Mann in Berlin von Polizisten angeschossen

Graduell 21.07.2010 03:07 Themen: Medien
Nach einer verhängnissvollen Kette von Fehleinschätzungen und Überreaktionen auf beiden Seiten kam es am Dienstag Abend gegen 22.00h an der Soldiner Str. Ecke Prinzenallee im Wedding, bei einer Polizeiaktion zum Einsatz der Schusswaffe. Ein ca. 50Jähriger Mann wurde in Folge einer Auseinandersetzung von einem Streifenbeamten angeschossen.
Die Polizei wurde auf mehrere Ladendiebe aufmerksam gemacht, die in einem Supermarkt Nahrungsmittel gestohlen haben sollten. Ein Zeuge sah einen der Beiden vor Eintreffen der Polizei flüchten, der Verbleib des Anderen blieb unklar. Als sich die zwei Polizisten dem Supermark näherten trat aus dem danebenliegenden Geschäft ein wahrscheinlich angetrunkener ca. 50 jähriger Mann heraus, der von den Beamten als vermeintlicher Dieb fixiert wurde. Der Mann empörte sich daraufhin und machte zwei Schritte auf die Beamten zu, die wichen zurück und zogen ihre Schlagstöcke. Auf eine Entfernung von ca. 3m begann ein Wortgefecht in dessen Verlauf beide Polizisten immer heftiger mit den Schlagstöcken fuchtelten. Einer der beiden schlug damit an einen Laternenphal.

Nach Berichten von zwei unmittelbaren Beobachtern, aus einander deutlich entfernten Blickrichtungen, soll daraufhin einer der Polizisten die Dienstwaffe gezogen haben und aufgeregt in Richtung des Mannes hin und hergeschwenkt haben. Der ca. 1,80m eher hagere Mann, der in dem Geschäft sehr ruhig aufgetreten sei, wich daraufhin zurück und zerschlug eine in einer Leinentasche aufbewahrte Bierflasche. Mit dem Flaschenhals, der nach Angaben eines unmittelbar danebenstehenden Zeugen bis auf den Handballen herunter abbrach und eher noch die Hand des Mannes verletzt haben soll schwenkte er die aufgeregt herum. Der Rest der zerschlagenen Flasche verblieb in der Leinentasche. Eine Vorwärtsbewegung auf die Polizisten zu, soll es nicht gegeben haben. Aus angeblich gesicherter Entfernung schoss der Beamte den Drohenden in das Bein. Der Mann brach auf der Stelle zusammen, kurz danach der Polizist. Er ließ die Waffe, den Schlagstock und ein Schlüsselbund fallen und erlitt den Kopf in die Arme versenkt an ein Auto gelehnt einen Schock.

Über einhundert Passanten kamen daraufhin zusammen. Zwei von ihnen erregten sich besonders lautstark und wurden festgenommen. Das im Polizeibericht erwähnte Messer wurde von niemandem bezeugt. Ob es sich bei dem angeschossenen Mann tatsächlich um den Nahrungsmitteldieb handelte oder eine Verwechslung vorlag, ist bisher nicht bekannt.
Die Meinungen unter den Passanten waren gespalten. Nach der Befragung von 15 Personen ergab sich ein Bild, dass umso näher die Passanten teil hatten an der Situation, je deutlicher wurde der Vorwurf gemacht die Situation hätte man problemlos ohne den Einsatz einer Schusswaffe lösen können. Der Großteil der Befragten wollte sich nicht spontan auf eine Seite stellen, ihnen fehlten offensichtlich Informationen. Mit der Entfernung zur tatsächlichen Situation und auffällig geprägt durch große vorhandene eigene Ängstlichkeiten, wuchs die Zustimmung bei Wenigen zu diesem Vorgehen.

Die Polizei hat im sozialen Brennpunkt Soldiner Kiez in Berlins Wedding, der Menschen aus fast 100 Nationen ein zu Hause gibt, keinen schlechten Stand. Man kennt die Beamten und schätzt sie als Streitschlichter aber auch als Personen, die sich in rassistisch geprägte Auseinandersetzungen konsequent einsetzen. Schon Geschehnisse viel geringeren Ausmaßes werden in diesem fast dörflich anmutenden Kiez in Erzählungen gespeichert und prägen Verhältnisse. Wie sich dieses Ereignis, aufgefüllt mit einer möglichst wahrheitsnahen Schilderung auswirken wird, bleibt ab zu warten.


Bitte denkt beim Lesen dieses Berichts daran, dass auch sehr nah beteiligte Zeugen vermeintlich Gesehenes durch vorgeprägte Erfahrungen selektieren.
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Ergänzungen

Hinterfragen

Mein Name 21.07.2010 - 10:25
Leider ist es so, dass die Situationen, aus der heraus ängstliche Polizisten immer wieder solche völlig überzogenen Aktionen tätigen, keinesfalls "nur von Axel Springer Medien" forciert werden.

