"Der Kapitalismus ist die Katastrophe": Chile nach dem Erdbeben

AMK*rn in Coop mit Sebastian Sternthal 23.03.2010 17:50 Themen: Medien Militarismus Repression Soziale Kämpfe Weltweit

Santiago de Chile. In den frühen Morgenstunden des 27. Februar erschütterte ein Erdbeben weite Teile Chiles. Mehr als 500 Menschen kamen dabei bisher zu Tode, Tausende werden nach wie vor vermisst. Das Beben ließ ganze Städte in Trümmern zurück, Hunderttausende wurden obdachlos. Die Grundversorgung im Krisengebiet ist zusammengebrochen und in weiten Teilen nach wie vor nicht wiederhergestellt. Ein Tsunami verwüstete zahlreiche küstennahe Städte.
Die staatlichen Autoritäten offenbarten ein durch und durch krisenreiches Krisenmanagement.
Infos [de]: Plünderungen und Repressionen | Propaganda als Benefiz | Repressionen nach der Katastrophe | Amtswechsel in Chile | Interviews: [1] [2] [3] [4] [5]
Infos [es]: Hommodolars: [1] [2] [3] [4] [5] [6] [7] | IMC Santiago: [1] [2] [3] [4] [5] | IMC Chile-Sur: [1] [2] | El Mostrador: [1] [2] [3] [4] [5] | El Cuidadano: [1] | interaktive Karte von El Mercurio
IMCs in Chile: IMC Santiago | IMC Chile-Sur | IMC Valparaíso

Weil die Tsunamiwarnung eines US-Instituts den chilenischen Behörden"unklar war", verharrten diese schlicht in Untätigkeit. Ein fataler Fehler, derhunderten von Menschen das Leben kostete. Selbst die damals amtierende Präsidentin Bachelet rechtfertigte die schweren Versäumnisse damit, dass die Lage unklar gewesen sei. Die Kritik in den Medien an dem Verhalten der Behörden reißte jedoch nicht ab. Als Konsequenz ist die Vorsitzende Carmen Fernández des nationalen Büros für Notfälle (ONEMI) am 10. März zurückgetreten. Salopp versucht der Staat seine Schuld von sich zu weisen und den Vorfall auf die Verantwortung Einzelner zu reduzieren.



Plünderungen und "Null Toleranz"

Noch gleichen Tag desschweren Bebens erfolgten zahlreiche Plünderungen von Supermärkten undweiteren Geschäften. Der Staat reagierte mit aller Härte: derAusnahmezustand wurde für das Katastrophengebiet ausgerufen, eineAusgangssperre verhängt. Seither regiert das Militär. Schießereien zwischen Bürgerwehr, Plündernden und  dem Militär erreigneten sich rasch nach dem Beben.

Mindestens20 Todesopfer werden seither gemeldet, darunter ein Polizist. Ein 45-jähriger soll vonSoldaten zu Tode geprügelt worden sein, Mittwochnachts erschossenMilitärs einen 25 Jahre alten Fischer in Constitución. Nun ermitteln Behörden.

Indes wurden bisher hundertevon Menschen von Militär und Polizei festgenommen. Wie die Tageszeitung La Tercera berichtet, zeigten die eigenen Nachbarn Plünderer von Supermärkten an. 90% aller Plündernden, so titelte La Tercera am 9. März, haben keinerlei Vorstrafen. Aus Angst vor Strafverfolgung, gaben Hunderte Diebesgut wie Waschmaschinen und Plasmafernseher wieder zurück. Den Plündernden drohen nun Haftstrafen von bis zu zehn Jahren.



Geeinter Wiederaufbau: PR für Politik und Wirtschaft

Erste Hilfsleistungen gelangten erst nach drei Tagen in dasKrisengebiet. Internationale Hilfe wurde von der Ex-PräsidentinMichelle Bachelet die ersten drei Tage nach dem Beben strikt verweigert. Dochdie Hilfsgüter erreichen nur langsam kleine Dörfer, die durch Schuttund Treibgut auf den Straßen von der Außenwelt weitgehend abgeschnittensind.  Nahrungsmittel sind nach wie vor knapp. Daran kann auch nicht Piñerasgroßväterliches Verteilen von Lebensmittelgutscheinen etwas ändern. 30 Millionen US-Dollar soll es kosten die Infrastruktur samt eingestürtzter Gebäude wieder herzurichten. Doch der Wiederaufbau läuft nun auf Hochtouren. Und hierbei packen alle an.Jede_r will dabei sein. Freiwillige ziehen in den Süden aus umLebensmittel zu verteilen, Kleiderspenden zu sortieren oder den Schuttvon Straßen zu räumen. Und sei es auch nur für ein Wochenende. Wändeund Heckscheiben von Autos werden in Santiago bemalt, "¡Fuerza Chile!"oder "¡Vamos Chile!" ist zu lesen. Das Volk scheint geeint imwahnhaften Taumel unter den Beben.

