Fiesta in Bilbao:Polizeischutz für Mülltonnen

Kalle B. Rocka 24.08.2010 18:35 Themen: Freiräume Kultur Repression Weltweit
Euskal Herria, Bilbao, August 2010. Die größte Fiesta des Jahres hat begonnen. Doch in diesem Jahr sind große Teile der Fiesta, die sog. "Txosna", verboten. Und aufhängen oder tragen von Bildern der Gefangenen soll stärker geahndet werden. Doch immer wieder werden Transparente und Plakate an Seilen, Laternen, in Bäumen usw. befestigt und plakatiert, so dass die baskische Müllabfuhr morgens jetzt schon unter Polizeischutz anrücken muss, um die Bilder entfernen zu können. Aus Protest brennen schon die ersten Müllcontainer...
Alle Protestdemonstrationen und Kundgebungen für Gefangene, für das Recht auf freie Meinungsäußerung oder gegen die Kommerzialisierung der Fiesta sind heute in Bilbao vom baskischen Innenministerium verboten worden. Zum Verständnis: wegen des Verbots der linken abertzalen Parteien und Wahlbündnisse gibt es derzeit eine rechts(PP)-sozialdemokratische(PSOE) Regierung im Baskenland.

Die traditionellen "Txosna" in den Fiestas im Baskenland werden von verschiedenen Karnevalsvereinen ("Konpartsak") organisiert, dort gibt es verschiedene Bühnen und Stände der verschiedenen Vereinigungen mit ihren charakteristischen Eigenheiten und Aktivitäten. Während es in der größten Fiesta des Baskenlands - der Aste Nagusia in Bilbao - seit langem auch immer mehr kommerzielle OrgisatorInnen gibt, bestehen die Fiestas in den Dörfern und Stadtteilen des Baskenlands oftmals nur aus selbstorganisierten "Txosna". In den Txosna gibt es Bühnen und Stände, die verschiedene kulturelle und poltische Aspekte thematisieren: wie u.a. von der baskischen Jugendzentrums-Bewegung (Logo: Kreis mit Blitz), der Frauenbewegung, von InternationalistInnen, Sportgruppen, baskischen unabhängigen Schulen, usw.

Nun sind auf Grund des Drucks der rechten Partei PP auf den Bürgermeister von Bilbao (PNV) die Stände und Txosna verschiedener "Konpartsak" nicht genehmigt worden, weil diese Bilder von den (750) Gefangenen des Baskenlands aufhängen würden, was seit letztem Jahr verboten ist. Begründung: "Werbung für die ETA".
Dies bedeutet ein faktisches Verbot großer Teile der Fiesta.

Hinzu kommt, das die Polizei derzeit überall im Baskenland versucht, das Verbot der Gefangenenbilder in den Stadtteilen und Dörfern durchzusetzen, indem sie - gemeinsam mit der baskischen Müllabfuhr - flächendeckend die Plakate, Transparente und Sprühparolen immer wieder entfernen oder versuchen, Jugendliche die Plakate anbringen wollen, zu verhaften.

Doch für die Polizei und die baskische Regierung droht das ganze während der Fiesta in Bilbao zum "Volxsport" und "Katz und Maus Spiel" zu werden. Immer mehr Menschen hängen von Balkon zu Balkon und in den Fiestas tagsüber Bilder der Gefangenen und Transparente auf. Überall tauchen selbstgebastelte "Straßenschilder" mit Gesichtern von Gefangenen und Kilometerangabe zu in Spanien und Frankreich weit verstreuten Knästen auf. Aufkleber werden en masse verteilt. Und morgens, wenn kaum Menschen mehr auf der Strasse sind, wird die Müllabführ und Polizeibeamte aktiv - in diesem Jahr jedoch nur unter massivem Polizeischutz - um die Gefangenenbilder wieder abzuhängen oder Sprühparolen zu entfernen. Kaum füllen sich tagsüber die Straßen, geht es wieder von vorne los...

Die Stände der verbotenen Txosna wurden von der Vereinigung der Konpartsak ebenfalls aufgebaut und beschmückt, jedoch leerstehen gelassen. Hiermit soll die Solidarität mit den vom Verbot betroffenen Konpartsak ausgedrückt werden.

