrau mehr war. Er wollte mich zu einem Arzt schicken um meine Jungfraeulichkeit zu ueberpruefen.”
Ploetzlich kam ein salziger Geruch auf.
Ein Mann schob einen Wagen an uns vorbei. Er laechelte. Schwarzer Rauch kam aus dem kleinen Schornstein, der an dem Wagen befestigt war.
Ein kleiner Junge folgte dem Mann – vielleicht war es sein Sohn. In dem kleinen Wagen stellte der Mann salzige Popcorn her. Wir gingen auf ihn zu und kauften uns einige Tueten.
Nachdem wir einige Schritte gingen und schwiegen, setzten wir uns auf die Stufen, die zu einer Moschee fuehrten. Jungs spielten gegenueber von uns Fussball. Es war bereits nach Mitternacht.
Mona zuendete sich eine Zigarette an :” Ich ging zu einem Arzt, der mein Jungfernhaeutchen wieder zusammen naehte. Zudem gab er mir noch Tipps, wie ich mich verhalten soll, wenn ich mit meinem Vater die Unterschuchung machen werde.” Mona schaute zum Himmel. Es war fast Vollmond.
“Ich solle so tun, als ob ich diesen Stuhl nicht kennen wuerde, ich solle sehr schuechtern sein, das riet mir der Arzt.”
Wir hoerten die Jungs jubeln. Irgendwer hatte ein Tor geschossen.
“Als ich mit meinem Vater beim Arzt war um die Untersuchung zu machen, folgte ich den Ratschlaegen des anderen Doktors. Und er bestaetigte meinem Vater, dass ich noch Jungfrau sei. “
Sie schuettelte den Kopf. Und sie nahm einen tiefen Zug von ihrer Zigarette.
“Aber irgendetwas hatte der Arzt beim Zunaehen falsch gemacht. Mein Ehemann brauchte drei Tage um mich sozusagen zu oeffnen.”
Der Popcorn – Verkauefer war in der Naehe, der salzige Geruch lag noch in der Luft. Einige unserer Freunde spielten nun mit den Jungs Fussball.
Mona und ich sassen weiterhin auf den Treppen, wir rauchten Zigaretten und schwiegen. Mir war uebel.
Vor einigen Tagen starb ein aegyptisches Maedchen aus Menufiya an den Folgen ihrer Beschneidung. Die 13 Jaehrige verblutete.
Die Aerztin, die die Beschneidung durchfuehrte, befindet sich nun in Untersuchungshaft.
Das Maedchen wurde ohne Erlaubnis beerdigt, um jeglichen Verdacht ueber die Todesursache zu vertuschen.
“Haben sie dich auch beschnitten, als du ein Kind warst ?” fragte ich Eman. “Meinst du diese Operation um sicher zu gehen, dass die ich keine schlimmen Sachen vor der Ehe mache ?” Ich nickte. Ja ungefaehr das meinte ich.
“Ja, das wurde bei mir gemacht. Aber ich denke, dass das keine schlimme Sache ist.” Es war das erste Mal, dass ich solche Aeusserung von ener jungen Frau hoerte. “Ich denke, mein Koerper sieht besser aus damit. Sie haben mir zwar nie gesagt, dass ich besser damit aussehe – aber ich denke es fuer mich.” Eman war 12 Jahre alt, als der Arzt zu ihr nach Hause kam. Sie sollte sich aufs Bett legen. ‘Viele Menschen standen um das Bett herum, der Arzt sagte meinen Cousins, dass sie aus dem Zimmer gehen sollen. Und dann sollte ich bis 10 zaehlen.” Der Doktor gab ihr Betaeubungsmittel. “Er nahm so etwas wie ein Messer und schnitt ein kleines Ding ab.”
Ein kleines Ding.
“Sie glauben, dass wir Sex haben wollen und dass wir alles tun, um unser Ziel zu erreichen – weil wir Menschen sind. Dieses Stueck ist fuer dieses Verlangen zustaendig. Deswegen haben sie es abgeschnitten. Sie koennen somit sicher sein, dass wir geduldig sind. Bis wir dann heiraten.”
