WM: Fans im Ausnahmezustand des Tabubruchs

F. U. 13.06.2010 17:02 Themen: Blogwire Kultur Medien
Heute Abend ist es soweit und die deutsche Fußballnationalmannschaft bestreitet ihr erstes Spiel der WM 2010 gegen Australien. Scheinbar Grund genug jetzt endgültig „schwarz-rot-geil“ (bild.de) zu werden und die Deutschlandfahne stolz am Auto zu befestigen oder aus dem Fenster wehen zu lassen. Jedenfalls scheinen diese Verhaltensweisen Grund genug zu sein für die „Mehrheitsgesellschaft“, die sich zwar nicht mit Politik identifizieren können, wohl aber mit ihrer Nation, ihrem Land, kurzum mit Deutschland.
Doch dahinter versteckt sich der Ausnahmezustand, kurzum der Tabubruch.
Ein paar Gedanken zu deutschen „Fußballfans“ und dem Tabubruch im Ausnahmezustand

Heute Abend ist es soweit und die deutsche Fußballnationalmannschaft bestreitet ihr erstes Spiel der WM 2010 gegen Australien. Scheinbar Grund genug jetzt endgültig „schwarz-rot-geil“ (bild.de) zu werden und die Deutschlandfahne stolz am Auto zu befestigen oder aus dem Fenster wehen zu lassen. Jedenfalls scheinen diese Verhaltensweisen Grund genug zu sein für die Mehrheitsgesellschaft, die sich zwar nicht mit Politik identifizieren können, wohl aber mit ihrer Nation, ihrem Land, kurzum mit Deutschland.
Es ist jetzt nicht meine Aufgabe hier irgendwelche wilden Fantasien durch schlecht recherchierte Artikel zugänglich zu machen, wie sie als klägliche Versuche die letzten Tage auf Indymedia vorzufinden waren. Vielmehr möchte ich ein paar Gedanken dazu beitragen, die vielleicht weitergetragen oder diskutiert werden können.

