[Gö]Universitätsrede gesprengt

Streik 05.12.2009 00:15 Themen: Bildung Soziale Kämpfe
Am Donnerstag den 3. Dezember sollte die Göttinger Universitätsrede stattfinden. Dieses vorhaben wurde jedoch von ca. 30 AktivistInnen so gestört, dass die Veranstaltung nach 50 Minuten von Uni-Präsident Kurt von Figura abgebrochen werden musste.
Bereits am Mittag wurden die "BesetzerInnen" im "besetzten" Verfügungsgebäude der Uni Göttingen von Vizepräsident Wolfgang Lücke aufgesucht, der ihnen eine Redezeit von 5 Minuten zugestehen wollte. Dieses Angebot steht im Zusammenhang mit der Mobilisierung zur Universitätsrede von Seiten der AktivistInnen. Die öffentliche Mobilisierung, der nur wenige gefolgt sind, hat wohl dafür gesorgt, dass die Universitätsleitung angst vor unkoordinierten Störungsaktionen gekriegt hat und so gehofft hatte, die Studierenden zu einem Kompromiss zu bewegen, der die Veranstaltung wie geplant hätte ablaufen lassen. Noch am Abend antworteten die AktivistInnen mit einer Mail auf dieses Angebot, in dem sie mindestens 10 Minuten Redezeit forderten. Zu Anfang der Veranstaltung bezog sich Kurt von Figura jedoch nicht auf diese Mail, sondern sagte lediglich er hätte "keine Antwort erhalten". Dennoch gestand er den Studierenden die Rede zu. Diese ging auf die entdemokratisierung der Hochschulen, die bornierte Haltung vieler Profs, die soziale Auslese vor dem Studium durch Studiengebühren, die miserablen Studienbedingungen im Bachelor/Master und die schlechten Arbeitsbedingungen der Niedriglohnangestellten an der Uni Göttingen ein. Insbesondere wurde sich mit den Arbeitskämpfen in der Gastronomie des Uni-Klinikums solidarisiert ( http://www.respekt-im-uniklinikum.de/).

Nach dieser kurzen Rede, sollte die Veranstaltung wie geplant ablaufen, was jedoch von Anwesenden mit Zwischenrufen, anhaltendem Klatschen, Tröten und anderen Störungen verhindert wurde. Die Universitätsleitung hatte bereits im Vorfeld "Konsequenzen" angedroht, die die AktivistInnen "selber zu tragen" hätten. Relativ unbeeindruckt von der wiederholten Drohung während der Veranstaltung, gingen die Störungen weiter, bis sich Kurt von Figura schließlich dazu entscheiden musste, die Veranstaltung abzubrechen.

Die Störungsaktion war eine der wenigen tatsächlichen Proteste, die in letzter Zeit in Göttingen stattgefunden haben. Insofern zeigt sich an den geringen TeilnehmerInnenzahlen, wie desolat der "Bildungsstreik" in Göttingen ist. Auch aus anderen Städten ist eine vergleichbare Kritik zu hören und das lässt Rückschlüsse auf den Bewusstseinsstand der Studierenden in der BRD zu. Einerseits schaut man fetischisiert nach Frankreich und will so "Cool" sein wie da, andererseits scheut man sich davor selbstbewusst in Stellung zu gehen gegen die Autoritäten und Strukturen.

Bemerkenswert darüberhinaus waren einzelne Situationen, die im folgenden genannt werden.

