"Wir werden wieder eine Brotkrise haben"
Und pleotzlich ging das Licht aus. Ich sass auf dem blauen Sofa, der Laptop stand aufgeklappt vor mir auf dem schwarzen Tisch. Es war abends um 19.05 Uhr. Dann war der Strom weg. Und ich sass im Dunkeln.
Stromausfaelle sind in diesen Tagen nichts ungewoehnliches.
Die aegyptische Regierung schaltet die Elektrizitaet ab – ausgrechnet in dem heiligen Monat Ramadan.
Stromausfaelle sind in diesen Tagen nichts ungewoehnliches.
Die aegyptische Regierung schaltet die Elektrizitaet ab – ausgrechnet in dem heiligen Monat Ramadan.
Es war rund eine Stunde dunkel in meiner Wohnung, ich hatte keine Kerzen.
Noch nicht einmal ein Feuerzeug.
Ich stand vom Sofa auf und stiess mit voller Wucht mit dem Knie gegen den Tisch – ich hatte ihn nicht richtig erkennen koeonnen. Ich tastete mich durch die Wohnung. Meine Tasche lag auf dem Stuhl, daran konnte ich mich erinnern. Ich zog meine Schuhe an, die ich immer in die gleiche Ecke der Wohnung stelle. Und dann ging ich aus dem Haus. In die Strassen von Cairo Downtown.
“Wenn bei uns der Strom abgeschaltet wird, dann fahre ich in einen anderen Bezirk der Stadt. Entweder besuche ich meine Freunde oder ich verbringe die Zeit bei meiner Schwiegermutter”, sagte mir Mohamed. Er lebt mit seiner Familie in Port Said, einer Stadt am Suez-Kanal. “ Bei uns wird der Strom fuer mindestens zwei Stunden abgestellt. Das ist einfach nicht okay”, fuhr er fort.
Mohamed arbeitet als Lehrer. Chemie und Physik. Zudem ist er Mitglied in der oppositionellen Al Ghad Partei. “Das Problem ist Hosni Mubarak’, sagte er. “Uns wurde immer von ihm versprochen, dass die Infrastruktur verbessert wird. Aber es passiert nichts. Gar nichts – ausser das uns der Strom abgeschaltet wird.”
Waehrend des Ramadans verbringen viele aegyptische Familien nach Sonnenuntergang ihre Zeit gemeinsam. Sie bereiten das Abendessen vor, laden Freunde ein und essen gemeinsam. Der Fernseher laueft – extra fuer den Fastenmonat werden zahlreiche Fernsehserien produziert. Die Klimaanlage brummt.
Kleine, bunte Lampen haengen an den Fenstern. Es glitzert und funkelt in zahlreichen Farben fast ueberall.
“In unserer Wohnung in der Stadt Tanta wird der Strom fast jeden Tag abgestellt. Fuer mindestens drei Stunden”, erzaehlte mir Ahmed. “Wir werden in der naechsten Woche eine Demonstration in der Naehe von Tanta machen. Wir sind wirklich sehr wuetend.”
“Was machst du, wenn es dunkel in der Wohnung ist ?” fragte ich Ahmed.
Er zuckte mit den Schultern: “Nichts besonderes. Was soll ich machen ? Meistens verlasse ich das Haus und treffe mich mit meinen Freunden. Oder ich schlafe.”
Mohamed ist ein junger Journalist und arbeitet fuer eine grosse Zeitung in Cairo. “Ich durfte vor einigen Tagen frueher nach Hause gehen. Der Strom wurde abgestellt. Wie sollten wir denn ohne Elektrizitaet arbeiten ?” fragte er mich.
Ahmed erzaehlte mir von den Stromausfaellen in dem Dorf Defra, das hinter Tanta liegt: “ Dem ganzen Dorf wird der Strom abgestellt. Jeden Tag – fuer mindestens drei Stunden.”
“Es herrscht ein enormer Stromverbrauch waehrend des Ramadans. Das ist klar.
Der Grund der Stromausfaelle ist nicht, dass wir damit Elektrizitaet sparen. Der Grund ist, dass wir unser Erdgas ausgelagert haben. Nach Israel. Und fuer uns Aegypter bleibt dann nicht mehr so viel uebrig”, so Mohamed aus Port Said.
