Brief eines Vaters zum NRW Bildungssystem
Die Landesregierung bejubelt eine neue Schuleingangsphase, in der Kinder angeblich individuell und gezielt gefördert werden – die Praxis sieht erschreckend anders aus:
Mein Sohn besuchte drei Jahre den Kindergarten und wurde eineinhalb Jahre vor Einschulung durch einen Logopäden und Ergotherapeuten gefördert. Die Fachkräfte einschließlich Kindergarten empfahlen die Einschulung um ein Jahr zu verschieben.
Doch die Praxis der Zurückstellung sei nicht mehr zeitgemäß und die Schule sah keinerlei Einschränkungen. Eine individuelle Förderung und eine flexible Schuleingangsphase wurde versprochen und damit „Basta“.
Nun hat mein Sohn die ersten dreieinhalb Monate hinter sich gebracht.
Mein Sohn besuchte drei Jahre den Kindergarten und wurde eineinhalb Jahre vor Einschulung durch einen Logopäden und Ergotherapeuten gefördert. Die Fachkräfte einschließlich Kindergarten empfahlen die Einschulung um ein Jahr zu verschieben.
Doch die Praxis der Zurückstellung sei nicht mehr zeitgemäß und die Schule sah keinerlei Einschränkungen. Eine individuelle Förderung und eine flexible Schuleingangsphase wurde versprochen und damit „Basta“.
Nun hat mein Sohn die ersten dreieinhalb Monate hinter sich gebracht.
Die Ergebnisse, die er erreicht, liegen unter dem Durchschnitt und er gehört laut Klassenlehrerin „zu den fünf schlechtesten Schülern der Klasse“. Beim Elternsprechtag wurde mir der Leistungsstand durch Übungsblätter und kleine Tests verdeutlicht. Über seine individuellen Kompetenzen wurde nicht gesprochen. Auf meine Bitte „Wie können wir als Eltern unserem Sohn weiterhelfen“ erhielten wir von der Lehrerin nur die Antwort: „Das weiß ich auch nicht“. Zudem bekamen wir von der Klassenlehrerin die Auskunft, dass eine individuelle Förderung unseres Sohnes bei einer Klassenstärke von 25 Schülern nicht möglich sei. Deshalb gäbe es jeden Montag in der fünften Unterrichtsstunde Förderunterricht.
Vor einigen Tagen legte mir nun mein Sohn ein Diktat vor und bat mich um eine Unterschrift. Auf Grund der Defizite in der Rechtschreibung bat ich die Klassenlehrerin um Einsicht in den Förderplan, um eine entsprechende Förderung mit Logopäden, Ergotherapeuten, Eltern und Schule zu vereinbaren.
Daraufhin erhielt ich einen Anruf der Klassenlehrerin, die mir erklärte, dass ein entsprechender Förderplan noch gar nicht erstellt worden sei. Der zuständige GU Lehrer sei erkrankt und hätte auch noch keine Diagnostik vorgenommen. Mein Sohn hätte doch nur eine graphomotorische Schwäche und Probleme beim Lesen, und man könnte zur Zeit nur abwarten.
Zur Motivierung hätte sie meinen Sohn vor einigen Tagen gebeten, vor der Klasse etwas über Afrika zu erzählen, wie die Menschen leben etc. Scharfsichtig hatte sie bemerkt, dass ich weiß bin und meine Frau schwarz ist, und ein Mensch mit dunkler Hausfarbe muss selbstverständlich zwangsläufig ein Experte für afrikanische Kultur sein. Mein Sohn wurde in Deutschland geboren und ist deutscher Staatsbürger, daher konnte er über Afrika nichts berichten und verfügt auch über keinerlei Kenntnisse darüber. Über Dinosaurier, seine musikalische Früherziehung bei der Musikschule, oder den Weltraum oder wie Gott ihm jeden Tag hilft, dies wären Themengebiete gewesen, zu denen er kompetent hätte Auskunft geben können, und über die er gerne gesprochen hätte.
Binnendifferenzierung oder ein seinem Vermögen entsprechender Zugang zum Unterricht erfordert die Kenntnis der Lernvoraussetzungen des Schülers. Diese scheinen, im Fall meines Sohnes, der Klassenlehrerin auch nach drei Monaten verborgen zu sein.