(1) Was nicht überraschen dürfte ist, dass den AktivistInnen eine "Anti-Demokratische" haltung vorgeworfen wurde. Schließlich ginge es ja in einer Demokratie darum, gemeinsam zu reden und einander zuzuhören. Es schien fast so, als hätten die Anwesenden ZuhörerInnen keine Vergangenheit gehabt und erst recht kein Geschichtsbewusstsein, wenn sie konsequent ausblenden was für eine Veranstaltung dort gestört wurde und, dass Störungen zum gängigen Repertoire basisdemokratischer und sozialer Bewegungen gehören.
So war dies eine Veranstaltung der Stiftungsuniversität Göttingen, die einen Stiftungspreis an ein ehemaliges Stiftungsratsmitglied verleihen wollte. Diese selbstbeweihräucherung (selbst gemessen an den formaldemokratischen Kriterien) undemokratischer FunktionärInnen war keineswegs legitimiert. Auch der hinweis darauf, dass die Mehrheit der Anwesenden der Rede von Frau Limbach zuhören wollte, wollte nicht so recht überzeugen. Schließlich ist es ja keine Überraschung, dass die Mehrheit derer, die zu einer Veranstaltung kommen, diese auch hören wollen. Hier muss am formaldemokratischen Verständnis der Anwesenden gezweifelt werden.
(2) Wurden die AktivistInnen mehrfach als "Faschisten" beschimpft (so u.A. von anwesenden Universitätsangestellten). Diese schlichte Relativierung des Faschismus aus dem bloßen Tatbestand des Protestes, der über die vorgesehenen Bahnen hinausgeht, grenzt an Regression des Bewusstseins, die es an sich schon verbieten würde, einen geforderten "konstruktiven Dialog" einzugehen.
(3) Wurde mehrfach betont, man sei zu einem "konstruktiven Dialog" bereit. Dabei ist die Forderung nach einem konstruktiven Dialog in einer kapitalistischen Gesellschaft eine Scheinforderung, die die strukturellen Macht- und Herrschaftsbeziehungen ausblendet und letztlich dazu führt, dass die autoritätsgläubigen Teile der Bewegung in ein Scheingespräch integriert werden. Vielmehr kann ein Dialog mit den FunktionärInnen auf "Augenhöhe" erst stattfinden, wenn alle Beteiligten bereit sind die grundlegenden Prinzipien der Bildungspolitik in Frage zu stellen und vor dem Hintergrund dieser Kritik an einem grundsätzlich neuen Bildungsbegriff zu arbeiten. Bis dies nicht der Fall ist, verbittet sich ein inhatliches Zusammenkommen zwischen Protest und Funktion. Vielmehr sollten diese Veranstaltungen von Studierenden als strategische Arenen begriffen werden, in denen Druck aufgebaut und Autoritäten in Frage gestellt werden können.
(4) Haben sich PhysikstudentInnen nicht erblöden lassen als Kanonenfutter der bürgerlichen Legitimationsstrategie zu agieren und für die FunktionärInnen in die Bresche zu springen. Als SympathisantInnen mit dem Bildungsstreik haben sie sich bezeichnet, im gleichen Schritt aber die Solidarität in einer entscheidenden Situation zurückgenommen. Dabei darf jedoch nicht überraschen, dass sie dies taten, hatten sie doch selber ihren Elite-Part in der Veranstaltung.

Hier scheint durch womit ein tatsächlicher Protest, der sich nicht an die Bahnen des Bitten und Nicken hält, konfrontiert ist. Das Banner der Demokratie wird in jenen Momenten hochgehalten, wo er seinen nutzen zur Exklusion hat. Die inhaltlichen Forderungen, die im Wesen demokratischer Natur sind in dem Sinne, dass sie die Individuen gegen die gesellschaftlichen Autoritäten stärken soll, werden der Form halber als undemokratisch diffammiert. Eine stärkung des Individuums und die "Erziehung zur Mündigkeit" im Sinne Adornos wären jedoch notwendige Voraussetzung für eine tatsächliche Verbesserung der Lebensbedingungen aller Menschen. Gegen diesen Exklusionswillen (der im übrigen kein neues Phänomen ist) müssen sich Bewegungen immer wehren. Oft genug wurde der fehler gemacht sich dann als "die besseren Demokraten" zu inszenieren. Aus diesem Fehler müssen endlich die notwendigen Konsequenzen gezogen werden und zwar nicht von einigen wenigen, sondern von der breite Masse der "Bildungsstreikenden".
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Ergänzungen

