"Der Kapitalismus ist die Katastrophe": Chile nach dem Erdbeben
Santiago de Chile. In den frühen Morgenstunden des 27. Februar erschütterte ein Erdbeben weite Teile Chiles. Mehr als 500 Menschen kamen dabei bisher zu Tode, Tausende werden nach wie vor vermisst. Das Beben ließ ganze Städte in Trümmern zurück, Hunderttausende wurden obdachlos. Die Grundversorgung im Krisengebiet ist zusammengebrochen und in weiten Teilen nach wie vor nicht wiederhergestellt. Ein Tsunami verwüstete zahlreiche küstennahe Städte.
Die staatlichen Autoritäten offenbarten ein durch und durch krisenreiches Krisenmanagement.
Infos [de]: Plünderungen und Repressionen | Propaganda als Benefiz | Repressionen nach der Katastrophe | Amtswechsel in Chile | Interviews: [1] [2] [3] [4] [5]
Infos [es]: Hommodolars: [1] [2] [3] [4] [5] [6] [7] | IMC Santiago: [1] [2] [3] [4] [5] | IMC Chile-Sur: [1] [2] | El Mostrador: [1] [2] [3] [4] [5] | El Cuidadano: [1] | interaktive Karte von El Mercurio
IMCs in Chile: IMC Santiago | IMC Chile-Sur | IMC Valparaíso
Plünderungen und "Null Toleranz"
Noch gleichen Tag desschweren Bebens erfolgten zahlreiche Plünderungen von Supermärkten undweiteren Geschäften. Der Staat reagierte mit aller Härte: derAusnahmezustand wurde für das Katastrophengebiet ausgerufen, eineAusgangssperre verhängt. Seither regiert das Militär. Schießereien zwischen Bürgerwehr, Plündernden und dem Militär erreigneten sich rasch nach dem Beben.
Mindestens20 Todesopfer werden seither gemeldet, darunter ein Polizist. Ein 45-jähriger soll vonSoldaten zu Tode geprügelt worden sein, Mittwochnachts erschossenMilitärs einen 25 Jahre alten Fischer in Constitución. Nun ermitteln Behörden.
Indes wurden bisher hundertevon Menschen von Militär und Polizei festgenommen. Wie die Tageszeitung La Tercera berichtet, zeigten die eigenen Nachbarn Plünderer von Supermärkten an. 90% aller Plündernden, so titelte La Tercera am 9. März, haben keinerlei Vorstrafen. Aus Angst vor Strafverfolgung, gaben Hunderte Diebesgut wie Waschmaschinen und Plasmafernseher wieder zurück. Den Plündernden drohen nun Haftstrafen von bis zu zehn Jahren.
Geeinter Wiederaufbau: PR für Politik und Wirtschaft
Erste Hilfsleistungen gelangten erst nach drei Tagen in dasKrisengebiet. Internationale Hilfe wurde von der Ex-PräsidentinMichelle Bachelet die ersten drei Tage nach dem Beben strikt verweigert. Dochdie Hilfsgüter erreichen nur langsam kleine Dörfer, die durch Schuttund Treibgut auf den Straßen von der Außenwelt weitgehend abgeschnittensind. Nahrungsmittel sind nach wie vor knapp. Daran kann auch nicht Piñerasgroßväterliches Verteilen von Lebensmittelgutscheinen etwas ändern. 30 Millionen US-Dollar soll es kosten die Infrastruktur samt eingestürtzter Gebäude wieder herzurichten. Doch der Wiederaufbau läuft nun auf Hochtouren. Und hierbei packen alle an.Jede_r will dabei sein. Freiwillige ziehen in den Süden aus umLebensmittel zu verteilen, Kleiderspenden zu sortieren oder den Schuttvon Straßen zu räumen. Und sei es auch nur für ein Wochenende. Wändeund Heckscheiben von Autos werden in Santiago bemalt, "¡Fuerza Chile!"oder "¡Vamos Chile!" ist zu lesen. Das Volk scheint geeint imwahnhaften Taumel unter den Beben.
Die Politik heizt nicht weniger ein. Großevents wie der Teletón verkünden lärmend: "Chile ayuda a Chile". Piñera und Bachelet halten reißende Ansprachen. Zur Einheit wird gemahnt. Und ebenso zur Einsicht. Man müsse nun zusammenhalten statt in dieser schweren Zeit die Regierung kritisieren. Alle sind sich nun einander solidarisch, das steht außer Frage. Kritik wird nicht mehr geduldet. Symbolisch für den Wiederaufbau steht Bruno, der aus Dreck und Schotter die zerschlissene Nationalflagge zerrt (siehe Bild). Unter all dem Leid ist eines Heile geblieben: der Nationalstolz. "Unsere Flagge mag zwar beschädigt sein, aber sie ist noch immer eins", gibt Bachelet auf dem Teletón kund.