Laut Bildungsbericht des Ministeriums für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen werden alle Kinder in der neuen Schuleingangsphase, also sowohl leistungsschwache wie leistungsstarke, „individuell und gezielt gefördert“ (
http://www.schulministerium.nrw.de/BP/Presse/Materialien/bildungsbericht.pdf). Diese Förderung beinhaltet demnach im Bereich Diagnose und Einzelbetreuung die Unterstützung der Lehrkräfte durch sozialpädagogische Fachkräfte. In der Praxis findet keine Einzelbetreuung durch die Lehrkraft, geschweige denn durch eine sozialpädagogische Fachkraft statt. So viel zur neuen Schuleingangsphase. Im Schulalltag bleiben Kinder, die zufällig nicht die idealen Lernvoraussetzungen mitbringen, eben auf der Strecke – Pech gehabt.
Vor einigen Tagen legte mir nun mein Sohn ein Diktat vor und bat mich um eine Unterschrift. Auf Grund der Defizite in der Rechtschreibung bat ich die Klassenlehrerin um Einsicht in den Förderplan, um eine entsprechende Förderung mit Logopäden, Ergotherapeuten, Eltern und Schule zu vereinbaren.
Daraufhin erhielt ich einen Anruf der Klassenlehrerin, die mir erklärte, dass ein entsprechender Förderplan noch gar nicht erstellt worden sei. Der zuständige GU Lehrer sei erkrankt und hätte auch noch keine Diagnostik vorgenommen. Mein Sohn hätte doch nur eine graphomotorische Schwäche und Probleme beim Lesen, und man könnte zur Zeit nur abwarten.
Zur Motivierung hätte sie meinen Sohn vor einigen Tagen gebeten, vor der Klasse etwas über Afrika zu erzählen, wie die Menschen leben etc. Scharfsichtig hatte sie bemerkt, dass ich weiß bin und meine Frau schwarz ist, und ein Mensch mit dunkler Hausfarbe muss selbstverständlich zwangsläufig ein Experte für afrikanische Kultur sein. Mein Sohn wurde in Deutschland geboren und ist deutscher Staatsbürger, daher konnte er über Afrika nichts berichten und verfügt auch über keinerlei Kenntnisse darüber. Über Dinosaurier, seine musikalische Früherziehung bei der Musikschule, oder den Weltraum oder wie Gott ihm jeden Tag hilft, dies wären Themengebiete gewesen, zu denen er kompetent hätte Auskunft geben können, und über die er gerne gesprochen hätte.
Binnendifferenzierung oder ein seinem Vermögen entsprechender Zugang zum Unterricht erfordert die Kenntnis der Lernvoraussetzungen des Schülers. Diese scheinen, im Fall meines Sohnes, der Klassenlehrerin auch nach drei Monaten verborgen zu sein.
Laut Bildungsbericht des Ministeriums für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen werden alle Kinder in der neuen Schuleingangsphase, also sowohl leistungsschwache wie leistungsstarke, „individuell und gezielt gefördert“ (
http://www.schulministerium.nrw.de/BP/Presse/Materialien/bildungsbericht.pdf). Diese Förderung beinhaltet demnach im Bereich Diagnose und Einzelbetreuung die Unterstützung der Lehrkräfte durch sozialpädagogische Fachkräfte. In der Praxis findet keine Einzelbetreuung durch die Lehrkraft, geschweige denn durch eine sozialpädagogische Fachkraft statt. So viel zur neuen Schuleingangsphase. Im Schulalltag bleiben Kinder, die zufällig nicht die idealen Lernvoraussetzungen mitbringen, eben auf der Strecke – Pech gehabt.
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(Moderationskriterien von Indymedia Deutschland)
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Ergänzungen
Die neue Schuleingangsphase
Beide Organisationsformen stehen nach dem neuen Schulgesetz gleichberechtigt nebeneinander; die Entscheidung hierüber trifft die Schulkonferenz, also Lehrkräfte und Eltern gemeinsam.
Von den 357.062 Schülerinnen und Schülern in der Schuleingangsphase
der Grundschule im Schuljahr 2007/2008 ist für 12,7 Prozent der Unterricht jahrgangsübergreifend
organisiert worden. 2.182 Schülerinnen und Schüler, also 0,6 Prozent, befanden sich in ihrem dritten Jahr der Schuleingangsphase.