erläuterungen zum bericht

streik 05.12.2009 - 18:51
alle deine fragen ergeben sich aus dem text:
zu 1: in dem redebeitrag wurde auf die konkrete kritik am bildungssystem hingewiesen, welche auch hier kurz angerissen aber nur bedingt dargestellt werden sollte. dass es eine veranstaltung der stiftungsuni für die stiftungsuni war, spielt dabei nur eine aber nicht die einzige rolle.

zu 2: Eine Rede halten ist was anderes als einen "konstruktiven Dialog" zu führen wie er immer wieder von formaldemokratInnen gefordert wird. deswegen ist das nicht widersprüchlich...

Köln: Bildungsstreik-Besetzungen gehen weiter

Name 06.12.2009 - 00:34
Köln: Bildungsstreik-Besetzungen gehen weiter

Auch im Dezember geht der Kölner Bildungstreik, wie in vielen anderen Städten Europas, mit Hochschul-Besetzungen und Protestaktionen weiter. Seit der Rektor der Uni Köln die Aula I am 20.11.2009 nach drei Tagen Besetzung polizeilich räumen ließ, werden zwei weitere Räume von Studierenden besetzt gehalten.

Mit später erfolgter Duldung der Fakultät nutzen sie nun seit dem 24.11. den Raum 301 der Fachhochschule in der Mainzer Str. 5, wo sie auch Solidaritätsbesuche von lokaler Medienprominenz bekamen (Frank Schätzing, Wilfried Schmickler, Jürgen Becker). Neben täglichen Plena, Arbeitsgruppen und Vollversammlungen finden dort auch Podiumsdiskussionen, alternative Vorlesungen, Sport, und Konzerte statt. Auch Protestaktionen, wie Flashmobs in der Innenstadt werden organisiert.

Auch die Aula der Humanwisenschaftlichen Fakultät der Uni Köln in der Gronewaldstr. 2 wird seit dem 24.11. von Studierenden besetzt gehalten, was das Dekanat derzeit duldet. Nicht ganz so geduldig war Uni-Rektor Freimuth als er anlässlich der erneuten Besetzung einer Aula im Hauptgebäudes am Albertus-Magnus-Platz den Studierenden wegen ihrer allgemeinpolitischen Forderungen jegliche Gesprächsbereitschaft absprach. Hintergrund des Streits war die geplante Manager-Veranstaltung der CEMS (Community of European Management Schools and International Companies) am folgenden Wochenende, für die der Raum benötigt wurde. Nachdem der Rektor wieder einmal die Polizei gerufen hatte, um die Besetzer/innen aus der Uni tragen zu lassen, fand die Staatsmacht den Saal nur noch leer vor.

Währenddessen gehen die Veranstaltungen und Proteste in den beiden anderen besetzten Hörsäälen munter weiter. Spaßiger Höhepunkt ist definitiv die Entführung des Uni-Weihnachtsbaums durch Bildungsstreikende das "Kommando Knecht Ruprecht" ( http://www.youtube.com/watch?v=WSn2lkzrJkw). Für den 10.12. ist außerdem eine überrgionale Demonstration gegen die Kultusministerkonferenz in Bonn geplant, die um 13 Uhr am Bahnhof Bad Godesberg startet und gegen 16 Uhr am Wissenschaftszentrum enden soll ( http://www.stifterverband.info/veranstaltungen/wissenschaftszentrum_bonn/anfahrt/index.html).