“Wuerdest du das gleiche mit deinen Toechtern auch tun ?” wollte ich von Eman wissen. “Nein”, sagte sie harsch. “Ich wuerde das nicht mit meinen Toechtern machen. Ich moechte, dass sie mit ihren Ehemaennern gluecklich sind und dass sie gemeinsam Spass haben. Meine Mutter will das nicht mehr mit meinem Vater machen. Deshalb will er bald eine neue Frau heiraten. Meine Mutter fuehlt nichts mehr.”
Eman trank einen Schluck Tee, drei Loeffel Zucker, sehr stark.
:“Aber dennoch denke ich, dass sie bei mir mit dieser Operation nicht das erreicht haben, was sie erreichen wollten”, sagte sie weiter.
Vor drei Jahren war Eman verlobt: “Ich hatte das Gefuehl, als ob ich alles mit meinem Verlobten machen koennte. Und dann fragte ich mich oft: Was haben sie mit mir getan ? Und warum haben sie das mir das angetan ?”
Sie schwieg fuer einen Moment. Dann holte Eman tief Luft: “Ich bin die Einzige unter meinen Freundinnen, der das passiert ist.”
Sie schaute fuer einen Moment auf den Fussboden. “Ich will dir noch etwas erzaehlen”, sagte sie nachdenklich. “Ich habe eine juengere Schwester und meine Eltern haben beschlossen, diese Operation nicht mit ihr machen zu lassen.”
Ihre Schwester ist 13 Jahre alt.
“Meine Mutter will sie nicht beschneiden lassen, da sie nicht moechte, dass es meiner Schwester irgendwann so ergeht wie ihr – dass ihr Ehemann sie verlassen wird, weil sie nichts mehr fuehlen kann.”
Am 07.Juni 2008 verabschiedete das ägyptische Parlament ein Gesetz, das die Durchführung von Genitalverstümmelung unter Strafe stellt – es sei denn, Aerzte stellen eine “medizinische Notwendigkeit” fest.
Weder der Koran noch die Bibel verlangen die weibliche Beschneidung.
Es war nur ein weisser kleiner Punkt in der Wohnung zu sehen.
“Wie solll ich denn jetzt meine Sachen zusammen packen ? “ fragte meine Mitbewohnerin Mary. Es war wieder dunkel in unserer Wohnung – Stromausfall.
Sie hatte eine kleine Taschenlampe gefunden und versuchte sich damit den Weg durch die Wohnung zu leuchten. Ich sass auf dem Sofa und ich konnte nur Marys Umrisse sehen – und den kleinen Lichtstrahl, den kleinen weissen Punkt, den die Taschenlampe als Licht warf.
“Warum wird uns nicht mitgeteilt, wann die Regierung den Strom abstellt. ? Dann koennen wir uns darauf einstellen. Aber einfach das Licht ausschalten – das ist unfair”, schimpfte Mary.
Sie leuchtete sich den Weg in ihr Zimmer. Ich hoerte einen lauten Knall, irgendetwas fiel zu Boden, es klirrte. dann schimpfte Mary lauthals. Nach einigen Sekunden sah ich den weissen Punkt auf mich zu kommen.
Es war Mary mit ihrer Taschenlampe. “Ich setzte mich jetzt hier auf den Stuhl und warte bis wir wieder Licht haben. Wo sind denn unsere Kerzen ?” fragte sie.
Mary leuchtete den Tisch ab
Nach dem ersten Stromausfall in unserer Wohnung hatte ich weisse Teelichter gekauft.
Mary griff nach dem lila Feuerzeug, das auf der Fensterbank lag.
Sie zuendete drei Kerzen an, die sich auf dem schwarzen Tisch befanden.
Und dann warteten wir darauf, dass das Licht wieder angeschaltet wurde.
‘Es war die erste Demonstration von vielen, die noch folgen werden”, sagte Selma, als sie mir die Fotos von dem Protest zeigte.
“Steigende Lebensmittelpreise, vor allem die steigenden Brotpreise – und die Stromausfaelle waren der Anlass fuer die Demonstration.”
Etwa 30 Mitglieder der Bewegung 6. April hatten sich in Cairo versammelt um mit Laternen und Plastiktellern ihrer Wut Luft zu machen.