Ziel der Schuleingangsphase ist es, alle schulpflichtigen Kinder eines Jahrgangs dem Grad ihrer Schulfähigkeit
entsprechend zu fördern. Demnach lernen Schülerinnen und Schüler mit günstigen Lern- und Entwicklungsvoraussetzungen und auch besonderen Begabungen gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern, deren Schulfähigkeit nicht ausreichend ausgeprägt ist. Langsam lernende
Schülerinnen und Schüler und solche, die schneller lernen oder besondere Begabungen aufweisen, werden individuell und gezielt gefördert. Die Förderung der Kinder kann in einem Umfang bis zur Hälfte der wöchentlichen Stundentafel auch in äußerer Differenzierung (Lernstudio) erfolgen. Damit erhält diese Form der Förderung eine deutliche Verstärkung, ohne dass die Kinder den Bezug zu ihrer Stammklasse aufgeben.
Ebenso ist eine besondere Förderung z. B. durch Differenzierung innerhalb der Klassen möglich. Im Bereich
Diagnose und Einzelbetreuung werden die Lehrkräfte durch sozialpädagogische Fachkräfte unterstützt.
Aus Schule in Nordrhein - Westfalen Bildungsbericht 2009
Durch den weitgehenden Verzicht auf Zurückstellungen steigen die Erwartungen an die Professionalität der Lehrkräfte in Bezug auf individuelles Fördern und erfolgreiches Lernen. Die Rolle der Lehrkräfte im Unterricht entwickelt sich im Idealfall stärker hin zur Lernbegleitung des einzelnen Kindes, ohne dass ihre Verantwortung für die Ergebnisse des Lernens aufgegeben wird. Im Gegenteil: Die verbindlichen Anforderungen und die erwarteten Kompetenzen der neuen Lehrpläne für die Grundschule geben den Lehrkräften klare Vorgaben, welche Lernergebnisse von den einzelnen Schülerinnen und Schülern erreicht werden müssen. Insbesondere für Kinder mit Lernschwierigkeiten bedeutet dies, diese Kinder stärker "an die Hand" zu nehmen, d. h. einen stärker durch die Lehrerin oder den Lehrer angeleiteten Unterricht durchzuführen, damit auch diese Kinder die verbindlichen Anforderungen der Lehrpläne erreichen.
In diesem Zusammenhang ist es unerlässlich, für Schülergruppen und auch für einzelne Kinder Förderpläne aufzustellen und fortzuschreiben. Die Lernfortschritte werden dazu kontinuierlich überprüft und neue Förderziele festgelegt. Gegebenenfalls werden die Eltern einbezogen. Entwicklung und Fortschreibung von Förderplänen setzen eine fundierte Lernstands- und Förderdiagnostik zu Beginn der Schulzeit und im laufenden Lernprozess voraus. Von der Fähigkeit der Lehrkräfte, verlässliche Diagnosen in wirkungsvolle Fördermaßnahmen umzusetzen, wird es abhängen, ob der Paradigmenwechsel von einem selektions- zu einem integrationsorientierten Schulanfang gelingt.
Seit 1997 werden umfangreiche Fortbildungsmaßnahmen zur Förderdiagnostik angeboten. Die Materialien dieser Maßnahme werden im Bildungsserver learn-line zur schulinternen Fortbildung bereitgestellt.
Außerdem bedarf es einer noch intensiveren Abstimmung der Lehrkräfte vor allem mit den sozialpädagogischen Fachkräften aus den ehemaligen Schulkindergärten, um differenzierte Fördermaßnahmen gezielt durchführen zu können. Verbunden damit sind die Vorbereitung und Entwicklung weiterer Materialien für einen individualisierten und differenzierten Unterricht sowie die Planung dieses Unterrichts.
Es sei nicht verschwiegen, dass mit diesen Aufgaben - zumindest in der Anfangsphase - einerseits insgesamt mehr Arbeit auf die Lehrkräfte zukommt. Andererseits werden sie dadurch unterstützt, dass vorschulische Sprachkurse zur Förderung der Kinder in der deutschen Sprache zu deutlichen Entlastungen im Anfangsunterricht führen werden.
Webseite Schulministerium NRW
Kurios
der Einzelfall zählt!
