Die Rückkehr der Ressourcenkrise

Tomasz Konicz 14.01.2010 17:15 Themen: Blogwire Ökologie
Ressourcenknappheit bremst Wirtschaftswachstum und führt zur weiteren Ausbreitung von Hunger und Unterernährung.
Die im Gefolge der Weltwirtschaftskrise eingebrochenen Rohstoffpreise erholen sich im Rekordtempo. Nicht nur der Ölpreis, der kürzlich wieder bei 80 US-Dollar je Barrel (159 Liter) notierte, befindet sich im rasanten Aufstieg. Einer Studie des Internationalen Währungsfonds (IWF) zufolge stiegen zwischen Februar und November 2009 die in einem IWF-Index zusammengefassten Preise für Rohstoffe um 40 Prozent. Der Währungsfond spricht in diesem Zusammenhang von einem sehr ungewöhnlichen Preisauftrieb, da in vergleichbaren Phasen früherer Wirtschaftskrisen die Preiserholung bei Rohstoffen im Schnitt nur bei fünf Prozent lag. Auch für das kommende Jahr prognostiziert der IWF weiterhin steigende Preise vieler Ressourcen, die aber nicht mehr in solch einem schnellen Tempo steigen sollen.
Bei etlichen Indizes und Rohstoffen wurden sogar historisch einmalige Preisexplosionen in den vergangenen Monaten festgestellt. Der weithin bekannte S&P-GSCI-Rohstoffindex, in dem 20 Rohstoffe wie Getreide, Gold, Öl oder Kakao und Aluminium zusammengefasst werden, legte im vergangenen Jahr beispielsweise um mehr als 50 Prozent zu. Dies ist der stärkste Kursanstieg dieses Indexes seit dessen Einführung in 1970. Rekorde können inzwischen auch die Preise für Zucker und Kakao verbuchen, die sich auf dem höchsten Niveau seit gut drei Jahrzehnten bewegen. Allein der Zuckerpreis legte im vergangenen Jahr um 170 Prozent zu. Einen ähnlich dramatischen Preisanstieg Verzeichneten auch viele Industriemetalle, wie etwa Zink (102 Prozent), Blei (141 Prozent) oder Nickel (58 Prozent).
Dennoch sind die historischen Höchstpreise bei vielen Rohstoffen noch nicht erreicht. Die durch die spekulative US-Immobilienblase entfachte Konjunkturrallye ließ bis 2008 die Preise für viele Ressourcen in schwindelerregende Regionen steigen, sodass beispielsweise im Juli 2008 ein Barrel Rohöl für 146 US-Dollar gehandelt wurde. Der IWF geht davon aus, dass in 2010 die meisten Rohstoffpreise sich „etwas unterhalb der 2008er-Marken festsetzen“ werden. Auch längerfristig bleibe der Preisauftrieb erhalten, schlussfolgerte der Währungsfond, da die „zunehmende Industrialisierung der Schwellenländer“ zu einer langfristig steigenden Nachfrage führe. Demnach sei beispielsweise der globale Verbrauch von Rohstoffen wie Kupfer und Aluminium durch Schwellenländer von 33 Prozent in 1993 auf nahezu 60 Prozent in 2009 erhöht. Jüngsten Prognosen zufolge wird allein Chinas Kupferverbrauch in 2020 circa 43 Prozent der globalen Fördermenge verschlingen. Der chinesische Bedarf an Rohöl dürfte von derzeit neun Prozent auf 20 Prozent der Produktionskapazitäten in 2020 wachsen.
Diese erneute Preisrallye auf den Rohstoffmärkten könnte aber auch die konjunkturelle Erholung „abwürgen“, lamentierte in einem kürzlich veröffentlichten Artikel das Wall Street Journal (WSJ). Der private Konsum dürfte weiterhin schwach bleiben, da die „Konsumenten mehr für essenzielle Güter wie Nahrung und Treibstoff“ ausgeben müssten. Auch in einer Reihe von Industriezweigen bedrohten die steigenden Rohstoffpreise die Gewinnspannen der Unternehmen. Eine globale konjunkturelle Erholung scheint demnach auch an zusehends knapper werdenden Rohstoffen zu scheitern, obwohl die erneute spekulative Blasenbildung an den Finanzmärkten diese eigentlich befördern müsste. Ein durch vermehrte Warenproduktion ausgelöster Nachfrageschub nach Rohstoffen wird durch deren Preisexplosion abgewürgt – dieser globale binnenkapitalistische Teufelskreislauf zeichnet sich immer deutlicher ab.
In den Zentren des Kapitalismus bringen steigende Rohstoffpreise höhere Lebenshaltungskosten, eine sinkende Massenkaufkraft und fallende Profitraten mit sich. Für Milliarden verelendeter Menschen in der Peripherie des spätkapitalistischen Weltsystems – in Afrika, Lateinamerika oder Asien – können um ein paar Prozentpunkte gestiegene Lebensmittelpreise den Unterschied zwischen Leben und Tod ausmachen. Im vergangenen Dezamber warnte die Food and Agriculture Organization (FAO) der Vereinigten Nationen vor einer erneuten massiven Teuerungswelle bei Lebensmitteln. So befindet sich der FAO-Food-Price Index, in dem die Preise von 55 Lebensmitteln erfasst werden, nur noch 21 Prozent unter dessen historischem Höchststand vom Juni 2008. Allein im vergangenen November stieg der FAO-Index um 6,9 Prozent. Die in 2007 und 2008 beklagte globale „Nahrungskrise“ - als zunehmende Nachfrage und Missernten die Nahrungsmittelpreise explodieren ließen - sei keineswegs überwunden, erklärte auch Hugh Grant, der Vorstandsvorsitzende des Biotechmultis Monsanto, gegenüber dem WSJ, die derzeitige Rezession habe sie nur „maskiert“.
Die rasche Wechselwirkung zweier ökonomischer Schocks – der Preisexplosion bei Lebensmitteln mit anschließender Weltwirtschaftskrise – lies auch die Anzahl der Hungernden weltweit auf einen neuen Rekordstand steigen. Inzwischen leiden 1,02 Milliarden Menschen an chronischer Unterernährung, während es 2008 an die 960 Millionen Hungernde gab. Vor Beginn der Preisexplosionen bei Nahrungsmitteln in 2007 zählte die FAO hingegen 850 Millionen Menschen, die an Unterernährung litten.
Obwohl laut FAO die Reserven bei etlichen Grundnahrungsmitteln inzwischen größer sind als 2008, drohen Ernteausfälle in Indien und den Philippinen vor allem den Reispreis in die Höhe zu treiben. Indien musste aufgrund einer verheerenden Dürre Ernteeinbußen von 15 Prozent hinnehmen, auf den Philippinen zerstörten Unwetter sieben Prozent der Reisernte. Insbesondere die 800 Millionen Inder, die ihren Lebensunterhalt mit weniger als zwei US-Dollar am Tag bestreiten müssen, leiden bereits unter der ausartenden Inflation in dem aufstrebenden Schwellenland. So stiegen die Lebensmittelpreise in Indien Anfang Dezember im Jahresvergleich um nahezu 20 Prozent. Dieser Preisschub stellte den höchsten Anstieg der Nahrungspreise auf dem indischen Subkontinent seit gut elf Jahren dar, bemerkte hierzu die Internetsite Wirtschaftsquerschüsse. Indien wird sich auf dem Weltmarkt in 2010 von einem Nettoexporteur zu einem Importeur von Reis wandeln. Zu einem weiteren Preisschub beim Grundnahrungsmittel Reis dürften auch die Ernteverluste auf den Philippinen, dem weltweit größten Reisimporteur, beitragen. Einem Bericht der Nachrichtenagentur Bloomberg zufolge sollen die Reisimporte des Inselstaates in 2010 erstmals 3,5 Millionen Tonnen überschreiten und somit 11,48 Prozent des gesamten Reisexportvolumens dieses Jahres umfassen. Nach einer Rekordernte in 2008/09 sollen in diesem Jahr die globalen Reiserträge um 2,7 Prozent auf 433,8 Millionen Tonnen fallen und somit dem globalen Verbrauch, der sich um 0,2 Prozent auf 433,5 Millionen Tonnen erhöhen soll, nur noch knapp decken. Die globalen Reisreserven belaufen sich nur noch auf knappe 90 Millionen Tonnen.
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Ergänzungen

