Städte im Zeichen der Ökonomie

Klaus Maffei 01.04.2010 17:36 Themen: Freiräume Soziale Kämpfe
Was in Deutschland Ende der 70er Jahre mit Hausbesetzungen in Frankfurt begann, spielte sich bald schon in allen größeren Städten Deutschlands ab. ArbeitsmigrantInnen, mittellose Familien und StudentInnen waren zum Teil an diesem Phänomen der Aneignung beteiligt gewesen. Im Zuge dieser Bewegung und aufgrund der mangelhaften Umstände wie Wohnungsnot oder fehlendem Geld, eroberte sich eine niedrigere soziale Schicht Gebäude, die einst bessere Tage gesehen hatten, und verlieh der Parole “Recht auf Wohnraum” ein Gesicht, indem sie sich diesen einfach nahm. Viele dieser Gebiete erhielten später Nutzungsverträge zu geringen Preisen, unter anderem wurden Haus- und Wohnprojekte gegründet, in denen meist nur symbolische Mieten an den Hauseigentümer überwiesen wurden. Doch heute gibt es ein anderes Phänomen der Rückeroberung.
Hatte die „Zurückeroberung des Lebensraums“ einst mit brutalen Straßenschlachten Ende der 80er noch ihren Höhepunkt und später Anfang der 90er größtenteils befriedete Verträge erzwungen, werden nun diese „rechtsfreien Räume“, wie sie die Polizei später nannte Stück für Stück saniert, erneuert, renoviert oder abgerissen. Die BewohnerInnen der Häuser müssen so genannten Gentrifizierungsprozessen weichen, nicht selten können sie sich nach einer vollzogenen Haussanierung die Mieten in den „aufgewerteten“ Mietobjekten gar nicht mehr leisten. Sie ziehen, oft nach langem Kampf an den Stadtrand. Nicht selten bleiben ganze Straßenzüge leer, bis der Mieter ausgezogen ist. Dieser Vorgang, der auch oft „Entmietung” genannt wird, wird häufig seitens der VermieterInnen mit widrigen Mitteln gekämpft. In manchen Fällen kann so ein Vorgang über 10 Jahre dauern.

Das Berliner Viertel Friedrichshain beispielsweise haben Unternehmer und Spekulanten schon längst als neues „Szene Viertel entdeckt“. Durch die “Privatisierung” von Wohnprojekten hat ein bestimmter Prozentsatz der Bevölkerung ökonomisch einfach keine Chance mehr dort zu wohnen. Dies macht sich vor allem auch am neuen Publikum bemerkbar, dass dort die Straßen bevölkert. Unterschiedliche Namen werden für diese neue junge dynamische Oberschicht kreiert und nicht selten sind am Aufstieg des Viertels auch ehemalige, jetzt erfolgreiche, Studenten beteiligt. In den USA werden solche Leute „Bobos“ genannt (der Begriff setzt sich zusammen aus bourgeois und bohemian), die neue Elite des Informationszeitalters. Die Definition bleibt dabei jedem selbst überlassen. „Reichtum und Rebellion, beruflicher Erfolg und eine nonkonformistische Haltung, das Denken der Hippies und der unternehmerische Geist der Yuppies (David Brooks), so könnte man diese neue Schicht in die “Gesellschaftspyramide” einordnen. Die neuen Bewohner, oft aus dem Westen Deutschlands, werden nicht selten diffamiert, beispielsweise als "Porno Hippie Schwaben bezeichnet und verantwortlich gemacht für die drohende Vertreibung einzelner Bevölkerungsschichten aus bestimmten Stadtteilen.