“Ich sage allen Leuten immer und immer wieder, was hinter den Stromausfaellen steckt: Der Gasdeal mit Israel’, sagte Ahmed aufgebracht. “ Die Menschen sollen die Wahrheit wissen”, fuegte er hinzu.
Die aegyptische Zeitung “Al Masry Al Youm” schrieb in dieser Woche, dass ein Regierungsvertreter, der namentlich nicht genannt werden will, den Verkauf von Erdgas an Israel schuldig fuer die Stromausfaelle in Aegypten macht.
Er wies darauf hin, dass im Jahr 2004 die Gaslieferung an die aegyptischen Kraftwerke reduziert wurde. Kurz davor begann Aegypten das Gas nach Israel zu liefern. Innerhalb von mehr als 20 Jahre sollen insgesamt 42 Milliarden Kubikmeter Erdgas nach Israel transportiert werden.
Diese Ausfuhr ist allerdings sehr umstritten in Aegypten.
“Es ist unser Gas. Warum wird es uns weggenommen ? Warum muessen wir unter diesem Vertrag leiden, der mit Israel gemacht wurde ? “ sagte Mona wuetend. “
Und unser Land verdient noch nicht einmal dabei.”
Dann benutzte Mona ein deutsches Wort, das sie oft erwaehnt, wenn sie sich ueber etwas sehr aergert: “ Dummkoepfe”
“The Jerusalem Post” schrieb Anfang Juli, dass Aegypten rund 9 Millionen US Dolllar taeglich verliert – aufgrund eines besonderen Rabattes, den die Regierung mit Israel vereinbart hat.
“Weisst du, wieviele hungrige Menschen mit neun Millionen US Dollar jeden Tag gesaettig werden koennen ?” fragte mich Mona.
Ich wusste keine Antwort.
Viele, denke ich.
Sehr viele.
Es war kurz vor Sonnenuntergang als ich mit Mona zumMarkt ging. Wir wollten Brot kaufen. “Aisch” - Leben, so heisst das Wort Brot auf arabisch.
Mona stoppte am Brotstand. Der Baecker trug eine blaue Schuerze. Sein Bart war grau und seine Haende weiss vom Mehl.
Dann drehte Mona sich zu mir.
“Was passiert nur mit unserem Land ?” fragte sie.
Sie zeigte auf das schwarze Schild auf dem mit weisser Kreide geschrieben war:
Aisch – 0,40 Pfund.
“Das Brot ist so teuer geworden”, sagte sie. “Vor etwa zwei Jahren habe ich fuer das gleiche Brot etwa 0,25 Pfund bezahlt.” Sie griff nach ihrem Geld in der Tasche.
“Wie soll das hier nur weiter gehen ?” fragte sie weiter.
Sie scheuttelte ihren Kopf: “ Was soll nur aus unserem schoenen Land werden ?”
Mona griff nach sechs Broten, der Baecker packte sie in eine schwarze Tuete.
Die Sonne ging langsam unter. Der Himmel verfaerbte sich rot.
Es lag eine besondere Ruhe in den Strassen Downtowns.
“Wir werden wieder eine Brotkrise haben,”, sagte Hassan. Ich hatte es mir schon gedacht, es aber nicht ausgesprochen.
Eine Brotkrise in Aegypten.
“Bist du dir sicher ? “ fragte ich ihn nach.
Er nickte. Und schwieg.
Rund 12 MillionenTonnen Weizen werden jaehrlich in Aegypten benoetigt.
Etwa 60 % des Bedarfes werden von den Russen gedeckt. Doch aufgrund des enormen Buschfeuers in Russland wurde der Weizenexport nach Aegypten bis Dezember 2010 gekuendigt.
Im Falle einer schlechten Ernte in Russland könnte das Exportverbot über das Jahresende hinaus verlängert werden, kündigte Putin in der vergangenen Woche an, schrieb das Wirtschaftsblatt in den vergangenen Tagen.
Zwischen August und September sollte Russland etwa 360.000 Tonnen nach Aegypten schicken – doch diese Lieferung faellt aus.
Frankreich wird rund 12.000 Tonnen Weizen in der Zeit vom 10 bis 25 September nach Aegypten schicken. Fuer 285,97 US Dollars pro Tonne.
Das Ministerium fuer Handel und Industrie hat vor einigen Tagen angegeben, dass Aegypten rund 55.000 Tonnen Weizen aus den Vereinigten Staaten erhalten wird.