N.N.,
Anarchosyndikat Köln/Bonn,
 http://anarchosyndikalismus.org

Hintergrundbericht zum Kölner Bildungsstreik:
 http://anarchosyndikalismus.org/bildung/bildungsstreik-nov2009/index.html

Beiträge die keine inhaltliche Ergänzung darstellen

Verstecke die folgenden 9 Kommentare

Flugblatt zur Kritik am Bildungsstreik

finder 05.12.2009 - 00:28
Das folgende Flugblatt habe ich Heute in der Uni Göttingen gefunden. Es weist auf eine Kritik am derzeitigen Bewusstseinsstand vieler Studierdenen hin.

An die Studentinnen und Studenten der Universität Göttingen
Zu den Bildungsstreiks im Jahr 2009
Prolog:
Es ist nicht alles Gold was glänzt. Statt Langfristigkeit und Verbindlichkeit sehen wir Spektakel und Anbiederung. Statt basisdemokratischer Organisierungsprozesse sehen wir blinden Aktionismus. 10.000 waren es, die im vergangenen Semester am Bildungsstreik teilgenommen haben. Die meisten davon Bildungsleichen im tatsächlichen Wortsinn. Sie waren sich nicht zu schade, sich für ihre Verwertbarkeit fast vollständig den Autoritäten zu unterwerfen. Einige, nur wenige, haben versucht dem ganzen eine angemessene Form und einen vernünftigen Inhalt zu geben. Ihr Interesse war eine tatsächliche Veränderung und nicht nur der Schein eines Anspruchs.

„Die Schmach noch schmachvoller machen, indem man sie publiziert“ S.I. 1966

… wir waren dabei, als ihr euch daran gemacht habt, eure Unlust zu Denken unter Beweis zu stellen. Wir haben gemeinsam auf Treffen gesessen, wir haben basisdemokratische Strukturen ausprobiert und wir haben gemeinsam demonstriert. Wir waren unter euch, ein Teil von euch und haben euch beobachtet. Wir haben gesehen wie ihr gesprochen habt, wie ihr gestikuliert habt und wir haben gesehen, wie ihr versucht habt, kleinen Kindern nachzueifern. Diese aber haben, im Gegensatz zu euch, noch nicht verlernt, ihren Begehren Ausdruck zu verleihen. In eurem Nacheifern drückt sich eure Sehnsucht nach der einfach beschaffenen Welt aus. Das komplexe Denken in Zusammenhängen ist euch fremd. Die Bereitschaft dazu ist jedoch die Voraussetzung für tatsächliche basisdemokratische Organisierung.

Kleine Kinder können sich ihre Mittel nicht zurecht legen, ihnen fehlt die Fähigkeit zur Einsicht in politische Komplexität. Deshalb bleibt ihnen nur infantiles Gequengel und verzweifelte Trotzreaktionen. Und auch ihr könnt euch eure Mittel nicht zurecht legen, aber euch fehlt nicht die Fähigkeit, sondern die Mündigkeit diese einzusetzen. In euren Worten drückt sich der Wunsch aus, Kind zu sein. Ihr wollt nicht selber denken und euch der Komplexität hingeben. Ihr wollt einfache Worte, klare Grenzen und starke Anführer. Eure Gesten offenbaren den Wunsch, eure Mündigkeit abzustreifen. Deshalb könnt ihr lediglich in die Farce von infantilem Gequengel und pseudo-beleidigten Trotzreaktionen zurückfallen, wenn eure Autoritäten den Versatzstücken eurer verdrängten Begehren kein Gehör schenken. Und wenn ihr dann merkt, dass auch diese hoffnungslose Farce ungehört im endlosen Takt der Uhren verhallt, setzt ihr euch hin und fragt euch, ob ihr denn von euren Autoritäten nicht geliebt werdet.

