Once again: Der Bildungsadel

Walter B. Scheuerle 10.07.2010 16:13 Themen: Bildung Kultur Soziale Kämpfe
In Anlehnung an die Bildungsstreik-Aktion "Der Bildungsadel - Herkunft muss sich wieder lohnen" ( http://de.indymedia.org/2010/06/283461.shtml) und der Resonanz einer außerparlamentarischen Spaßpartei ( http://www.fdp-hh.de/content/presseinfos.php?nr=5694) fand gestern in den Hamburger Stadtteilen Jenfeld und Wandsbek ein Straßentheater zur Schulreform statt.
Der Lehrer Walter B. Scheuerle war zu Gast bei der Moderatorin Angelika Schnalltwas, zusammen mit seinen Schülerinnen Lisa Denker und Çiğdem Börek. Scheuerle erläuterte seine Gegnerschaft zur Schulreform, da er durch diese das Leistungsprinzip gefährdet sieht. Ordnung und Disziplin ließen sich besonders gut durch Leistungsdruck herstellen und um diesen aufzubauen sei doch eine Selektion nach Klasse 4 äußerst geeignet. Dann wurde Scheuerle aber mit der Art und Weise seiner Beurteilung konfrontiert. Çiğdem muss trotz guter Noten auf die Hauptschule, weil diese Schule einfach besser zu ihr passt. Lisa, die Tochter eines Blankeneser Anwalts, kommt trotz schlechter Leistungen auf´s Gymnasium. Randys Mutter kann sich keine Nachhilfe für ihren Sohn leisten, was zur Hauptschulempfehlung führt, während Frau Müller durch das Sponsoring eines Sportfestes eine Gymnasialempfehlung für ihre Tochter erzielt. „Genau so ist es“ war dabei die Reaktion vieler Passanten, auch wenn Scheuerles Ausführungen zu Ordnung und Disziplin eher auf Unverständnis stießen. Unterstützt wurde das Straßentheater von der Bürgerschaftsabgeordneten Dora Heyenn (Die Linke.).

Die Show im Internet:  http://www.youtube.com/watch?v=8Ub8Lg2Xz0Y

Alles übertrieben? Leider nicht. Tatsächlich sind die Empfehlungen für die weiterführenden Schulen alles andere als objektiv. Zu den ohnehin völlig unterschiedlichen Startbedingungen der einzelnen Schüler kommt eine voreingenommene Bewertung, die sich am Background der Eltern orientiert. Der Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Klaus-Jürgen Tillmann von der Uni Bielefeld drückt es so aus: „Hat der Vater keinen Schulabschluss, muss das Kind einen Leistungswert von 97,5 erbringen; hat der Vater Abitur, reicht ein Wert von 65,0. Damit zeigt sich, dass ein Kind aus einem bildungsnahen Elternhaus mit großer Wahrscheinlichkeit auch schon bei mäßigen Leistungen eine Gymnasialempfehlung erhält, während ein Kind aus einfachen Verhältnissen eine um 50% höhere Testleistung erbringen muss, um das gleiche Zertifikat zu bekommen. Dies kann man als doppelte Benachteiligung bezeichnen: Zum einen haben es Kinder aus einfachen Verhältnissen aufgrund mangelnder Anregungen und fehlender Förderung wesentlich schwerer, gute Schulleistungen zu erbringen. Das ist die primäre soziale Ungleichheit. Wenn sie (erwartungswidrig) dann doch gute Leistungen erbringen, werden sie an einer Meßlatte geprüft, die deutlich höher liegt als bei den anderen Kindern. Dies ist Teil der sekundären sozialen Ungleichheit.“ ( http://www.epb.uni-hamburg.de/files/Tillmann.pdf)

Dass im übrigen Ausländerfeindlichkeit zu den Motivationen der Reformgegner gehört, was nicht nur die massive Unterstützung der NPD gegenüber „Wir wollen lernen“ verdeutlicht ( http://npd-blog.info/2010/06/24/npd-hamburg-schulreform/), ist jetzt auch Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust (CDU) aufgefallen. Er zeigte sich gegenüber der Presse überrascht, dass manche Reformgegner „unverhohlen sagen: Wir wollen nicht, dass unsere Kinder länger als notwendig mit Kindern mit Migrationshintergrund zur Schule gehen“. Da tauchten auch bei Bürgerlichen „unverhohlen Ressentiments auf“. ( http://www.welt.de/die-welt/regionales/hamburg/article8395715/Jetzt-beginnt-der-Kampf-um-jede-Stimme.html)