Fuer 277,50 pro Tonne. Diese Lieferung wird zwischen dem 16. und 30. September eintreffen.
Aegypten besitzt rund 3 Millionen Tonnen als Reserve – davon koenne Brot fuer ungefaehr vier Monate hergestellt werden.
Mit den 6 Millionen Tonnen Weizen, die in Aegypten hergestellt werden, wird ungefaehr die Haelfte des Bedarfes gedeckt.
Russland ist der drittgrößte Weizenexporteur weltweit, die sinkende Ernte lässt daher die Weizenpreise auf dem Weltmarkt steigen, schreibt das Wirtschaftsblatt.
Spekulationen um die Auswirkungen der Jahrhundert-Dürre in Russland haben den Preis für Weizen wieder in die Höhe getrieben, so das Handelsblatt
“Spiel mit dem Hunger” heisst ein Kommentar den Nicola Liebert auf taz.de veroeffentlicht hat.
Darin schreibt sie: “ Am schlimmsten betroffen sind diejenigen, die die geringste Lobby haben: die Menschen in ärmeren Ländern, die auf erschwingliche Lebensmittel angewiesen sind. Vor zwei Jahren, als eine Spekulationswelle fast alle Grundnahrungsmittel erfasste, war eine Welle von Hungerrevolten von Ägypten über Senegal bis Haiti die Folge.”
Weiter schreibt Liebert: “ Es droht auf dem Weltmarkt keine Knappheit, nicht einmal andeutungsweise. Nein, das globale Weizenangebot liegt, wenn man die Lagerbestände mitberücksichtigt, derzeit sogar deutlich höher als vor zwei Jahren und nur wenig unter dem Rekordstand vom Vorjahr.”
Und dann stellt sie eine berechtigte Frage: “Aber was sagen die Verfechter eines ungehemmten Finanzmarktkapitalismus eigentlich denen, die so lange Hunger leiden müssen?
Focus.de schreibt: “Weltweit werden die Lagerbestände auf annähernd 200 Millionen Tonnen geschätzt – der höchste Stand seit neun Jahren.”
Es ist also genug da.
"Die Weltlandwirtschaft könnte problemlos 12 Milliarden Menschen ernaehren. Das heißt, ein Kind das heute an Hunger stirbt, wird ermordet." schrieb Jean Ziegler 2005 in dem Artikel "Das tägliche Massaker des Hungers”
Ziegler ist nicht nur ein scharfer Globalisierungskritiker und Buchautor, er war auch von 2000 bis 2008 UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung.
Und er fordert Strafen fuer Wetten auf Nahrungsmittel..
Die aegyptische Zeitung “Daily News Egypt” schrieb vor einigen Tagen ueber einen 24 jaehrigen Mann aus dem Sueden Aegyptens der unter einem Herzleiden litt.
Er starb als er in einer chaotischen Schlange wartete und Brot kaufen wollte.
Offizielle Stellen behaupten in der Zeitung, dass der junge Mann an einem sehr heissen Tag starb.
Er hatte mehr als 2 Stunden fuer das Brot angestanden.
“Das erste Opfer” – so wuerde er von einigen Medien bezeichnet.
Ich frage mich: ‘Wer hat denn da draussen nun den Mut seinen Finger zu heben und zu sagen: “ Ich verdiene viel Geld mit dem Leid und dem Tod meiner Mitmenschen.”
Wahrscheinlich niemand.
“Wir wurden gestern ueberrascht”, sagte Hassan, als ich mit ihm im Auto sass.
Dann drehte er sich zu mir:” Wir hatten eine Druckerei beauftragt zahlreiche Anti-Gamal-Mubarak Poster herzustellen.”
Ich ahnte schon, was er mir sagen wird. Hassan ist Mitlgied der Al Ghad Partei, die seit Tagen Plakate an Haueserwaende klebt. Plakate auf denen das Gesicht des juengeren Sohnes des aegyptischen Praesidenten Hosni Mubarak zu sehen ist.
“Aegypten ist zu gross fuer dich” steht darunter geschrieben.
Das Rennen um die Preasidentschaftswahl im Jahr 2011 ist offiziell noch nicht eroeffnet – aber inoffiziell scheint es schon laengst begonnen zu haben.
“Der Chef der Druckerei hat sich bei uns gemeldetund uns gesagt, dass er diese Poster nicht drucken kann.”
