Moskauer Antifa auf Silvio-Meier-Demo 2009

KC 24.11.2009 01:28 Themen: Antifa
Dieses Jahr waren Moskauer Antifaschisten auf der Silvio-Meier-Demo in Berlin anwesend. Es folgt eine Übersetzung des Demo-Bericht eines Antifas, eine Zusammenfassung der Moskauer Ereignisse des Wochenendes und die Übersetzung des Redebeitrags der Moskauer Antifaschisten auf der Silvio-Meier-Demo.
3000 Demonstrant_innen gedenken in Berlin ermordeten Antifaschist_innen

Am 21. November 2009 gab es im Berliner Bezirk Friedrichshain eine mehrstündige Demonstration im Andenken an Silvio Meier (der am 21. November 1992 von Nazis an der U-Bahnstation Samariterstraße ermordet wurde) und andere ermordete Antifaschist_innen.

Dieses Jahr wurde natürlich auch des am Montag in Moskau erschossenen Ivan Chutorskoj gedacht, Demonstrant_innen trugen Fotos und selbstgebastelte Plakate mit Vanjas Namen, sowohl in kyrillischer als auch lateinischer Schreibweise. Vor dem Beginn der Demo hielten Moskauer Antifaschisten zweimal Redebeiträge vor den Versammelten (Text siehe unten).
Eine solche Art von Demonstration ist keine schnelle Sache. Die Mahnwache im U-Bahnhof Samariterstraße, wo Silvio Meier starb, war auf 15h angesetzt worden. Die Versammelten zündeten Kerzen an und legten Blumen vor die Gedenkplatte. Kurz vor 16h, als sich in der U-Bahnunterführung bereits an die 200 Menschen drängten, begannen die Redebeiträge. Antifaschist_innen aus Berlin, Madrid und Moskau traten vor das Publikum.
Im Anschluss an die Mahnwache begaben sich alle aus der U-Bahnstation nach oben, wo sich auf der Straße bereits an die 600 Demonstrant_innen versammelt hatten und immer mehr hinzu kamen. Etwa 20 Minuten später wurden wieder Redebeiträge gehalten und die Antifas aus Moskau erhielten vor bereits ca. 1000 oder mehr Zuhörer_innen nochmal das Wort.
Um 16.50h begann die Demonstration. Etwa 3000 Teilnehmer_innen (Zahlen von indymedia Deutschland) bewegten sich über die schmalen und breiten Straßen des Bezirks Friedrichshain, zwischendrin gab es mehrere Zwischenkundgebungen.Als wir uns der Rigaerstraße näherten, wo es mehrere kollektive Wohnprojekte gibt, d.h. Häuser, in denen Antifas, Anarchist_innen und Angehörige der autonomen linken Szene Berlins leben, wurde auf den Dächern der Häuser Feuerwerk gezündet. An gleicher Stelle gab es eine kurze Zwischenkundgebung.
Als um ca. 19h die Demo offiziell aufgelöst wurde, begann die Polizei mit ihren traditionellen Provokationen: eine größere Gruppe Demonstrant_innen wurde eingekesselt, angeblich um Ausschreitungen zu verhindern. Die aufgebrachten Leute fingen an, Parolen gegen die Polizei zu skandieren, die Polizei hingegen setzte Gas ein und hetzte Demonstrant_innen im Umkreis der Boxhagener / Ecke Niederbarnimstraße. Das Ganze endete gegen 19.20h, als die Polizei mithilfe physischer Gewalt alle Anwesenden aus diesen Straßen gedrängt hatte, wobei sie keinen Unterschied machte zwischen Demonstrant_innen, Anwohner_innen, Journalist_innen etc. und zynisch durch Lautsprecher allen einen "angenehmen Abend" wünschte.

(...)