Seit einigen Tagen schaltet die aegyptische Regierung den Strom ab. Meist abends nach dem Fastenbrechen. Genau in der Zeit, in der viele aegyptische Familien zusammenruecken, essen und ihre Zeit gemeinsam verbringen.
Einige Aegypter machen den Gasdeal mit Israel fuer die Stromausfaelle verantwortlich.
Im Jahr 2005 wurde zwischen Aegypten und Israel ein Vertrag geschlossen.
42 Milliarden Kubikmeter Erdgas sollen innerhalb von mehr als 20 Jahre nach Israel transportiert werden.
Die Lieferungen an die aegyptischen Kraftwerke wurden allerdings daraufhin reduziert.
9 Millionen US Dollar verliert Aegypten jeden Tag aufgrund des besonderen Rabattes, der Israel eingeraeumt wurde – das schrieb “The Jerusalem Post” Anfang Juli.
Die Zeitung “Al Masry Al Youm’ berichtete, dass drei Aegypter eine Klage beim Verwaltungsgericht eingereicht haben. Darin draengen sie Hosni Mubarak und
den Ministerpraesident Ahmed Nazif, dass der Minister fuer Elektrizitaet Hassan Younis entlassen werden soll.
Laut Klage schade Younis fahrlaessig den Buergern von Aegypten.
Die drei Aegypter fuehrten auf, inwiefern die Stromausfaelle der Produktion in einigen Fabriken schade.
Sie machten in ihrer Klage auch deutlich, dass das Leben von Patienten in Krankenhaeusern gefaehrdet sei – wenn dort einfach der Strom abgestellt wird.
In einem Jahr findet die Praesidentschaftswahl in Aegypten statt .
Ob Hosni Mubarak eine sechste Amtszeit anstrebt, sich sein juenger Sohn Gamal Mubark zur Wahl stellen wird oder es zu einem politschen Wechsel kommt, ueber den in Aegypten auch gesprochen wird– niemand scheint es bis jetzt zu wissen.
Die aegyptische Oppositionspartei Al Ghad ist fuer eine sogenannte “Anti-Gamal-Mubarak” – Kampagne verantwortlich.
Mitglieder der Partei – vor allem junge Aktivisten – haengen seit Tagen Poster in den Strassen auf. Auf diesem Plakaten ist Gamal Mubarak zu sehen. Unter ihm steht geschrieben: “ Aegypten ist zu gross fuer dich.”
“Wir wollen einfach nicht, dass die Macht einfach so von Vater an den Sohn weitergereicht wird’, sagte mir Ahmed. Er ist seit rund zwei Jahren in der Al Ghad Partei. “Ich hoffe, dass wir endlich eine Revolution in Aegypten haben werden”, fuegte der 31 jaehrige hinzu.
“Gamal Mubarak – der Traum der Armen” – heisst der Slogan mit dem der Aegypter Magdy Al Kordy fuer Gamal Mubarak wirbt. Angeblich arbeitet El Kordy nicht mit der Nationalen Demokratischen Partei zusammen. “Die Kampagene bezahle ich aus meiner eigenen Hosentasche” hatte er in einem Fernsehinterview mit Al Jazeera gesagt. El Kordy haengt auch Plakete auf. Vor allem tut er das in den aermeren Stadtteilen Cairos. Die Zeitung Al Masry Al Youm zitiert Magdy El Kordy als er ueber Gamal Mubarak spricht: “ Er repreasentiert eine junge Generation und er bemueht sich fuer ein besseres Leben fuer die armen Aegypter.”
Gamal Mubarak studierte an der Amerikanischen Universitaet in Cairo, er ist Bankier, arbeitete sechs Jahre fuer die America International Bank in London, er kehrte im Jahr 1996 in sein Heimatland zurueck.
Gamal Mubarak wude 2002 von seinem Vater zum Generalsekretaer des politischen Komitees benannt – er wurde somit zum drittmaechtigsten Mann in der Nationalen Demokratischen Partei.
Die Arbeitslosigkeit liegt in Aegypten bei rund 10 Prozent.
