Antifa-Beiträge auf Radio Fritz.
Ein Hirn für Nazis!
Fritz-Interviews zu den "rechten Ecken" in Pankow, Prenzlauer Berg und Lichtenberg.
Fritz-Interviews zu den "rechten Ecken" in Pankow, Prenzlauer Berg und Lichtenberg.

Ein Hirn für Nazis
Ende 2009 initierte Radio Fritz die Aufkleber-Aktion „Ein Hirn für Nazis“. Anlass für die Initiative gab eine Reihe von Schilderungen rechter Vorfälle seitens der Fritz-Hörerschaft. Über Sinn und Zweck der Aktion wurde Fritz-intern viel diskutiert. “Mit rechter Gewalt ist es etwa so: manchmal stürzen sich die Medien darauf, manchmal lassen sie die Vorfälle links liegen - da gibt es dann anscheinend “Wichtigeres“, so die Fritz-Macher_innen. Im Fritz-Borad wurde die Initiative teils negativ aufgefasst und von Board-User_innen als Überbewertung des Themas “Neonazis“ klassifiziert (Eine gutes Statement der Board-Moderation zum Thema: hier.
Vom 30.11 bis 06.12.2009 wurde die Aktion mit einer Reihe von Radio-Kurzbeiträgen begleitet, die unter dem Motto “Rechte Ecken checken“ kurze Spotlights auf die Gegenden Berlin und Brandenburgs warf, die einschlägig für rechte Aktivitäten bekannt sind. Außerdem kamen Jugendliche und junge Erwachsene aus verschiedenen Berliner Bezirken und Brandenburger Städten zu Wort, um von ihren Erfahrungen mit Neonazis zu berichten. Die O-Töne können hier angehört werden.
Im Folgenden dokumentieren wir die Beiträge der Sendereihe über die Bezirke Pankow, Prenzlauer Berg und Lichtenberg, die mit den Antifa-Gruppen North East Antifascists (NEA), der Antifa Klein Pankow (AKP) und der Antifa Hohenschönhausen (AH) produziert wurden.