Sie lieben euch nicht. Weder diejenigen, die in eurem Zuhause sitzen und euch Jahrelang um 7 Uhr morgens in die Höhle des Löwen gezwängt haben, noch diejenigen, die in euren Köpfen die täglichen Maßgaben und Wege eures Lebens bestimmen. Weder diejenigen, die in Parlamenten täglich pseudo-Kämpfe über Widersprüche ausfechten, an denen sie ohnehin nur blaue Augen davon tragen können, noch die pseudo-Intellektuellen, die im Universitären Alltag vor allem durch ihre desillusionierte und ignorante Art ihr Unwissen unverhüllt in Vorlesungen, Seminaren oder Übungen offenbaren. Dennoch wollt ihr sie sagen hören, dass sie euch lieben. Und sie sagen es oft. Sie betonen es immer wieder. Aber wenn sie sagen, dass sie euch lieben, dann meinen sie:

„Wir können dich gut gebrauchen. Du tust unserem Narzissmus gut und durch dich erfüllen wir unsere Funktion in dieser Warengesellschaft. Bitte sag' uns, dass wir alles richtig gemacht haben. Dann sagen wir dir, dass wir dich lieben.“

Ihre Liebe findet ebenso wie eure Bedürftigkeit, die Grenzen in der eigenen Funktion. Aber ihr wolltet es nie hören. Aus eurer Unlust zu denken, wurde die Unfähigkeit zu erkennen. Aus eurer Unfähigkeit zu erkennen, wurdet ihr zu bloßen Hüllen eurer selbst. Ihr wurdet zu lieblosen Geschöpfen, die sich selbst anwidern, wenn sie sich und andere als menschliche und bedürftige Wesen sehen. Aber desto weniger ihr eure Bedürfnisse eingestanden habt, desto stärker wurde eure krankhafte Sehnsucht nach euren Anführern, die euch sagen, dass sie euch lieben und deren Ablehnung ihr nicht ertragen könnt.

Und weil ihr ihre Ablehnung nicht ertragen könnt, handelt ihr wie Hunde: Wenn ihr euch brav verhaltet, Platz macht und eventuell eine Rolle rückwärts macht oder einfach nur daliegt, gibt es manchmal eine Belohnung. Deswegen habt ihr geklatscht, wenn euch andere was erzählt haben. Deswegen seid ihr aufgestanden, als der Dozierende in anderen Worten das immer-gleiche zum zigsten Mal wiederholt hat. Ihr habt Anerkennung gefunden, als sich große Politiker an eure Seite gestellt haben und ihr seid im tosenden Mob zu Tausenden aufgegangen, als die Bestätigung kam, dass ihr euch brav an die Regeln haltet, dass ihr eine spektakuläre Show auf die Beine gestellt habt, die sich wunderbar in die Maschinerie des Alltäglichen einreiht. Ihr habt euch in eurer Kreativität und in eurer Spontaneität gesuhlt und ihr habt vor allem eins getan: Ihr habt erwartungs- und hoffnungsvoll euren Blick nach oben gerichtet mit dem Pseudo-Gedanken: „Wo bleibt die Belohnung?“ Ihr habt euch verhalten wie geschlagene Hunde, die auf ihre Herren schauen, nachdem sie ihnen die Zuneigung offenbart haben.

Aber die Belohnung blieb aus. Denn heute ist nicht die Zeit euch zu sagen, dass ihr gebraucht werdet. Heute ist die Zeit, in der alle die Gürtel enger schnallen müssen. Heute ist die Zeit, in der eure Unfähigkeit eure Bedürfnisse zu äußern und geltend zu machen, zu ihrem vollen Recht kommt. Vielleicht kommt die Belohnung in zwei Jahren. Vielleicht auch erst in vier. Vielleicht werdet ihr dafür belohnt so lange still-gehalten zu haben, bis die post-fordistische Arbeitsorganisation euer Stillhalten nicht länger erträgt. Vielleicht kommt sie auch nie wieder. Was euch in der Zeit aber prägt ist die Fixierung auf die Belohnung, auf den Beweis, dass ihr gewollt seid, dass ihr geliebt werdet.

