Bericht über die Frankfurter Buchmesse 2009
Der schleichende Niedergang Deutschlands ist auch und gerade auf der Frankfurter Buchmesse sichtbar. Sinkende Besucherzahlen, spärliche gastronomische Angebote, Pleiten wegen des „Gastlands“ China, usw.
Autor Hans-Jürgen Lutz beschreibt seinen Besuch und präsentiert außerdem gute Buchtip(p)s. In einem Anhang sind aktuelle und ältere Firmenpleiten zusammengestellt.
Autor Hans-Jürgen Lutz beschreibt seinen Besuch und präsentiert außerdem gute Buchtip(p)s. In einem Anhang sind aktuelle und ältere Firmenpleiten zusammengestellt.
Die Buchmesse in Frankfurt gilt als die größte und bedeutendste der Welt. Erneut präsentierten sich auf rund einem Dutzend Hallenebenen Aussteller aus 100 Ländern, jedoch waren dieses Jahr 400 Aussteller weniger (d.h. noch etwa 7000) als im Vorjahr zu verzeichnen. Auch die Besucherzahlen nahmen im Vergleich zu 2008 ab: 290469 Besucher, was einer Abnahme von 2,9 % entspricht. Und auch die Hotels in Frankfurt waren alles andere als ausgebucht. Als Gastland wurde China eingeladen. Die Buchmesse wurde von Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem stellvertretenden chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping eröffnet; sie begann am 14. und endete am 18. Oktober. Die Stände am letzten Messetag wurden teilweise schon Stunden vorher abgebaut und das fast vollkommen verwaiste Pressezentrum hinterließ am Sonntagnachmittag einen trostlosen Eindruck.
Das Vorfahren von Merkel auf das hermetisch abgeriegelte Messegelände wurde mit viel Rummel begleitet. Als ob es da viel zu sehen gäbe! Ein bekannter Journalist, wohl noch von der vergangenen Automobilausstellung IAA beeinflusst, schwärmte davon, dass er an seinem Mercedes die gleichen Felgen habe wie Merkels Begleitfahrzeug! Dies sei aber nur nebenbei erwähnt.
Die Buchmesse begann und endete mit je einem Eklat. Auf einem im Vorfeld der Messe veranstalteten China-Symposium Mitte September verließ ein Großteil der chinesischen Delegation den Saal, nachdem die regierungskritischen Schriftsteller Bei Ling und Dai Qing das Wort ergriffen hatten. Buchmesse-Direktor Jürgen Boos entschuldigte sich daraufhin unnötigerweise bei der Delegation. Der Vorfall sorgte für einen riesigen Wirbel in der internationalen Presse. Bei der Abschlussveranstaltung wurden die Dissidenten Dai Qing und Bei Ling regelrecht abserviert – ein weiterer Kotau vor dem offiziellen China. Wegen dieser Wirren und Querelen musste es sogar ein Bauernopfer geben: Der für das Gastland-Programm Hauptverantwortliche Peter Ripken wurde entlassen. Die „Frankfurter Rundschau“ überschrieb ihren Kommentar hierzu mit „Die Lüge der Buchmesse“ und empfahl sogar den Rücktritt von Buchmesse-Chef Jürgen Boos: „Aber jetzt wäre es das Beste, er ginge einfach Ripken hinterher.“
Der scheinbar unaufhaltsame Niedergang Deutschlands ist wohl kaum besser abzulesen als auf der Buchmesse in der Heimatstadt Goethes und Stoltzes. „Selters statt Sekt“ titelte sogar die FAZ. Die Pressekonferenzen waren eine meist kärgliche und manchmal eine regelrecht lustlose Angelegenheit. Beispielsweise lud ein Verlag zum 15-jährigen Bestehen ein – es gab billige Käsewürfel, Schinkenscheiben und mittelmäßiger Wein. Für Veganerinnen und Veganer war nichts Verzehrwürdiges dabei. (Wissenschafts-)Springer zapfte immerhin jeweils eine Stunde vor Messeschluss kühles Bier, dazu wurden allerdings