Es verändert sich etwas in allen größeren Städten Deutschlands. Privatinvestoren, von ihren GegnerInnen und KritikerInnen manchmal auch "Miethaie" genannt, spekulieren mit den Gebäuden, lassen sie entweder verfallen, verkaufen den Baugrund, oder die neuen Wohnungen zu für die alten Bewohner zu unbezahlbaren Preisen. Dies ist nicht nur im Stadtteil Friedrichshain zu spüren. Mit dem ausgelösten Boom, nach der Wende erfährt die neue Hauptstadt eine zuvor noch nie erlebte Bau und Sanierungswelle. Oft scherzhaft als „größte Baustelle der Welt“ bezeichnet, verzieren unzählbare Scharen von Baukränen die Silhouette der Hauptstadt. Mit dem Projekt "Media Spree" eines der größten Investorenprojekte in Berlin, sei ein weiteres Beispiel für die aussortierende Art und Weise genannt, wie Firmen bestimmte Orte lukrativer machen wollen. In diesem Fall ist die Ansiedlung von Kommunikations- und Medienunternehmen entlang eines Teils des Spreeufers und eine diesem Bereich entsprechende Umstrukturierung geplant. Unter anderem sollen dort Bürogebäude, Lofts, Hotels und andere Neubauten entstehen. Dass sich die Bewohner der Viertel sich das in vielen Fällen nicht bieten lassen, macht sich nicht nur in gewalttätigen Aktionen, gegen Luxusautos oder so genannten Luxuslofts bemerkbar (fast täglich dem Polizeibericht zu entnehmen), sondern spiegelt sich auch in der Bürgerinitiative "Media Spree versenken" wieder, die im Juli 2008 mit einem Bürgerbescheid die notwendige Marke erreichten.
Manche Kämpfe werden offen geführt, wie zum Beispiel beim, durch die Polizei geräumten Hausprojekt “York59” in Berlin-Kreuzberg. In diesem sozialen Wohnprojekt arbeiteten neben der Antirassistischen Initiative, unter anderem auch die Afrikanische Fraueninitiative, Radio Onda, oder der Nachrichtenpool Lateinamerika. Nach dem Ablauf eines Nutzungsvertrags wurde der Bau saniert und zu Luxuslofts umfunktioniert, die über die Firma “selectberlin properties” vermietet werden. Mittlerweile zählt zu den prominentesten Gästen auch der deutsche Filmstar Till Schweiger. Ein privater Sicherheitsdienst schirmt das Haus Tag und Nacht ab, um “Angriffe” zu verhindern.

Doch nicht nur in Berlin macht sich die Privatisierung von öffentlichem Wohnraum, oder einst günstigen Alternativen, bemerkbar. So ließ der Hamburger Senat 2002 beispielsweise einen bewohnten Bauwagenplatz im Stadtteil St. Pauli räumen, weil dieser im Sanierungsgebiet Karolinenviertel lag. Der Entschluss wurde aus dem Grund durchgeführt, “diese Wohnform nicht mehr zu dulden”, wie es offiziell hieß. Der wirkliche Grund war wahrscheinlich der, dass die Hamburg Messe und Congress GmbH eine Messeerweiterung geplant hatte. Nach offiziellen Senatsplänen sollten an dem ehemaligen Ort des Bauwagenplatzes stattdessen Kleingärten für Anwohner errichtet werden. Für solche ähnlichen Sanierungsprozesse steht auch das neue Mövenpickhotel am Schanzenpark im dazugehörigen Schanzenviertel. In der Hafenstadt hat sich mittlerweile gegen solche Geschehnisse das Aktionsnetzwerk “Es regnet Kaviar” gegründet.

Auch in der bayerischen Landeshauptstadt München werden ehemalige Szeneviertel wie, die inzwischen zum Stadtbezirk 2 Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt gehörenden, Gärtnerplatz- und Glockenbachviertel. Auch hier richten sich Bars und Kneipen ein, deren Preise sich nicht mehr jeder Bewohner Münchens leisten kann, kleineren Läden hingegen drohen Anzeigen wegen Ruhestörung. Was einst im ehemaligen Studenten- und Künstlerviertel Schwabing Realität wurde, droht sich nun zu wiederholen. Als es um das Prestige der Stadt ging, vergriff man sich 2006 auch schon mal an einem Obdachlosenselbsthilfeprojekt (welches der Grundstückseigentümerin jeden Monat sogar pünktlich die Miete überwiesen hatte), dem “Gnadenacker”. Aller Protest half nichts, die Bundesgartenshau eröffnete, kurz nach der polizeilichen Räumung, nicht weit weg ihre Pforten. Finanziert wurde die Ausstellung damals von öffentlichen Geldern in zweistelliger Millionenhöhe. Die enormen Räumungskosten hat der Verein Ameise e.V. selbst zu tragen, dass sie überhaupt erbracht werden können erscheint unrealistisch.

