„Geschichtsrevisionismus und Imagepflege”

ximmigrantx 26.02.2010 19:24 Themen: Antifa Antirassismus Repression
Nazi-Aufmarsch in Cottbus - Zur Berichterstattung über die Bombardierung von Cottbus und den 15.02.2010.
Das öffentliche Gedenken an die Opfer alliierter Bombenangriffe während des zweiten Weltkrieges hat in Deutschland Konjunktur; oft findet es als Reaktion auf Nazi-Kundgebungen oder -Demonstrationen statt, man wolle einer „Instrumentalisierung von rechts“ etwas entgegensetzen und den Schrecken des Krieges würdig gedenken, so oder so ähnlich heißt es dann.

Das Cottbuser Gedenken und die Berichterstattung der Lausitzer Rundschau darüber zeigen jedoch exemplarisch, dass solche Veranstaltungen selbst ein revisionistisches Geschichtsbild erzeugen und verbreiten und somit ihren vorgeblichen Zweck Lügen strafen.

So predigte „Pfarrer Stefan Aegaerter [sic!]“ laut Rundschau – und da bisher keine Gegendarstellung erschien, muss er es wohl wirklich so gesagt haben: „Damals hinterließen die Bomben brennende Wunden, sie zerstörten alle geistigen Werte. Heute sei es deshalb umso wichtiger, das [sic!] Cottbus Gesicht zeige, um Extremisten jeglichen Nährboden zu nehmen“, und die verantwortliche Journalistin fand es wichtig, genau diese Sätze so in ihrem Artikel wiederzugeben.

Es kommt einer Verhöhnung der Millionen von Opfern des nationalsozialistischen Deutschlands gleich, zu behaupten, die Bomben auf Cottbus hätten „alle geistigen Werte“ zerstört. Welche „geistigen Werte“ kann eine Gesellschaft für sich reklamieren, die tatenlos zusah oder aktiv teilnahm an den millionenfachen Gasmorden von Chelmno, Majdanek, Sobibor, Treblinka, Belzec und Auschwitz; eine Gesellschaft, aus der sich die Einsatzgruppen rekrutierten, welche im Schatten der Ostfront Hunderttausende aus nächster Nähe per Genickschuss ermordeten; eine Gesellschaft, die sich an der „Heimatfront“ skrupellos an „arisiertem“ Besitz und Vermögen ihrer jüdischen Nachbarn bereicherte, welche soeben noch vor aller Augen deportiert wurden? Um die Verantwortung für konkrete Verbrechen dann vollends im Allgemeinen aufzulösen und Täterinnen und Täter nicht beim Namen nennen zu müssen, bemüht der Pfarrer noch die pseudowissenschaftliche Extremismusphrase, welche in letzter Konsequenz AntifaschistInnen und WiderständlerInnen mit ihren Mörderinnen und Mördern sowie deren geistigen NachfolgerInnen auf eine Stufe stellt. Die KommentarschreiberInnen der Cottbuser Rundschau, die sich sonst angesichts von angetrunkenen FahrradfahrerInnen in Rage schreiben, haben zu solcherlei Entgleisungen nichts zu sagen und sich beim Lesen derselbigen wohl auch nichts gedacht.