„Wie ein stoischer Sklave glaubt der Student sich umso freier, je mehr alle Ketten der Autorität ihn fesseln.“ S.I. 1966

Wir haben über Monate hinweg versucht zu verstehen, was ihr sagen wollt. Wir haben eure Argumente hin und her gewälzt, angeschaut, von allen Seiten betrachtet und mussten schließlich feststellen, dass alles was ihr sagt lediglich die blinde Kopie dessen ist, was an vorgefertigten Satzkonstruktionen, an aneinandergereihten Slogans bereits seit mehreren Generationen vorhanden ist. Es ist genau jenes, was das Über-Ich euch erlaubt. Es ist nichts anderes als die langweilige Rhetorik der Parlamentarier, die gelegentlich in geifernde, sabbernde und spektakuläre Reden verfallen. Nicht etwa um ihrem Interesse Ausdruck zu verschaffen, sondern um ihrer Funktion und ihrem eigenen Narzissmus zu frönen.

Eure Kopie ist nicht viel mehr als die immerwährende Entfremdung von euren eigenen Bedürfnissen. Eure Unlust zu denken braucht Spezialisten, die euch vertreten, um die Farce eurer Bedürfnisartikulation in vorgefertigte Bahnen zu lenken. Eure Unfähigkeit euch als bedürftige Wesen wahrzunehmen braucht den geifernden und sabbernden Parlamentarier, der sich zum spektakulären Ausdruck des infantilen Geschreis macht, zu dem ihr selbst nicht in der Lage seid. Eine Woche lang habt ihr euch damit arrangieren können, dass ihr etwas anderes macht, als euch zwischen zwei Stadien der materiellen Hierarchie nach oben zu drängen. Ihr habt Urlaub davon gemacht, dass ihr in der Luft hängt, zwischen den Zwängen der Familie und den Zwängen der Ausbeutung. Ein Urlaub, der kein Einspruch gegen diesen Alltag sein sollte, sondern euer gekränktes Unverständnis gegenüber der ausbleibenden Zuwendung ausgedrückt hat.
Eine Woche lang sollte eure Farce des infantilen Geschreis nach Anerkennung den Ton der bornierten Studentenkultur angeben. In dieser Zeit wart ihr euch auch nicht zu schade, euch auf die Pseudo-Selbstorganisation einzulassen, die ihr als Vollversammlungen angeboten bekommen habt. Die eigene Forderung nach Selbstbestimmung habt ihr weder inhaltlich noch praktisch wirklich ernst gemeint. Denn Selbstbestimmung erfordert das Eingeständnis in die eigene Bedürftigkeit, in die eigene Verletzbarkeit und in die Lust am Denken. Ein Umstand, der euch in der spektakulärsten aller Welten Fremd ist. Nun übernehmen die Funktionäre wieder das Ruder. Ihr habt euch der Struktur hingegeben und getan, was von euch verlangt wurde. Es ist wieder an der Zeit, euer eigenes Begehren zu Verdrängen und diese Verdrängung in Form der Autorität erneut zur Symbolfigur eures Willens zu machen.

„Hegel Bemerkt irgendwo, daß alle großen weltgeschichtlichen Thatsachen und Personen sich so zu sagen zweimal ereignen. Er hat vergessen hinzuzufügen: das eine Mal als große Tragödie, das andere Mal als lumpige Farce.“ K.M. 1852
Das eine Mal im Juni, das andere Mal im November.

Wer wir sind: Wir sind euer Imaginiertes. Denn wir sind eure Kehrseite. Wir sind das von euch verdrängte Bedürfnis, die von euch verwehrte Vernunft. Wir sind keine menschlichen Wesen, sondern der Ausdruck den ihr nicht zulasst. Umso schmerzlicher drängen wir uns in euer Bewusstsein. Wir wissen nichts besser und wir sind selber Teil von euch. Wir nehmen uns selbst aufs schärfste in die Kritik, weil wir lediglich eure Abspaltung sind. Wir sind ihr.