Dass Stadtumstrukturierung kein deutsches Problem ist, ist spätestens seit den späten 80ern bewiesen, als in New York 1988 einige AktivistInnen mit dem Slogan „Gentrification is classwar - Fight back“ gegen die Räumung des Tompkins Square Parks gekämpft hatten. In und rund um den Park herum lebten damals viele Obdachlose. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion prügelte die Polizei die Menschen aus ihren Zelten, zerstörte ihre Unterkünfte und sperrte den Park zunächst ab. Er wurde wieder erneuert und restauriert. Die Schließung sollte damals die Obdachlosen fernhalten. Auch in anderen europäischen Ländern gibt es ähnliche Prozesse, etwa bei der Absperrung bestimmter Wohngebiete in Südspanien (Marbella) durch private Sicherheitsdienste. Meist sind die Bewohner dieser Gebiete Engländer oder Deutsche, die hier von außen abgeschirmt in Hotels oder großen Villen mit eigenen Parkanlagen und Infrastruktur wohnen. Wenn man an die Stadtrandgebiete (von Großstädten) geht kann man in vielen, zum Teil sogar europäischen Ländern, Wellblechhütten entdecken. Ob man nun von den Favelas in Brasilien, den Townships in Südafrika, den Banlieues in Frankreich, oder den Slums in England spricht. Die Bilder gleichen sich doch immer wieder wie ein Ei dem anderen. Die Infrastruktur reicht von katastrophal bis gerade so am Limit. Entweder wohnen ihre BewohnerInnen in Kartonstädten oder in anderen „minderwertigen Wohngelegenheiten”, auf engstem Raum. Meist sind diese Gebiete am Stadtrand zu finden und zwar abhängig von der Großsstadt, für reichere Leute jedoch Sperrgebiete. Trabantenstädte, Vorstädte. Plattenbausiedlungen, oder Satelitenstädte sind charakteristisch für ganze (Groß-)Stadtrandbezirke. In Deutschland kann man in solchen Vierteln öfters mit Bevölkerungsstruktur von Menschen mit wenig, bis gar keinem Einkommen rechnen. Viele haben die Hoffnung schon aufgegeben, oder versuchen um jeden Preis diese Orte zu verlassen. Dies gelingt allerdings nur den wenigsten soziokulturelle Konflikte werden verschärft nach außen getragen, oft leben dort viele Migranten, es kann überbetontes nationalistisches oder (rechts)radikales Gedankengut entstehen, dass sich meist in einer aggressiven Art und Weise Gehör verschaffen möchte. Interessant ist gerade, dass vor allem Menschen, die nicht in solchen Stadtteilen leben von “Problemvierteln” oder so genannten “No-Go-Areas” sprechen. Auch wenn diese Stigmatisierung von den Betroffenen oft zurückgewiesen wird, sie findet trotzdem tagtäglich statt. Beim Suchen von Arbeit, oder Wohnraum, spielt der soziale Status, Sprache und Kultur eine sehr große Rolle.

In den letzten Jahrzehnten haben sich, wie bereits angedeutet, (soziale) Gegenbewegungen als Protestform gegründete, um das so genannte “Recht auf Wohnraum”einzufordern. Nicht selten kommt es zu Demonstrationen, oder kulturellen spontanen Veranstaltungen wie etwa einer “Reclaim the streets” (das Recht sich die Straße zurückzuerobern), der “Critical Mass” (Fahrraddemo) oder dem “Guerilla Gardening” (spontane Baumpflanzungen). Dass es dabei auch um Lebensräume geht, wird in Mittel-oder Südamerika klar. Hier gibt es, um nicht immer europäische Beispiele zu nennen, immer wieder Besetzungen von Land durch so genannte Landlose, um dort eigenen Wohnraum abzustecken. Oft berufen sich diese auf alte Revolutionen und Landverteilungen von ehemaligem Großgrundbesitz bei vergangenen Revolutionen, wie etwa die “Zapatistas” in Mexiko. Sozialwissenschaftler, bzw. Soziologen die sich mit dem Phänomen der Stadtumstrukturierung befassen ist unter anderem Andrej Holm. Nicht immer sind die dabei entwickelten Analysen bei der Politik willkommen, so musste Andrej Holm, der sich mit Stadterneuerung, Gentrifizierung und Wohnungspolitik im internationalen Vergleich beschäftigt, fast einen Monat ins Gefängnis, da ihm vorgeworfen wurde, Mitglied in einer terroristischen Vereinigung zu sein. Ihm wurde vorgeworfen Mitglied einer, zum Zeitpunkt der Verhaftung von der Bundesanwaltschaft als terroristisch eingestuften, “militanten gruppe” zu sein. Nach Protesten und einem offenen Brief, unter anderem unterzeichnet von 43 Wissenschaftlern aus dem In- und Ausland, kam Holm frei. Gegen ihn wurde zwar keine Anklage erhoben, die Ermittlungen wurden jedoch zunächst weitergeführt. Es scheint so, als ob Kritik (selbst wenn sie wissenschaftlich ist,) nicht immer auf offene Ohren bei Polizei und Justiz stößt. Dabei haben es andere berühmtere Wissenschaftler vorgemacht, so hat zum Beispiel kurz vor seinem Tod der Soziologe Piere Bordieu das globalisierungskritische Netzwerk “attac” mitbegründet. Wahrscheinlich als Resümeé auf seine eigene lebenslange Arbeit: Das Erforschen von (sozialen) Funktionsmechanismen in der Gesellschaft der Menschen.
Creative Commons-Lizenzvertrag Dieser Inhalt ist unter einer
Creative Commons-Lizenz lizenziert.
Indymedia ist eine Veröffentlichungsplattform, auf der jede und jeder selbstverfasste Berichte publizieren kann. Eine Überprüfung der Inhalte und eine redaktionelle Bearbeitung der Beiträge finden nicht statt. Bei Anregungen und Fragen zu diesem Artikel wenden sie sich bitte direkt an die Verfasserin oder den Verfasser.
(Moderationskriterien von Indymedia Deutschland)