trockene Salzbrezel gereicht. Da passt es gut ins Bild, dass im Pressezentrum der Kaffee zwei Euro kostete – serviert in einem billigen und umweltfeindlichen Pappbecher! Zwar ist zu verstehen, dass es dieses Jahr keine Disketten mehr gab, aber der Buchmesse hätte es gut angestanden, USB-Sticks (am besten gleich mitsamt den Katalogen und Pressemitteilungen) herauszugeben (nehmt Euch ein Beispiel an der Achema!) Auch die brauchbare schwarze Messetasche, in welcher sich noch letztes Jahr die Presseunterlagen befanden, ist im Etat gestrichen; zwischen zwei Hallen konnte man sie für stolze fünf Euro erwerben. Die kulinarisch besten Empfänge fanden außerhalb der Messe statt, z.B. im Frankfurter Hof oder im Römer, dem Frankfurter Rathaus. Und die italienische Tourismuszentrale ENIT lud nur handverlesene Journalisten inklusive jenen, die sie dafür hielten, zur Preisverleihung der angeblich besten italienischen Reiseführer in die Villa Kennedy nach Sachsenhausen ein. Aktive Berichterstatter ohne schriftliche Einladung sollen sogar abgewiesen worden sein. Gute PR sieht garantiert anders aus!
Einen schlechten Eindruck hinterließ auch das offenbar schlecht ausgebildete, zahlreich vorhandene Sicherheitspersonal. Im Umgangston oft rüde, in der Arbeit schlampig und nicht selten einfach überfordert. Noch schlimmer als vor einem Jahr! Ein Sicherheitsmann untersuchte beispielsweise neugierig die Handtasche einer Journalistin, und als diese freundlich fragte, was er denn in ihren Papieren suche, gab es nur eine unerhört schroffe Antwort. Und ihren auf dem Rücken befindlichen Rucksack ließ dieser Wichtigtuer unbehelligt. Solche Leute tragen wahrlich nicht dazu bei, eine angenehme Messe-Atmosphäre zu erzeugen.
Überhaupt wurde man den Eindruck penetranten Kommerzes nicht los. Der Langenscheidt-Verlag ließ peinlich wirkende Sandwichmen herumlaufen, um das neue Wörterbuch „Sex-Deutsch, Deutsch-Sex“ bekannt zu machen. Mit solchem Klamauk lässt sich das ehemals sehr gute Renommee mit Sicherheit nicht steigern.
Buchtip(p)s, Lesenswertes. „Warum es ums Ganze geht“ (Hans-Peter Dürr, Mitglied des Clubs of Rome), Oekom-Verlag. Ökologie-Vordenker Dürr zeigt auf, dass viele Probleme dieser Erde Folgen alten Denkens sind. Er erläutert neue Wege und will Mut machen. – „Radikal mutig. Meine Anleitung zum Anderssein.“ (Hanna Poddig, Veganerin; Rotbuch-Verlag, Berlin). Diese unerschrockene junge Vollzeitaktivistin hat genau das, was dieser dekadenten konsumorientierten Entertainment-Gesellschaft fehlt: Mut! – „Der Tierschutz-Kalender 2010“ (Echo-Verlag, Göttingen, Andrea Klages). – „Der Hass auf den Westen. Wie sich die armen Völker gegen den wirtschaftlichen Weltkrieg wehren“ (Jean Ziegler, Bertelsmann-Verlag). Ziegler ist wohl der profundeste Kapitalismuskritiker der Gegenwart. Er beweist, dass die ehemaligen Sklavenhalter noch leben, sie sich allerdings in Börsenspekulanten verwandelt haben. – „Hoechst – der Untergang eines Weltkonzerns“ (Christoph Wehnelt). Schier unglaublich, dass dieses mutige Buch erst jetzt geschrieben wurde (Rezension folgt, ist in Arbeit). – „Aus der schönen neuen Welt“ bzw. Film „Schwarz auf Weiß“ (Enthüllungsjournalist Günter Wallraff, Kiepenheuer & Witsch). Besprechung folgt, ist ebenfalls in Arbeit. Hier sei nur erwähnt, dass es Wallraff glänzend gelungen ist, den tatsächlichen wie den latenten Rassismus in Deutschland gnadenlos zu entlarven.