In den letzten Umfragen wird der Scheuerl-Initiative „Wir wollen lernen“ ein knapper Vorsprung gegenüber den Reformbefürwortern attestiert. ( http://www.taz.de/1/zukunft/bildung/artikel/1/primarschule-auf-messers-schneide/)
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Ergänzungen

Deine Stimme gegen Ausgrenzung und Lügen

Die Linke.SDS Uni Hamburg 10.07.2010 - 16:37
Am 18.7. findet in Hamburg der Volksentscheid über die Schulreform statt. Die Briefwahl läuft bereits. Auch wenn es hier vordergründig nur um die Frage geht, ob die Grundschule künftig vier oder sechs Jahre dauern soll, handelt es sich es sich letztlich um eine Richtungsentscheidung. Ist die Bevölkerung an einem gerechteren Schulwesen, das auf Chancengleichheit setzt interessiert, oder nicht? Die Argumente der Reformbefürworter sind hinlänglich bekannt. Aus erziehungswissenschaftlicher Sicht ist längeres gemeinsames Lernen äußerst sinnvoll, alle anderen europäischen Länder machen´s vor, und das derzeitige Schulsystem produziert einfach zu viele „Verlierer“. Was also sind die Argumente der Gegner?

Die Initiative „Wir wollen lernen“
Die sog. Scheuerl-Leute (benannt nach ihrem Führer Walter Scheuerl, der sich vorher bereits einen Namen als Fachanwalt der Tierquäler-Branche gemacht hat) betrachtet sich als Gruppe „aufgebrachter Eltern“ die sich vor allem über die zunächst geplante Abschaffung des Elternwahlrechts, auf welche weiterführende Schule die Kinder gehen sollen, erregten. Obwohl das Elternwahlrecht durch den Senat mittlerweile längst wieder eingeführt wurde, wird weiterhin suggeriert dem sei nicht so. Die Primarschule wird hier zum diffusen Hassobjekt, wie für andere ein Minarett. Den Kampf gegen die Stadtteilschulen hat „Wir wollen lernen“ mittlerweile aufgegeben. Die Aufrechterhaltung der Hauptschulen war einfach nicht vermittelbar.

Die FDP
Die in Hamburg außerparlamentarische Oppositionspartei geht noch einen Schritt weiter und lügt die Bevölkerung direkt an, in dem sie wahrheitswidrig behauptet der Volksentscheid am 18.7. ginge um die Frage nach dem Elternwahlrecht. Die Tatsache, dass die FDP sich in Sachsen und Bayern für die Einführung der 6-jährigen Primarschule einsetzt, kommentierte eine Delegierte auf dem letzten FDP-Landesparteitag gegenüber dem NDR mit der Floskel: „Andere Länder, andere Sitten.“ Der FDP scheint Bildung ziemlich schnuppe zu sein. Hauptinteresse ist die Demontage des Senates, die Hoffnung auf Neuwahlen und der Traum vom Wiedereinzug in die Bürgerschaft. Einen solch rücksichtslosen Umgang mit der Zukunft der jungen Generation konnte selbst die Liberale Hochschulgruppe an der Uni Hamburg nicht mittragen und stand dem einstimmigen Beschluss des Studierendenparlaments zur Schulreform nicht im Weg.

Die NPD
Ein ehrlicheres Interesse am derzeitigen deutschen Schulsystem ist den Neofaschisten zu unterstellen. Auf ihrer Homepage verkünden sie: „Die NPD unterstützt weiterhin massiv durch Flugblattverteilungen und Sicherstellung der Plakatpräsenz das Anliegen der Volksinitiative Wir wollen lernen, um Schaden vom deutschen Volk abzuwenden.“ Begründet wird dies hier in altbekannter Manier: „Intelligenz und andere Qualifikationen sind nach Erkenntnissen der modernen Biologie zu etwa gleichen Teilen genetisch vorbestimmt, bzw. durch Übung und soziale Faktoren erst im Leben zu erwerben. Die NPD geht von der wissenschaftlich bewiesenen Grundvoraussetzung unterschiedlicher Leistungspotentiale aus.“ Hieraus wird die Schlussfolgerung gezogen: „Die NPD setzt auf ein Konzept von circa 20 Schülern pro Klasse und konsequenter Sonderbeschulung von Ausländern und leistungsunfähigen deutschen Schülern, um zu verhindern, daß die gutwilligen deutschen Schüler durch die vermeintlich coolen Leistungsverweigerer oder Klassenkasper negativ beeinflußt werden.“

Falsche Behauptungen, Eigeninteressen, Sozialdarwinismus und Ausländerhass. Sollen das Argumente gegen die Hamburger Schulreform sein?

