Aachen: Neues im Prozess gegen H. Boere

AK Kein Vergessen! 29.01.2010 18:42 Themen: Antifa Antirassismus
Eigentlich waren die Plädoyers angekündigt, aber der Prozess gegen Heinrich Boere brachte am Donnerstag neue Erkenntnisse ans Licht. Die Nebenklage hat bei umfangreichen Recherchen Boeres Beteiligung an der Ausspionierung von niederländischen FluchthelferInnen und Untergetauchten aufgedeckt. Sie stellten Strafanzeige wegen 7-fachen Mordes vor der Staatanwaltschaft Köln.
Erwartet wurden die angekündigten Plädoyers für den heutigen Prozesstag sicherlich von einigen. Stattdessen brachten die Anwälte der Nebenklage, Detlef Hartman und Wolfgang Heiermann neue Dokumente und Beweismittel in die Verhandlung ein, die die Biographie Heinrich Boeres in ein neues Licht rücken.
Aus den neuen Erkenntnissen der Nebenklage geht unter anderem hervor, dass Boere nicht nur in Bezug auf seine Biographie, insbesondere seine Rückkehr von der Ostfront, sondern auch in Bezug auf seine Mitgliedschaft bei der N.S.B und seine ideologische Festigung vor Gericht gelogen hat. Er habe sich im Januar 1943 als Sympathisant in den N.S.B eintragen lassen und auch Mitgliedsbeiträge gezahlt, gibt er 1946 bei seiner Vernehmung zu Protokoll. Weiterhin: Im März 1944 ist er in den Dienst der germanischen SS getreten, 1944 ist er im SS-Ausbildungslager Avengoor und macht dort „Übungen (..) mit einem Gewehr bewaffnet“. Auf eigenen Wunsch habe er eine Polizeiausbildung in Schalkhaar gemacht und sei anschließend zur Landwacht eingeteilt worden. Als er anschließend der germanischen SS beitrat, hat er umfangreich den Umgang mit Waffen gelernt und wird unter dem Kommando Fedmeijer mit der Aufgabe betraut, onderduikers, Untergetauchte, und deren niederländische FluchthelferInnen aufzuspüren und zu verraten. 1946 gibt er zu Protokoll: „Ich bekam dann den Auftrag, mich in Maastricht beim Kommandant der Landwacht H. Puts zu melden. Dort war auch Lebbink. Wir bekamen dann den Auftrag, uns beim SD-Mann Ströbel zu melden. Dort haben wir Roseboom getroffen. Wir bekamen dann den Auftrag nach Helden Panningen zu gehen, um heraus zu finden, wo sich onderduikers befinden. Wir sollten uns bemühen, zu ihnen Kontakt zu bekommen, ihr Vertrauen zu gewinnen und alle Informationen zu Untergrundtätigkeit zu bekommen. Wir sind dann mit unseren Fahrrädern mit dem Zug nach Venlo gefahren und später nach Helden Panningen.“ Boere und seine Kameraden gaben sich als Flüchtlinge aus und versuchten Unterschlupf zu finden: „Wir haben dann bei zwei Bauern einen Unterschlupf gekommen, haben aber gesagt, dass wir in ein bis zwei Tagen zurückkommen, weil wir noch Sachen holen müssten. Nachdem wir genug Informationen hatten sind wir zurück nach Maastricht gefahren und haben bei Ströbel unsere Informationen abgegeben“. Bei der darauffolgenden Razzia am 17. Mai 1944, an der auch Heinrich Boere beteiligt war, wurden in Helden und Umgebung insgesamt 52 Personen festgenommen. Mindestens sieben dieser Menschen starben in deutschen oder niederländischen Konzentrationslagern.
Die neuen Erkenntnisse der Nebenklage zeichnen ein Bild Heinrich Boeres, der als überzeugter Nationalsozialist und mit einer eigenständigen, brutalen Triebkraft seine Handlungen verfolgte. Auch die Beförderung zum Hauptscharführer im Juli 1944, die nach den Recherchen der Nebenklage im Zusammenhanghang mit der Ermordung Bickneses stand, widerlegen Heinrich Boeres Selbstdarstellung als bloßen Befehlsempfänger .