Bedarf an Kalorien

Roland Ionas Bialke 14.01.2010 - 19:08
Bedenklich finde ich auch die WHO-Empfehlung des täglichen Kalorienbedarfs. Die WHO hat 2000 kcal täglichen Kalorienbedarf empfohlen, obwohl das zu wenig ist. Diese falsche Empfehlung wurde herausgegeben, weil Menschen in der Dritten Welt sich den täglichen Kalorienbedarf eines Menschen (wirtschaftlich) nicht zuführen können. So gibt es für unterschiedliche Gebiete unterschiedliche Angaben über den täglichen Kalorienbedarfs eines Menschen. Und dann noch der WHO-Weltdurchschnitt, der mit 2000 kcal, wie schon geschrieben, zu niedrig ist.

Neben den Kalorien gibt es aber noch andere Werte, auf die sich in einer gesunden Ernährung bezogen werden muss: Vitamine - Für viele SozialhilfeempfängerInnen, die manchmal in Sachen Ernährung nicht so gut sozialisiert sind, oft nicht erschwinglich. Auch die 2,2g x Körpergewicht (Kilo) an Eiweissbedarf für das Wachstum eines Kindes können Sozialhilfeempfänger oft nicht aufbringen. Kohlenhydrate sind hier zwar billig, aber leider sind das oft die falschen. Beispielsweise ist gutes vollwertiges Brot sehr teuer. 2,50 Euro für ein halbes Brot ist da keine Seltenheit...