Am 18.7. hast Du die Chance, die Schule von Scheuerl, FDP und NPD abzuwählen. Nein zu "Wir wollen lernen" - Ja zur Primarschule!

Standort vs. Bildungspreviligen

Hannes 10.07.2010 - 17:29

.....Nur noch acht Tage und dann wird es sich zeigen welche Fraktion sich im Bezug auf die hamburger Schulstruktur durchsetzten konnte. Wird es in Zukunft mehr (formale) "Chancengleichheit" in der Konurrenz um Lohnarbeit geben, oder konnte das Bildungsbürgertum ihre Previliegen retten?!
Das real-politisch ist natürlich die Schwarz-grüne Schulreform ein Schrittchen in die richtige Richtung, man muss jedoch auch sagen, dass nur wenn man gegen das bildungselitäre „Wir wollen lernen“-Volksbegehren protestiert, nicht automatisch für eine andere und emanzipatorische Bildung eintritt. Denn Bildungs- und Schulpolitik (als zentrale Themen in der kapitalistischen Wissensökonomie) haben eine bestimmte Funktion. Nämlich für die Anpassung an gesellschaftliche Normen und die Verfügbarkeit junger Menschen für den Arbeitsmarkt zu sorgen.....!

Mehr zum Thema im Aufruf "Gibt es eine richtige Schule im Falschen?" auf
 http://gewstudis.blogsport.de/2010/06/05/gibt-es-eine-richtige-schule-im-falschen/

haha, die npd und die wissenschaft

tagmata 10.07.2010 - 18:58
"Intelligenz und andere Qualifikationen sind nach Erkenntnissen der modernen Biologie zu etwa gleichen Teilen genetisch vorbestimmt..."

oh, wow, vor 10 jahren hätten sie noch "80% gene!" geschrieen. hab letztens einen interessanten text dazu gefunden:  http://www.cogsci.ecs.soton.ac.uk/cgi/psyc/newpsy?10.079

"The word "gene" did not exist in 1904. [...] Genetic phenomena were understood to be governed by "blended inheritance" where the genotype was the mid-parent value; offspring inherited the average of their parents' characteristics. Given this linear model, the genetic or "factor" structure of inherited characteristics could be inferred from the correlation matrix of measures of the phenotype."

"Evolution occurs because individuals with different characteristics perform differently in different environments. Natural selection reflects an advantage for a particular characteristic in a particular environment. For genetic characteristics then, the necessary condition for natural selection is the existence of such genetic-environmental interactions. Thus, from a genetics perspective, a test item samples the performance of an individual in some niche of her world. Accordingly, if performance has any hereditary component then one expects genetic-environmental interactions."

heißt nix weiter als: die MODERNE biologie betrachtet viele eigenschaften als eine konsequenz aus INTERAKTION zwischen genotyp umd umwelt. die beiden in "x% vom einen, y% vom anderen" zu trennen, ist unwissenschaftlich.

eine analogie: auf keinem realen würfel ist jede zahl gleich wahrscheinlich. aber welche zahl du in einem konkreten fall würfelst, ist das ergebnis dieser unterschiedlichen wahrscheinlichkeit (genetische faktoren, die komplett zum tragen kommen) und wie du den würfel rollst (umweltfaktoren, die genauso komplett zum tragen kommen). die bedeutung der genetischen faktoren kann nur durch verständnis der umweltfaktoren begriffen werden, und umgekehrt. denn jedes braucht das andere in vollem umfang, um selbst in vollem umfang wirken zu können. ein genetischer faktor, auf den kein umweltfaktor einwirkt, wird seine bedeutung in relativ kurzer zeit verlieren und zufällige mutationen anhäufen. wäre es anders, wäre evolution nicht möglich, ohne eine art "lenkende hand gottes" oder so anzunehmen.

das was die npd als "moderne biologie" bezeichnet, ist die pseudowissenschaftliche interpretation von darwin, die sich in der psychologie vor 100 jahren festgesetzt und sich irgendwie den erkenntnissen der "modernen" (50 jahre alt, kaum wirklich "modern"...) biologie widersetzt hat.

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