Wütende Kritikerinnen und Kritiker von Juni 2009 bis Heute

lieber finder:

fluglotse 05.12.2009 - 01:00
dies ist kein forum zur veröffentlichung intellektueller tieffliegereien. auch nicht, wenn man sie als flugblatt tarnt. such dir freunde und versuch mal ernsthaft über die nötigen veränderungen im hochschulbereich nachzudenken

super sache

berlinär 05.12.2009 - 01:20
well done - der privatisierten uni die zähne zeigen - weg mit stiftungsräten

guter text

pepper 05.12.2009 - 02:41
Guter Text, trotz schnellen Verfassens. Weiter so!

Mehr Klarheit im Beitrag bitte!

Fischer 05.12.2009 - 15:38
Ich verstehe überhaupt nicht, 'warum' die Preisverleihung eigentlich gestört werden sollte. Der einzige Hinweis im Text.
"So war dies eine Veranstaltung der Stiftungsuniversität Göttingen, die einen Stiftungspreis an ein ehemaliges Stiftungsratsmitglied verleihen wollte."
Ähhh, sorry, aber wo ist da das Problem? Ist nur die Stiftungsuni an sich schon das Problem? Dann wäre das aber eine ziemlich billige Legitimation für die (Zer-)Störung von allem, was mit der Gö-Uni zusammen hängt.

Auch verstehe ich folgendes nicht, ihr schreibt:
"Noch am Abend antworteten die AktivistInnen mit einer Mail auf dieses Angebot, in dem sie mindestens 10 Minuten Redezeit forderten." und "Dennoch gestand er den Studierenden die Rede zu." und dann
"Dabei ist die Forderung nach einem konstruktiven Dialog in einer kapitalistischen Gesellschaft eine Scheinforderung, die die strukturellen Macht- und Herrschaftsbeziehungen ausblendet"
Die Logik bleibt mir völlig verborgen: erst fordert ihr Redezeit, dann bekommt (und nutzt!) ihr sie - und dann heisst es, das Reden eh unsinnig sind. Warum fordert ihr das dann vorher??

@streik

arbeit 05.12.2009 - 21:17
Was Ihr da macht ist ungefähr genauso sinnvoll wie die "Kunstaktion" in FFM.

Wieso muss es denn eigentlich immer dagegen sein und warum müssen die Aktionen immer diesen negativ-destruktiven Charakter haben?
Was kommt dabei bitte raus?
Ist durch solchen Kram in den letzten Jahren schonmal irgendeine echte Verbesserung erreicht worden?
Ich denke nein.

Da hat ja die FDP den Studenten in den letzten Jahren mehr geholfen als die "Immer Dagegen" Aktionen des AStA
(mal überspitzt ausgedrückt)

Es wird echt Zeit, dass wir uns mal wirklich konstruktiv für eine Verbesserung der Studienbedingungen einsetzen, sonst ändert sich nie was.

Wo findet man den Text?

Dirk 06.12.2009 - 00:31
Also, mich würde der Wortlaut des von Hendrik Oberwinter verlesenen (auch von ihm formulierten?) Textes sehr interessieren - das war so schön argumentfrei und so herrlich niveaulos, schon fast für germanistische Stilübungen geeignet. Bitte mal irgendwo online stellen! - Danke.

Baisdemokratische Störungen

Malte N. 06.12.2009 - 01:03
Wenn, dem Text zufolge, basisdemokratische Störungen legitim sind, sollte das Präsidium der Uni sich schnellstens der Forderung nach Basisdemokratie beugen und seinerseits die Besetzung des VG und die Streikaktionen ebenso basisdemokratisch wie nachhaltig stören. Das wäre dann sicherlich die vom Artikelverfasser angesprochene "Augenhöhe".

07.12. 18h Demo

Situationist 07.12.2009 - 10:12
07.12. 18h in FFM am Cafe KoZ: demo gg. die autoritäre Hochschule! Macht Spontis auch in euren Städten!