Genfilz-Vortrag an Uni Rostock verboten

Inge Schmidt 18.05.2010 11:09 Themen: Bildung Biopolitik Repression Ökologie

Die Uni Rostock, Schauplatz einer der wichtigsten Knoten der Gentechnik-Seilschaften in Deutschland, hat mal wieder das Visier runtergelassen. Die Veranstaltung zu den Seilschaften zwischen Behörden, Firmen und Forschung" (Referent: Jörg Bergstedt) darf an der Uni nicht stattfinden. Weil sie nicht ausgewogen sei, ist die offizielle Behauptung. Doch wenn einseitige Veranstaltungen an der Uni nicht erwünscht wären, könnte Broer mit ihrem Institut wohl dichtmachen ... Der abgesägte Vortrag findet stattdessen jetzt am Mittwoch, 19.5., um 19 Uhr in Rostock, Heinrich-Böll-Stiftung in der Mühlenstr. 9/Ecke Gerberstr. statt. VOrher um 13 Uhr ist zudem eine Demo an der Uni gegen die Zensur geplant.

Veranstalter des Vortrag wäre die Grüne Hochschulgruppe gewesen. Doch selbst StudentInnen dürfen offenbar nicht mehr an die Uni bringen, was der - mit Millionen geschmierten - dortigen Lehrmeinung entgegensteht. Nach dem Verbot gab die Gruppe die folgende Pressemitteilung heraus:

Zensur an der Uni?
Vortrag zu Gentechnik-Seilschaften von studentischem Prorektor verhindert.

Im Mai tourt der hessische Agrogentechnik-Gegner und Ökoaktivist Jörg Bergstedt durch Mecklenburg-Vorpommern. Das Thema seiner Vorträge ist konfliktträchtig: „Monsanto auf Deutsch – Seilschaften zwischen Behörden, Firmen und Forschung“.
Besonders brisant wäre ein solcher Vortrag an der Universität Rostock, an deren Agrarökologischen Fakultät maßgeblich zum Bereich Agrogentechnik geforscht wird. Zu brisant offenbar für den studentischen Prorektor Heiko Marski, dem die Ruhe von ProfessorInnen wichtiger zu sein scheint als kritische studentische Diskussionsveranstaltungen. Diese Erfahrung musste zumindest die Grüne Hochschulgruppe Rostock machen, die Jörg Bergstedt mit seinem Vortrag an die Uni holen wollte, was ihr auf Initiative Heiko Marskis jedoch vom Rektorat untersagt wurde.
Peer Klüßendorf, Sprecher der Grünen Hochschulgruppe und Politikwissenschaftsstudent, sieht gerade in der Brisanz der Veranstaltung ihren Reiz: „Sicher ist Jörg Bergstedt umstritten und es stimmt auch, dass er immer wieder in Konflikt mit der Justiz geriet. Wir denken aber, dass die Studierenden mündig genug sind, um sich selbst ein Urteil über sein Vorgehen und seine Aussagen zu bilden. Wird ihnen das nicht zugetraut, oder sollten sie tatsächlich nicht dazu im Stande sein, ist das ein trauriges Zeugnis für eine Universität.“
Johanna Lauber, die als Mitglied der Grünen Hochschulgruppe den Vortrag organisiert hat, geht noch weiter: „Wenn ich höre, dass Jörg Bergstedt erst in der Uni sprechen darf, wenn nicht mehr zu erwarten ist, dass er beleidigend gegen Mitglieder der Universität wird, ist das für mich ein vorauseilendes Verbot strittiger Gegenstimmen und da frage ich mich, wo eigentlich die Grenze zur Zensur verläuft.“
In welchen Räumlichkeiten die Veranstaltung stattfinden wird, ist noch unklar. Das Grüne Hochschulgruppen-Mitglied gibt sich aber kämpferisch: „Fest steht: Jörg Bergstedt wird seinen Vortrag in Rostock halten und zwar am Mittwoch den 19. Mai. Uhrzeit und Ort werden wir so schnell wie möglich auf unserer Homepage: www.ghg-rostock.de veröffentlichen. Wir freuen uns auf viele Studierende, die sich selbst eine Meinung bilden wollen!“