Eine Demonstration "für freie Meinungsäußerung" der Konpartsak zur Eröffnung, deren Demoroute zum traditionellen Eröffnungakt in der Altstadt verboten wurde, zog trotzdem aus Protest mit hunderten Gefangenenbildern und Fahnen sowie schwarzen Protesttüchern zu eben diesem Eröffnungsort. Auf Grund der Massen konnte die Polizei dies jedoch nicht verhindern.

Spanische Parteien und Medien sprechen jetzt von einem Anstieg der Gewalt und des Straßenkampfs ("Kale Borroka") in Bilbao und im gesamten Baskenland, da immer mehr Müllcontainer am Rande der Fiestas angezündet werden würden. Ein Auto sei ebenfalls angezündet worden. Außerdem sei ein Anwohner durch das Anzünden seiner Tür von Vermummten bedroht worden. Ihm wurde in einem Flugblatt von Jugendlichen vorgeworfen, vor einigen Jahren Jugendliche denunziert zu haben, die Gefangenenbilder aufgehängt hatten. Diese Jugendlichen waren dadurch festgenommen worden.

Zum "Vandalismus" der "Kale Borroka" zählen aber für die rechten Parteien auch alle Sprühaktionen und das Aufhängen von Gefangenenbildern und Transparenten. Da es derzeit von der verbotenen baskischen linken Partei Batasuna Verhandlungen mit weiteren linken Parteien für ein gemeinsames Wahlbündnis, eine gemeinsame Parteivereinigung für kommenden Wahlen gibt, soll der Partei Batasuna die Gewalt in die Schuhe geschoben werden. Das Aufhängen der verbotenen Bilder von Gefangenen und insbesondere das Abfackeln der Müllcontainer sei sogar, wie konservative und rechte Politiker in den Medien behaupten, Teil einer "neuen Strategie" von ETA.

weitere aktuelle Infos (auf deutsch) zum Baskenland:
 http://info-baskenland.de
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Ergänzungen

Fotos mit Symbolen von Ständen Fiesta 2009

komantxe 25.08.2010 - 17:14
Hier ein paar Bilder mit Symbolen/Wandbildern von ein paar der Stände von den Txosnas die dieses Jahr als sog. "ETA-Unterstützer" verboten sind.

Wolle mer se rei lasse?

Alaaf Helau! 25.08.2010 - 17:19
Also vergleichbar wären diese Verbote im Baskenland, wenn kritische Faschingswägen beim Karneval in Kölle oder in Mainz verboten werden, nur weil sie ein bisschen die aktuelle Politik mit ihren Mottowägen aufs Korn nehmen.
Gäbe es dort z.B. ein Mottowagen gegen steigende Mieten, würde der gleich in den Verdacht geraten, z.B. die Krawallos in Kreuzberg zu unterstützen und würde - wenns nach Spaniens Paranoia-Politik ginge, verboten werden.



Noch ein paar Infos ...

Uschi Grandel (Info Baskenland) 25.08.2010 - 18:12

Das Buch von Ingo Niebel ist ein guter Einstieg. Zusätzlich haben wir auf unserer Seite Übersetzungen der Strategiediskussion der baskischen Linken:
Klärung der politischen Phase und der Strategie (Okt. 2009).
Ausserdem informiert die Seite Info Baskenland - Konfliktlösung in deutscher Sprache über die aktuelle Initiative der baskischen Linken zur Lösung des Konflikts. Das zentrale Dokument hierzu ist Zutik Euskal Herria - Steh auf Baskenland.

Berlin: Solidarität mit baskischen Gefangenen

meiner einer 27.08.2010 - 04:19
Solidarität mit den baskischen Gefangenen und gegen das Verbot des Tragens von Gefangenenbildern auf dem Weisestrassenfest vom 21.8.10 in Berlin-Neukölln.

Fotos und Bericht dazu hier:  http://info-baskenland.de/596-0-Berlin+Solidaritaet+mit+baskischen+Gefangenen.html

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