Hassan stellte die Klimaanlage in seinem Auto an.
“Der Chef hat uns gesagt, er wurde von der Staatsicherheit angerufen. Und die habe ihm gedroht, falls er die Plakate herstellen wuerde.”
Dann lachte er kurz auf und sagte : ‘Wir werden eine andere Druckerei finden.”
Er hielt das Auto vor einem Kopiergeschaeft an. Er oeffnete die Tuer, ich sah wie er in den Shop ging, kurz mit der Mitarbeiterin sprach.
Nach einigen Minuten verlies er das Geschaeft – mit mehr als 100 Kopien in der Hand. Er stieg zurueck ins Auto: “ Das sind die Petitionen, die von den Menschen unterschrieben werden sollen, damit wir die Verfassung aendern koennen.”
Zahlreiche Aktivisten gehen seit Wochen durch die Strassen Aegyptens und sammeln Unterschriften. Entweder sind es die Aktivisten, die sich fuer eine neue Verfassung einsetzen – die unter anderem ein Ende der Notstandsgesetze forden und das Recht verlangen, dass auch unabhaengige Kandidaten an den Praesidentschaftswahlen im Jahr 2011 teilnehmen koennen.
Oder es sind die Aktivisten, die fuer Gamal Mubarak werben und ihn mit dem Sammeln von Unterschriften ueberzeugen wollen, als Praesidentschaftskandidat anzutreten.
Die aegyptische Zeitung “Al Masry Al Youm” schrieb, dass die Pro-Gamal-Mubarak Kampage mit dem Namen “Aegypten sucht einen neuen Anfang” bereits mehr als 46.000 Unterschriften gesammelt hat.
Angeblich werden von dieser Organisation 10.000 Poster gedruckt um gegen die Anti-Gamal-Kampagne mit dem Slogan “Aegypten ist zu gross fuer dich“ anzukaempfen.
“Was denkst du, wird mit den Unterschriften fuer Gamal Mubarak passieren ? fragte ich Hassan.
Er zuckte mit den Schultern: “Ich denke, dass damit gar nichts geschehen wird. Ich denke, dass das alles nur ein Test ist um zu sehen, wie die Bevoelkerung auf Gamal Mubarak reagiert – das ist alles.”
“Wo ist eigentlich Mohamed El Baradei ?’ fragte ich Hassan.
Er zuckte wieder mit den Schultern: “ Der ist im Ausland.
El Baradei ist doch nur zum Spielen nach Aegypten gekommen,” so Hassan.
Mohamed sass mit uns am Tisch. Und er ist auch ein Mitglied der Al Ghad Partei.
Er schuettelte heftig den Kopf: ‘Ich denke, dass El Baradei eine wichtige Rolle hatte. Ich denke, er hatte die Aufgabe, die Menschen hier in Aegypten zu enttaeuschen. Und sie somit noch mehr davon abzuhalten, am politischen Geschehen teilzunehmen.”
Hassan schaute ihn ziemlich verdutzt an :”Ich denke, am Ende wird es nur Dr. Ayman Nour helfen.”
Dr. Ayman Nour ist der Gruender der Al Ghad Partei und seit einigen Tagen der Praesident der Partei.
Im Jahr 2005 trat Dr. Nour in der Praesidentschaftswahl gegen Hosni Mubarak an.
Er erhielt 7,6 Prozent der abgegebenden Stimmen. Und nur einige Monate spaeter wurde er zu einer fuenfjaehrigen Haftstrafe verurteilt – angeblich habe er Dokumente gefaelscht um an der Wahl teilzunehmen.
Im Februar 2009 verliess er fruehzeitig das Gefaengnis.
Das amerikanische Magazin “Foreign Policy” hatte Dr. Ayman Nour am 7. Mai dieses Jahres als den beruehmtesten Oppositionellen in Aegypten bezeichenet.
Obwohl es Dr. Ayman Nour laut Gesetzgebung nicht gestattet ist an der kommenden Praesidnetschaftswahl teilzunehmen, will er dennoch kandidieren.
‘Ich denke” so sagte Hassan “dass El Baradei gute Vorarbeit fuer Dr. Nour geleistet hat. Die Aufmerksamkeit war auf El Baradei gerichtet. Und Dr. Nour hatte Zeit um sich zu bewegen.”