Ich kenne Azubis bei der Polizei und weiss von ernstzunehmenden Erzählungen, dass bei verschiedenen Einheiten ganz gezielt RICHTIG angsterzeugender Druck auf die Beamten ausgeübt wird.

Man zeigt Ihnen beispielsweise immer wieder "Schulungsvideos", auf denen Mob's bei Demos auf Polizeibeamte einprügeln oder man lässt sie bei Temperaturen von 40 Grad in voller Montur und geschlossenen Fenstern in den Wannen sitzen usw., wenns dann knallt, drehen die teilweise durch ... und diese Anordnungen kommen von "oben".

Man darf bei der ganzen Situation nicht vergessen, dass Polizeibeamte "nur Menschen" sind, was keine Entschuldigung für ein solch völlig asoziales Verhalten ist, ABER wer in so einem Rahmen konstant so einem Druck ausgesetzt wird, tickt irgendwann aus oder stumpft ab.

Das ist so. Man beobachtet sowas auch in allen anderen Berufsgruppen. Und bei der (Schutz)Polizei hat das System.

Augenzeugenbericht

Mein Name 21.07.2010 - 10:28
Hier gibts noch nen Augenzeugenbericht:
 http://video.web.de/watch/7667149

Unprofessionell

ffff 21.07.2010 - 11:16
Das klingt einfach nur nach total unprofessionellem Handeln. Die Cops haben diverse Distanzwaffen wie Tonfas oder Reizgas mit denen sie ausgebildet wurden. Aber in letzter Zeit ist immer wieder zu beobachten, dass der Hemmschwelle zum Schusswaffengebrauch extrem gesunken ist. Zumal es in den letzten Fällen nie zu wirklichen Konsequenzen für die Schützen führte, selbst wenn die Schüsse nicht mehr als Selbstschutz oder Verteidigung durchgehen – Siehe Schönfließ. Die Cops sollten mal mehr Zeit fürs Konfliktmanagement investieren als am Schießstand rum zu ballern.

wenn es mal wieder schief geht...

Dein Name 21.07.2010 - 11:46
Hier eine neu aufgebaute Sammlung tödlicher Polizeigewalt:  http://killedbycops.blogsport.de/

vermehrten Schusswaffengebrauch

xxx 21.07.2010 - 14:19
Jeder Beamte sollte entsprechende Entwaffnungstechniken gelernt haben. Erst Recht wenn Sie zu zweit waren. Und es ist einfach lächerlich zu leugnen, dass es in der letzten Zeit einen vermehrten Schusswaffengebrauch gab.

Hier nur ein paar Fälle aus Berlin:
- 17.07.2010 – lebensgefährliche Schüsse auf einen Bankräuber in Spandau
- 16.03.2010 - tödliche Schüsse auf einen Randalieren bei einer häuslichen Auseinandersetzung in Wedding
- 25.02.2010 – Schüsse auf Räuber in Neukölln
- 21.01.2010 – Schüsse auf einen betrunkenen Randalierer am Mehringplatz in Kreuzberg
- 06.12.2009 – Schüsse auf einen Jugendlichen bei einer Auseinandersetzung in einem Friedrichshainer Park
- 24.06.2009 – Tödliche Schüsse bei einer Festnahme in der Joachimstaler Straße

In Wedding 65

y 22.07.2010 - 12:24
in Wedding 65 hat es in den letzten Jahren mehrere kleine auf eine Straße begrenzte Krawalle gegeben, ausgelöst durch Hausdurchungen mit Polizeiiensatz (100 Beamte) wg. Drogen, über die aber nur im Wochenblatt berichtet wurde, mit rasssitischen Untertönen: Stoßrichtung Türken und Araber. Diesmal ist die Sache glimpflic ausgegangen.

Guter Bericht

Hierundda 25.07.2010 - 03:36
Lob für diesen guten und sachlichen Bericht. Findet sich leider zu selten auf Indymedia. Ich habe Berichterstattung bei der Morgenpost gelesen, die sehr einseitig auf Seiten der Polizei steht, die sich natürlich in einer Bedrohungssituation nur selbst verteidigt.

 http://www.morgenpost.de/berlin-aktuell/article1354435/Berliner-Polizisten-benoetigen-selbst-Schutz.html

Gerade die Springerpresse fährt gerade eine massive Kampagne wegen angeblicher Gewalt gegen Polizisten. Dazu auch:

 http://www.bildblog.de/19212/gewaltige-unterschiede/

Beiträge die keine inhaltliche Ergänzung darstellen

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