Highlights waren neben den Auftritten von Günter Grass, Herta Müller (die neue Literatur-Nobelpreisträgerin) und Günter Wallraff der ehemalige Redakteur des Hessischen Rundfunks, Christoph Wehnelt, der seine Neuerscheinung „Hoechst – der Untergang eines Weltkonzerns“ vorstellte. Hauptursache der unseligen Zerschlagung eines Traditionsbetriebes durch Jürgen Dormann war die gehäufte Existenz von jämmerlichen Feiglingen auf allen Ebenen – eine Tatsache, die uns auch heute bei aktuellen Belegschaftsreduzierungen (Opel) oder Schließungen (Quelle) zu denken geben muss (Näheres zu diesem Thema siehe im Anhang). Wo Herta Müller auftrat, gab es regelrechte Aufläufe. Doch nicht jeder scheint von ihrer Preiswürdigkeit überzeugt zu sein. Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki, der auch dieses Jahr wieder keinen Fuß aufs Messegelände setzte, schweigt beharrlich und lehnt es ab, Herta Müller („Atemschaukel“, „Herztier“, „Reisende auf einem Bein“) zu kommentieren. Er empfiehlt statt dessen das Lesen von Klassikern, da die Gegenwartsliteratur eher uninteressant sei: Theodor Fontane (Effi Briest, Der Stechlin). Und dass John Updike und Philip Roth bisher noch keinen Literatur-Nobelpreis erhielten, bezeichnete Reich-Ranicki in einem Interview als „lächerlich“. Wichtige Bücher kann man auch und gerade bei kleinen Verlagen finden, und die „taz“ gab es kostenlos tagesaktuell – und wer wollte, einen kräftigen „tazpresso“ dazu, während die Süddeutsche Zeitung (Süddeutscher Verlag) mit dem Bier ziemlich knauserig umging (dieses wurde noch vor Jahren großzügig und stilecht in einem zünftigen Halbliter-Tonkrug kredenzt – aus und vorbei in 2009, wie so manches Andere…).
Am Rande der Buchmesse hielt der Autor dieses Artikels einen gut besuchten Vortrag (anschließende Diskussion) mit dem Titel
„Der Kampf für eine bessere Welt – was JETZT zu tun ist!“
Auch daraus könnte einmal ein Buch entstehen, zumal eine Zusammenfassung in Form eines dicht beschriebenen Faltblatts bereits lieferbar ist. Ungeduldige Indymedia-Leserinnen und –Leser können den Arbeitstext per E-Mail kostenlos anfordern!
Und außerdem wurde quasi nebenbei der Club der Rhein-Main-Top-Journalisten gegründet – von diesem dürfte in der Zukunft einiges zu lesen bzw. zu hören sein. Aktive Mitglieder (u.a.): Michael F. Jung, Hans-Jürgen Lutz, Gunnar Schanno.
Ob sich die Eklats und Peinlichkeiten auf der Buchmesse 2010 wiederholen werden, bleibt abzuwarten. Ob auch die sich eher ärmlich präsentierende Begleit-Gastronomie auf den Pressekonferenzen und Empfängen zum Besseren hin wendet, auch. Nicht nur der Autor dieses Berichts, sondern auch die schreibende Zunft des Clubs der Rhein-Main-Top-Journalisten ist schon jetzt darauf gespannt!
„Gastland“ wird dann Argentinien sein.