Weiter unten findet ihr Fotos, die ich gemacht habe. Während der Demo gab es keine Gelegenheit, um auf höher gelegene Flächen zu klettern (meine Aufgabe war vor allem aber auch, meine Bezugsgruppe nicht zu verlieren, so dass die Qualität der Fotos zu Gunsten eines besonnenen politischen Handelns leiden musste), weshalb die Größe der Demo sich hier nicht zeigen lässt. Dies ist jedoch anderen Fotograf_innen gelungen, die eher im Zeichen der Kunst unterwegs waren.
Außerdem habe ich mit Absicht keine Gesichter fotografiert, bzw. überhaupt keine Menschen oder eben so, dass sie nicht zu erkennen sind.
In der modernen radikalen Politik kommen bestimmte Dinge halt vor: erkannt zu werden bedeutet im Knast zu landen, erkannt zu werden bedeutet ermordet zu werden.

All das ist bereits am Samstag passiert, aber da ich in solchen Dingen ohne Übung bin, bin ich nach dieser 4,5 stündigen Aktionen einfach umgekippt und schreibe deshalb den Bericht erst heute.


In Moskau hingegen wurde Antifaschist_innen am Sonntag verboten, eine Gedenkdemonstration für Ivan Chutorsoj durchzuführen, was viel über die politischen Präferenzen der Regierenden aussagt.
Aus diesem Grund beschlossen an die 300 Antifas, Blumen am Grabmahl des unbekannten Soldaten an der Kreml-Mauer abzulegen (einen eher symbolträchtigen Ort haben sie sich auf die Schnelle anscheinend nicht ausdenken können). Nichtsdestotrotz entschied sich ein Teil der Anwesenden, eine unangemeldete Aktion durchzuführen, welche auch eine Blockade der Mochovaja und Volchonka Straßen beinhaltete. Als besser geeigneten Ort, um ihre Blumen niederzulegen, wählten diese 40 Aktivist_innen die Stelle, an der Stanislav Markelov und Anastasia Baburova ermordet wurden.

Eine ausgezeichnete Fotoreportage, welche die Blumenniederlegung beinhaltet findet sich im Blog von keltea:
keltea.livejournal.com/843326.html (rus)

Über die Straßenblockade und Fotos der Aktion:
www.avtonom.org/index.php?nid=2873 (rus)

Berichte über die Ermordung Ivan Chutorskojs und die darauf folgenden Protestaktionen gibt es bei indymedia:
ru.indymedia.org/feature/display/13342/index.php (rus)


Vlad Tupikin
22. November 2009, Berlin



Rede Moskauer Antifaschisten auf der Gedenkdemonstration zum Andenken Silvio Meiers und aller Opfer neonazistischer Gewalt

Den heutigen Tag, den 21. November 2009, begehen wir im Andenken Silvio Meiers und anderer Menschen, welche durch Neonazis getötet wurden.
Leider haben auch wir in Russland Gründe, den Opfern neonazistischer Gewalt gerade im November zu gedenken. Vor vier Jahren, am 13. November 2005, wurde in St. Petersburg unser Freund und antifaschistischer Genosse Timur Kacharava ermordet, diesen Montag, den 16. November 2009, wurde in Moskau der Antifaschist Ivan Chutorskoj getötet. In den letzten 3,5 Jahren sind alleine in Moskau 7 Antifaschisten auf solche Weise umgekommen.
Aber die antifaschistische Bewegung wächst. Auch aus diesem Grund, weil sie mittlerweile offene Auseinandersetzungen mit Antifas fürchten, sind Neonazis zu feigen Morden aus dem Hinterhalt übergegangen, zu Schüssen in den Hinterkopf.
Vor kurzem berichtete der russische Präsident Dmitrij Medvedev im deutschen "Spiegel" über die Aufklärung der Morde an dem Rechtsanwalt und Antifaschisten Stanislav Markelov und der Journalistin und Antifaschistin Anastasia Baburova. Ja, deren Mörder sind gefasst. Ja, im letzten Jahr wurde die Verfolgung neonazistischer Gruppierungen intensiviert. Aber die Zahl der von Neonazis verübten Morde (die, welche in Erfahrung gebracht und gezählt werden können), hat sich praktisch nicht verringert - 2008 sind etwa 100 Fälle bekannt geworden und bereits 80 bis November 2009.
Außerdem darf nicht vergessen werden, dass in den voran gegangenen Jahren die Regierung Russlands und deren Propaganda viel für das Anwachsen von Xenophobie, Nationalismus und die Stärkung der neonazistischen Szene getan haben.
Es darf nicht vergessen werden, dass in den letzten Jahren mindestens vier größere neonazistische Organisationen unter dem direkten Schutz der Regierung gestanden haben: Die "Russische nationale Einheit" (Русское национальное единство (РНЕ)), die "National-Sozialistische Gemeinschaft" (Национал-социалистическое общество (НСО)), die "Bewegung gegen illegale Immigration (Движение против нелегальной иммиграции (ДПНИ)) und aktuell "Russkij obraz" (Русский образ), die Organisation, zu der die am 04. November verhafteten Mörder Markelovs und Baburovas gehören. Eben aus diesem Grund haben Moskauer Antifas als Antwort auf die Ermordung Ivan Chutorskojs das Büro von "Junges Russland" angegriffen, einer marionettenhaften pro-Kreml-Jugendorganisation, welche gerade den "Russkij obraz" deckelt.