Am Anfang sollte man erstmal die Gebiete abstecken, welche das Phänomen als Ganzes erst zusammensetzen und möglich machen: zum einen gibt es die männliche Fußballnationalmannschaft, welche in den letzten Tagen durch die Median bekannt gemacht wurde. Demnach sind die Medien die zweite Instanz, die uns also Fußball in diesem Fall übermittelt. Sei es nun durch Live-Übertragungen, Zeitungsartikel oder andere Medienträger. Durch das große mediale Erscheinungsbild der Fußballnationalmannschaft, vor allem durch den Axel Springer Verlag, wächst das Verlangen der Bevölkerung nach mehr Informationen und diese sollten möglichst positiv sein. Hierdurch kommt es nahezu zu einer Vergötterung der Mannschaft, jeder will sich mit ihr identifizieren. Wer sich damit identifiziert liegt natürlich auch auf der Hand: die Fans.
Man könnte nun mehrere Ansätze verfolgen: zum einen die Rolle der Medien, welche die Fans gezielt beeinflusst und die Identifizierung mit Mannschaft und Nation in Teilen der Bevölkerung erst möglich macht. Aber: eine Identifizierung mit einer Fußballmannschaft (oder einer anderen Gruppe) ist nichts Ungewöhnliches. Wir denken nur an die vielen Menschen, welche sich in Fußballvereinen engagieren, regelmäßig ins Stadion gehen oder ihre Identifizierung in der Ultraszene gipfeln lassen. Hier herrscht jedoch eine Zersplitterung der „Fanlager“ vor, frei nach dem sportlichen Motto: „Jede/r gegen Jede/n“. Zur Fußball-WM wandelt sich diese Zersplitterungen, welche nur den Fußball gemeinsam haben, in ein großes „Wir-Gefühl“ und dieses wurzelt in der gemeinsamen Identifizierung als deutsche Nation. Dieser Träger ist es, welcher die Mehrheit aller Fans eint. Man bezieht sich auf einen gemeinsamen Nenner um baut diesen, im Vergleich zum gesellschaftlichen „Normalzustand“, ins unermessliche aus. Selbst Menschen die sich vorher zwar mit dem deutschen Staat identifiziert haben, oder denen es komplett gleichgültig war, verfallen diesem Sog des künstlich erschaffenen Nationalbewusstseins. Denn nichts anderes als künstlich kann dieses „Wir-Gefühl“ sein, bedenkt man – nicht zuletzt auch durch die Medien propagiert – dass wir eine Individualgesellschaft sind, frei nach dem uns schon aus dem Sport bekannten Motto: „Jede/r gegen Jede/n“. Der schon weiter oben benannte gesellschaftliche „Normalzustand“ existiert außerhalb von Ereignissen, die nicht dazu dienen die Individualgesellschaft in eine „Wir“-Gesellschaft zu verwandeln. „Grand-Prix“, „WM“ und andere Ereignisse, in denen Deutschland sich vor der Welt behaupten kann, sind solche Ausnahmezustände in denen unsere Gesellschaft plötzlich näher rückt, wo sich gleicher unter gleichen national solidarisiert und Fremde Bedrohungen im Kollektiv abgewehrt werden. Wie wir wissen ein sehr untypischer Zustand für die deutsche Sozialisation. Doch erstaunlicher Weise funktioniert die Solidarität und das Gemeinschaftsgefühl nur unter gleichgesinnten, die neben ihrer nationalen Identität noch einen weiteren Nenner haben, in diesem Fall den Fußball. Jeder Deutsche der sich nicht mit der Fußballnationalmannschaft solidarisiert, nicht zu Fanfesten geht, oder gar auf eine andere Mannschaft hält, ist diesem Ausnahmezustand der Mehrheitsgesellschaft ausgeliefert. Er wird von der Gruppe welche sich im Ausnahmezustand befindet isoliert, beschimpft und im schlimmsten Fall sogar körperlich angegangen (denken wir an zahlreiche Ereignisse auf sogenannten Fanmeilen, oder beim Public-Viewing). Die sich nun zusammengefundene Gruppe, welche Deutschland mit ausufernden Stolz auf „ihre“ Spieler (Fremde Personen, welche die Gruppe gar nicht kennen kann, würden sie nicht die Medien beherrschen) bejubelt, löst sich von den eigenen sonst so hochgeschätzten Grundmustern, wie beispielsweise ordentliches Auftreten, (im nüchternen Zustand) eher ruhig und unscheinbar (man bemerke: trotz der Individualgesellschaft!) sein. Sie bricht den Normalzustand und die Tabus, welche mit dem Normalzustand verbunden sind. Sachen die vorher in der Mehrheitsgesellschaft (leider das einzige Wort, was die demographische und soziale Situation in Deutschland am besten beschreibt) sanktioniert wurden, wie beispielsweise Herumgröhlen, besoffen Straßen blockieren, hohe Aggressivität, gelten nun als der neue erwünschte Zustand, der statt sanktioniert im höchsten Falle belächelt wird. Der Tabubruch, in gewissen Abständen, kann sich nur in einer rituellen Umkehrung der gesellschaftlichen Verhältnisse manifestieren. Jeder der Beteiligten „Tabubrecher“ weiß um die Kürze dieses Ausnahmezustandes und erlaubt sich somit die totale Spiegelung der Gesellschaft in seinem Verhalten. Menschen die keine deutschen Fußballtrikots tragen werden mit dem Hitlergruß begrüßt und angepöbelt (eigene Erfahrung), die Medien verkaufen uns den Fußball in diesen Tagen als die Luft zum gesellschaftlichen Überleben. Wer nicht von Fußball spricht ist schlichtweg out und selbst „Frauen müssen nun kapieren was ein Elfmeter ist“. Schlussendlich vermittelt uns dieses Spektakel den Eindruck, dass das Tabu eine Form der gesellschaftlichen Umkehrung in einen Ausnahmezustand ist, welches rituell von Zeit zu Zeit vollzogen wird. Ferner stabilisiert der Ausnahmezustand den erwünschten Normalzustand solange bis wieder ein Ausnahmezustand eintritt. Ich will mich dagegen Verwehren, den Nationalismus in diesen Tagen auf gekonnte Kniffe der Medien und der Politik zu schieben. Vielmehr ist er ein Bestandteil der „Mehrheitsgesellschaft“ und wohnt ihr inne. Ob es nun daran liegt, dass der Normalzustand ohne Ausnahmen nicht mehr zu ertragen wäre ist eine nicht zu beantwortende Frage.