ANHANG:
Spektakuläre Firmenzusammenbrüche bzw. Schließungen oder Insolvenzen in Deutschland, zusammengestellt von Hans-Jürgen Lutz:
- AEG (Elektrogeräte-Hersteller)
- Apolant (ehemals große Kurklinik in Bad Kissingen, das riesige Haus steht leer und verfällt)
- Agfa-Photo (Fotoapparate, -papiere, Zubehör)
- Ammerschläger (Bekleidung)
- Dichmann / Vario (keine Schließung, „nur“ Umbenennung, Verkauf und Verlegung des Büromöbelherstellers)
- Druckerei und Zeitungsverlag Valentin Bassenauer GmbH (Insolvenzversteigerung, Griesheim)
- Escada (Modekonzern; Insolvenz)
- Grundig (Elektronikkonzern)
- Hertie (Warenhauskette)
- Hoechst (keine Schließung, „nur“ Zerschlagung des Farben- und Pharmakonzerns)
- Karmann (Cabrio-Autohersteller, Insolvenz ist z.Zt. im Gespräch)
- Karstadt (Warenhauskette, Schließung von etwa 50 Filialen, „Primondo“)
- Märklin (Modelleisenbahn-Hersteller)
- Opel (keine Schließung, erst Verkauf, dann Nichtverkauf des Autoherstellers)
- Quelle / „Arcandor“ (Versandhändler)
- Varta-Forschungszentrum (Batterie- und Akku-Forschung, mittels Planierraupen dem Erdboden gleichgemacht; dort jetzt Luxuswohnungen)
- Woolworth (Billligkaufhaus-Kette)
- Rodeck (Porzellanhaus, Schließung)
- Rosenthal (Porzellanwaren-Hersteller)
- Schiesser (Wäschehersteller)
Hierzu (Fall „Quelle“) ein passendes Zitat von Renate Schmidt (Ex-Familienministerin, Bayern), die mal bei Quelle in Fürth Betriebsrätin war:
„Wenn man Traditionsunternehmen wie Karstadt oder Quelle umtauft in Arcandor und Primondo, muß man schlicht und ergreifend eine Meise haben.“
Indymedia-Leserinnen und –Leser sind aufgefordert, obige Liste ggf. zu ergänzen.
Abschließend sei in diesem Zusammenhang noch festgestellt, dass einer Studie zufolge 3,2 Millionen Menschen seit Herbst 2008 (bis Herbst 2009 gerechnet) ihren sozialversicherten Job verloren haben.
Die Financial Times berichtete, dies seien 18 % mehr als im Vorjahreszeitraum.. Im September 2008, so der DGB, habe es gerade einmal 28 Millionen sozialversicherte Beschäftigte gegeben.
Das Vorfahren von Merkel auf das hermetisch abgeriegelte Messegelände wurde mit viel Rummel begleitet. Als ob es da viel zu sehen gäbe! Ein bekannter Journalist, wohl noch von der vergangenen Automobilausstellung IAA beeinflusst, schwärmte davon, dass er an seinem Mercedes die gleichen Felgen habe wie Merkels Begleitfahrzeug! Dies sei aber nur nebenbei erwähnt.