Mohamed zuendete sich eine Zigarette an und schob den Aschenbecher zu sich.
‘Ausserdem” so sprach Hassan weiter "denke ich, dass Dr. Nour fuer die Wahl zugelassen wird. Gamal braucht doch einen Gegenkandidaten.
Dr. Nour wird zugelassen, damit er gegen Gamal Mubarak verlieren kann.”
“
Noch nicht einmal ein Feuerzeug.
Ich stand vom Sofa auf und stiess mit voller Wucht mit dem Knie gegen den Tisch – ich hatte ihn nicht richtig erkennen koeonnen. Ich tastete mich durch die Wohnung. Meine Tasche lag auf dem Stuhl, daran konnte ich mich erinnern. Ich zog meine Schuhe an, die ich immer in die gleiche Ecke der Wohnung stelle. Und dann ging ich aus dem Haus. In die Strassen von Cairo Downtown.
“Wenn bei uns der Strom abgeschaltet wird, dann fahre ich in einen anderen Bezirk der Stadt. Entweder besuche ich meine Freunde oder ich verbringe die Zeit bei meiner Schwiegermutter”, sagte mir Mohamed. Er lebt mit seiner Familie in Port Said, einer Stadt am Suez-Kanal. “ Bei uns wird der Strom fuer mindestens zwei Stunden abgestellt. Das ist einfach nicht okay”, fuhr er fort.
Mohamed arbeitet als Lehrer. Chemie und Physik. Zudem ist er Mitglied in der oppositionellen Al Ghad Partei. “Das Problem ist Hosni Mubarak’, sagte er. “Uns wurde immer von ihm versprochen, dass die Infrastruktur verbessert wird. Aber es passiert nichts. Gar nichts – ausser das uns der Strom abgeschaltet wird.”
Waehrend des Ramadans verbringen viele aegyptische Familien nach Sonnenuntergang ihre Zeit gemeinsam. Sie bereiten das Abendessen vor, laden Freunde ein und essen gemeinsam. Der Fernseher laueft – extra fuer den Fastenmonat werden zahlreiche Fernsehserien produziert. Die Klimaanlage brummt.
Kleine, bunte Lampen haengen an den Fenstern. Es glitzert und funkelt in zahlreichen Farben fast ueberall.
“In unserer Wohnung in der Stadt Tanta wird der Strom fast jeden Tag abgestellt. Fuer mindestens drei Stunden”, erzaehlte mir Ahmed. “Wir werden in der naechsten Woche eine Demonstration in der Naehe von Tanta machen. Wir sind wirklich sehr wuetend.”
“Was machst du, wenn es dunkel in der Wohnung ist ?” fragte ich Ahmed.
Er zuckte mit den Schultern: “Nichts besonderes. Was soll ich machen ? Meistens verlasse ich das Haus und treffe mich mit meinen Freunden. Oder ich schlafe.”
Mohamed ist ein junger Journalist und arbeitet fuer eine grosse Zeitung in Cairo. “Ich durfte vor einigen Tagen frueher nach Hause gehen. Der Strom wurde abgestellt. Wie sollten wir denn ohne Elektrizitaet arbeiten ?” fragte er mich.
Ahmed erzaehlte mir von den Stromausfaellen in dem Dorf Defra, das hinter Tanta liegt: “ Dem ganzen Dorf wird der Strom abgestellt. Jeden Tag – fuer mindestens drei Stunden.”
“Es herrscht ein enormer Stromverbrauch waehrend des Ramadans. Das ist klar.
Der Grund der Stromausfaelle ist nicht, dass wir damit Elektrizitaet sparen. Der Grund ist, dass wir unser Erdgas ausgelagert haben. Nach Israel. Und fuer uns Aegypter bleibt dann nicht mehr so viel uebrig”, so Mohamed aus Port Said.
“Ich sage allen Leuten immer und immer wieder, was hinter den Stromausfaellen steckt: Der Gasdeal mit Israel’, sagte Ahmed aufgebracht. “ Die Menschen sollen die Wahrheit wissen”, fuegte er hinzu.
Die aegyptische Zeitung “Al Masry Al Youm” schrieb in dieser Woche, dass ein Regierungsvertreter, der namentlich nicht genannt werden will, den Verkauf von Erdgas an Israel schuldig fuer die Stromausfaelle in Aegypten macht.