„Viel Unverständnis herrschte darüber, dass die junge Generation kaum noch ein Ohr für die Geschichten aus dem Krieg habe. Dabei sei das der einzige Weg, damit das Furchtbare unvergessen bleibt [sic!]“, wird außerdem in falscher indirekter Rede von den Gedenkveranstaltungen berichtet. Es ist zu bezweifeln, dass „Geschichten aus dem Krieg“ der einzige, ja auch nur der wichtigste Weg sind, um mit dieser deutschen Vergangenheit umzugehen. Verstanden werden muss zuallererst, dass die Bombardierungen deutscher Städte, bei allem persönlichen Leid, das sie erzeugten, nichts abstrakt und ahistorisch Furchtbares waren, sondern die Folge eines von Deutschland ausgehenden brutalen Angriffskrieges und dass die Offensiven der Alliierten die Vollendung der im Schatten dieses Krieges durchgeführten Verbrechen gegen die Menschheit verhinderten, auch wenn dies nicht ihr Hauptziel gewesen sein mag. „Geschichten aus dem Krieg“ können da höchstens als Illustration systematischer historischer Erkenntnisse dienen; Krieg ist eben nicht gleich Krieg, wer dieses abstrakt behauptet, der müsste auch zustimmen, dass ein kriegsverkürzender Friedensschluss zwischen Deutschland und den Westalliierten – wie ihn Himmler und andere bis zuletzt anstrebten – ohne bedingungslose Kapitulation Deutschlands und ohne Befreiung der Konzentrations- und Vernichtungslager wünschenswert gewesen wäre.

Wie viel latenter und offener Geschichtsrevisionismus in der Berichterstattung der Rundschau zum Thema Bombardierung steckt, wird nicht zuletzt in der mehrteiligen Serie zur „Erinnerung an die Schrecken der Zeit“ deutlich, ein einziger hanebüchener Alibi-Absatz soll die historische Kontextualisierung besorgen und auf die deutschen Verbrechen hinweisen. Die Pogromnacht am 9. November 1938 wird immerhin noch konkret benannt, dann gibt es noch ein nebulöses Sätzchen zu „millionenfache[n] Morde[n] an unschuldigen Menschen in deutschem Namen“. Sowohl die apologetische Formulierung „in deutschem Namen“, als auch die Gegenüberstellung eines abstrakten, subjektlosen, irgendwie und irgendwo beginnenden Mordens an irgendwelchen Unschuldigen – hätte man denn schuldig sein, die Ermordung in den deutschen Gaskammern also verdient haben können? – einerseits und der konkreten, ausführlichen, Uhrzeiten, Opferzahlen und etliche Zeitzeugen zitierenden Beschreibungen des Bombardements andererseits, verzerren das geschichtlich Gewesene bis zur Unkenntlichkeit und bewirken eine klare Hierarchie der „Schrecken der Zeit“. Auschwitz und all das wofür diese Chiffre steht, kommen in der Berichterstattung und Geschichtsschreibung der Lausitzer Rundschau nicht vor.

Eine solche Hierarchie wird auch in der Cottbuser Gedenkpraxis selbst deutlich: Man vergleiche den getriebenen Aufwand am 15. Februar mit den Veranstaltungen zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust am 27. Januar, zu welchen man noch nicht einmal die jüdische Gemeinde eingeladen hatte, von deren Existenz Roland Elsner – ein weiterer Kirchenvertreter – trotz Internetrecherche nichts gewusst haben will – man gebe einmal die Begriffe „jüdische Gemeinde“ und „Cottbus“ bei Google ein, um den Wahrheitsgehalt dieser Aussage zu überprüfen.

Am Ende ist es schon fast nicht mehr verwunderlich, dass über den anlässlich der Bombardierung stattfindenden Naziaufmarsch in Cottbus – zumindest auf lr-online.de – überhaupt keine Berichterstattung zu finden ist – das nennt man dann wohl aktive städtische Imagepflege, Journalismus jedenfalls kann man es nicht nennen. Dass einige wenige Menschen – die aus der Geschichte gelernt haben, dass man Nazis nicht durch symbolische Akte und Übernahme ihrer Themen vertreibt – diesen Aufmarsch nicht dulden wollten und dass dieses aktive antifaschistische Engagement für eine Person – wie so oft in Cottbus – im Krankenhaus endete, erfährt man immerhin noch aus einem abgeschriebenen Polizeibericht im Duktus einer Meldung über Falschparker. Hauptsache die Öffentlichkeit wurde ausgiebig darüber informiert, dass eine 104-jährige Cottbuserin Florian Silbereisen getroffen hat – herzlichen Glückwunsch!
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