Die Buchmesse begann und endete mit je einem Eklat. Auf einem im Vorfeld der Messe veranstalteten China-Symposium Mitte September verließ ein Großteil der chinesischen Delegation den Saal, nachdem die regierungskritischen Schriftsteller Bei Ling und Dai Qing das Wort ergriffen hatten. Buchmesse-Direktor Jürgen Boos entschuldigte sich daraufhin unnötigerweise bei der Delegation. Der Vorfall sorgte für einen riesigen Wirbel in der internationalen Presse. Bei der Abschlussveranstaltung wurden die Dissidenten Dai Qing und Bei Ling regelrecht abserviert – ein weiterer Kotau vor dem offiziellen China. Wegen dieser Wirren und Querelen musste es sogar ein Bauernopfer geben: Der für das Gastland-Programm Hauptverantwortliche Peter Ripken wurde entlassen. Die „Frankfurter Rundschau“ überschrieb ihren Kommentar hierzu mit „Die Lüge der Buchmesse“ und empfahl sogar den Rücktritt von Buchmesse-Chef Jürgen Boos: „Aber jetzt wäre es das Beste, er ginge einfach Ripken hinterher.“
Der scheinbar unaufhaltsame Niedergang Deutschlands ist wohl kaum besser abzulesen als auf der Buchmesse in der Heimatstadt Goethes und Stoltzes. „Selters statt Sekt“ titelte sogar die FAZ. Die Pressekonferenzen waren eine meist kärgliche und manchmal eine regelrecht lustlose Angelegenheit. Beispielsweise lud ein Verlag zum 15-jährigen Bestehen ein – es gab billige Käsewürfel, Schinkenscheiben und mittelmäßiger Wein. Für Veganerinnen und Veganer war nichts Verzehrwürdiges dabei. (Wissenschafts-)Springer zapfte immerhin jeweils eine Stunde vor Messeschluss kühles Bier, dazu wurden allerdings trockene Salzbrezel gereicht. Da passt es gut ins Bild, dass im Pressezentrum der Kaffee zwei Euro kostete – serviert in einem billigen und umweltfeindlichen Pappbecher! Zwar ist zu verstehen, dass es dieses Jahr keine Disketten mehr gab, aber der Buchmesse hätte es gut angestanden, USB-Sticks (am besten gleich mitsamt den Katalogen und Pressemitteilungen) herauszugeben (nehmt Euch ein Beispiel an der Achema!) Auch die brauchbare schwarze Messetasche, in welcher sich noch letztes Jahr die Presseunterlagen befanden, ist im Etat gestrichen; zwischen zwei Hallen konnte man sie für stolze fünf Euro erwerben. Die kulinarisch besten Empfänge fanden außerhalb der Messe statt, z.B. im Frankfurter Hof oder im Römer, dem Frankfurter Rathaus. Und die italienische Tourismuszentrale ENIT lud nur handverlesene Journalisten inklusive jenen, die sie dafür hielten, zur Preisverleihung der angeblich besten italienischen Reiseführer in die Villa Kennedy nach Sachsenhausen ein. Aktive Berichterstatter ohne schriftliche Einladung sollen sogar abgewiesen worden sein. Gute PR sieht garantiert anders aus!
Einen schlechten Eindruck hinterließ auch das offenbar schlecht ausgebildete, zahlreich vorhandene Sicherheitspersonal. Im Umgangston oft rüde, in der Arbeit schlampig und nicht selten einfach überfordert. Noch schlimmer als vor einem Jahr! Ein Sicherheitsmann untersuchte beispielsweise neugierig die Handtasche einer Journalistin, und als diese freundlich fragte, was er denn in ihren Papieren suche, gab es nur eine unerhört schroffe Antwort. Und ihren auf dem Rücken befindlichen Rucksack ließ dieser Wichtigtuer unbehelligt. Solche Leute tragen wahrlich nicht dazu bei, eine angenehme Messe-Atmosphäre zu erzeugen.
Überhaupt wurde man den Eindruck penetranten Kommerzes nicht los. Der Langenscheidt-Verlag ließ peinlich wirkende Sandwichmen herumlaufen, um das neue Wörterbuch „Sex-Deutsch, Deutsch-Sex“ bekannt zu machen. Mit solchem Klamauk lässt sich das ehemals sehr gute Renommee mit Sicherheit nicht steigern.