Er wies darauf hin, dass im Jahr 2004 die Gaslieferung an die aegyptischen Kraftwerke reduziert wurde. Kurz davor begann Aegypten das Gas nach Israel zu liefern. Innerhalb von mehr als 20 Jahre sollen insgesamt 42 Milliarden Kubikmeter Erdgas nach Israel transportiert werden.
Diese Ausfuhr ist allerdings sehr umstritten in Aegypten.
“Es ist unser Gas. Warum wird es uns weggenommen ? Warum muessen wir unter diesem Vertrag leiden, der mit Israel gemacht wurde ? “ sagte Mona wuetend. “
Und unser Land verdient noch nicht einmal dabei.”
Dann benutzte Mona ein deutsches Wort, das sie oft erwaehnt, wenn sie sich ueber etwas sehr aergert: “ Dummkoepfe”
“The Jerusalem Post” schrieb Anfang Juli, dass Aegypten rund 9 Millionen US Dolllar taeglich verliert – aufgrund eines besonderen Rabattes, den die Regierung mit Israel vereinbart hat.
“Weisst du, wieviele hungrige Menschen mit neun Millionen US Dollar jeden Tag gesaettig werden koennen ?” fragte mich Mona.
Ich wusste keine Antwort.
Viele, denke ich.
Sehr viele.
Es war kurz vor Sonnenuntergang als ich mit Mona zumMarkt ging. Wir wollten Brot kaufen. “Aisch” - Leben, so heisst das Wort Brot auf arabisch.
Mona stoppte am Brotstand. Der Baecker trug eine blaue Schuerze. Sein Bart war grau und seine Haende weiss vom Mehl.
Dann drehte Mona sich zu mir.
“Was passiert nur mit unserem Land ?” fragte sie.
Sie zeigte auf das schwarze Schild auf dem mit weisser Kreide geschrieben war:
Aisch – 0,40 Pfund.
“Das Brot ist so teuer geworden”, sagte sie. “Vor etwa zwei Jahren habe ich fuer das gleiche Brot etwa 0,25 Pfund bezahlt.” Sie griff nach ihrem Geld in der Tasche.
“Wie soll das hier nur weiter gehen ?” fragte sie weiter.
Sie scheuttelte ihren Kopf: “ Was soll nur aus unserem schoenen Land werden ?”
Mona griff nach sechs Broten, der Baecker packte sie in eine schwarze Tuete.
Die Sonne ging langsam unter. Der Himmel verfaerbte sich rot.
Es lag eine besondere Ruhe in den Strassen Downtowns.
“Wir werden wieder eine Brotkrise haben,”, sagte Hassan. Ich hatte es mir schon gedacht, es aber nicht ausgesprochen.
Eine Brotkrise in Aegypten.
“Bist du dir sicher ? “ fragte ich ihn nach.
Er nickte. Und schwieg.
Rund 12 MillionenTonnen Weizen werden jaehrlich in Aegypten benoetigt.
Etwa 60 % des Bedarfes werden von den Russen gedeckt. Doch aufgrund des enormen Buschfeuers in Russland wurde der Weizenexport nach Aegypten bis Dezember 2010 gekuendigt.
Im Falle einer schlechten Ernte in Russland könnte das Exportverbot über das Jahresende hinaus verlängert werden, kündigte Putin in der vergangenen Woche an, schrieb das Wirtschaftsblatt in den vergangenen Tagen.
Zwischen August und September sollte Russland etwa 360.000 Tonnen nach Aegypten schicken – doch diese Lieferung faellt aus.
Frankreich wird rund 12.000 Tonnen Weizen in der Zeit vom 10 bis 25 September nach Aegypten schicken. Fuer 285,97 US Dollars pro Tonne.
Das Ministerium fuer Handel und Industrie hat vor einigen Tagen angegeben, dass Aegypten rund 55.000 Tonnen Weizen aus den Vereinigten Staaten erhalten wird.
Fuer 277,50 pro Tonne. Diese Lieferung wird zwischen dem 16. und 30. September eintreffen.
Aegypten besitzt rund 3 Millionen Tonnen als Reserve – davon koenne Brot fuer ungefaehr vier Monate hergestellt werden.
Mit den 6 Millionen Tonnen Weizen, die in Aegypten hergestellt werden, wird ungefaehr die Haelfte des Bedarfes gedeckt.