Doch auch die Wirtschaft hat die Gunst der Stunde erkannt. Banken geben Kredite für geringe Zinsen heraus, Telefongesellschaften verschenken Freiminuten und 50 SMS gratis. "Telmex, deine Telefonfirma ist mit dir, denn wir stellen die Kommunikation, die Chile heute braucht." Die CCU, eine der riesigen Getränkekonsortien in Chile, schickt 40 LKWs mit einer Fuhre von einer Million Litern Erfrischungsgetränken wie Pepsi, Bilz und Pap in das Katastrophengebiet. Andere lancieren Werbekampagnen mit diversen Vergünstigungen: "Kaufe bei Sodimac einen Ziegelstein und wir spenden einen weiteren damit wir gemeinsam uns aufrichten und Chile neu errichten." Es bleibt ein übler Beigeschmack, wenn die Geschäfte über einen Leichenhaufen angekurbelt werden. Doch so oder so, die Rechnung geht auf.
Schwere Nachbeben
Am Donnerstag Nachmittag zitterte die Erde erneut in Chile. EinNachbeben der Stärke 6.9 auf der Richterskala erschütterte das Land.Das Epizentrum lag in Rancagua, in der 6. Region O' Higgins, etwa 100kmvon Santiago entfernt. Wie die Tageszeitung La Terceraberichtet, ist etwa 80% der Grundversorgung durch das schwere Nachbebenin der Region ausgefallen. Die Marine gab sofort nach den Beben eineTsunamiwarnung heraus. Von der vierten Region bis an die weit im Südengelegene Insel Chiloé, insgesamt ein etwa 2.000km langer Landstreifen. In den Küstenregionen löste das Erdbeben eine regelrechte Panik aus. In der Hafenstadt Valparaíso flüchteten sich Zehntausende auf die nahegelegenen Hügel während die Polizei Supermärkte, Banken und Geschäfte vor Einbrüchen sicherte. Glücklicherweise sind durch die jüngsten Nachbeben keinerlei Tote zu beklagen. Seit dem schweren Beben wird das Land von mehr als 120 Nachbeben geplagt. Nicht jede sind dabei so stark wie jenes von Donnerstag, die Menschen sind dennoch verängstigt. Viele von ihnen schlafen schlecht in der Nacht oder bekommen Panik bei Anzeichen kleinster Nachbeben. Seismologen berichten, dass die Nachbeben noch bis zu Jahren andauern können.
Am Tag des Machtwechsels und der Amtseinführungdes neuen Präsidenten Piñera rief dieser unverzüglich denAusnahmezustand für die 6. Region aus. Tausende Soldaten befinden sich nun aufdem Weg in das Erdbebengebiet um für Sicherheit und Ordnung zu sorgen.
Weitere Artikel des Autonomen Medienkollektivs Rhein-Neckar:
- 6. März 2010 - [Chile] Plünderungen nach dem Beben: "Man sollte sie alle erschießen!"
- 10. Mai 2009 - [Mainz] 1. Mai - Naziouting Do It Yourself
- 31. März 2009 - Es war einmal... von der Nato und linker Kritik
- 26. November 2008 - "Freiheit stirbt mit Sicherheit!" - Widerstand gegen neues Versammlungsgesetz in BaWü
- 20. Oktober 2008 - Bühl zwischen Repression und Solidarität
- 18. Oktober 2008 - Kein Tage ohne - AZ-Woche in Heidelberg
- 6. September 2008 - Communiqué: Indymedia linksunten launched
- 16. Juni 2008 - Partybesetzung gegen Heidelberger Zustände
- 19. Mai 2008 - Weinheim: von "Pimmeln" und Fackeln - der WSC marschiert auf
- 19. April 2008 - Rhein-Neckar: Ob Sonne oder Regen - Freiräume überall!
- 27. Februar 2008 - Pforzheim: Zwischen Repression und Opfermythos
- 13. Februar 2008 - Freiraumtage 2008: Vernetzung in Mannheim
(Moderationskriterien von Indymedia Deutschland)

Ergänzungen
Naturkatastrophe und Kapitalismus
Re. Katastrophe
Zum Glück blasen in Chile allerdings nicht alle Gruppen und Organisationen ins gleiche Horn.
Liebe Grüße,
Seba Sternthal
Beiträge die keine inhaltliche Ergänzung darstellen
Katastrophe — Bodo