Buchtip(p)s, Lesenswertes. „Warum es ums Ganze geht“ (Hans-Peter Dürr, Mitglied des Clubs of Rome), Oekom-Verlag. Ökologie-Vordenker Dürr zeigt auf, dass viele Probleme dieser Erde Folgen alten Denkens sind. Er erläutert neue Wege und will Mut machen. – „Radikal mutig. Meine Anleitung zum Anderssein.“ (Hanna Poddig, Veganerin; Rotbuch-Verlag, Berlin). Diese unerschrockene junge Vollzeitaktivistin hat genau das, was dieser dekadenten konsumorientierten Entertainment-Gesellschaft fehlt: Mut! – „Der Tierschutz-Kalender 2010“ (Echo-Verlag, Göttingen, Andrea Klages). – „Der Hass auf den Westen. Wie sich die armen Völker gegen den wirtschaftlichen Weltkrieg wehren“ (Jean Ziegler, Bertelsmann-Verlag). Ziegler ist wohl der profundeste Kapitalismuskritiker der Gegenwart. Er beweist, dass die ehemaligen Sklavenhalter noch leben, sie sich allerdings in Börsenspekulanten verwandelt haben. – „Hoechst – der Untergang eines Weltkonzerns“ (Christoph Wehnelt). Schier unglaublich, dass dieses mutige Buch erst jetzt geschrieben wurde (Rezension folgt, ist in Arbeit). – „Aus der schönen neuen Welt“ bzw. Film „Schwarz auf Weiß“ (Enthüllungsjournalist Günter Wallraff, Kiepenheuer & Witsch). Besprechung folgt, ist ebenfalls in Arbeit. Hier sei nur erwähnt, dass es Wallraff glänzend gelungen ist, den tatsächlichen wie den latenten Rassismus in Deutschland gnadenlos zu entlarven.
Highlights waren neben den Auftritten von Günter Grass, Herta Müller (die neue Literatur-Nobelpreisträgerin) und Günter Wallraff der ehemalige Redakteur des Hessischen Rundfunks, Christoph Wehnelt, der seine Neuerscheinung „Hoechst – der Untergang eines Weltkonzerns“ vorstellte. Hauptursache der unseligen Zerschlagung eines Traditionsbetriebes durch Jürgen Dormann war die gehäufte Existenz von jämmerlichen Feiglingen auf allen Ebenen – eine Tatsache, die uns auch heute bei aktuellen Belegschaftsreduzierungen (Opel) oder Schließungen (Quelle) zu denken geben muss (Näheres zu diesem Thema siehe im Anhang). Wo Herta Müller auftrat, gab es regelrechte Aufläufe. Doch nicht jeder scheint von ihrer Preiswürdigkeit überzeugt zu sein. Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki, der auch dieses Jahr wieder keinen Fuß aufs Messegelände setzte, schweigt beharrlich und lehnt es ab, Herta Müller („Atemschaukel“, „Herztier“, „Reisende auf einem Bein“) zu kommentieren. Er empfiehlt statt dessen das Lesen von Klassikern, da die Gegenwartsliteratur eher uninteressant sei: Theodor Fontane (Effi Briest, Der Stechlin). Und dass John Updike und Philip Roth bisher noch keinen Literatur-Nobelpreis erhielten, bezeichnete Reich-Ranicki in einem Interview als „lächerlich“. Wichtige Bücher kann man auch und gerade bei kleinen Verlagen finden, und die „taz“ gab es kostenlos tagesaktuell – und wer wollte, einen kräftigen „tazpresso“ dazu, während die Süddeutsche Zeitung (Süddeutscher Verlag) mit dem Bier ziemlich knauserig umging (dieses wurde noch vor Jahren großzügig und stilecht in einem zünftigen Halbliter-Tonkrug kredenzt – aus und vorbei in 2009, wie so manches Andere…).
Am Rande der Buchmesse hielt der Autor dieses Artikels einen gut besuchten Vortrag (anschließende Diskussion) mit dem Titel
„Der Kampf für eine bessere Welt – was JETZT zu tun ist!“
Auch daraus könnte einmal ein Buch entstehen, zumal eine Zusammenfassung in Form eines dicht beschriebenen Faltblatts bereits lieferbar ist. Ungeduldige Indymedia-Leserinnen und –Leser können den Arbeitstext per E-Mail kostenlos anfordern!
