Kassel: Präsidium behindert Kritische Uni

die stillen Beobachter_Innen 21.07.2010 16:09 Themen: Bildung Freiräume
Kontrolle und Zensur an der Universität Kassel

Seit dem 12.07.2010 ist es der Kritischen Uni Kassel verboten Räume der Universität Kassel für Veranstaltungen zu nutzen. Dieses Verbot kommt vom Präsidium. In Zukunft müssen Räumlichkeiten direkt bei Kanzler Dr. Robert Kuhn beantragt und von ihm genehmigt werden. Bereits gebuchte Räume für Vorträge wurden nachträglich gestrichen. Somit sind der studentischen Selbstverwaltung und einer kritischen, emanzipatorischen Bildung mal wieder Steine in den Weg gelegt worden.
Die Kritische Universität Kassel (kurz KUK) ist aus den Bildungsprotesten 2009 hervorgegangen. Die KUK versteht sich als eine Plattform, auf der alternative Veranstaltungen stattfinden können. Ihr Ziel ist nicht nur gegen das allgegenwärtige Bildungssystem zu protestieren, sondern auch eine gänzlich andere Art der emanzipatorischen Bildung erfahrbar zu machen und praktisch umzusetzen. Weitere Informationen finden sich unter:  http://www.kritischeuni.de

Zur Vorgeschichte der Zensur:
Die Initiative BDS (Boykott, Deinvestition und Sanktion) lud zu einer Veranstaltung unter dem Titel "BDS- Eine Strategie gegen israelische Apartheid und Besatzung" ein. Diese sollte am 07.07.2010 in Universitätsräumlichkeiten stattfinden und wurde über die öffentliche Infomailliste der KUK angekündigt. Allerdings war die KUK weder die Veranstalterin des Vortrags, noch existiert eine Positionierung seitens der KUK zu dieser Gruppe. Die Mail war als Einladung an Einzelpersonen vorgesehen, und wurde NICHT von der KUK initiiert.

Daraufhin kam es zu zwei Missverständnissen:
1.Bei der Raumvergabe entstand der Eindruck, der Vortrag sei von der KUK, ohne dass dies geäußert wurde.
2.Ein Journalist der Nordhessischen.de (ein online Nachrichtenportal) kam ebenfalls zu diesem Schluss. Deshalb kontaktierte er die Universität Kassel, um sich diese Information noch einmal offiziell bestätigen zu lassen. Er veröffentlichte hierzu einen Artikel, der die KUK in die Verantwortlichkeit für den Raum stellt ( http://nordhessische.de/news.php?id=1589). Parallel dazu bat er um eine Stellungnahme der KUK. Diese wurde dann verkürzt in einem zweiten Artikel online gestellt ( http://nordhessische.de/news.php?id=1590&c=2&h=Kuk).

Beachtenswert ist, dass der erste Artikel auch nach Klärung des Missverständnisses nicht geändert / kommentiert wurde. Der besagte Journalist hatte bereits in der Vergangenheit seine kritische Einstellung zu den Bildungsprotesten zum Ausdruck gebracht:  http://www.nordhessische.de/news.php?id=1335&c=2. Die Veranstaltung der Initiative BDS fiel letztendlich aus, weil ihr die Raumnutzung untersagt wurde.

Im Übrigen distanzierte sich auch die Initiative BDS gegenüber des Präsidiums von der Behauptung, die Veranstaltung sei im Rahmen der KUK geplant worden. Doch das Präsidium der Uni Kassel hat keinerlei Versuche unternommen, weiteren Kontakt bzgl. einer Klärung der Situation mit der KUK aufzunehmen.

Am 12. 07.2010 bekam die KUK dann von der Raumverwaltung die nette Mitteilung, dass für sie keine Räumlichkeiten mehr zur Verfügung gestellt werden dürften. Einzige Ausnahme bilden Veranstaltungen, die einen klaren Bezug zur Hochschule haben, und diese müssten direkt beim Kanzler beantragt werden. Zur Begründung wird das Hessische Hochschulgesetz, genauer §§ 1 und 3 angeführt. Demzufolge wurden der KUK für zwei bereits organisierte Vorträge zum Thema Klimawandel die Räumlichkeiten entzogen.

Die KUK hat diesbezüglich eine Pressemitteilung herausgegeben:
Zitat: „Präsidium behindert studentische Initiative
Kontrolle und Zensur an der Universität Kassel
Neuerdings darf die kritische Uni Kassel (kurz: KUK), eine studentische Initiative, keine Räume mehr bei der Raumverwaltung der Universität buchen. Räume für Veranstaltungen müssen ab sofort bei Kanzler Dr. Robert Kuhn persönlich beantragt werden. Außerdem seien alle schon getätigten Buchungen gestrichen, laut eines Schreibens von der Standortverwaltung Hopla. Die laufende Veranstaltungsreihe, die sich mit dem Klimawandel und dem Klimaschutz auseinander setzt, wurde somit verboten weiter in den Räumlichkeiten der Universität durchzuführen. Die KUK, ein von der Universität anerkanntes und gefördertes Projekt, ist somit der Kontrolle und Zensur einer einzigen Person ausgesetzt. Ob dies im Sinne einer freien, kritischen Wissenschaft und Bildung ist, ist zu bezweifeln.“

Dies lässt vermuten, dass die KUK der Universitätsleitung schon länger ein Dorn im Auge ist und dieses Missverständnis zum Anlass genommen wurde, um selbstverwaltete Strukturen massiv einzuschränken. Des weiteren ist es mal wieder ein Beispiel dafür, dass kritische Bildung welche sich nicht in Institutionen einreiht unerwünscht ist.

Mit solidarischen Grüßen,
die stillen Beobachter_Innen
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Ergänzungen

Boykott und Verfasste Studierendenschaft?

Carlo 22.07.2010 - 10:25
Ich finde auf der Seite vom AStA der Uni Kassel keine Unterstützung bzw. eine gleichlautende Pressemitteilung. Warum wird dann hier Bezug auf die Verfasste Studierendenschaft (VS) genommen. Seid ihr über die VS an die Räume gekommen? Darf die VS jetzt auch keine Räume mehr nutzen oder wie ist das?


ps: Wie kann man gerade im Land der Täter_innen der Shoa nur eine "Boykott Israel"-Gruppe gründen. Das geht mir nicht in den Kopf.

zum ergänzten Artikel

aktivisti 22.07.2010 - 10:42
Dieser zusätzliche Artikel den Hurz da zitiert, entstand nach den Ereignissen und bezieht sich nur auf die BDS. Wer wirklich auf den Link unten am Zitat klickt (auf der original Website) kommt zum alten Artikel plus Vorwurf an die KUK.

Richtigstellung

mensch aus kuk-umfeld 01.08.2010 - 13:10
"2.Ein Journalist der Nordhessischen.de (ein online Nachrichtenportal) kam ebenfalls zu diesem Schluss. Deshalb kontaktierte er die Universität Kassel, um sich diese Information noch einmal offiziell bestätigen zu lassen."
Das stimmt so nicht, daher eine kleine Richtigstellung:
Der Journalsit kam nicht von sich aus zu dem Schluss, die Kuk wäre die Veranstalterin. Und er nahm zur Uni Kontakt auf, um sie nach dessen Meinung zur geplanten Veranstaltung zu fragen, und wer dahinterstecke. Und die sah, aufgrund des Missverständnisses eben die Kuk in dieser Rolle.

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