Wie wir sehen, geht der nazistische Terror in Russland weiter.

Gerade deswegen muss weiterhin Druck auf die russische Regierung aufgebaut werden, damit sie aufhört, Nazi-Strukturen zu unterstützen, die nationalistische Propaganda einstellt und sich ernsthaft auf die Verfolgung nazistischer Mörder konzentriert.

Daran müssen wir nicht nur an solchen Tagen denken, wie heute. Sondern auch dann, wenn russische Politiker_innen nach Deutschland kommen, um ihre Geldgeschäfte zu machen, Ausstellungen und Kinofestivals zu eröffnen und dabei versuchen, Russland als normales demokratisches Land darzustellen. Glaubt ihnen nicht!
Erinnert sie an die unaufgeklärten faschistischen Morde in Russland und an den weiterhin präsenten Nazi-Terror im Land.

Hoch lebe die internationale Solidarität der Antifaschist_innen!

Antifaschisten Moskaus
Berlin, den 21. November 2009, in der U-Bahnunterführung Samariterstraße, 15 Uhr.
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Ergänzungen

Russischer Bericht

KC 24.11.2009 - 01:34
Hierbei handelt es sich um die Übersetzung eines Berichts, der bei indymedia Russland veröffentlicht wurde:

 http://ru.indymedia.org/newswire/display/23022/index.php

Danke

P. 24.11.2009 - 02:44
Ich möchte den Organisatoren nochmal für diesen bewegenden Tag danken.
Gerade die Mahnwache mit den internationalen Gästen, welche über ihre von Nazis ermordeten Genossen und die Situation in ihren Ländern gesprochen haben war etwas ganz besonderes. Auch die besonnene aber klare Positionierung gegenüber der provozierenden Polizei während der Mahnwache war genau richtig.
Demo war natürlich super und party ebenso.
Weiter So!
Bis nächstes Jahr

Internationale Solidarität

BASTA 24.11.2009 - 10:05
WUT UND TRAUER ZU WIDERSTAND!
HOCH DIE INTERNATIONALE SOLIDARITÄT!

(auch wenn in naher zukunft bis zu 10 jahre knast und fixe haftstrafen auf ne demo-gefangenenbefreiung oder reflex-handlungen gegenüber brutalen cops angesetzt werden)

 http://www.rp-online.de/politik/deutschland/Koalition-fordert-hoehere-Strafen_aid_786836.html

Ivan gedenken auch in Halle

Egon 24.11.2009 - 10:24
Am Samstag Spielte der SvBabelsberg gegen denn Hallischen FC und vor diesem spiel nutzen das ein großteil der zugbesatzung um denn weg zum stadion um ivan zu gedenken mit einem fronttransbi und ca 20 plackten startenten wir laut durch halle!

" Haftbefehle

xcg 24.11.2009 - 13:13
Seit heute lässt sich der berliner Boulewardpresse entnehmen, dass im zusammenhang mit den sogenannten "Krawallen" am ende der Demo zwei Haftbefehle ergangen sind.

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Willkommen Genossen — praktische solidaritaet