Inzwischen hat der in der Pressemitteilung benannte Prorektor reagiert und eine eigene Stellungnahme abgegeben. Die aber bestätigt das Geschehen eher: "Die Ursache für die Absage der Veranstaltung war, dass bis einschließlich Freitag kein Konzept für eine ausgewogene Veranstaltung vorgelegt worden war - obwohl von allen Seiten mehrfach darum gebeten worden war. Damit war die Raumzuweisung, die unter der Vorspiegelung falscher Tatsachen erschlichen worden war, aufzuheben." Es ist also zu sehen, dass kritische Veranstaltungen generell nicht erlaubt sind. Erlaubt sind nur die Uni-Lehrmeinung (auch wenn sie noch so einseitig ist wie an der Fakultät von Prof. Inge Broer) und ausgewogene Veranstaltungen. Der Prorektor wühlte ansonsten noch im Nebel des Nichtwissens, z.B. mit dieser Formulierung: "Wenn die Hinweise auf Seilschaften etc. derart handfest sind, wie immer wieder behauptet wird, stellt sich mir die Frage, warum nicht Strafanzeige erstattet wird bzw. das Ganze einer Ethik-Kommission, die es nicht nur gibt, sondern die mit Nicht-Biologen besetzt sind, vorgelegt wird." Tatsächlich hatte er gar nicht recherchiert, ob das nicht geschehen ist. Tatsächlich hat es mehrere Strafanzeigen gegeben, die aber von der Staatsanwaltschaft nur genutzt wurden, um die GentechnikgegnerInnen auszuhorchen. Die Beschuldigten wie Prof. Inge Broer oder Gentechnikfirmenchefin Kerstin Schmidt wurden nicht einmal verhört. Es ist absurd zu glauben, dass Staatsanwaltschaften solche Verfahren aufrollen würden. Einzig im Urteil des Gießener Landgerichts unter anderem gegen den Referenten Jörg Bergstedt findet sich die Feststellung, dass Felder wie das transgene Gerstenfeld ein Fall für die Wirtschaftsstrafkammern sein könnten. Aber Strafverfahren finden in diesem Land nur statt, wenn der Staat (in Form der Staatsanwaltschaft) das auch will. Erhellend ist aber ein weiterer Satz in der Stellungnahme des Prorektors: "Um es klarzustellen: ich bin ein sehr scharfer Kritiker der Gentechnik, zugleich jedoch Vertreter eines ausgewogenen, kritischen Dialogs, bei dem trotzdem
die Würde der Menschen gewahrt bleibt. Es würde mich freuen, wenn von der weiteren Behauptung, ich oder die Universität hätten etwas zensiert oder verboten, abgesehen würde. Es war eine gemeinsame, einstimmige Entscheidung von Studierendenvertretung und Hochschulleitung, dieRaumzuweisung aufzuheben - weil es kein Konzept gab." Und damit ist klar, dass die gesamten Apparate die Zensur mittragen.

Ganz neu ist das alles nicht: Auch der Träger des alternativen Nobelpreises, Percy Schmeißer, bekam von dem gentechnik-fetischistischen Fachbereich ein Verbot, dort aufzutreten. Das war Teilen der Uni hinterher peinlich und sie verkündeten, das würde nicht wieder vorkommen. Wie mensch sieht ...

 

Demo gegen Zensur

Der Vortrag läuft am Mittwoch um 19 Uhr jetzt im Heinrich-Böll-Haus. Um 13 Uhr soll es noch eine Demo gegen die Zensur geben - vor den entsprechenden Fachbereichen der Uni.

Berichte zur Auseinandersetzung:

Wo läuft der böse, einseitige Vortrag?