wenn's komisch wär,

könnt mer lache 14.01.2010 - 19:50
der untertitel impliziert, daß die lösung wirtschaftswachstum wäre. das is aba bull schiete. es mag ja stimmen, daß die sog. krise und teilweise resourcenknappheit zu hunger führen, aba natürlich ausschliesslich nur, wenn mensch anhänger (staats-)kapitalistischer verfahrensweisen und sonstiger zivilisationskrankheiten ist.
es besteht allerdings keine resourcenknappheit für menschliche grundbedürfnisse, das problem ist deren verteilung.
und da ist die eigentliche chance der "krise" versteckt: verteilungskämpfe gegen die wirtschaftlichen systeme könnten nähmlich alles aus den angeln heben, ziemlich schnell werden die menschen merken, daß man geld nicht fressen kann und in eskalierter revolte den sinn des geldes aufheben.
logischerweise haben die bewohner der sog. 1. welt in diesem zusammenhang einen entscheidenden nachteil: sie haben dann noch weniger chancen als die armen dieser welt, weil sie nur müll produzieren und sich nicht selbst versorgen können.
folgerichtig geht deswegen auch ihr interesse an weltweit gerechten umsturz gegen null.
es gibt aber hoffnung: nehmen wir z.b. - ist zwar (noch) 1. welt - griechenland, daß im kleinsten idealfall aus der eurozone fliegt und dann anschliessend die einmalige chance erhält, gegen iwf-diktat oder/und einen neuen (eg-unabhängigen) balkanmarkt zusammen mit der türkei aufzubegehren und ihre unterdrücker ins exil zu jagen. Alles was mensch zum leben braucht ist reichlich vorhanden, geld ist nicht notwendig, wind- und wellenkraft ist massig vorhanden, nudeln werden nicht mehr nach italien zum pasta-werden exportiert und selbst der idiotischte dynamitfischer wird lernen wie man mit der ägais umzugehen hat. nur deppen, die alle paar monate ein neues handy brauchen und denen es egal ist, wieviele dafür im kongo verrecken, werden auswandern...
dummerweise ist eine "krise" aber gar nicht existent, überall fliegen flugzeuge und fahren autos.

Da kommt einiges zusammen

keinname 15.01.2010 - 13:57
Die Parallelen zur Lebensmittelkrise 2007/2008 sind erschreckend. Die Grundkonstellation ist diesmal aber noch schlechter als 2007. Die Lebensmittelkrise startet diesmal mit wesentlich mehr Bedürftigen, die Mittel für das World Food Programme sind aufgrund der Krise (das Geld wird für Banken benötigt) erheblich zusammengestrichen wurden und die klimatischen Bedingungen der letzten Monate (teilweise Jahre) sind desaströs. Die Auswirkungen der katastrophalen Ernteprognosen in vielen Teilen der Welt werden wir im Frühjahr erleben, dann wird diese Lebensmittelkrise an Fahrt aufnehmen. Sowohl in Teilen Asiens, Afrikas und Lateinamerikas sieht es düster aus.

In Lateinamerika hat es kürzlich zumindest teilweise Regenfälle gegeben, die aber vielerorts zu spät kamen. Viele Kulturpflanzen konnten im Oktober/November aufgrund der Dürre nicht angepflanzt werden. Allein in Guatemala sind 400000 Menschen vom Hungertod bedroht (es könnten bis zu 2 Millionen werden), in Honduras sind es 100000 Menschen. Auch in vielen anderen lateinamerikanischen Ländern sind die Probleme akut.

In Afrika ist die Situation in vielen östlichen Teilen des Kontinents niederschmetternd. Dort ist mancherorts seit drei Jahren der Regen komplett ausgeblieben. Besonders Kenia steckt schon jetzt in einem humanitären Desaster, für April wird eine Eskalation prognostiziert. Auch in Somalia, Tansania, Äthiopien und Uganda spitzt sich die Lage zu. Teilweise sind schon über 70% der “Viehbestände” verdurstet.

Das Quantitativ größte Problem besteht in Indien. Ungefähr 30% der hungernden Menschen dieser Welt stammen aus Indien. Das Land, das lange Zeit mit sehr hohen Wachstumsraten glänzte. In der Zeit des rasanten Wachstums hat sich die Zahl der hungernden Menschen um ca. 50 Millionen erhöht. Aktuell gibt es in Indien die größte Dürre seit dem El Nino/H1N1 -Jahr 1918, die Auswirkungen werden nach und nach sichtbar werden.
Qualitativ scheinen die Probleme am größten in Nepal zu sein. Dort gibt es schwer erreichbare Regionen, in denen über 60% der Menschen an akuten Hunger leiden und auch sterben. Dort gibt es keine Kamerateams, die das Schrecken übermitteln, dort wird heimlich und still gestorben. In Nepal werden die massiven Auswirkungen der Streichungen beim World Food Programme besonders spürbar. Eigentlich wurden 1,2 Millionen Menschen als dringend hilfsbedürftig eingestuft (die eigentliche Zahl ist erheblich höher), aufgrund mangelnder Hilfsbereitschaft der “Staatengemeinschaft” können aber nur 600000 Menschen versorgt werden.

Die Konstellation sieht nicht gut aus, auch ohne die beiden potentiellen Multiplikatoren (H1N1 und Weltwirtschaft). 2010 sollte aber als eine Herausforderung angenommen werden und nicht als lähmende Strafe.