Pankow
Im Beitrag geht es schwerpunktmäßig um die rechte Kneipenlandschaft Pankows. Thematisiert werden die “Rockbar Neffen und Nichten“ in der Mühlenstraße und das ehemalige Spasseck in der Dietzgenstraße. Außerdem werden Schüler_innen des Max-Delbrück-Gymnasium in der Kuckhoffstraße zur Situation vor Ort interviewt.
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Prenzlauer Berg
Ein aktiver Antifaschist spricht über die Situation in Prenzlauer Berg-Nord, unter anderem über die “Eastside Sportsbar“ in der Greifswalder Straße. Zwei Jugendliche kommen zu Wort und schildern Bedrohungsszenarien, die sie bisher von Neonazis rund um den S-Bahnhof Greifswalder Straße und die Erich-Weinert-Siedlung erlebt haben.
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Lichtenberg
Durch die Wortbeiträge der interviewten Antifas wird deutlich, dass die rechte Szene im Weitlingkiez in Lichtenberg einen Großteil ihres organisatorischen und infrastrukturellen Potentials eingebüßt hat. Thematisiert werden unter anderem die mittlerweile geschlossenen rechten Locations “Horido“, das “Picolo“ und “Kiste“. Auch die Kameradschaft Spreewacht findet Erwähnung.
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Nicht alles ist gut, was gut gemein ist.
Trotz langer und informationsreicher Gespräche mit dem Redakteur, der sich um die Erstellung der Beiträge kümmerte, wurde Vieles nicht berücksichtigt. Uns ist klar, dass sich in einem Beitrag, der auf rund vier Minuten begrenzt ist, keine Erläuterung faschistischer Ideologie erbringen lässt. Allerdings wäre es möglich gewesen, deutlich darzustellen, dass Nazis im Jahr 2010 eben nicht mehr dem Klischee des dicken, Springerstiefel tragenden Glatzkopfes entsprechen, das von dem Fritz-Redakteur hier wissentlich falsch gezeichnet wird. Trotz detaillierter Ausführungen über den Stilwandel der rechten Szene wurde in den Radiobeiträgen ein rechtes äußerliches Erscheinungsbild präsentiert, das nicht mehr repräsentativ ist. So wird in einem Interview mit einem Jugendlichen im Prenzlauer Berg das von ihm gewünschte Klischee zwar bestätigt und Gleichzeitig der Fakt ausgeblendet, das die Mehrheit der Übergriffe im Prenzlauer Berg-Nord nicht ausschließlich von so genannten “Comic Nazis“ verübt wurden. So wurde ihm unter anderem von Antifas von einem Übergriff durch so genannte “Autonomen Nationalisten“ berichtet. Der Verfasser der Beiträge hat die verwendeten Aussagen und die Informationen, der ihm überreichten Handouts, so zusammengesetzt, das sie in seine Vorstellung einer dramatischen Story passen, nicht aber unbedingt die Realität wiederspiegeln. Neonazis sind nicht erst dann schlecht, wenn sich deren Ideologie in Gewalttaten Bahn bricht. Genau so wenig sind sie weniger gefährlich, wenn sie mal “nicht typisch“ aussehen. Wer erst auf Teufel komm raus das Bild es gewaltbereiten, rechten Domestoshosen-Skins bemühen muss, um sich eine Argumentationsgrundlage gegen Neonazis zu schaffen, mag vielleicht ästhetisch auf der sichereren Seite sein, hat aber lange noch nichts darüber ausgesagt, was ein rechtes Weltbild ausmacht und was daran gefährlich ist. Hier wird höchstens festgehalten, dass Neonazis auf Grund ihrer Gewaltbereitschaft mies sind. Dass dieser Gewalt ein eliminatorischer Charakter zu Grunde liegt, wäre als Erläuterung gut und wichtig gewesen. Somit bleibt aber die Gewalt rechter Schläger eine Gewalt ohne inhaltliche Klärung neben einer Vielzahl von anderen Gewaltakten, wie z.B. einer banalen Kneipenschlägerei*.Ein paar regionale Beiträge weniger, und dafür ein nicht dermaßen reißerisches Radiofeature über die Kernelemente rechter Ideologie** und die Frage, wie mensch gegen diese vorgehen kann, hätten der Fritz-Aktion einen höheren inhaltlichen Gehalt verliehen.
Außerdem gibt es im Beitrag zu Pankow auch einen Fakten-Fehler. Die Gäste des ehemaligen Spaßecks sind nicht die neuen Stammgäste des “Neffen und Nichten“. Auch die Formulierung “Die Jungs von der Antifa“ im Lichtenberg-Beitrag ist nicht so glücklich gewählt und evoziert ein falsches Bild. Es eignet sich vielleicht gut für eine spannende “antifaschistische Landsergeschichte“ über das nächtliche Beseitigen rechter Parolen, widerspiegelt aber weder unsere Vorstellung von politischer Arbeit noch unsere Praxis. Mensch mag es nicht glauben, aber es gibt nicht nur "Typen" in Antifa-Gruppen.
Dank an Fritz
Trotz unserer Kritik begrüßen wir die Initiative von Radio Fritz ausdrücklich. Nicht nur weil rechte Ideologie und deren gewalttätigen Auswüchse ständig präsent sind und das Handeln dagegen immer erforderlich ist, sondern auch weil sich Fritz damit seit Längerem wieder mit einer eigenständigen politischen Initiative zu Wort meldet. Bis Mitte der 90er war das Tragen von Fritz-Fanartikeln in bestimmten Gegenden Ostdeutschlands quasi ein Chiffre für eine antifaschistische Grundeinstellung. Dem ist mittlerweile nicht mehr so. Neben einer Entpolitisierung des musikalischen Angebotes des Senders (Umstellung auf neue Hörer_innengruppen) war in den letzten Jahren auch ein Rückgang politischer Statements des Senders zu verzeichnen, wie wir sie früher kannten.
North East Antifascists [NEA]
Januar 2010

Ergänzungen:
*
Wir möchten an dieser Stelle noch mal darauf hinweisen, dass sich Gewalt für uns nicht erst dann manifestiert, wenn sie physisch wird. Der Zwang zur Selbstausbeutung, also das Verrichten von Lohnarbeit zur Selbsterhaltung oder zur Erlangung eines sozialen Status usw. ist für uns auch gewaltförmig und nicht minder ablehnenswert. Dies wird allerdings im bürgerlichen Gewaltverständnis ausgeblendet.
**
Lesenswert: Die Reihe zu Faschismustheorien im Antifa Infoblatt.
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Ergänzungen
Beiträge die keine inhaltliche Ergänzung darstellen
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danke an fritz... — ...since years!
So ist es! — Nord-Ost