Im Gegensatz zu dem anderen Kommentar weiter oben meine ich: bei Kindern, bzw. bei Menschen, die der Förderung bedürfen, zählt natürlich der Einzelfall! Also ist das Geschilderte für mich natürlich auch bildungspolitisch relevant. Was denn sonst? Sind es nur Statistiken zählen, das einzelne Kind hat sich zu fügen? Schönes Kasernenleben, viel Spaß dabei! Und ich finde, dass es einfach billigste Hinhaltung ist, den Eltern dieses Kindes, die noch vorher auf bestimmte Umstände hinweisen, erst eine Förderung zu versprechen und dann nix dergleichen zu bieten, sprich das Kind einfach im Leistungskonsens mitzuschleifen und gleich mal wegen schlechter Leistungen abzustrafen. Ich würde dem Vater empfehlen, im Internet das Forum Kritischer Pädagogen zu suchen, die sich auch gegen Sachzwänge (im Sinne von Sparpolitik) und Pisa-Korsett an Schulen aussprechen, weil es letztlich die Kinder sind, die auch seelisch
drunter zu leiden haben.
Noch darüberhinaus: wenn die Lehrerin dieses Kind gleich mal auf"Afrika" festlegt wegen seiner Hautfarbe, finde ich das rassistisch und solches Verhalten ist eher 50-er Jahre-gemäß. Über stigmatisierende Erfahrungen mit rassistischer Erziehung und über eigene Befreiungsversuche haben afrodeutsche Frauen in den 80-er-Jahren ein sehr gutes Buch geschrieben, das ich dem Vater hier empfehlen würde, um sich gegen die neuen, alten rassistischen Denkschemata zur Wehr zu setzen, es heißt "Farbe bekennen" und ist von Katharina Oguntoye und May Ayim herausgegeben worden. Die Gedichte von May Ayim sind übrigens in dieser Hinsicht auch sehr lesenswert!
Ich wünsche diesem Vater, dass er noch irgendwo - bei anderen Lehrern, bei anderen Eltern- Beistand gegen die Sachzwänge und die dumpfen deutschen Leitkultur-Schemata an Schulen findet!
Die Intention der Schuleingangsphase ,
Leider wurde dabei übersehen:
Solche Konzepte - insbesondere die Integration von Kindern mit Lernschwierigkeiten erfordert natürlich zusätzliche Ressourcen, das kann kein Klassenlehrer nebenbei machen (Stunden für die Integration wurden gekürzt!).
Es wurde als Allheilmittel den Schulen aufgedrückt - ohne vorher nach deren Bedürfnissen zu fragen.
Man muss, wenn man jüngere Kinder einschult und Klassenstufen mischt, auch die räumlichen Voraussetzungen schaffen.
Gute Bildung kostet Geld - als Sparmodell geht das nicht. (Die Arbeitsbelastung für die LehrerInnen steigt bei diesem Modell erheblich - besonders, wenn sie hohe Ansprüche an ihre Arbeit stellen.)
Ich sehe persönlich in dem Modell Vorteile (bin selbst Lehrer in einer Eingangsklasse), etwa das soziale Lernen funktioniert gut und es wird wirklich mehr auf die Kinder eingegangen. Trotzdem stellt das gleichzeitige Unterrichten mehrerer Klassenstufen und dann noch die Förderung von Kindern mit Problemen eigentlich eine Überforderung dar. Für die Kinder ist es meiner Meinung nach schlecht, dass in diesen Klassen, d.h. in den ersten 2-3 Schuljahren keine feste Klassengemeinschaft entsteht, da ständig Kinder kommen und gehen. Wenn sie sich dann an die Klasse und die LehrerInnen gewöhnt haben, kommt dann in der 3. Klasse der Neuanfang- wieder mit neu zusammengewürfelter Klasse und mit neuen LehrerInnen.
P.S. Ich freu mich, dass hier auch mal gesellschaftlich relevante Themen besprochen werden - mal eine Abwechslung zum üblichen Sektenkrieg und radikalem Mackertum.
Noch vergessen: Die Aktion mit Afrika
Ein alter Freund meiner Eltern (der kam wirklich aus Afrika) pflegte auf die Frage, ob er mal was trommeln könnte immer in der Art zu erwidern: Ich bin total unmusikalisch, aber ich bin Germanist und könnte was von Goethe zitieren.
P.S.: Freut mich, dass May Ayim noch nicht vergessen ist!
Beiträge die keine inhaltliche Ergänzung darstellen
Danke! Mehr davon. — Wir