Vor allem Jugendliche und Universitaetsabsolventen haben Schwierigkeiten einen Arbeitsplatz zu finden.
Farida hat einen Universitaetsabschluss, sie spricht drei Sprachen.
Sie zaehlt zu der jungen Generation – sie ist 23 Jahre alt.
Ich sass mit Farida in einem Café, als sie mir von ihrer Jobsuche erzaehlte.
“Die Arbeitszeit sollte 8 Stunden betragen, die Firma ist weit entfernt, ich brauche rund eine Stunde um mit dem Bus dort hin zu fahren.’
Farida sah wuetend aus: “ Angeboten wurden mir 600 Pfund – monatlich.”
Das entspricht etwa 81 Euro.
“Es waren normale Buerotaetigkeiten, fuer die ich mich beworben habe.”
Sie schnaufte. “Wie sollen wir denn mit 600 Pfund ueberleben ? Wir alle stehen auch noch an und warten darauf, dass wir diese Jobs ergattern. Das ist so unglaublich frustrierend.”
Ich griff nach einem Stueck Papier und suchte in meiner Tasche nach einem Stift.
Und dann rechneten Farida und ich gemeinsam.
Sie koennte sich mit 600 Pfund jeden Tag einen Liter Milch kaufen, sowie die Tickets fuer den Bus, sie keonnte jeden Tag eine Packung Kaese kaufen, sie koennte rund 40 Mangos im Monat bezahlen. Und dann keonnte sie jeden Tag noch einen Pfund unter ihr Kopfkissen legen.
Reham arbeitet in einem internationalen Kindergarten fuer 400 Pfund im Monat.
“Ich kann mich einmal in der Woche mit meinen Freundinnen treffen. Wir gehen dann in ein schoenes Café. Das ist fast alles, mehr kann ich nicht mit meinem Lohn machen.”
Reham hat einen Universitaetsabschluss, auch sie spricht drei Sprachen.
Karim ist Webdesigner – ihm wurde ein Tagelohn von 20 Pfund angeboten.
Er kann Gitarre spielen, er hat sich die englische Sprache dank amerikansicher Actionfilme selbst beigebracht. “In der Schule lernen wir das hier ja nicht richtig”, hatte er zu mir gesagt. Karim kann zeichnen, Theater spielen.
Ahmed hat die Jobsuche aufgegeben. Er will aus Aegypten auswandern.
‘Hier haben wir einfach keine Zukunft” denkt er.
“Kann mir bitte jemand den Tee bezahlen ? “ fragte Amal als wir in einem Café sassen. “Ich habe wirklich gar kein Geld mehr”, fuegte sie hinzu.
Alle schauten sich gegenseitig an und schwiegen.
Bis Karim sagte: ‘Amal, wir haben alle kein Geld, aber irgendwo kratze ich die zwei Pfund fuer deinen Tee zusammen.”
Er schaute in seiner Hosentasche nach und lag zwei Muenzen auf den Tisch.
“Ich gehe gleich zu dem anderen Café um nach Freunden zu suchen, ich brauche unbedingt Geld, vielleicht kann mir dort jemand etwas leihen”, sagte Amal weiter.
Sie ist Schaupielerin, Amal hatte vor Ramadan das Angebot bekommen in zwei Fernsehserien mitzuspielen.
“Ich habe mein Gehalt immer noch nicht bekommen – ich habe leider auch keinen Vertrag. Ich muss meine Miete bezahlen, der Vermieter macht schon seit Monaten Druck. Ich hoffe, dass er mich nicht rausschmeisst. Ich will doch nicht auf der Strasse leben”, fluesterte Amal mir ins Ohr.
“Ich habe nur noch 20 Pfund in meiner Tasche”, sagte Mohamed und senkte den Kopf. “Ich weiss nicht mehr, was ich machen soll.”
Das ist die junge Generation die ich hier treffe.
Hoffnungslos und arm.
An Traeume glauben diese jungen Aegypter schon lange nicht mehr.
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Ergänzungen
Beiträge die keine inhaltliche Ergänzung darstellen
hast Du eine Idee, — wie
Eichel ab! — Lukas
scharia — Mordechai
Eichel ab? — Red Snapper