Die Anwälte der Nebenklage, Detlef Hartmann und Wolfgang Heiermann betonten die Dimension der tiefen ideologischen Verstrickung Boeres in das nationalsozialistische Fernziel „gewachsene soziale und religiöse Zusammenhänge zu zerstören, um die Verfügung über die dem Terror isoliert ausgelieferten Menschen zu gewinnen, das Gute im Menschen auszumerzen, die Fähigkeit zu Mitgefühl, Empathie und Solidarität, um die vereinzelten Menschen als verflüssigtes und homogenes Material für die nationalsozialistische Gestaltung des Großraums Europa zuzurichten und niedrige Instinkte zu wecken und in die Kollaboration einzuladen.“
Es geht um die Bewertung in einem historischen Kontext. Der heutige Wunsch nach Gerechtigkeit beantwortet sich aus den vielen Widerstandshandlungen, die trotz Terror, öffentlichen Erschießungen und Deportationen nicht verhindert werden konnten.

“Der Widerstand wurde stärker und behauptete seine Werte gegen den Terror. In den bäuerlich geprägten Gebieten Limburgs leistete schließlich fast jede Familie ihren Beitrag zu den Hilfsnetzwerken“.
Und so betonten Heiermann und Hartmann: „Sie sind es, nicht die juristische Aufarbeitung nach all den Jahren der Bewältigungsjustiz mit ihren nicht nachvollziehbaren Einstellungen von Verfahren und Blindheiten für die eigentlichen Schreibtischtäter aus den deutschen Eliten, auf die die Erwartung von Gerechtigkeit sich zu gründen vermag. Das Gewebe der Hilfsgeflechte ist ja nicht zerstört worden, das Ziel der Nationalsozialisten, es in der Verwirklichung ihrer zynischen Gesellschaftsvorstellungen aufzulösen, hat sich nicht realisiert. Die Erinnerung an sie wirkt fort. Sie ist es auch, die dem Wunsch nach Gerechtigkeit noch heute ihre eigentliche Antwort gibt.“

Die Staatsanwaltschaft Aachen unter StA Andreas Brendel – leitender Oberstaatsanwalt Ulrich Maaß war am Prozesstag nicht anwesend – nahm nur kurz Stellung zu den neuen Vorwürfen und Beweisdokumenten, sie schloss sich dem Antrag der Nebenklage nicht an. Es sei irrelevant für den Prozessverlauf, dass Heinrich Boere ein überzeugter Nazi-Täter war. Dass es eigentlich die Aufgabe der Staatsanwaltschaft ist, den Lebenslauf und die Überzeugung des Täters zu überprüfen, ließ er unkommentiert.
Rechtanwalt Matthias Rahmlow, Verteidiger Boeres, wollte sich hingegen gar nicht zu den
Vorwürfen äußern. Er stellte seinerseits, auf Nachfrage des Vorsitzenden Richters Gerd Nohl, einen Antrag auf Überprüfung des Befehlsnotstandes und betonte die Stilisierung Boeres als bloßen Mitläufer. Stellungnahmen der Verteidigung werden beim nächsten Prozesstermin erwartet.
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Ergänzungen

WDR 5 Treffpunkt Ü-Wagen Samstag

Aachener 01.02.2010 - 00:27
Am Samstag, 06.02., findet von 11.05 bis 13.00 ein Treffpunkt Ü-Wagen (also eine Live-Sendung) auf dem Marktplatz in Aachen mit dem Thema

"Müssen die sein? Die letzten NS-Prozesse"

statt, für Aachen natürlich mit Bezug zum Prozess gegen Boere.

 http://klarmann.blogsport.de/2010/01/30/hoeren-muessen-die-sein-die-letzten-ns-prozesse/
 http://www.wdr5.de/veranstaltungen/v/vd/hallo-ue-wagen-in-aachen.html

Beiträge die keine inhaltliche Ergänzung darstellen

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aha... — ...

und du hälst mal — besser die klappe..

@besser die klappe — jo...