Russland ist der drittgrößte Weizenexporteur weltweit, die sinkende Ernte lässt daher die Weizenpreise auf dem Weltmarkt steigen, schreibt das Wirtschaftsblatt.
Spekulationen um die Auswirkungen der Jahrhundert-Dürre in Russland haben den Preis für Weizen wieder in die Höhe getrieben, so das Handelsblatt
“Spiel mit dem Hunger” heisst ein Kommentar den Nicola Liebert auf taz.de veroeffentlicht hat.
Darin schreibt sie: “ Am schlimmsten betroffen sind diejenigen, die die geringste Lobby haben: die Menschen in ärmeren Ländern, die auf erschwingliche Lebensmittel angewiesen sind. Vor zwei Jahren, als eine Spekulationswelle fast alle Grundnahrungsmittel erfasste, war eine Welle von Hungerrevolten von Ägypten über Senegal bis Haiti die Folge.”
Weiter schreibt Liebert: “ Es droht auf dem Weltmarkt keine Knappheit, nicht einmal andeutungsweise. Nein, das globale Weizenangebot liegt, wenn man die Lagerbestände mitberücksichtigt, derzeit sogar deutlich höher als vor zwei Jahren und nur wenig unter dem Rekordstand vom Vorjahr.”
Und dann stellt sie eine berechtigte Frage: “Aber was sagen die Verfechter eines ungehemmten Finanzmarktkapitalismus eigentlich denen, die so lange Hunger leiden müssen?
Focus.de schreibt: “Weltweit werden die Lagerbestände auf annähernd 200 Millionen Tonnen geschätzt – der höchste Stand seit neun Jahren.”
Es ist also genug da.
"Die Weltlandwirtschaft könnte problemlos 12 Milliarden Menschen ernaehren. Das heißt, ein Kind das heute an Hunger stirbt, wird ermordet." schrieb Jean Ziegler 2005 in dem Artikel "Das tägliche Massaker des Hungers”
Ziegler ist nicht nur ein scharfer Globalisierungskritiker und Buchautor, er war auch von 2000 bis 2008 UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung.
Und er fordert Strafen fuer Wetten auf Nahrungsmittel..
Die aegyptische Zeitung “Daily News Egypt” schrieb vor einigen Tagen ueber einen 24 jaehrigen Mann aus dem Sueden Aegyptens der unter einem Herzleiden litt.
Er starb als er in einer chaotischen Schlange wartete und Brot kaufen wollte.
Offizielle Stellen behaupten in der Zeitung, dass der junge Mann an einem sehr heissen Tag starb.
Er hatte mehr als 2 Stunden fuer das Brot angestanden.
“Das erste Opfer” – so wuerde er von einigen Medien bezeichnet.
Ich frage mich: ‘Wer hat denn da draussen nun den Mut seinen Finger zu heben und zu sagen: “ Ich verdiene viel Geld mit dem Leid und dem Tod meiner Mitmenschen.”
Wahrscheinlich niemand.
“Wir wurden gestern ueberrascht”, sagte Hassan, als ich mit ihm im Auto sass.
Dann drehte er sich zu mir:” Wir hatten eine Druckerei beauftragt zahlreiche Anti-Gamal-Mubarak Poster herzustellen.”
Ich ahnte schon, was er mir sagen wird. Hassan ist Mitlgied der Al Ghad Partei, die seit Tagen Plakate an Haueserwaende klebt. Plakate auf denen das Gesicht des juengeren Sohnes des aegyptischen Praesidenten Hosni Mubarak zu sehen ist.
“Aegypten ist zu gross fuer dich” steht darunter geschrieben.
Das Rennen um die Preasidentschaftswahl im Jahr 2011 ist offiziell noch nicht eroeffnet – aber inoffiziell scheint es schon laengst begonnen zu haben.
“Der Chef der Druckerei hat sich bei uns gemeldetund uns gesagt, dass er diese Poster nicht drucken kann.”
Hassan stellte die Klimaanlage in seinem Auto an.
“Der Chef hat uns gesagt, er wurde von der Staatsicherheit angerufen. Und die habe ihm gedroht, falls er die Plakate herstellen wuerde.”
Dann lachte er kurz auf und sagte : ‘Wir werden eine andere Druckerei finden.”