Und außerdem wurde quasi nebenbei der Club der Rhein-Main-Top-Journalisten gegründet – von diesem dürfte in der Zukunft einiges zu lesen bzw. zu hören sein. Aktive Mitglieder (u.a.): Michael F. Jung, Hans-Jürgen Lutz, Gunnar Schanno.
Ob sich die Eklats und Peinlichkeiten auf der Buchmesse 2010 wiederholen werden, bleibt abzuwarten. Ob auch die sich eher ärmlich präsentierende Begleit-Gastronomie auf den Pressekonferenzen und Empfängen zum Besseren hin wendet, auch. Nicht nur der Autor dieses Berichts, sondern auch die schreibende Zunft des Clubs der Rhein-Main-Top-Journalisten ist schon jetzt darauf gespannt!
„Gastland“ wird dann Argentinien sein.
ANHANG:
Spektakuläre Firmenzusammenbrüche bzw. Schließungen oder Insolvenzen in Deutschland, zusammengestellt von Hans-Jürgen Lutz:
- AEG (Elektrogeräte-Hersteller)
- Apolant (ehemals große Kurklinik in Bad Kissingen, das riesige Haus steht leer und verfällt)
- Agfa-Photo (Fotoapparate, -papiere, Zubehör)
- Ammerschläger (Bekleidung)
- Dichmann / Vario (keine Schließung, „nur“ Umbenennung, Verkauf und Verlegung des Büromöbelherstellers)
- Druckerei und Zeitungsverlag Valentin Bassenauer GmbH (Insolvenzversteigerung, Griesheim)
- Escada (Modekonzern; Insolvenz)
- Grundig (Elektronikkonzern)
- Hertie (Warenhauskette)
- Hoechst (keine Schließung, „nur“ Zerschlagung des Farben- und Pharmakonzerns)
- Karmann (Cabrio-Autohersteller, Insolvenz ist z.Zt. im Gespräch)
- Karstadt (Warenhauskette, Schließung von etwa 50 Filialen, „Primondo“)
- Märklin (Modelleisenbahn-Hersteller)
- Opel (keine Schließung, erst Verkauf, dann Nichtverkauf des Autoherstellers)
- Quelle / „Arcandor“ (Versandhändler)
- Varta-Forschungszentrum (Batterie- und Akku-Forschung, mittels Planierraupen dem Erdboden gleichgemacht; dort jetzt Luxuswohnungen)
- Woolworth (Billligkaufhaus-Kette)
- Rodeck (Porzellanhaus, Schließung)
- Rosenthal (Porzellanwaren-Hersteller)
- Schiesser (Wäschehersteller)
Hierzu (Fall „Quelle“) ein passendes Zitat von Renate Schmidt (Ex-Familienministerin, Bayern), die mal bei Quelle in Fürth Betriebsrätin war:
„Wenn man Traditionsunternehmen wie Karstadt oder Quelle umtauft in Arcandor und Primondo, muß man schlicht und ergreifend eine Meise haben.“
Indymedia-Leserinnen und –Leser sind aufgefordert, obige Liste ggf. zu ergänzen.
Abschließend sei in diesem Zusammenhang noch festgestellt, dass einer Studie zufolge 3,2 Millionen Menschen seit Herbst 2008 (bis Herbst 2009 gerechnet) ihren sozialversicherten Job verloren haben.
Die Financial Times berichtete, dies seien 18 % mehr als im Vorjahreszeitraum.. Im September 2008, so der DGB, habe es gerade einmal 28 Millionen sozialversicherte Beschäftigte gegeben.
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http://www.taz.de/1/leben/buchmessetazde/artikel/1/weltmeister-der-zensur/
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Ergänzungen
Eine weitere Schließung
Beiträge die keine inhaltliche Ergänzung darstellen
bitte — bitte