Die Politik heizt nicht weniger ein. Großevents wie der Teletón verkünden lärmend: "Chile ayuda a Chile". Piñera und Bachelet halten reißende Ansprachen. Zur Einheit wird gemahnt. Und ebenso zur Einsicht. Man müsse nun zusammenhalten statt in dieser schweren Zeit die Regierung kritisieren. Alle sind sich nun einander solidarisch, das steht außer Frage. Kritik wird nicht mehr geduldet. Symbolisch für den Wiederaufbau steht Bruno, der aus Dreck und Schotter die zerschlissene Nationalflagge zerrt (siehe Bild). Unter all dem Leid ist eines Heile geblieben: der Nationalstolz. "Unsere Flagge mag zwar beschädigt sein, aber sie ist noch immer eins", gibt Bachelet auf dem Teletón kund.

Doch auch die Wirtschaft hat die Gunst der Stunde erkannt. Banken geben Kredite für geringe Zinsen heraus, Telefongesellschaften verschenken Freiminuten und 50 SMS gratis. "Telmex, deine Telefonfirma ist mit dir, denn wir stellen die Kommunikation, die Chile heute braucht." Die CCU, eine der riesigen Getränkekonsortien in Chile, schickt 40 LKWs mit einer Fuhre von einer Million Litern Erfrischungsgetränken wie Pepsi, Bilz und Pap in das Katastrophengebiet. Andere lancieren Werbekampagnen mit diversen Vergünstigungen: "Kaufe bei Sodimac einen Ziegelstein und wir spenden einen weiteren damit wir gemeinsam uns aufrichten und Chile neu errichten." Es bleibt ein übler Beigeschmack, wenn die Geschäfte über einen Leichenhaufen angekurbelt werden. Doch so oder so, die Rechnung geht auf. 



Schwere Nachbeben

Am Donnerstag Nachmittag zitterte die Erde erneut in Chile. EinNachbeben der Stärke 6.9 auf der Richterskala erschütterte das Land.Das Epizentrum lag in Rancagua, in der 6. Region O' Higgins, etwa 100kmvon Santiago entfernt. Wie die Tageszeitung La Terceraberichtet, ist etwa 80% der Grundversorgung durch das schwere Nachbebenin der Region ausgefallen. Die Marine gab sofort nach den Beben eineTsunamiwarnung heraus. Von der vierten Region bis an die weit im Südengelegene Insel Chiloé, insgesamt ein etwa 2.000km langer Landstreifen. In den Küstenregionen löste das Erdbeben eine regelrechte Panik aus. In der Hafenstadt Valparaíso flüchteten sich Zehntausende auf die nahegelegenen Hügel während die Polizei Supermärkte, Banken und Geschäfte vor Einbrüchen sicherte. Glücklicherweise sind durch die jüngsten Nachbeben keinerlei Tote zu beklagen. Seit dem schweren Beben wird das Land von mehr als 120 Nachbeben geplagt. Nicht jede sind dabei so stark wie jenes von Donnerstag, die Menschen sind dennoch verängstigt. Viele von ihnen schlafen schlecht in der Nacht oder bekommen Panik bei Anzeichen kleinster Nachbeben. Seismologen berichten, dass die Nachbeben noch bis zu Jahren andauern können.

Am Tag des Machtwechsels und der Amtseinführungdes neuen Präsidenten Piñera rief dieser unverzüglich denAusnahmezustand für die 6. Region aus. Tausende Soldaten befinden sich nun aufdem Weg in das Erdbebengebiet um für Sicherheit und Ordnung zu sorgen.

 

 


Weitere Artikel des Autonomen Medienkollektivs Rhein-Neckar:


 


Creative Commons-Lizenzvertrag Dieser Inhalt ist unter einer
Creative Commons-Lizenz lizenziert.
Indymedia ist eine Veröffentlichungsplattform, auf der jede und jeder selbstverfasste Berichte publizieren kann. Eine Überprüfung der Inhalte und eine redaktionelle Bearbeitung der Beiträge finden nicht statt. Bei Anregungen und Fragen zu diesem Artikel wenden sie sich bitte direkt an die Verfasserin oder den Verfasser.
(Moderationskriterien von Indymedia Deutschland)

Ergänzungen

Naturkatastrophe und Kapitalismus

RSH 23.03.2010 - 20:30
Dazu eine Leseempfehlung. Der Text befasst sich mit Doppelmoral und Kapitalismus in Bezug auf [die] Katastrophe [in Haiti].

Re. Katastrophe

Seba 25.03.2010 - 00:30
Ja das stimmt leider. Selbst in einem Feature auf Indymedia Santiago wurde die Möglichkeit des Erdbebens als Folge einer Verschwörung von Kapitalist_innen ausgegeben.
Zum Glück blasen in Chile allerdings nicht alle Gruppen und Organisationen ins gleiche Horn.

Liebe Grüße,
Seba Sternthal

Beiträge die keine inhaltliche Ergänzung darstellen

Zeige den folgenden Kommentar an

Katastrophe — Bodo