Der Infotext zum Vortrag und die Termine im Anschluss:
"Monsanto auf Deutsch - Seilschaften zwischen Behörden, Firmen und Forschung"
Kennen Sie Filme oder Bücher über Monsanto? Immer wieder wird einen intensiver Filz zwischen Konzern und Aufsichtsbehörden aufgedeckt. Doch St. Louis, der Firmensitz des Round-up- und Agent-Orange-Herstellers, ist weit weg. Wie aber sieht es in Deutschland aus? Warum werden hier Jahr für Jahr immer neue Felder angelegt, obwohl 80 Prozent der Menschen keine Gentechnik im Essen wollen? Warum fließen Steuergelder auch dieser 80 Prozent fast nur noch in die Gentechnik, wenn es um landwirtschaftliche Forschung geht? Der Blick hinter die Kulissen der Gentechnik mit ihren mafiosen Strukturen und skandalösen Zustände bei Genehmigungen und Geldvergabe bietet eine erschütternde Erklärung, warum die überwältigende Ablehnung und der gesetzlich eigentlich vorhandene Schutz gentechnikfreier Landwirtschaft (einschließlich Imkerei) gegenüber der grünen Gentechnik so wenig Wirkung hat. Denn: In den vergangenen Jahrzehnten sind alle relevanten Posten in Genehmigungsbehörden, Bundesfachanstalten und geldvergebenden Ministerien mit GentechnikbefürworterInnen besetzt worden. Die meisten von ihnen sind direkt in die Gentechnikkonzerne eingebunden. Mafiose Geflechte von Kleinstunternehmen und seltsamen Biotechnologieparks names Biotechfarm oder Agrobiotechnikum sind entstanden, zwischen denen Aufträge und Gelder erst veruntreut und dann hin- und hergeschoben werden, bis sich ihre Spur auf den Konten der Beteiligten verliert. Es wird Zeit für einen Widerstand an den Orten der Seilschaften.
In der Veranstaltung werden minutiös die Seilschaften zwischen Behörden, staatlicher und privater Forschung, Konzernen und Lobbyorganisationen durchleuchtet. Jeweils eine Firma (BioOK), eine Behörde (BVL = Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit), das wichtigste Forschungszentrum AgroBioTechnikum (nahe Rostock) und der Lobbyverband InnoPlanta mit den jeweiligen Firmengeflechten werden vorgestellt. Am Beispiel eines kleinen Versuchsfeldes zeigt sich: Deutsche Genfelder sind nichts als Fördermittelbetrug, Schlamperei und der Wille, die Auskreuzung aktiv herbeizuführen.
Um die Wut zu Entschlossenheit statt zur Ohnmacht zu wenden, bildet ein Ausblick auf Möglichkeiten des Widerstandes den Abschluss: "Wer nach mehr Forschung ruft oder sich auf staatliche Stellen verlässt, ist verlassen. Gentechnikfreiheit gibt es nur dann, wenn die 80 Prozent Ablehnung sich auch zeigen!" (zum Reinhören: Ausschnitte des Vortrags auf Youtube) ... alles über www.biotech-seilschaften.de.vu!

  • Mttwoch, 19.5., 19 Uhr in Rostock, Heinrich-Böll-Stiftung in der Mühlenstr. 9/Ecke Gerberstr.
  • Donnerstag, 20.5., 20 Uhr in Greifswald (IKuWo Goethestr.)
  • Freitag, 21.5., 20 Uhr in Hamburg-Harburg (im "Alles wird schön", Friedrich-Naumann-Str. 27, 21075 Hamburg, 5 min von S-Bahnstation Heimfeld)
  • Freitag, 4. Juni in Pforzheim
  • Samstag, 5. Juni, 19 Uhr in Worms (Naturfreundehaus, Floßhafenstr. 7)
  • Sonntag, 6. Juni um 19 Uhr im Kulturcafe Groß Gerau (in der Ortsmitte)
  • Montag, 7. Juni im JUZ Bingen

Weitere Termine in Rostock zum Thema

  • Dienstag, 1.6., 13.30 Uhr in Rostock: Saal 323 im Amtsgericht (Zochstr. 13): Hauptverhandlung vor dem Jugendrichter wegen Feldbesetzung 2009 ++ Flyer

Infoseiten zum Vortrag und den Hintergründen

  • Eingangsseite zum Filz um die Gentechnik
  • Infoseite zur Broschüre, zum Justizkrieg der GentechnikfunktionärInnen Kerstin Schmidt, Uwe Schrader und Horst Rehberger gegen den Autor und zum Vortrag (mit Filmdateien des Vortrags usw.)
  • Download der umstrittenen Broschüre
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Ergänzungen

1.Juni, HRO: Prozess gegen Genfeld-Besetz_is

egal 18.05.2010 - 11:33
Und nicht vergessen:

Amtsgericht Rostock, 1.6.

Prozess gegen drei Aktivist_Innen wegen der Genfeldbesetzung 2009

13:30, Saal 323,

Und die Geschäfstführerin der Lüsewitzer Genmafia, Kersin "Zensur" Schmidt kommt als Zeugin...

weite Kreise

tierr@ 20.05.2010 - 14:47
Petition zur Unterstützung von attackiertem Wissenschaftler
(leider "nur" ebhgl./franz.:
 http://sciencescitoyennes.org/spip.php?article1801

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