Ergänzungen

Die Adalbertstraße 6 in Kreuzberg

Zitat 02.04.2010 - 00:43
Eine kurze Geschichte der Verdrängung aus den Innenbezirken

Das erste Haus hinter dem Zentrum Kreuzberg, die Adalbertstraße 6, ist aufgrund seiner Geschichte und wegen seiner beklebten Fassade vielen bekannt. Das Gebäude steht noch, weil es 1980, als die Altbauten Kreuzbergs vom Abriss bedroht waren, besetzt wurde. In den 80er Jahren wurde die Adalbertstraße 6 ein Hausprojekt – genannt „A6“ – im Eigentum der damals noch städtischen Gewerbesiedlungs-Gesellschaft GSG. Unter deren Verwaltung konnte die Hausgemeinschaft das Gebäude nach ihren Vorstellungen nutzen. Etagenmietverträge wurden abgeschlossen, die Erdgeschosswohnung als Nachbarschaftsladen genutzt, und die Hofbegrünung, die Hausreinigung, eine Werkstatt im Hof und vieles mehr wurde gemeinschaftlich organisiert.
Doch 2005 erwarb die T. Akar Hausverwaltung durch die Gesellschafter Tefvik Akar und Hasan Durak das Haus. Eine der ersten „Amtshandlungen“ des neuen Vermieters Akar war es, die Tür zum Hof gewaltsam einzutreten. Es folgten Mieterhöhungen und Versuche, die Mietverträge ungünstiger für die Mieter/innen zu gestalten. Die Nutzung des Gemeinschaftskellers und der Werkstatt wurde verboten. Eigentum aus dem Gemeinschaftskeller wurde entfernt und zerstört. Die Hofbegrünung und die Kompostanlage wurden zerstört, der Zugang zum Dach gesperrt, Pflanzen im Treppenhaus verboten und die Nutzung des Nachbarschaftsladens untersagt.

Weiterlesen:  http://www.bmgev.de/mieterecho/mepdf/me339heft.pdf - ab Seite 21

München?

egal 02.04.2010 - 09:47
Die Gentrifizierung von Gärtnerplatz- und Glockenbachviertel ist IMHO schon längst so gut wie abgeschlossen. Es gibt halt noch die üblichen ein bis zwei Ausnahmen, ansonsten ist es dort so schick wie man es sich vom Snob-München erwartet. Aufwertungsmaßnahmen sind in anderen Stadtteilen, wie dem Westend viel direkter zu beobachten, weil sie gerade erst anfangen zu greifen.
Außerdem schadet es nichts den Text vorm Abschicken nochmal zu lesen:
"Auch in der bayerischen Landeshauptstadt München werden ehemalige Szeneviertel wie, die inzwischen zum Stadtbezirk 2 Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt gehörenden, Gärtnerplatz- und Glockenbachviertel." ist kein Satz.

Quellenangabe

A6 Hausgemeinschaft 12.04.2010 - 18:18
Der Artikel ist die lange Version des Artikels veröffentlicht in der Märzausgabe des Mieterechos 2010:  http://www.bmgev.de/mieterecho/mepdf/me339heft.pdf

Beiträge die keine inhaltliche Ergänzung darstellen

Zeige die folgenden 2 Kommentare an

@ egal — Bolle