Er hielt das Auto vor einem Kopiergeschaeft an. Er oeffnete die Tuer, ich sah wie er in den Shop ging, kurz mit der Mitarbeiterin sprach.
Nach einigen Minuten verlies er das Geschaeft – mit mehr als 100 Kopien in der Hand. Er stieg zurueck ins Auto: “ Das sind die Petitionen, die von den Menschen unterschrieben werden sollen, damit wir die Verfassung aendern koennen.”
Zahlreiche Aktivisten gehen seit Wochen durch die Strassen Aegyptens und sammeln Unterschriften. Entweder sind es die Aktivisten, die sich fuer eine neue Verfassung einsetzen – die unter anderem ein Ende der Notstandsgesetze forden und das Recht verlangen, dass auch unabhaengige Kandidaten an den Praesidentschaftswahlen im Jahr 2011 teilnehmen koennen.
Oder es sind die Aktivisten, die fuer Gamal Mubarak werben und ihn mit dem Sammeln von Unterschriften ueberzeugen wollen, als Praesidentschaftskandidat anzutreten.
Die aegyptische Zeitung “Al Masry Al Youm” schrieb, dass die Pro-Gamal-Mubarak Kampage mit dem Namen “Aegypten sucht einen neuen Anfang” bereits mehr als 46.000 Unterschriften gesammelt hat.
Angeblich werden von dieser Organisation 10.000 Poster gedruckt um gegen die Anti-Gamal-Kampagne mit dem Slogan “Aegypten ist zu gross fuer dich“ anzukaempfen.
“Was denkst du, wird mit den Unterschriften fuer Gamal Mubarak passieren ? fragte ich Hassan.
Er zuckte mit den Schultern: “Ich denke, dass damit gar nichts geschehen wird. Ich denke, dass das alles nur ein Test ist um zu sehen, wie die Bevoelkerung auf Gamal Mubarak reagiert – das ist alles.”
“Wo ist eigentlich Mohamed El Baradei ?’ fragte ich Hassan.
Er zuckte wieder mit den Schultern: “ Der ist im Ausland.
El Baradei ist doch nur zum Spielen nach Aegypten gekommen,” so Hassan.
Mohamed sass mit uns am Tisch. Und er ist auch ein Mitglied der Al Ghad Partei.
Er schuettelte heftig den Kopf: ‘Ich denke, dass El Baradei eine wichtige Rolle hatte. Ich denke, er hatte die Aufgabe, die Menschen hier in Aegypten zu enttaeuschen. Und sie somit noch mehr davon abzuhalten, am politischen Geschehen teilzunehmen.”
Hassan schaute ihn ziemlich verdutzt an :”Ich denke, am Ende wird es nur Dr. Ayman Nour helfen.”
Dr. Ayman Nour ist der Gruender der Al Ghad Partei und seit einigen Tagen der Praesident der Partei.
Im Jahr 2005 trat Dr. Nour in der Praesidentschaftswahl gegen Hosni Mubarak an.
Er erhielt 7,6 Prozent der abgegebenden Stimmen. Und nur einige Monate spaeter wurde er zu einer fuenfjaehrigen Haftstrafe verurteilt – angeblich habe er Dokumente gefaelscht um an der Wahl teilzunehmen.
Im Februar 2009 verliess er fruehzeitig das Gefaengnis.
Das amerikanische Magazin “Foreign Policy” hatte Dr. Ayman Nour am 7. Mai dieses Jahres als den beruehmtesten Oppositionellen in Aegypten bezeichenet.
Obwohl es Dr. Ayman Nour laut Gesetzgebung nicht gestattet ist an der kommenden Praesidnetschaftswahl teilzunehmen, will er dennoch kandidieren.
‘Ich denke” so sagte Hassan “dass El Baradei gute Vorarbeit fuer Dr. Nour geleistet hat. Die Aufmerksamkeit war auf El Baradei gerichtet. Und Dr. Nour hatte Zeit um sich zu bewegen.”
Mohamed zuendete sich eine Zigarette an und schob den Aschenbecher zu sich.
‘Ausserdem” so sprach Hassan weiter "denke ich, dass Dr. Nour fuer die Wahl zugelassen wird. Gamal braucht doch einen Gegenkandidaten.
Dr. Nour wird zugelassen, damit er gegen Gamal Mubarak verlieren kann.”
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Ergänzungen
Beiträge die keine inhaltliche Ergänzung darstellen
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