Meine Gedanken zu diesem Thema umreißen das Thema lediglich in eine Richtung und sicher sind auch nicht alle Beispiele punktgenau und treffend formuliert, da ich leider keine Zeit habe um einen besseren Artikel zu verfassen. Ich setzte auf eure eigenen Erfahrungen in Bezug mit Deutschlandfans. Vielleicht werdet ihr heute auch Menschen beobachten die Tabus brechen, die Gesellschaft nicht nur reflektieren, sondern auch spiegeln.

Hoffentlich konnte ich mit diesem kleinen Artikel das Niveau der kritischen Fußballartikel auf Indymedia etwas anheben und freue mich auf eure Kommentare und Kritiken.

Bild oben: Fan im Ausnahmezustand? Tabubruch: Hitlerbart in den Deutschlandfahnen auf der Berliner Fanmeile zur letzten Fußball EM
Creative Commons-Lizenzvertrag Dieser Inhalt ist unter einer
Creative Commons-Lizenz lizenziert.
Indymedia ist eine Veröffentlichungsplattform, auf der jede und jeder selbstverfasste Berichte publizieren kann. Eine Überprüfung der Inhalte und eine redaktionelle Bearbeitung der Beiträge finden nicht statt. Bei Anregungen und Fragen zu diesem Artikel wenden sie sich bitte direkt an die Verfasserin oder den Verfasser.
(Moderationskriterien von Indymedia Deutschland)

Ergänzungen

"innerer Reichsparteitag"

haben auch andere gehört 13.06.2010 - 22:10

von der Taz kommentiert:

Was ist da los beim Opa-Sender?
Irre: 4:0 - Nazi-Skandal beim ZDF

Quelle:  http://www.taz.de/1/sport/wm-2010/artikel/1/irre-40-nazi-skandal-beim-zdf/

auch die Welt hatt`s gehört:

Müller-Hohenstein spricht von "Reichsparteitag"

Aufregung in der Halbzeitpause des deutschen WM-Spiels: ZDF-Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein sprach von einem "inneren Reichsparteitag".

Quelle:  http://www.welt.de/fernsehen/article8032421/Mueller-Hohenstein-spricht-von-Reichsparteitag.html

"innerer Reichsparteitag"

und der Beleg: 13.06.2010 - 22:18

"innerer Reichsparteitag"

... 13.06.2010 - 23:00

BZ mutmaßt einen Karrierestufe ala Eva Herman

Nazi-Spruch
ZDF-Skandal! Müller-Hohenstein vor Aus?

 http://www.bz-berlin.de/sport/wm2010/zdf-skandal-mueller-hohenstein-vor-aus-article879648.html

morgenpost: Müller-Hohenstein spricht von "Reichsparteitag"

Aufregung in der Halbzeitpause des deutschen WM-Spiels: ZDF-Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein sprach von einem "inneren Reichsparteitag"

 http://www.morgenpost.de/sport/article1324949/Mueller-Hohenstein-spricht-von-Reichsparteitag.html

Zentralrat der juden über moderatorin

Zentralrat 15.06.2010 - 01:08
gerade gelesen der zentralrat der juden findet den spruch nicht so dramatisch
 http://lokalrunde.wordpress.com/2010/06/15/innerer-reichsparteitag-zentralrat-der-juden-meldet-sich-zu-wort/

Beiträge die keine inhaltliche Ergänzung darstellen

Zeige die folgenden 9 Kommentare an

4:0 — xxx

@xxx — ...

Ergänzung — F.U.

@... — z

sdffg — sdfgftr

Der WM-Hit 2010 — schalalalala

Nur mal so... — fuzzek-fan